Oper | Rezension

AIDA von Giuseppe Verdi in Halle – Dekonstruierte Oper mit Zusatz

von am 27. Januar 2018

Wer von der Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Aida an der Oper Halle einen beschaulichen Theaterabend erwartet hat, ist am vergangenen Samstag enttäuscht worden. Jedoch keiner ernsthaft Überraschung behaupten, der auch nur ein wenig von der Richtung des neuen Leitungsteams wahrgenommen hat. Ich muss gestehen, selbst eher in der Stimmung für Genuss und Katharsis gewesen zu sein und ja, auch ich war leicht genervt von den Unterbrechungen des gewohnten und geschätzten Ablauf dieser Oper. Aber war es deswegen ein schlechter Opernabend?

Ein bisschen mehr als nur Aida

Die Inszenierung von Chefdramaturg Michael von zur Mühlen beginnt mit einem Prolog. Es werden geflüsterte Texte eingespielt, dazu sieht man Videoeinspielungen auf der weißen Rückwand des Bühnenbilds. Menschen im Bus, vermutlich Flüchtlinge, umringt von anderen Leuten. Darüber prangt auf der Anzeige des Busses der Schriftzug „Reisegenuss“. Sofort wird klar, dass hier nicht die Darstellung einer Geschichte gehen soll, die im weit entfernten Ägypten passiert, welche in Krieg und Feindschaft mit den noch weiter entfernten Äthiopiern liegen, sondern um unsere eigene aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeit. So viel Text gleich am Anfang einer Oper war allerdings nicht nur mir zu viel und zu lang. Nach einigen Minuten war laut und deutlich der Kommentar eines Zuschauers zu vernehmen: „Was für ein Scheiß.“ Huch! Und bei diesem einen Ausruf im Publikum ist es nicht geblieben.

Im weiteren Verlauf dieses Theaterabends, der unter dem Titel Aida aufgeführt wurde, werden Ausschnitte von unterschiedlichen audiovisuellen Zeugnissen der jüngeren Kulturgeschichte gezeigt. Das Publikum wird zum Beispiel mit Passagen der Dankesrede der Journalistin und Philosophin Carolin Emcke konfrontiert, die 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. „Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfer sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen.“ Damit meinte Emcke zwar ein aktuelles Phänomen – ihre Aussage schlägt aber gleichsam eine Brücke zu Verdis Aida. Auch hier werden zwei Liebende Opfer von Ausgrenzung, obwohl sie sich persönlich davon emanzipiert hatten.

Ein weiterer großer Bruch passiert während Aidas Arie „O patria mia“. Plötzlich erscheint auf der rückwärtigen Projektionsfläche der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, der in seiner Rede an der Sorbonne über die Europäische Union und über deren ursprüngliche Idee spricht. Es sollte ein Bündnis sein, das Frieden, Wohlstand und Freiheit verspricht. Ein Ideal, das jeder gerne seine Heimat nennen wollen würde. So auch die hallesche Aida, die sich dem überlebensgroßen Macron in müder Sehnsucht nähert und sein lebloses Bild umarmen möchte.

Im zweiten Teil des Abends sehen wir dann Ausschnitte aus einem Gespräch zwischen dem Essayisten, Filmemacher und Theoretiker Alexander Kluge und dem Dramatiker Heiner Müller. Sie diskutieren die Bedeutung der Oper in unserer heutigen Gesellschaft. Das wirkte so, als müsste dem Publikum hiermit erklärt werden, warum die anderen Einspielungen gerechtfertigt sind.

Meta-Oper. In der Oper wird über Oper diskutiert, Aida von Giuseppe Verdi an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Endlich mal Oper wie damals!

Neben diesem politisch ehrgeizigen Ansatz des Regisseurs von zur Mühlen wird dieser Opernabend von einer weiteren Idee getragen. Das Bühnenbild von Christoph Ernst ist den Entwürfen für die Pariser Uraufführung nachempfunden, besteht also hauptsächlich aus flachen, bemalten Prospekten. In diesem Raum bewegen sich die Figuren allerdings nicht in ägyptischer bzw. äthiopischer Tracht (bzw. was der gemeine Europäer dafür hält), sondern in prächtigen Gewändern aus der Zeit der Uraufführung, also aus dem 19. Jahrhundert.

So ungefähr muss ein Terzett im 19. Jahrhundert szenisch dargeboten worden sein, Aida von Giuseppe Verdi an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Die Sänger richten sich brav nach vorne, spielen zwar ihre jeweiligen Haltungen, aber interagieren nicht miteinander. Wer gerade dran ist, kommt vor und bemüht sich, den Fokus des Publikums auf sich zu ziehen. Nach den meisten Nummern wird dann auch (zu Recht) applaudiert, wozu sich die Beklatschten dezent verbeugen. Wenn das nicht Oper ist, wie sie sein sollte! Endlich mal wieder werktreue Aufführungspraxis, ohne unmotivierte Handlungen, die eh nur beim Singen stören. Ich fand diese Idee unglaublich charmant und humorvoll – bin mir aber nicht sicher, ob alle im Publikum die Ironie dieser Darstellungsweise verstanden haben.

Ein hakeliger Opernabend

Für mich ging das Konzept des Regieteams nicht auf. Ich fand die Fremdtexte zu viel und teilweise zu schnell gesprochen, als dass ich sie hätte aufnehmen können. Vielleicht hätte da ein vollständiger Abdruck im Programmheft geholfen, um sie mindestens hinterher nachvollziehen zu können? Oder ein Hand-Out nach der Vorstellung? Überdies blieben auch viele Fragen offen. Warum wurden über die ganze Dauer des Triumphmarschs Fotografien von Hans Eijkelboom gezeigt, der zwischen 2013 und 2014 Passanten in Birmingham abgelichtet hat? (Das gezeigte Video ist in voller Länge hier bei Vimeo zu sehen.) Warum hält der Chor in der letzten Szene Stills aus Youtube-Videos hoch, die traurige Teenager zeigen? Fraglich bleibt für mich in jedem Fall, ob eine Opernvorstellung der geeignete Ort für einen politischen oder theoretischen Diskurs ist. Dafür gibt es doch – gerade an der Oper Halle – genug andere Plattformen. Was mich in Halle jedoch wieder begeistert hat, ist das Publikum. So viele lautstarke Kommentare, so viele Buhs aber auch Bravos habe ich noch in keinem Stadttheater erlebt. Und obwohl wieder demonstrativ gestöhnt wurde und Sprüche zu vernehmen waren wie „Das war das letzte Mal, dass ich in Halle in die Oper gehe.“, „Wir sind hier im falschen Theater.“, „Platter geht’s nicht!“ oder „Langsam reicht’s!“ waren die meisten Plätze der ausverkauften Vorstellung auch nach der Pause noch besetzt. So richtig wütend Rumbrüllen ist ja auch eine Art von Katharsis.


Aida. Oper von Giuseppe Verdi. Libretto von Antonio Ghislanzoni. In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Oper Halle
Musikalische Leitung: Josep Caballé-Domenech
Regie: Michael von zur Mühlen
Bühne und Kostüm: Christoph Ernst
Video: Iwo Kurze
Dramaturgie: Dr. Jeanne Bindernagel

Besuchte Vorstellung: 20. Januar 2018 (Premiere)

 

 

 

 

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Oper | Rezension

BREMER FREIHEIT von Fassbinder / BLAUBARTS BURG von Bartók in Halle – Alptraum in Rosa

von am 7. Mai 2017

Eins vorweg: Dieser Abend ist nichts für Anhänger von traditionellem Theater. Aber das muss dem neuen Leitungsteam der Oper Halle klar gewesen sein, als sie das Schauspiel Bremer Freiheit von Rainer Werner Fassbinder der Oper Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók zur Seite stellte und die Schauspielregisseurin Thirza Bruncken für die Inszenierung beider Stücke engagierte. Diese Vorstellung war nicht nur irritierend, sondern eine große Herausforderung für alle, die es sich gerne in ihrer Komfortzone bequem machen. Das zeigten nicht nur die Buhrufe zum Schluss, sondern auch das allseits vernehmliche genervte Stöhnen und Seufzen im Saal. Aber muss es eigentlich immer hübsch und gemütlich sein?

Gesche und Blaubart – partners in crime

Die beiden ausgewählten Stücke passen inhaltlich zusammen wie die Faust aufs Auge. Bremer Freiheit basiert auf der wahren Geschichte von Gesche Gottfried, die 15 Personen (darunter Eltern, Ehemänner, Kinder, Freunde, Geschäftspartner) mithilfe von Arsen im Kaffee ermordet hat – Blaubarts Burg beruht bekanntermaßen auf einem Märchen, in dem der Herzog seine von ihm ermordeten Frauen in einer geheimen Kammer versteckt. Bei dieser Konstellation kann man sich so einiges vorstellen. Vielleicht die Gegenüberstellung eines männlichen Serienmörders mit einem weiblichen? Eine psychologische Studie über Mörder generell? Ein Horrorabend mit viel Kunstblut und meisterhaft modellierten abgehackten Köpfen?

Blaubarts Burg in Pastelltönen

Nichts davon hatte das Regieteam in Halle im Sinn. Bühnen- und Kostümbildner Christoph Ernst hat ein großes rosafarbenes Schloss mit türkisfarbenen Dächern auf die Drehbühne gestellt, das so simpel aussieht als hätte es ein Grundschüler aus Pappe gebastelt. Drumherum fällt ein Rundhorizont aus weißer Plastikfolie aus dem Schnürboden – auch der gesamte Portalrahmen ist in Plastik gehüllt. Das mag den Ästheten abstoßen, es ist jedoch eine kluge Zusammenführung von genau den Themen, die der Abend vorstellen möchte: Einerseits der kindliche Wunsch nach Familienidyll, andererseits der Alptraum, der hinter dieser rosafarbenen Fassade lauern kann. Jeder, der auch nur ansatzweise mit Horrorfilmen in Berührung gekommen ist, wird sich von der dicken Folie an all jene Szenen erinnert fühlen, in denen der Mörder einen Raum genau so auskleidet, damit das Blut seiner Opfer nicht die schöne Blümchentapete befleckt.

Groteskes Barbieschloss, „Bremer Freiheit“ von Rainer Werner Fassbinder und „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók an der Oper Halle, Foto: Tobias Kruse

Regietheater vom Feinsten

In diesem Raum bewegen sich nun in beiden Stücken insgesamt 6 Darsteller – 3 Frauen, 3 Männer. Diese wechseln sich in der Darstellung der unterschiedlichen Figuren munter ab, wie es im zeitgenössischen Schauspiel mittlerweile gang und gäbe ist. Da spielt auch mal die Frau den Mann und umgekehrt. Aber nicht nur das sorgt für die angestrebte Verwirrung im Publikum. Den ganzen Abend über wird auf die Darstellung von realistischen Emotionen oder Beziehungen verzichtet. Stattdessen verhalten sich alle Figuren ständig artifiziell – sie wechseln unmotiviert ihre Positionen, kopulieren plötzlich, bevor sie sich gegenseitig erwürgen. Das sieht ein bisschen aus wie die Sims von einem Psychopathen gespielt. Leider kommt es bei dieser ganzen grotesken Spielerei nicht so recht zu einer detaillierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Stücken, da ein Prinzip der Inszenierung zu sein scheint, allen verständnisunterstützenden Vorgängen entgegen zu gehen. Das kann man als unbefriedigend und unzureichend empfinden – man kann aber auch das genial-stupide Spiel der sechs Protagonisten amüsant finden. Ein älteres Paar, das direkt neben mir saß, rief mir nach dem Applaus vergnügt zu: „Uns hat’s gefallen!“ Ein anderer Zuschauer war bereits vom ersten Teil des Abends so enttäuscht, dass er oder sie beim Verlassen des Saales bewusst geräuschvoll die Tür zuschlug. Ob diese Inszenierung von Thirza Bruncken nun blöd oder toll ist, muss jeder für sich selbst herausfinden. Zweifellos verfolgt sie aber auf konsequente Weise ein starkes Konzept. Und das finde ich immer super- selbst wenn ich damit nicht einverstanden bin.


Bremer Freiheit. Bürgerliches Trauerspiel von Rainer Werner Fassbinder (UA 1971 Bremen)

Herzog Blaubarts Burg. Oper in einem Akt von Béla Bartók (UA 1918 Budapest)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Josep Caballé-Domenech
Regie: Thirza Bruncken
Ausstattung: Christoph Ernst
Dramaturgie: Ilka Seifert

Besuchte Vorstellung: 6. Mai 2017 (Premiere)

 

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Oper | Rezension

TOSCA von Giacomo Puccini in Halle – Die Romelia Show

von am 28. November 2016

Endlich wieder traditionelles Guckkastentheater an der Oper Halle! Nach dem Abenteuer der Raumbühne Heterotopia und deren ungewöhnlichen Angeboten des Theatererlebens war ich fast schon beruhigt, als ich die üblichen durchgesessenen Klappsitze im Saal sah. Hier kenne ich mich aus, hier weiß ich, was auf mich zukommt. Weit gefehlt! Hätte ich mir doch denken können, dass das neue Team um Florian Lutz sich den Ruf als Störenfried und Theateraufmotzer nicht so schnell zunichte machen wird. Während ich vor der Vorstellung erwartungsvoll auf den roten Vorhang starrte, erschien auf selbigem eine Live-Video-Übertragung des Intendanten, der im Foyer stand und dazu einlud, die Ankunft der Diva des heutigen Abends – Romelia Lichtenstein – mitzuerleben. Als seriöser Möchtegern-Journalist rannte ich natürlich so schnell wie es die hohen Hacken ermöglichten runter ins Kassenfoyer, wo eine Videokamera, viele Fotokameras, Diktiergeräte und Mikrofone auf die Haupteingangstür der Oper Halle gerichtet waren. Der Auftritt der Diva Lichtenstein wurde begleitet von vorstellenden Worten des Theaterchefs und einem inszenierten Blitzlichtgewitter inklusive drängelnden Reportern, die den Weg der Dame bis zum Durchgang zu den Garderoben versperrten und begleiteten. Kopfschüttelnd ging ich zurück zu meinem Platz – teilweise über diese rührende Einlassinszenierung, teilweise über mich selbst.

1. Akt – Gott ist tot, es lebe die Kunst!

Die Vorstellung selbst beginnt dann nicht mit den bekannten kraftvollen Akkorden, sondern mit den verstärkten Geräuschen eines schnaufenden, hechelnden, flüchtenden Menschen, der dann eine Saaltür aufschlägt, sich durch die erste Reihe quetscht und dann Zuflucht im Bühnenraum sucht. Dort, in einem riesigen modernen Künstleratelier, dessen Zentrum eine Lichtinstallation mit dem Schriftzug „ART“ darstellt, findet er Schlüssel und sogar Kapelle. Aber wer eine Kirche oder Ähnliches erwartet hat, wird enttäuscht. Der junge Mann im abgewetzten Frack versteckt sich unter einer Bodenklappe. Aber wieso eigentlich Frack? Ist Angelotti ein Opernbesucher? Ist er Orchestermusiker? Flüchtet er vor den Machtbesessenen des Establishments? Bevor ich mich aber nur annähernd einer möglichen Antwort genähert habe, tritt schon der muntere Mesner auf. Halt, wo es keine Kirche gibt, kann es auch keinen Mesner geben, deswegen regt sich stattdessen ein tuntiger Assistent des Konzeptkünstlers über den verwahrlosten Zustand des Studios von Cavaradossi auf. Dieser erwacht gerade aus einem inspirierenden Schlaf – inspiriert deshalb, weil er die Nacht offenbar mit zwei hübschen, halbnackten jungen Mädchen verbracht hat. Der poetische Begriff der Muse wird der Rolle der beiden jedoch nicht gerecht. So ist also Toscas Eifersucht berechtigt? Egal, sie wird jedenfalls erfolgreich besänftigt – bis Scarpia die Bühne betritt. Auch er und seine Schergen haben sich in Frack geworfen und kommen wie Angelotti auch aus einer Saaltür. Weder wird deutlich, woher sie kommen, noch welche Hierarchie unter ihnen herrscht. Der eigentliche Polizeichef kommt überraschend weich und wenig brutal daher. Trotzdem gelingt es ihm, die Diva von der Untreue ihres geliebten Künstlers zu überzeugen. Fast bricht sie vor Verzweiflung zusammen, da sieht sie hinter sich ihre Fangemeinde – Chor, Kinderchor und Statisterie – , die jede ihrer Regungen beobachtet. Tosca nutzt die Gelegenheit und ihre echten Tränen für eine dramatische, authentische Darbietung einer hintergangenen aber starken Frau, die auf Rache sinnt.

Die Diva (Romelia Lichtenstein) und ihr begeistertes Publikum, "Tosca" von Puccini an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Die Diva (Romelia Lichtenstein) und ihr begeistertes Publikum, „Tosca“ von Puccini an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Ihr Publikum jubelt und besingt im berühmten Te deum folglich nicht den christlichen Gott, sondern ihre Idole – von Karl Lagerfeld über Joseph Beuys bis Marilyn Monroe. Ein zynisches, aber zeitgemäßes Gebet.

2. Akt – Geld ist Macht

Nachdem Scarpia Kaffee trinkend und recht gemütlich vor den roten Vorhang tritt und sich singend dem Publikum zuwendet, wird sichtbar, dass die große Kunstinstallation zu Fall gebracht wurde. Davor spielt die Bühnenmusik zum Vergnügen des Polizeichefs auf, und auch der Chor singt gut sichtbar seine Kantate, die sonst aus dem Nebenraum erschallt. Cavaradossi, der zwischenzeitlich gefangen genommen wurde, trägt nun auch Frack. Ich habe aufgehört mich zu fragen, warum. Als Tosca die Szene betritt, werden sogleich die bestialischen Folterwerkzeuge präsentiert. Sie versprechen zertrümmerte Zehen, gezogene Fingernägel und Stichwunden aller Art. Nur wird der widerspenstige Maler nicht in eine Folterkammer geführt, in der sich der Zuschauer das ganze Grauen genüsslich vorstellen kann, sondern die Diva wird gezwungen sich die Augen zu verbinden und das Verhör von Scarpia so über sich ergehen zu lassen. Man sieht nun, wie nebenbei alle Messer, Zangen und Hämmer ignoriert werden und stattdessen ein anderes Werkzeug der Macht gezückt wird: Geld. Viel viel Geld wird Cavaradossi versprochen, wenn er das Spiel mitmacht und vorgibt, gepeinigt zu werden, um seine Tosca zum Sprechen zu bewegen. Eine eindringliche, geniale und höchst spannende Szene, in welcher seine Ausweglosigkeit mitsamt aller Zweifel, Wut und Verzweiflung gezeigt werden.

Tosca (Romelia Lichtenstein) ahnt nicht, dass ihr Geliebter Mario (Eduardo Aladrén, ganz rechts) bestechlich ist, "Tosca" von Puccini an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Tosca (Romelia Lichtenstein) ahnt nicht, dass ihr Geliebter Mario (Eduardo Aladrén, ganz rechts) bestechlich ist, „Tosca“ von Puccini an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Cavaradossi nimmt das Geld und beschmiert sich bereitwillig mit Blut, um das Theaterstück seiner Folter zu Ende zu bringen. Es funktioniert. Floria Tosca gibt das Versteck von Angelotti preis und muss zusehen, wie ihr Geliebter abgeführt wird. Aber als es dann zum alles entscheidenden Moment kommt und sie die Möglichkeit hat, Scarpia aus der Welt zu schaffen, zögert sie. Sie bringt es nicht über sich, diese letzte Konsequenz zu ziehen. Tosca bringt Scarpia nicht um. Stattdessen verhöhnt er ihre Schwäche und entledigt sich anschließend seines angeklebten Bartes und geht ab. War alles nur ein Spiel? War alles nur eine Show, die nur für die Diva, für Romelia Lichtenstein veranstaltet wurde?

3. Akt – Ich bin Romelia und singe Tosca!

Zu Beginn des dritten Akts sehen wir gemeinsam mit der Sängerin der Tosca, wie das gesamte Bühnenbild abgebaut wird. Techniker befestigen Stahlseile an dem riesigen Schriftzug, der daraufhin in den Schnürboden gezogen wird. Requisiteure sammeln Gegenstände ein, Ankleiderinnen heben Kostümteile auf, der Orchesterwart kümmert sich um den Abtransport der Instrumente. Nur den Flügel und eine schmutzige Kiste darunter kann Romelia vor dem Abtransport retten. Sie bleibt alleine zurück auf dieser leeren Bühne, nachdem auch die Darsteller von Cavaradossi, Scarpia und seine Gefolgschaft sich grüßen und in den wohlverdienten Feierabend verabschieden. Romelia bleibt zurück und ist fast schon bereit einzusehen, dass das Spiel vorbei ist, dass es nur eine Inszenierung war, die sie zur Diva gemacht hat und dass die Kunst vorbei ist. Aber eben nur fast, denn auch wenn sie allein ist, kann sie doch mindestens für sich selbst die Geschichte bis zum Ende erzählen. So bestreitet sie den gesamten dritten Akt auf dieser leeren Bühne mit einigen wenigen übrig gebliebenen Requisiten und Kostümteilen, während ihre imaginären Mitspieler aus dem Off beziehungsweise nur in ihrem Kopf zu hören sind. Aber selbst dieses verzweifelte, verrückte Ausleben ihres Daseins als Künstlerin bleibt ihr nicht vergönnt, denn kurz vor Schluss verstummt das Orchester und muss einer Toneinspielung weichen. Wurde die Diva so schnell ersetzt durch das reproduzierte Kunstwerk? Nein, den letzten Satz schreit sie ins Publikum, sie ist nicht bereit aufzugeben. Kein Sprung, kein Selbstmord, sondern eine Diva, die sich ihre Daseinsberechtigung niemals nehmen lassen wird.

Die Diva (Romelia Lichtenstein), "Tosca" von Puccini an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Die Diva (Romelia Lichtenstein), „Tosca“ von Puccini an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Modern UND gut

Ich finde es immer spannend, wenn Geschichten neu erzählt werden, wenn mir eine andere Lesart präsentiert wird und ich mit einer unbequemen Darstellung konfrontiert werde. Ich kann die Aufregung einiger Zuschauer verstehen, die sich um den Genuss ihrer bekannten Tosca betrogen fühlen und die zahlreichen Eingriffe und Umdeutungen als ungerechtfertigt empfinden. Trotzdem ist nicht zu leugnen, dass die Interpretation von Jochen Biganzoli in sich schlüssig ist. Vielleicht steckt nicht alles von dem, was er erzählen möchte, in der Vorlage von Puccini, aber die Art und Weise wie er den einzelnen Situationen und Wörtern neue Bedeutungen zuschreibt, zeigt ein Konzept, das bis in die letzte Konsequenz durchdacht wurde. So bleibt zu hoffen, dass auch die kritischen Zuschauer der Oper Halle abenteuerlustig bleiben und sich weiterhin aufwühlen lassen – auch wenn es mal unbequem ist.


Tosca. Musikdrama in drei Akten von Giacomo Puccini (UA 1900 Rom)

Oper Halle
Muskalische Leitung: Josep Caballé-Domenech
Regie: Jochen Biganzoli
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Katharina Weissenborn
Dramaturgie: Francis Hüsers, Michael von zur Mühlen

Besuchte Vorstellung: 26. November 2016 (Premiere)


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