Oper | Rezension

SACRIFICE von Sarah Nemtsov in Halle – Neue Oper, neues Musiktheater

von am 8. März 2017

Die Oper Halle ist weiterhin voll in Aufbruchsstimmung. Jetzt hat Florian Lutz, der Theaterumkrempler, die erste von mehreren geplanten Uraufführungen auf die Bühne gebracht. Die neue Oper Sacrifice von Sarah Nemtsov und Dirk Laucke, die als Auftragswerk für die Oper Halle entstanden ist, bezieht sich zwar auf konkrete reale Begebenheiten, stellt diese aber nicht konkret dar. 2014 haben sich zwei Mädchen aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt auf den Weg nach Syrien gemacht, um in den Dschihad zu ziehen – und nie mehr zurück zu kehren. Offenbar kein Einzelfall. Das sind Tatsachen, die das neue Team in Halle beschäftigt haben. Die Komponistin Sarah Nemtsov interessierte sich in diesem Zusammenhang besonders für Fragestellungen wie „Was bringt einen Menschen dazu – zunächst gedanklich, bis hin zur Tat? Wie, wann wodurch wird (innerlich) die Grenze überschritten? Hätte es ein Zurück geben können?“. Wer wünschte sich nicht Klärung dieser Fragen. Hat die Oper Halle einen Antwortversuch gewagt?

Kunstinstallation und Theater

Die Inszenierung von Florian Lutz findet in der bereits bekannten Raumbühne von Sebastian Hannak statt. Aber wer hier vielleicht schon den Fliegenden Holländer gesehen hat, kann noch lange nicht davon ausgehen, bekanntes Terrain zu betreten. Und es ist ohnehin jedes Mal wieder aufregend (selbst wenn man von Beruf Theatertier ist) als Zuschauer in den magischen Bühnenraum gelassen zu werden. Hier erwartet das Publikum eine Bestuhlung auf der Drehscheibe der Bühne. Drumherum sind unterschiedliche Orte bzw. Szenen installiert – der Zuschauer wird bequem dorthin gedreht, wo der derzeitige Fokus liegt. Da gibt es die erwähnten jungen Frauen, die sich in einer Landschaft von abgestorbenen Zimmerpflanzen fast zu Tode langweilen, bis sie den Selbstmord als Spiel und reale Möglichkeit entdecken.

Jana (Marie Friederike Schröder) und Henny (Tehila Goldstein) gefallen sich als Kämpferinnen für eine höhere Sache, "Sacrifice" von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Jana (Marie Friederike Schröder) und Henny (Tehila Goldstein) gefallen sich als Kämpferinnen für eine höhere Sache, „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Auf der anderen Seite sehen wir drei Kriegsjournalisten, die über Form und generelle Sinnhaftigkeit ihrer Berichterstattung diskutieren und streiten. Währenddessen geht irgendein Ehepaar in Deutschland den Banalitäten eines bürgerlichen Alltags nach, bis der Mann beschließt Flüchtlingen eine Unterkunft zu bieten. Wir haben doch Platz! Aber wieviel Opferbereitschaft ist hier eigentlich angemessen?

Gespielt wird auf der Seitenbühne mit dem ganzen üblichen Gerammel, das in einem Theater so rumfliegt, inklusive gelangweiltem Feuerwehrmann, "Sacrifice" von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Gespielt wird auf der Seitenbühne mit dem ganzen üblichen Gerammel, das in einem Theater so rumfliegt, inklusive gelangweiltem Feuerwehrmann, „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Auch das Orchester unter der aufmerksamen Leitung von Michael Wendeberg ist gut sichtbar und nah an einer Seite positioniert, sodass immer wieder auch die Musik und das Abarbeiten von Musikern und Dirigent daran in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt.

Nicht nur akustisch, sondern auch optisch ein Erlebnis sind Michael Wendeberg und die Staatskapelle Halle, "Sacrifice" von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Nicht nur akustisch, sondern auch optisch ein Erlebnis sind Michael Wendeberg und die Staatskapelle Halle, „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Und an allen Seiten Projektionsflächen und Bildschirme, die vom Videokünstler Konrad Kästner bespielt werden. Der Abend beginnt und endet mit einem Fadenkreuz. Zuerst sind unbekannte ameisenkleine Menschen das Ziel – am Ende sind es wir Zuschauer selbst. Dazwischen werden Texte gezeigt, das Live-Bild der Kamera, die von Darstellern geführt wird oder verfremdete Schnipsel aus Fernsehnachrichten. Was wir nicht sehen sind plakative Bilder von Opfern oder Gewaltdarstellungen.

Neue Musik

Die Musik dazu ist sehr vereinfacht gesagt das, was man sich unter Neuer Musik vorstellen kann. Teilweise schrill, in jedem Fall kontrastreich und größtenteils disharmonisch. Die Stimmführung ist nicht einer vermeintlich natürlichen Sprachmelodie nachgeformt, sondern abstrakt. Langgezogene Silben und Wortwiederholungen erschweren die Verständlichkeit. Das kann den ein oder anderen Zuschauer so befremden, dass er schon früh den Weg nach draußen sucht. Wer bleibt kann sich darauf verlassen, eine stimmungsvolle Komposition zu erleben, die ihren Sängern zwar viel abverlangt, aber damit auch viel erzählt über die Schwierigkeit bis zur Unmöglichkeit, bestimmte Ideen auszusprechen oder auch nur zu denken. May I be sacrificed.

Dass Sacrifice von Nemtsov und Laucke eine Antwort auf die anfänglichen Fragen schuldig bleibt, war zu erwarten. Wer außerdem bereits mit zeitgenössischer Dramatik in Berührung gekommen ist, wird auch nicht überrascht sein, dass kein linearer Handlungsstrang zu verfolgen ist. Für mich stellte sich aber teilweise die Frage, ob die angebotenen Bilder und Szenenfragmente nicht an der dem Thema angemessenen Eindringlichkeit vermissen lassen. Es war mir schlichtweg noch zu gemütlich an diesem Abend, der mir etwas von Beunruhigung, Irritation und Ausweglosigkeit vermitteln wollte.

Neues Musikheater

Ob Sacrifice eine gute Oper ist, mag diskutabel sein. Was Florian Lutz daraus gemacht hat, ist jedenfalls viel mehr als eine Opernvorstellung. Es ist ein Abend über das Theatermachen und das Theatererleben an sich. Er entführt uns nicht in eine andere Welt, sondern zeigt uns hautnah die Realitäten der Theaterproduktion. Diese ist nicht perfekt und nicht abgeschlossen. Überall sind noch Freiräume, wo etwas passieren kann, wo verändert werden kann, wo neue Lösungen gefunden werden können. Florian Lutz versteht Inszenierung hier nicht als fertiges Kunstwerk, sondern als Experiment und Prozess. Das Publikum ins Zentrum zu setzen ist außerdem ein sinnfälliges Bild für eine Tatsache, die in jeder Diskussion über neue Formen des Musiktheaters vorkommen muss: Der Zuschauer ist Teil der Vorstellung. Gerade in der hier erlebten großen Nähe zu den Darstellern und Musikern wird dies deutlich, denn auch der Zuschauer wird angeschaut. Unser Feedback, egal ob ausgesprochen oder nonverbal, hat Wirkung auf den Verlauf der Vorstellung. Hat man diesen Gedanken erst verinnerlicht, wird klar, dass man als Zuschauer nicht nur Einfluss auf eine Vorstellung hat, sondern auch Verantwortung übernimmt, was die Zukunft und den Stellenwert von (Musik-)Theater in unserer Gesellschaft betrifft. Bleibe ich sitzen oder gehe ich heim und setze mich vor den Fernseher? Denke ich darüber nach oder lasse ich es einfach an mir vorbeiziehen? Bleibe ich stumm oder habe ich etwas dazu zu sagen?

Da ist es nur konsequent, dass das Team der Oper Halle zu zahlreichen Vorstellungen Nachgespräche anbietet. Wenn das nicht die perfekte Gelegenheit ist, um sich über diesen merkwürdigen Abend zu beschweren! (Oder um zu loben, dass in Halle endlich die dicke Staubschicht vom Musiktheater gepustet wird.)


Sacrifice. Oper in vier Akten von Sarah Nemtsov. Text von Dirk Laucke (UA 2017 Halle)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Michael Wendeberg
Regie: Florian Lutz
Raumbühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Mechthild Feuerstein
Video: Konrad Kästner
Dramaturgie: Michael von zur Mühlen

Besuchte Vorstellung: 7. März 2017

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Oper | Rezension

OTELLO von Verdi in Dresden – Auch nur mit Wasser

von am 27. Februar 2017

Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsse raus. Raus aus dem sogenannten Provinztheater, hinein in die große Opernwelt. In solchen Momenten bin ich sehr froh und dankbar, dass ich als Theaternomadin auch die Möglichkeit bekomme, über Vorstellungen an der Semperoper zu berichten. So war ich am vergangenen Sonntag wieder aufgeregt und voller Vorfreude auf Vincent Boussards Inszenierung von Giuseppe Verdis Otello, die im letzten Jahr bereits bei den Osterfestspielen in Salzburg zu sehen war.

Düstere Kunstinstallation

Das Bühnenbild von Vincent Lemaire und Rena Donsbach ist hochästhetisch. Dabei wirkt der sehr kontrastreiche und gleichzeitig kalte und düstere Raum eher wie eine große Kunstinstallation als ein Ort, an dem sich Theater entfalten könnte. Ein riesiger hauchdünner Schleier, der den ganzen Portalrahmen ausfüllt und durch sanfte bis mittelstarke Winde hochdekorativ bewegt wird, ist zu Beginn der Vorstellung ein sinnfälliges Symbol für „il fazzoletto“, für das bekannte verhängnisvolle Taschentuch, das Desdemonas scheinbare Untreue bezeugt. Das Bild dieses feinen Tuchs wird immer wieder in den minimalistisch-schönen Videoprojektionen von Isabel Robson aufgegriffen.

Der vom Sturm bewegte Schleier, ein ästhetisches Erlebnis - gefühlte zehn Minuten lang, Giuseppe Verdis "Otello" an der Semperoper Dresden, Foto: Monika Forster
Der vom Sturm bewegte Schleier, ein ästhetisches Erlebnis – gefühlte zehn Minuten lang, Giuseppe Verdis „Otello“ an der Semperoper Dresden, Foto: Monika Forster

Insgesamt ist es eine Ästhetik von Materialität und Fläche, die Lemaire offenbar angestrebt hat. Der ganze Boden und manche Seitenwände spiegeln; ein breiter Rahmen und der lange Tisch bzw. Altar glüht manchmal aus sich selbst heraus; eine große weiße Fläche, dient erst als Rückwand, dann als betretbarer Boden. Das Umfallen von letztgenanntem Objekt passiert pünktlich zu einem Wutausbruch des Titelhelden und ist damit zwar logisch, aber auch banal. Hinzu kommt ein Lichtdesign, das ebenfalls herzlich wenig für Darsteller gemacht ist. Guido Levi arbeitet hier mit viel Seitenlicht und steilem Licht von oben. Das schafft zwar viel Kontrast und Stimmung, aber lässt deutlich zu wünschen übrig, wenn man als Zuschauer auch an Figuren interessiert ist.

Ästhetischer Verschiebebahnhof

Aber daran scheint Regisseur Vincent Boussard selbst nicht sonderlich interessiert zu sein, denn dass es in Verdis Otello um Eifersucht, Leidenschaft, Wut und Verzweiflung geht, muss man sich als Zuschauer immer wieder selbst ins Bewusstsein rufen. Seine Personenführung ist schlichtweg grob und beschränkt sich im Wesentlichen auf ein paar Positionswechsel und große Operngesten. Da wird dann szenenweise nur gestanden und gesungen. Ja, das sind teilweise schöne Bilder – aber sonst auch nichts. Dass Boussard eine zusätzliche Figur erfunden hat, kann dieser Tatsache ebenfalls wenig helfen. Ein schwarzer Engel ist immer wieder präsent. Ist es der Todesengel? Racheengel? Schutzengel? Seine (bzw. ihre) Aktionen sind rätselhaft und schön und lenken von dem ab, worum es eigentlich gehen sollte.

Der Engel (Sofia Pintzou) arrangiert die Kerzen auf dem Altar und Desdemona (Dorothea Röschmann) und Otello (Stephen Gould) singen dazu, Giuseppe Verdis "Otello" an der Semperoper Dresden, Foto: Monika Forster
Der Engel (Sofia Pintzou) arrangiert die Kerzen auf dem Altar und Desdemona (Dorothea Röschmann) und Otello (Stephen Gould) singen dazu, Giuseppe Verdis „Otello“ an der Semperoper Dresden, Foto: Monika Forster

 

Ich verließ die Semperoper und Dresden mit ungeahntem Optimismus. Denn ein solches Scheitern auf hohem Niveau macht mir eins wieder bewusst: In allen Theatern wird nur mit Wasser gekocht. Und das sogenannte Provinztheater macht daraus manchmal weitaus mehr, als die große Oper.


Otello. Dramma lirico in vier Akten von Giuseppe Verdi (UA 1887 Mailand)

Semperoper Dresden
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Regie: Vincent Boussard
Mitarbeit Regie: Heiko Hentschel
Bühne: Vincent Lemaire
Mitarbeit Bühne: Rena Donsbach
Kostüme: Christian Lacroix
Mitarbeit Kostüme: Robert Schwaighofer
Licht: Guido Levi
Video: Isabel Robson
Choreographie: Helge Letonja
Dramaturgie: Stefan Ulrich

Besuchte Vorstellung: 26. Februar 2017

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Oper | Rezension

WERTHER von Massenet in Braunschweig – Die empfindsamen vier

von am 23. Januar 2017

[Ein Vorwort:

Es gibt mehrere Dinge, die ich an der Führung dieses Blogs liebe: Zum Beispiel bin ich regelmäßig unterwegs, lerne mir bisher unbekannte Städte und Theater kennen und knüpfe neue Kontakte. Das Schönste und vielleicht Wertvollste daran ist aber, dass ich unabhängig bin. Ich bin niemandem verpflichtet – keinem Herausgeber, keinem Sponsor, keinem Werbepartner. Ich allein setze die Maßstäbe wann ich was worüber schreibe. Da könnte man den voreiligen Schluss ziehen, dass ich mich einfach ungehemmt frei Schnauze über alles und jeden auslassen kann, egal welche Namen sie tragen. Aber ganz so einfach ist es nicht. Da ich mich selbst hauptberuflich in einem Theaterbetrieb bewege, weiß ich um die Schwierigkeiten und Hürden, die überall lauern. Sowohl im eigenen künstlerischen Prozess als auch in den Umständen. Nicht immer gelingt der große Wurf. Scheitern gehört zu jedem Leben und eben auch zum Theatermachen dazu. Trotzdem oder gerade deshalb verdient jeder, der sich auf dieses Experiment einlässt und im wahrsten Sinne des Wortes etwas auf die Bühne stellt, nicht nur eine möglichst objektive Kritik, sondern auch Respekt. Und das nicht nur, wenn ich in diesem Fall diese Person für einen der liebevollsten Menschen halte, die mir bisher begegnet sind.]

Als Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther vor über 200 Jahren zum ersten Mal erschien, löste er das bekannte Werther-Fieber aus. Viele junge Männer waren so berührt von der Geschichte über eine unerfüllte Liebe, dass sie es dem Protagonisten gleich taten und sich für eine unerreichbare Geliebte das Leben nahmen. Werther scheint also ein Stoff zu sein, der nicht kalt lässt, der sogar Leben verändern kann. Auch der Komponist Jules Massenet war von Goethes Roman tief berührt – statt sich umzubringen, schrieb er aber zum Glück nur eine Oper. Und die habe ich nun am letzten Wochenende in einer Inszenierung von Benjamin Prins am Staatstheater Braunschweig gesehen. Hat sich mein Leben geändert?

Transparent und stimmungslos

Das Bühnenbild von Thomas Kurt Mörschbacher zeigt, dass wir uns in dieser Interpretation des Werther-Stoffes im Hier und Heute befinden. Der Innenraum des Hauses von Charlotte erinnert an eine minimalistisch eingerichtete Maisonettewohnung. Neben einer Holztreppe, die in eine nicht näher definierte obere Etage führt, bilden nur noch ein Cembalo, eine Tür und ein Fenster den Raum, in dem der Großteil der Handlung vollzogen wird. Dieser Bereich ist lediglich durch eine transparente paravent-ähnliche Wand vom Außen getrennt. An ausgewählten Stellen kommt dazu noch die Drehscheibe der Bühne zum Einsatz, die schnelle Ortswechsel von Drinnen zu Draußen ermöglicht, indem sie einen großen Teil der Wand einfach nach hinten fährt. Nicht gerade ein Setting, in dem einem romantisch zumute wird. Sehr schade ist beispielsweise, dass die Bücher, welche die Beziehung von Lotte und Werther doch eigentlich so stark prägen, nur in kleinen Häufchen rechts und links am Portal zu finden sind. Und auch sonst strahlt dieser Raum nichts von Lottes Wärme aus und bietet zudem wenig Gelegenheiten für Gemütlichkeit. Einzig durch die weißen wehenden Fenstervorhänge weht ein Hauch von Romantik.

Sophie (Ekaterina Kudryavtseva), die sich als Sailor Moon verkleidet hat, reicht dem Dandy Werther (Eric Fennell) einen Brandy, der im Cembalo versteckt ist, "Werther" von Jules Massenet am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Sophie (Ekaterina Kudryavtseva), die sich als Sailor Moon verkleidet hat, reicht dem Dandy Werther (Eric Fennell) einen Brandy, der im Cembalo versteckt ist, „Werther“ von Jules Massenet am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Insgesamt sehr heterogen ist dazu das Kostümbild von Dritan Kosovrasti ausgefallen. Charlotte macht beispielsweise eine Entwicklung von einem verspielt-eleganten Ballkleid über ein türkisfarbenes Kostüm als brave Ehefrau bis zu einem schwarzen halbtransparenten Trauerkleid durch, während Werther mit seinem blau-glänzenden Anzug mit gelber Fliege durchgängig wie ein Dandy wirkt – wenn auch später wie ein heruntergekommener. Das passt nicht so ganz zueinander – und auch nicht zum Bühnenbild. Ganz abgesehen davon, dass diese recht willkürlich erscheinenden Kombinationen wenig atmosphärisch sind.

Nüchternheit als Reduzierung aufs Wesentliche?

Das könnte natürlich auch Konzept sein. Regisseur Benjamin Prins hat nämlich für seine Inszenierung am Staatstheater Braunschweig auf alle kleinen Nebenfiguren verzichtet, sodass tatsächlich nur noch Sophie, Charlotte, Albert und Werther übrig bleiben und so der Fokus auf dem schmerzhaften Beziehungsflecht liegt. Vielleicht ist die äußerliche Nüchternheit also eine notwendige Voraussetzung, um die Details der Personenführung klar zu erkennen. Fraglich bleibt, welchen Mehrwert eine solche Vorgehensweise für die Geschichte hat. Denn ganz offensichtlich schmälert Prins nicht die Aufrichtigkeit der Liebe von Werther oder Lotte und erzählt deren Leidensgeschichte letztlich eher konventionell. Für mich die einzig gute Idee der Ausstattung bleibt, dass Werther nicht in einem lebendigen Wald, sondern zwischen toten, vom Menschen abgesägten und aufgehäuften Baumstämmen sein Ende findet.

Damals wusste man noch, wie man richtig liebt

Während der Ouvertüre und unregelmäßig zwischen den Szenen lässt Prins Figuren aus der Rokoko-Zeit als Silhouetten sichtbar werden. Er beginnt dabei ganz stark mit einer männlichen Figur, die sich eine Pistole an die Schläfe drückt. Ein Bild, das viel länger getragen hätte, als er ihm zugetraut hat. Weitere Intermezzi zeigen zwei Männer und zwei Frauen in unterschiedlichen Situationen: tanzend, sich führend, sich beäugend oder tot. Sie sind manchmal Vorboten eines kommenden Ereignisses, manchmal kurze Zusammenfassungen des Gesehenen. Ist die Liebe zwischen Lotte und Werther ein Gefühl aus einer vergangenen Zeit? Es ist ein undefinierbar berührendes, ästhetisches und auch irritierendes Stilmittel, das Prins mit diesen Schattenrissen eröffnet – leider wird es nicht konsequent durch das ganze Stück geführt.

Letztlich bleibt nach dieser Vorstellung von Massenets Werther der Eindruck, dass viele Fäden aufgenommen, aber mittendrin wieder fallen gelassen wurden. Und das ist sehr schade bei einem Stück, das eine Sehnsucht thematisiert, die in uns allen wohnt und die das Potential hat, jedes Herz zu verändern.


Werther. Drame lyrique in vier Akten von Jules Massenet (UA 1892 Wien)

Staatstheater Braunschweig
Musikalische Leitung: Christopher Hein
Regie: Benjamin Prins
Bühne: Thomas Kurt Mörschbacher
Kostüme: Dritan Kosovrasti
Dramaturgie: Christian Steinbock

Besuchte Vorstellung: 21. Januar 2017 (Premiere)

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