Oper | Rezension

BASTIEN UND BASTIENNE von Mozart / FLORENTINISCHE TRAGÖDIE von Zemlinsky in Halle – Lebendiges, heutiges Musiktheater

von am 26. November 2018

Am vergangenen Wochenende feierte ein sehr spezieller Doppelabend Premiere an der Oper Halle. Mit Mozarts Bastien und Bastienne und Eine florentinische Tragödie von Alexander Zemlinsky stellte der erst kürzlich mit dem Faust ausgezeichnete Regisseur Tobias Kratzer seine jüngste Arbeit vor. Und die hat es in sich. Ja, es gibt einen erigierten Penis zu sehen. Der ist aber nicht das Größte, an das ich mich an diesem Abend erinnern werde. Größer als jedes überdimensional projizierte Geschlechtsteil sind Witz und Klugheit, mit welchen Kratzer diese beiden Einakter stimmig und kurzweilig auf die Bühne bringt.

Wolfgang Amadeus Mozart: Bastien und Bastienne

Bastien und Bastienne, ein Jugendwerk von Mozart, handelt von einem jungen Schäferpaar, das im Streit liegt und erst durch Eifersuchtsspiele, initiiert vom Dorfzauberer Colas, wieder zueinander findet. So oder so ähnlich ließe sich das Original kurz zusammen fassen. Kratzer übersetzt diese Konstellation sinnfällig ins Heute und setzt alle drei Protagonisten vor ein digitales Endgerät, statt einander gegenüber. Leinwände über ihnen zeigen uns, was sie gerade auf ihren Displays sehen.

Bastienne (Vanessa Waldhart), Colas (Michael Zehe) und Bastien (Robert Sellier) zeigen uns wie man im digitalen Zeitalter Beziehungsprobleme löst, „Bastien und Bastienne“ von Mozart an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Bastienne hat Liebeskummer? Google hilft! Ich kann nicht umhin, mich beim Anblick dieser jungen Frau, die mit naiver Verzweiflung im allwissenden Internet um Rat sucht, ein wenig ertappt zu fühlen. Aber was ploppt denn da auf? Ihre einschlägigen Suchanfragen haben offenbar eine zielgruppengerichtete Werbung ausgelöst. Ein Liebesdoktor namens Colas bietet online seine Dienste an. Der kommt ja wie gerufen! Während Bastienne diesem Scharlatan der Neuzeit ihr Herz ausschüttet, checkt Bastien seine Alternativen auf Tinder ab. Swipe links. Swipe rechts. Man kennt das. Aber das wirklich Wahre ist für ihn bei der Dating-App nicht dabei, daher sucht auch er Rat bei Dr. Colas, wie er seine Bastienne wieder gewinnen kann. Colas ist aber weder Doktor, noch Liebesexperte, sondern ein verlotterter perverser Stubenhocker, dessen einzige Befriedigung neben dem Konsum von Junkfood im Intrigieren und Voyeurismus liegt. Er empfiehlt beiden, sich durch Abweisung und das Entfachen von Eifersucht wieder interessant zu machen. Er startet einen Videochat, in welchem Bastienne sich als sexy Beachgirl am Südseestrand inszeniert und Bastien mit einer Tinder-Eroberung prahlt. Am Ende gelingt trotzdem eine Versöhnung, die zu einvernehmlicher per Video übertragener Masturbation führt. Das Happy Ending wird allerdings von Colas verhindert, der den ganzen kindischen Streit der beiden mit Genuss verfolgt hat und sich nun verärgert in seiner vollen fettigen Ekelhaftigkeit offenbart. Ich war ein wenig erleichtert.

Alexander Zemlinsky: Eine florentinische Tragödie

Der Vorhang hebt sich zum zweiten Teil, spätromantische orgiastische Musik ertönt und in einem Möbelausstellungsraum mit Schlafzimmeraufbau fallen ein Mann und eine Frau übereinander her. Es sind Bianca und ihr Liebhaber, der Prinz von Florenz.

Bianca (Anke Berndt) und Prinz Guido (Matthias Koziorowski) freuen sich über die sturmfreie Bude, „Eine florentinische Tragödie“ von Alexander Zemlinsky an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Schnell kommen die beiden zum Ziel ihrer körpertechnischen Bemühungen und genießen Arm in Arm die Zigarette danach. Doch was ist das für ein Geräusch? Kann es sein, dass Biancas Ehemann vorzeitig nach Hause kommt? Der Prinz grabscht nach seinen Klamotten und springt rechtzeitig in den Kleiderschrank. Bianca begrüßt ihren Simone, der von einer erfolglosen Geschäftsreise zurückkommt. Doch als sie merkt, dass dieser ihr nicht die angemessene Zärtlichkeit entgegenbringt, sorgt sie kurzerhand für seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie öffnet den Schrank und lässt ihren Mann auf ihren halbnackten Liebhaber treffen. Simone reagiert aber nicht wütend, sondern heißt den Überraschungsgast willkommen. Es entspinnt sich ein perverses psychologisches Machtspiel, in welchem sozialer Status, Attraktivität, Selbstbewusstsein, Skrupellosigkeit, Begehrlichkeit und letztlich körperliche Überlegenheit gegeneinander aufgewogen werden. Bianca, das Zentrum dieses Spiels, hat ein abartiges Vergnügen an der Konfrontation der beiden Männer. Die Ermordung des Liebhabers durch ihren Mann ist für sie der Wendepunkt ihrer Ehe. Noch nie schien ihr Simone so stark. Und noch nie schien Bianca für Simone so schön.

Zwei Opern – kein Opernklischee

Die zwei Teile dieses Doppelabends verfolgen ganz unterschiedliche ästhetische Konzepte. Bei Bastien und Bastienne betrachtet man drei voneinander isolierte Personen in abgetrennten Räumen und wird mithilfe der auf Leinwand projizierten Bildschirme selbst zum vergnügten Voyeur. Sowohl Bastienne, Bastien als auch Colas werden zu Identifikationsfiguren. Wer hat nicht selbst schon im Internet nach Beziehungstipps gesucht? Wer hat sich noch nicht in Online-Datingportalen einen Überblick über verfügbare Möglichkeiten verschafft? Wer hat sich noch nie vor dem Computer mit Körperpflege beschäftigt? Tobias Kratzer stellt diese digitalisierte Beziehungswelt ungeschönt dar und verzichtet erfreulicherweise auf jegliche Kommentierung.

Zemlinskys Florentinische Tragödie dagegen ist in Kratzers Inszenierung ein psychologisches Kammerspiel. Ich selbst war erinnert an Szenen von Quentin Tarantino, der auch oft eine spannungsgeladene Personenkonstellation in einen abgeschlossenen Raum bringt und zusieht, wie die zwangsläufigen Konflikte bis zum tödlichen Ende ausgetragen werden. Hervorzuheben ist hier die durchweg authentische Darstellungsweise der drei Sänger, die sich nicht mit einem Als-Ob zufrieden geben und auch vor intimen Handlungen wie dem Austausch von Wein von Mund zu Mund nicht zurück schrecken.

Schlicht grandios

Wer einen rundum grandiosen, klugen, kurzweiligen, spannenden Opernabend erleben will, sollte also zu diesem Leuchtturm der deutschen Theaterlandschaft namens Oper Halle fahren. Ich selbst werde bestimmt noch öfter zu diesem Hoffnungsort des lebendigen Musiktheaters reisen.


Bastien und Bastienne. Singspiel in einem Akt von Wolfgang Amadeus Mozart. (UA 1768 bei Wien)

Eine florentinische Tragödie. Oper in einem Aufzug von Alexander Zemlinsky. (UA 1917 Stuttgart)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Christopher Sprenger
Regie: Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier
Video: Manuel Braun
Dramaturgie: Kornelius Paede

Besuchte Vorstellung: 24. November 2018 ( Premiere)

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Oper | Rezension

AIDA von Giuseppe Verdi in Halle – Dekonstruierte Oper mit Zusatz

von am 27. Januar 2018

Wer von der Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Aida an der Oper Halle einen beschaulichen Theaterabend erwartet hat, ist am vergangenen Samstag enttäuscht worden. Jedoch keiner ernsthaft Überraschung behaupten, der auch nur ein wenig von der Richtung des neuen Leitungsteams wahrgenommen hat. Ich muss gestehen, selbst eher in der Stimmung für Genuss und Katharsis gewesen zu sein und ja, auch ich war leicht genervt von den Unterbrechungen des gewohnten und geschätzten Ablauf dieser Oper. Aber war es deswegen ein schlechter Opernabend?

Ein bisschen mehr als nur Aida

Die Inszenierung von Chefdramaturg Michael von zur Mühlen beginnt mit einem Prolog. Es werden geflüsterte Texte eingespielt, dazu sieht man Videoeinspielungen auf der weißen Rückwand des Bühnenbilds. Menschen im Bus, vermutlich Flüchtlinge, umringt von anderen Leuten. Darüber prangt auf der Anzeige des Busses der Schriftzug „Reisegenuss“. Sofort wird klar, dass hier nicht die Darstellung einer Geschichte gehen soll, die im weit entfernten Ägypten passiert, welche in Krieg und Feindschaft mit den noch weiter entfernten Äthiopiern liegen, sondern um unsere eigene aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeit. So viel Text gleich am Anfang einer Oper war allerdings nicht nur mir zu viel und zu lang. Nach einigen Minuten war laut und deutlich der Kommentar eines Zuschauers zu vernehmen: „Was für ein Scheiß.“ Huch! Und bei diesem einen Ausruf im Publikum ist es nicht geblieben.

Im weiteren Verlauf dieses Theaterabends, der unter dem Titel Aida aufgeführt wurde, werden Ausschnitte von unterschiedlichen audiovisuellen Zeugnissen der jüngeren Kulturgeschichte gezeigt. Das Publikum wird zum Beispiel mit Passagen der Dankesrede der Journalistin und Philosophin Carolin Emcke konfrontiert, die 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. „Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfer sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen.“ Damit meinte Emcke zwar ein aktuelles Phänomen – ihre Aussage schlägt aber gleichsam eine Brücke zu Verdis Aida. Auch hier werden zwei Liebende Opfer von Ausgrenzung, obwohl sie sich persönlich davon emanzipiert hatten.

Ein weiterer großer Bruch passiert während Aidas Arie „O patria mia“. Plötzlich erscheint auf der rückwärtigen Projektionsfläche der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, der in seiner Rede an der Sorbonne über die Europäische Union und über deren ursprüngliche Idee spricht. Es sollte ein Bündnis sein, das Frieden, Wohlstand und Freiheit verspricht. Ein Ideal, das jeder gerne seine Heimat nennen wollen würde. So auch die hallesche Aida, die sich dem überlebensgroßen Macron in müder Sehnsucht nähert und sein lebloses Bild umarmen möchte.

Im zweiten Teil des Abends sehen wir dann Ausschnitte aus einem Gespräch zwischen dem Essayisten, Filmemacher und Theoretiker Alexander Kluge und dem Dramatiker Heiner Müller. Sie diskutieren die Bedeutung der Oper in unserer heutigen Gesellschaft. Das wirkte so, als müsste dem Publikum hiermit erklärt werden, warum die anderen Einspielungen gerechtfertigt sind.

Meta-Oper. In der Oper wird über Oper diskutiert, Aida von Giuseppe Verdi an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Endlich mal Oper wie damals!

Neben diesem politisch ehrgeizigen Ansatz des Regisseurs von zur Mühlen wird dieser Opernabend von einer weiteren Idee getragen. Das Bühnenbild von Christoph Ernst ist den Entwürfen für die Pariser Uraufführung nachempfunden, besteht also hauptsächlich aus flachen, bemalten Prospekten. In diesem Raum bewegen sich die Figuren allerdings nicht in ägyptischer bzw. äthiopischer Tracht (bzw. was der gemeine Europäer dafür hält), sondern in prächtigen Gewändern aus der Zeit der Uraufführung, also aus dem 19. Jahrhundert.

So ungefähr muss ein Terzett im 19. Jahrhundert szenisch dargeboten worden sein, Aida von Giuseppe Verdi an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Die Sänger richten sich brav nach vorne, spielen zwar ihre jeweiligen Haltungen, aber interagieren nicht miteinander. Wer gerade dran ist, kommt vor und bemüht sich, den Fokus des Publikums auf sich zu ziehen. Nach den meisten Nummern wird dann auch (zu Recht) applaudiert, wozu sich die Beklatschten dezent verbeugen. Wenn das nicht Oper ist, wie sie sein sollte! Endlich mal wieder werktreue Aufführungspraxis, ohne unmotivierte Handlungen, die eh nur beim Singen stören. Ich fand diese Idee unglaublich charmant und humorvoll – bin mir aber nicht sicher, ob alle im Publikum die Ironie dieser Darstellungsweise verstanden haben.

Ein hakeliger Opernabend

Für mich ging das Konzept des Regieteams nicht auf. Ich fand die Fremdtexte zu viel und teilweise zu schnell gesprochen, als dass ich sie hätte aufnehmen können. Vielleicht hätte da ein vollständiger Abdruck im Programmheft geholfen, um sie mindestens hinterher nachvollziehen zu können? Oder ein Hand-Out nach der Vorstellung? Überdies blieben auch viele Fragen offen. Warum wurden über die ganze Dauer des Triumphmarschs Fotografien von Hans Eijkelboom gezeigt, der zwischen 2013 und 2014 Passanten in Birmingham abgelichtet hat? (Das gezeigte Video ist in voller Länge hier bei Vimeo zu sehen.) Warum hält der Chor in der letzten Szene Stills aus Youtube-Videos hoch, die traurige Teenager zeigen? Fraglich bleibt für mich in jedem Fall, ob eine Opernvorstellung der geeignete Ort für einen politischen oder theoretischen Diskurs ist. Dafür gibt es doch – gerade an der Oper Halle – genug andere Plattformen. Was mich in Halle jedoch wieder begeistert hat, ist das Publikum. So viele lautstarke Kommentare, so viele Buhs aber auch Bravos habe ich noch in keinem Stadttheater erlebt. Und obwohl wieder demonstrativ gestöhnt wurde und Sprüche zu vernehmen waren wie „Das war das letzte Mal, dass ich in Halle in die Oper gehe.“, „Wir sind hier im falschen Theater.“, „Platter geht’s nicht!“ oder „Langsam reicht’s!“ waren die meisten Plätze der ausverkauften Vorstellung auch nach der Pause noch besetzt. So richtig wütend Rumbrüllen ist ja auch eine Art von Katharsis.


Aida. Oper von Giuseppe Verdi. Libretto von Antonio Ghislanzoni. In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Oper Halle
Musikalische Leitung: Josep Caballé-Domenech
Regie: Michael von zur Mühlen
Bühne und Kostüm: Christoph Ernst
Video: Iwo Kurze
Dramaturgie: Dr. Jeanne Bindernagel

Besuchte Vorstellung: 20. Januar 2018 (Premiere)

 

 

 

 

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Oper | Rezension

BREMER FREIHEIT von Fassbinder / BLAUBARTS BURG von Bartók in Halle – Alptraum in Rosa

von am 7. Mai 2017

Eins vorweg: Dieser Abend ist nichts für Anhänger von traditionellem Theater. Aber das muss dem neuen Leitungsteam der Oper Halle klar gewesen sein, als sie das Schauspiel Bremer Freiheit von Rainer Werner Fassbinder der Oper Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók zur Seite stellte und die Schauspielregisseurin Thirza Bruncken für die Inszenierung beider Stücke engagierte. Diese Vorstellung war nicht nur irritierend, sondern eine große Herausforderung für alle, die es sich gerne in ihrer Komfortzone bequem machen. Das zeigten nicht nur die Buhrufe zum Schluss, sondern auch das allseits vernehmliche genervte Stöhnen und Seufzen im Saal. Aber muss es eigentlich immer hübsch und gemütlich sein?

Gesche und Blaubart – partners in crime

Die beiden ausgewählten Stücke passen inhaltlich zusammen wie die Faust aufs Auge. Bremer Freiheit basiert auf der wahren Geschichte von Gesche Gottfried, die 15 Personen (darunter Eltern, Ehemänner, Kinder, Freunde, Geschäftspartner) mithilfe von Arsen im Kaffee ermordet hat – Blaubarts Burg beruht bekanntermaßen auf einem Märchen, in dem der Herzog seine von ihm ermordeten Frauen in einer geheimen Kammer versteckt. Bei dieser Konstellation kann man sich so einiges vorstellen. Vielleicht die Gegenüberstellung eines männlichen Serienmörders mit einem weiblichen? Eine psychologische Studie über Mörder generell? Ein Horrorabend mit viel Kunstblut und meisterhaft modellierten abgehackten Köpfen?

Blaubarts Burg in Pastelltönen

Nichts davon hatte das Regieteam in Halle im Sinn. Bühnen- und Kostümbildner Christoph Ernst hat ein großes rosafarbenes Schloss mit türkisfarbenen Dächern auf die Drehbühne gestellt, das so simpel aussieht als hätte es ein Grundschüler aus Pappe gebastelt. Drumherum fällt ein Rundhorizont aus weißer Plastikfolie aus dem Schnürboden – auch der gesamte Portalrahmen ist in Plastik gehüllt. Das mag den Ästheten abstoßen, es ist jedoch eine kluge Zusammenführung von genau den Themen, die der Abend vorstellen möchte: Einerseits der kindliche Wunsch nach Familienidyll, andererseits der Alptraum, der hinter dieser rosafarbenen Fassade lauern kann. Jeder, der auch nur ansatzweise mit Horrorfilmen in Berührung gekommen ist, wird sich von der dicken Folie an all jene Szenen erinnert fühlen, in denen der Mörder einen Raum genau so auskleidet, damit das Blut seiner Opfer nicht die schöne Blümchentapete befleckt.

Groteskes Barbieschloss, „Bremer Freiheit“ von Rainer Werner Fassbinder und „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók an der Oper Halle, Foto: Tobias Kruse

Regietheater vom Feinsten

In diesem Raum bewegen sich nun in beiden Stücken insgesamt 6 Darsteller – 3 Frauen, 3 Männer. Diese wechseln sich in der Darstellung der unterschiedlichen Figuren munter ab, wie es im zeitgenössischen Schauspiel mittlerweile gang und gäbe ist. Da spielt auch mal die Frau den Mann und umgekehrt. Aber nicht nur das sorgt für die angestrebte Verwirrung im Publikum. Den ganzen Abend über wird auf die Darstellung von realistischen Emotionen oder Beziehungen verzichtet. Stattdessen verhalten sich alle Figuren ständig artifiziell – sie wechseln unmotiviert ihre Positionen, kopulieren plötzlich, bevor sie sich gegenseitig erwürgen. Das sieht ein bisschen aus wie die Sims von einem Psychopathen gespielt. Leider kommt es bei dieser ganzen grotesken Spielerei nicht so recht zu einer detaillierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Stücken, da ein Prinzip der Inszenierung zu sein scheint, allen verständnisunterstützenden Vorgängen entgegen zu gehen. Das kann man als unbefriedigend und unzureichend empfinden – man kann aber auch das genial-stupide Spiel der sechs Protagonisten amüsant finden. Ein älteres Paar, das direkt neben mir saß, rief mir nach dem Applaus vergnügt zu: „Uns hat’s gefallen!“ Ein anderer Zuschauer war bereits vom ersten Teil des Abends so enttäuscht, dass er oder sie beim Verlassen des Saales bewusst geräuschvoll die Tür zuschlug. Ob diese Inszenierung von Thirza Bruncken nun blöd oder toll ist, muss jeder für sich selbst herausfinden. Zweifellos verfolgt sie aber auf konsequente Weise ein starkes Konzept. Und das finde ich immer super- selbst wenn ich damit nicht einverstanden bin.


Bremer Freiheit. Bürgerliches Trauerspiel von Rainer Werner Fassbinder (UA 1971 Bremen)

Herzog Blaubarts Burg. Oper in einem Akt von Béla Bartók (UA 1918 Budapest)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Josep Caballé-Domenech
Regie: Thirza Bruncken
Ausstattung: Christoph Ernst
Dramaturgie: Ilka Seifert

Besuchte Vorstellung: 6. Mai 2017 (Premiere)

 

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