Oper | Rezension

DIALOGE DER KARMELITINNEN von Francis Poulenc in Hannover – Psychisch und szenisch gestört

von am 5. Juni 2018

An der Staatsoper Hannover feierte am vergangenen Samstag eine der wenigen erfolgreichen Opern Premiere, die ganz ohne Liebesgeschichte auskommt. In den Dialogen der Karmelitinnen von Francis Poulenc geht es stattdessen um Angststörungen, Sehnsucht nach Sicherheit und Martyrium. Kein einfaches Unterfangen diese abstrakten Gegenstände bühnenwirksam darzustellen. In Hannover hat sich niemand geringeres als Dietrich Hilsdorf dieser Aufgabe angenommen und bringt dafür bewährte Unterstützung in Form von Bühnenbildner Dieter Richter und Kostümbildnerin Renate Schmitzer mit. Bei dieser Kombination kann man sicher sein, dass drin ist, was vorne drauf steht, dass es ästhetisch ansprechend ist und viel Wert auf Details gelegt wird.

Himmel und Hölle liegen nah beieinander

Vor Beginn des Stücks sieht man auf eine weiße Häuserreihe, vor der ein Vorhang einen Bauzaun darstellt. Zwei Kinder treten auf, die auf dieser Straße Himmel und Hölle spielen. Erst viel später wird mir bewusst, dass diese Häuser nicht beliebig sind, sondern konkret das sogenannte Horrorhaus von Höxter vorstellt, einen realen Ort, an dem sich gutgläubige Frauen den Himmel wünschten und die Hölle erlebten. An diesem unscheinbaren Ort wohnte ein Paar, das sich per Kontaktanzeige Frauen ins Haus holte und dort erniedrigte, misshandelte und teilweise bis zum Tod folterte. Die beiden Täter, die 2016 durch Zufall überführt wurden, sollen eine gemeinsame psychische Störung haben. Was hat dieser furchtbare Fall nun mit der Oper Dialoge der Karmelitinnen zu tun? Regisseur Dietrich Hilsdorf scheint die Geschichte von Blanche hinter einer ähnlich unscheinbaren Fassade zu sehen. Er zeigt eine gestörte Familiensituation, in der sich die ängstliche Blanche wie ein Kind unter dem Tisch versteckt, vom Bruder mit Suppe gefüttert wird und von der Gouvernante bemuttert wird. Gibt es da nicht sogar eine inzestuöse Beziehung zwischen den Geschwistern? Wieso bohrt der Bruder ihr immer wieder den Finger in die Schulter?

Milde ausgedrückt: Blanches Vater (Stefan Adam) ist mit ihrer (Dorothea Maria Marx) Entscheidung, ins Kloster zu gehen, nicht ganz einverstanden, „Dialoge der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Es sind diese kleinen penetranten und übergriffigen Gesten mit denen Hilsdorf zeigt, dass Blanche in ihrer Familie traumatisiert wurde. Ist das der Grund für ihre Angststörung und ihre Flucht ins Kloster? Jedenfalls findet sie dort nicht die heile Welt, nach der sie sich sehnt, denn gerade hier scheinen sich alle möglichen neurotischen Persönlichkeiten versammelt zu haben. Da gibt es Nonnen mit autoaggressivem Verhalten, mit uneingestandenem Kinderwunsch oder mit Minderwertigkeitskomplex. Kein besonders positives oder gar seliges Bild zeichnet Hilsdorf hier von den Karmelitinnen, die am Ende alle Märtyrerinnen sein werden.

Kein Kloster, kein Habit

Mich hat verwundert, dass Kostümbildnerin Renate Schmitzer in dieser Inszenierung komplett auf Habite verzichtet hat. Möglich ist, dass der Wunsch bestand, die Individualität der einzelnen Nonnen besser herauszustellen – aber besteht nicht gerade der Sinn des Habits darin, das Individuum in der Gemeinschaft aufzulösen? Außerdem bietet das Ordensgewand eine Sicherheit durch seine optische Abgrenzung vom bürgerlichen Leben. Ist es nicht auch das, was Blanche sucht und ist es damit nicht inhaltlich relevant?

Auch der Raum von Dieter Richter wirft Fragen auf. Nachdem der Bauzaun-Vorhang weggezogen wurde, öffnet sich die Häuserreihe, um den Blick auf einen einzigen Raum freizugeben. Auf eine Art ist es immer der gleiche Ort, an dem sich Blanche befindet. Wenn einen diese fehlenden Ortswechsel nicht sehr irritieren, könnte man sagen, dass sie ihrem Trauma nicht entfliehen kann. Manchmal werden allerdings Gegenstände in diesen Raum gebracht, um doch irgendwie ein anderes Zimmer darzustellen. Und wieso werden im zweiten Teil des Abends die Innenwände mintgrün gestrichen?

Naturalismus, gestört

Ohne Zweifel zeugt der Raum von Dieter Richter von einem gewohnt professionell entworfenem und umgesetzten Naturalismus. Dieser wird jedoch durchbrochen von einer hohen Reihe von Leuchtstoffröhren, die mit ihrem kalten Licht ein komplettes Eintauchen in die Szenerie unmöglich machen.

Nonnen ohne Habit werden überstrahlt von nüchternen Leuchtstoffröhren, „Dialoge der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Übertroffen wird diese konstante Störung später von Flutlichtern, die den gesamten Saal in ein gleißendes Licht tauchen und in dem sich der Zuschauer als Teil der blutdurstigen Menge am Schafott der Nonnen sieht. Ein alter Theatertrick, der leider schon zu oft angewendet wurde, als dass ein erfahrener Operngänger davon noch betroffen sein könnte.

Durch Mark und Bein

Was diesen Abend jenseits aller offenen Fragen oder Zweifel aber zu einem Erlebnis macht, ist der Schluss. Die Karmelitinnen singen angesichts ihrer Hinrichtung den Psalm 117 „Lobet den Herrn, alle Völker!“. Währenddessen hat sich hinten eine Tür geöffnet. Dahinter zeigt sich ein weiß-glühender, endloser Raum. Eine nach der anderen nähert sich rückwärts gehend dieser Tür, durchschreitet sie und verschwindet hinter der im Rhythmus der Musik zuschlagenden Tür. Es ist ein markerschütternder Knall, der offenbar durch einen speziellen Türrahmen in Kombination mit einer Tonverstärkung erzeugt wird und der in seiner monotonen Wiederholung den Schrecken der Enthauptungen intensiver hervorruft als es jede konkrete Darstellung vermocht hätte.

Augenblicke vor ihrer Hinrichtung singen und beten sie, „Dialoge der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Es steht Hilsdorf drauf und es ist Hilsdorf drin. Feine psychologische Personenregie, Verfremdungstechniken und mindestens eine geniale Idee, die auch dem letzten Regietheater-Muffel den Mund offen stehen lässt.


Dialoge der Karmelitinnen (Dialogues des Carmélites). Oper in drei Akten von Francis Poulenc (UA Mailand 1957)

Staatsoper Hannover
Musikalische Leitung: Rauhalammi
Regie: Dietrich W. Hilsdorf
Bühne: Dieter Richter
Kostüme: Renate Schmitzer
Licht: Susanne Reinhardt
Dramaturgie: Swantje Köhnecke

Besuchte Vorstellung: 2. Juni 2018 (Premiere)

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Oper | Rezension

MEIN STAAT ALS FREUND UND GELIEBTE von Johannes Kreidler in Halle – Eine Komposition?

von am 21. Mai 2018

Sprengt die Opernhäuser in die Luft! An diese berühmte Aufforderung muss ich unwillkürlich nach jeder besuchten Vorstellung an der Oper Halle denken. Denn mir scheint, dass an diesem Haus alles daran gesetzt wird, dieser Idee des Dirigenten Pierre Boulez Folge zu leisten – allerdings in einer Form, die ohne den Verlust von tatsächlicher Bausubstanz auskommt. So ist auch die Uraufführung von Mein Staat als Freund und Geliebte von Johannes Kreidler, die seit dem 27. April in Halle zu sehen ist, ein ästhetischer Anschlag auf die Tradition der Oper an sich.

Der Staat als Spielpartner

Am besten wagt man sich an eine Erklärung zu diesem Musiktheaterwerk heran, indem man es von der Grundidee her denkt. Im Einführungsgespräch berichtet Chefdramaturg Michael von zur Mühlen davon, dass Johannes Kreidler zuerst über die Rolle des Chores auf der Bühne nachgedacht hat. Dieser stellt zumeist eine Gemeinschaft dar – oder speziell einen Staat. Die nächste Frage – die ich ihm unterstelle – wäre dann, wie eine Oper aussehen müsste, die als Hauptprotagonist eben diesen Staat vorstellt. Dabei war es Kreidler ein besonderes Anliegen, das Individuum dem Staat gegenüber zu stellen und die beiden in unterschiedlichen Situationen und Beziehungen zueinander zu zeigen. Wie aber kann man eine Gruppe von Menschen auf der Bühne als handelnde Institution darstellen? Die humorige Lösung des Künstlers Kreidler sieht folgendermaßen aus: Auf einer Projektionswand werden Ausschnitte aus alten Hollywood-Filmen gezeigt, in denen jeweils ein Dialog stattfindet. Die eine Figur wurde in der Aufnahme neu synchronisiert – die andere wird live vom gesamten Chor synchronisiert. Et voilà, der Staat hat nun Körper und Stimme und kann mit dem Einzelnen interagieren. Das ist auf jeden Fall absurd, manchmal komisch und immer bemerkenswert gut vom Chor der Oper Halle umgesetzt. Als alter Trekkie erinnerte mich diese Sprechweise gleich an ein bestimmtes kollektives Bewusstsein, das in der ganzen Galaxis Angst und Schrecken verbreitet: „Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos.“

Der Staat (Chor der Oper Halle) im Konflikt mit dem Individuum (Stefan Paul), „Mein Staat als Freund und Geliebte“ von Johannes Kreidler an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Ist das Oper?

Um es kurz zu machen: Nein, ich halte dieses Werk nicht für eine Oper und sehe es als Provokation, dass es so bezeichnet wird. Johannes Kreidler selbst wendet laut Dramaturg von zur Mühlen den erweiterten Kompositionsbegriff auf das an, was an diesem Abend zu sehen ist. Das klingt zurst durchaus interessant: „Prinzipien der Komposition finden Anwendung auf andere Medien und Formsprachen […]“ Außerdem bedient er sich in der Art einer Collage am Fundus der Musikgeschichte. Ganz konkret bedeutet dies, dass wir Musik von Puccini, Liszt, Wagner, Weber und anderen (tatsächlichen) Komponisten hören, die allerdings in einen anderen Kontext gestellt wird. Ist das nun schon Komponieren?

Ein weiterer Hauptprotagonist auf Kreidlers Bühne ist der Schauspieler und Pianist Stefan, der viel Politisches und Soziologisches zum Thema „Staat“ beizutragen hat. Das ist mitunter ganz witzig, aber über weite Strecken auch mühsam und wirkt belehrend. Mit seinem Schlussmonolog vergrault er jedenfalls auch den letzten traditionsverbundenen Operngänger. Am Ende der Vorstellung soll nämlich doch bitte nicht applaudiert werden, was ohnehin ein sträflich banales Ritual sei, das eine sofortige und damit unreflektierte Bewertung des Gesehenen sei. Und die sei doch völlig inadäquat, wenn man bedenkt wieviel Vorbereitung, Überlegung und Arbeit hinter der Aufführung steht. Man sollte vielmehr die aufgebaute Spannung aushalten, sie mitnehmen in das eigene, reale Leben und dort damit umgehen, sodass quasi eine Vermischung von Kunst und Leben überhaupt möglich wird. Ein paar laute demonstrative Klatscher aus dem Saal der Oper Halle konnten Stefan bei dieser provokanten Ansprache nicht aus der Fassung bringen. Und es ist ja auch eine bedenkenswerte Haltung, die man zum Phänomen des Schlussapplaus‘ haben kann. Und so verließen die Zuschauer auch tatsächlich in leicht angespannter und irritierter Stimmung den Saal – ganz ohne die Hände gegeneinander zu schlagen.

Mein Staat als Freund und Geliebte von Johannes Kreidler ist am Ende ein irgendwie kurzweiliger Abend, der mit einigen guten Ideen gespickt ist, der aber nichts mit Oper, wie wir sie kennen, zu tun hat. Und genau deswegen hat dieses Stück ein wenig von der Sprengkraft, die sich Pierre Boulez gewünscht hatte.


Mein Staat als Freund und Geliebte. Oper von Johannes Kreidler. Für Chor, Video, einen Schauspieler, einen dramatischen Tenor, Ballett Orchester und Elektronik. (Ein Auftragswerk der Oper Halle)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Christopher Sprenger
Konzeption / Komposition / Regie: Johannes Kreidler
Bühne: Christoph Ernst
Kamera: Iwo Kurze
Choreografie: Dalier Burchanow
Dramaturgie: Michael von zur Mühlen

Besuchte Vorstellung: 12. Mai 2018

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Kolumne

KOLUMNE – Die Probebühne

von am 13. Dezember 2017

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich wusste, dass Musiktheater eine zentrale Rolle in meinem Leben spielen würde. Es war während meines Studiums, das ich verfolgte, ohne zu Wissen zu welchem Zweck. Eine Kommilitonin fragte mich, ob ich Lust hätte, am ortsansässigen Staatstheater bei einer Oper zu hospitieren. Da ich bis zu jenem Zeitpunkt noch kein Praktikum gemacht hatte, sagte ich halbherzig zu. Am Tag darauf fuhr ich mit einem Aufzug tief in den Keller eines labyrinthartigen Gebäudes, wo eine schwere Tür zu einem großen, hohen Raum mit Holzboden führte. Die Probebühne. Hier erlebte ich zum ersten Mal, wie aus Text und Musik Körperlichkeit wurden. Wie sich Regisseur, Dirigent und Sänger bemühten, Wort, Ton und Bewegung zu einer Einheit zu verschmelzen. Wie ein Team sich unbeirrbar gegenseitig kritisierte und motivierte. Und wie nach der Probe alle Anwesenden das Gefühl mitnahmen, etwas gelernt zu haben – beruflich oder persönlich.

Die Probebühne am Theater Erfurt. Links sitzt das Regieteam, rechts wird am Flügel das Orchester simuliert. Hinten hängen Skizzen von Bühnenbild und Kostümen der probenden Produktion, Foto: Viktoria Knuth

Der harte Holzboden der Realität

Heute bin ich nicht mehr so naiv. Klar, auf einer Probebühne kann man so manche künstlerischen und musikalischen Höhepunkte erleben. Aber wer diesen Ort mehrere Jahre seinen Arbeitsplatz nennt, weiß, dass hier auch ganz andere Dinge passieren als Magie. Hier werden Illusionen zerstört, Freundschaften gekündigt, Kollegen belächelt, Assistenten beschimpft, Noten zerrissen, Chöre angeschrien. Hier werden eimerweise Angstschweiß, Tränen und Spucke abgesondert. Hier sind manchmal Endgeräte interessanter als die Szene, ist der Kantinenkaffee geschmackvoller als die Witze des Regisseurs, sind die rollbaren Stellwände schwungvoller als der Dirigent. Das klingt hart und tatsächlich ist die Probebühne ein Ort, den man ernst nehmen muss. Denn er ist ein sehr empfindlicher und wandelbarer Raum – nicht nur, was den technischen Aufbau angeht.

Dies ist meine Perspektive, wenn ich dem Regisseur links von mir zuhöre oder hinter ihm dem Dirigenten zuzwinkere, Foto: Viktoria Knuth

Bereit für Fantasie

Eine Probebühne ist grundsätzlich nüchtern, nichts wird kaschiert. Die grellen Neonlampen beleuchten den Dreck in den Ecken, den Staub auf dem Flügel und die Tränensäcke unter den Augen. Podeste, Gerüste und Stellwände markieren das spätere Bühnenbild. Die Klavierbegleitung stellt das Orchester dar. Und daraus soll Theaterzauber entstehen? Es ist schwer, aber machbar. Mit ganz viel Fantasie. Die bringt das künstlerische Leitungsteam mit, indem es immer wieder mit Worten umschreibt, wie die Szene ablaufen könnte, wie sich das Bühnenbild anfühlen wird, wie die Orchestermusik klingen wird. Im besten Fall macht das die Sänger neugierig auf diese Wunderwelt, die im gemeinsamen Geist zu leuchten beginnt und an die man sich Probe um Probe weiter annähert. Durch Spielen und Ausprobieren, durch Lachen und Weinen, durch Brainstorming und Diskussion. Dieser Prozess ist nicht immer linear. Manchmal führen gerade die Umwege zu einem unerwartet originellen Ergebnis. Und die sind nur möglich an diesem kahlen, empfänglichen und geschützten Ort, der Probebühne.

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