Oper | Rezension

BASTIEN UND BASTIENNE von Mozart / FLORENTINISCHE TRAGÖDIE von Zemlinsky in Halle – Lebendiges, heutiges Musiktheater

von am 26. November 2018

Am vergangenen Wochenende feierte ein sehr spezieller Doppelabend Premiere an der Oper Halle. Mit Mozarts Bastien und Bastienne und Eine florentinische Tragödie von Alexander Zemlinsky stellte der erst kürzlich mit dem Faust ausgezeichnete Regisseur Tobias Kratzer seine jüngste Arbeit vor. Und die hat es in sich. Ja, es gibt einen erigierten Penis zu sehen. Der ist aber nicht das Größte, an das ich mich an diesem Abend erinnern werde. Größer als jedes überdimensional projizierte Geschlechtsteil sind Witz und Klugheit, mit welchen Kratzer diese beiden Einakter stimmig und kurzweilig auf die Bühne bringt.

Wolfgang Amadeus Mozart: Bastien und Bastienne

Bastien und Bastienne, ein Jugendwerk von Mozart, handelt von einem jungen Schäferpaar, das im Streit liegt und erst durch Eifersuchtsspiele, initiiert vom Dorfzauberer Colas, wieder zueinander findet. So oder so ähnlich ließe sich das Original kurz zusammen fassen. Kratzer übersetzt diese Konstellation sinnfällig ins Heute und setzt alle drei Protagonisten vor ein digitales Endgerät, statt einander gegenüber. Leinwände über ihnen zeigen uns, was sie gerade auf ihren Displays sehen.

Bastienne (Vanessa Waldhart), Colas (Michael Zehe) und Bastien (Robert Sellier) zeigen uns wie man im digitalen Zeitalter Beziehungsprobleme löst, „Bastien und Bastienne“ von Mozart an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Bastienne hat Liebeskummer? Google hilft! Ich kann nicht umhin, mich beim Anblick dieser jungen Frau, die mit naiver Verzweiflung im allwissenden Internet um Rat sucht, ein wenig ertappt zu fühlen. Aber was ploppt denn da auf? Ihre einschlägigen Suchanfragen haben offenbar eine zielgruppengerichtete Werbung ausgelöst. Ein Liebesdoktor namens Colas bietet online seine Dienste an. Der kommt ja wie gerufen! Während Bastienne diesem Scharlatan der Neuzeit ihr Herz ausschüttet, checkt Bastien seine Alternativen auf Tinder ab. Swipe links. Swipe rechts. Man kennt das. Aber das wirklich Wahre ist für ihn bei der Dating-App nicht dabei, daher sucht auch er Rat bei Dr. Colas, wie er seine Bastienne wieder gewinnen kann. Colas ist aber weder Doktor, noch Liebesexperte, sondern ein verlotterter perverser Stubenhocker, dessen einzige Befriedigung neben dem Konsum von Junkfood im Intrigieren und Voyeurismus liegt. Er empfiehlt beiden, sich durch Abweisung und das Entfachen von Eifersucht wieder interessant zu machen. Er startet einen Videochat, in welchem Bastienne sich als sexy Beachgirl am Südseestrand inszeniert und Bastien mit einer Tinder-Eroberung prahlt. Am Ende gelingt trotzdem eine Versöhnung, die zu einvernehmlicher per Video übertragener Masturbation führt. Das Happy Ending wird allerdings von Colas verhindert, der den ganzen kindischen Streit der beiden mit Genuss verfolgt hat und sich nun verärgert in seiner vollen fettigen Ekelhaftigkeit offenbart. Ich war ein wenig erleichtert.

Alexander Zemlinsky: Eine florentinische Tragödie

Der Vorhang hebt sich zum zweiten Teil, spätromantische orgiastische Musik ertönt und in einem Möbelausstellungsraum mit Schlafzimmeraufbau fallen ein Mann und eine Frau übereinander her. Es sind Bianca und ihr Liebhaber, der Prinz von Florenz.

Bianca (Anke Berndt) und Prinz Guido (Matthias Koziorowski) freuen sich über die sturmfreie Bude, „Eine florentinische Tragödie“ von Alexander Zemlinsky an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Schnell kommen die beiden zum Ziel ihrer körpertechnischen Bemühungen und genießen Arm in Arm die Zigarette danach. Doch was ist das für ein Geräusch? Kann es sein, dass Biancas Ehemann vorzeitig nach Hause kommt? Der Prinz grabscht nach seinen Klamotten und springt rechtzeitig in den Kleiderschrank. Bianca begrüßt ihren Simone, der von einer erfolglosen Geschäftsreise zurückkommt. Doch als sie merkt, dass dieser ihr nicht die angemessene Zärtlichkeit entgegenbringt, sorgt sie kurzerhand für seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie öffnet den Schrank und lässt ihren Mann auf ihren halbnackten Liebhaber treffen. Simone reagiert aber nicht wütend, sondern heißt den Überraschungsgast willkommen. Es entspinnt sich ein perverses psychologisches Machtspiel, in welchem sozialer Status, Attraktivität, Selbstbewusstsein, Skrupellosigkeit, Begehrlichkeit und letztlich körperliche Überlegenheit gegeneinander aufgewogen werden. Bianca, das Zentrum dieses Spiels, hat ein abartiges Vergnügen an der Konfrontation der beiden Männer. Die Ermordung des Liebhabers durch ihren Mann ist für sie der Wendepunkt ihrer Ehe. Noch nie schien ihr Simone so stark. Und noch nie schien Bianca für Simone so schön.

Zwei Opern – kein Opernklischee

Die zwei Teile dieses Doppelabends verfolgen ganz unterschiedliche ästhetische Konzepte. Bei Bastien und Bastienne betrachtet man drei voneinander isolierte Personen in abgetrennten Räumen und wird mithilfe der auf Leinwand projizierten Bildschirme selbst zum vergnügten Voyeur. Sowohl Bastienne, Bastien als auch Colas werden zu Identifikationsfiguren. Wer hat nicht selbst schon im Internet nach Beziehungstipps gesucht? Wer hat sich noch nicht in Online-Datingportalen einen Überblick über verfügbare Möglichkeiten verschafft? Wer hat sich noch nie vor dem Computer mit Körperpflege beschäftigt? Tobias Kratzer stellt diese digitalisierte Beziehungswelt ungeschönt dar und verzichtet erfreulicherweise auf jegliche Kommentierung.

Zemlinskys Florentinische Tragödie dagegen ist in Kratzers Inszenierung ein psychologisches Kammerspiel. Ich selbst war erinnert an Szenen von Quentin Tarantino, der auch oft eine spannungsgeladene Personenkonstellation in einen abgeschlossenen Raum bringt und zusieht, wie die zwangsläufigen Konflikte bis zum tödlichen Ende ausgetragen werden. Hervorzuheben ist hier die durchweg authentische Darstellungsweise der drei Sänger, die sich nicht mit einem Als-Ob zufrieden geben und auch vor intimen Handlungen wie dem Austausch von Wein von Mund zu Mund nicht zurück schrecken.

Schlicht grandios

Wer einen rundum grandiosen, klugen, kurzweiligen, spannenden Opernabend erleben will, sollte also zu diesem Leuchtturm der deutschen Theaterlandschaft namens Oper Halle fahren. Ich selbst werde bestimmt noch öfter zu diesem Hoffnungsort des lebendigen Musiktheaters reisen.


Bastien und Bastienne. Singspiel in einem Akt von Wolfgang Amadeus Mozart. (UA 1768 bei Wien)

Eine florentinische Tragödie. Oper in einem Aufzug von Alexander Zemlinsky. (UA 1917 Stuttgart)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Christopher Sprenger
Regie: Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier
Video: Manuel Braun
Dramaturgie: Kornelius Paede

Besuchte Vorstellung: 24. November 2018 ( Premiere)

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Kolumne | Oper

Wie geht REGIEASSISTENZ? (Teil 1: Dokumentation)

von am 6. Oktober 2018

Die neue Spielzeit hat begonnen! Habt ihr gerade ein Engagement als Regieassistent angetreten und wisst noch nicht, welche Aufgaben auf euch zukommen? Oder spielt ihr mit dem Gedanken, Regieassistent zu werden, wisst aber nicht, ob der Job das Richtige für euch ist?

In diesem Beitrag findet ihr gute und gut gemeinte Ratschläge zum Thema Regieassistenz für Musiktheater. Ich war selbst die letzten drei Spielzeiten fest als Assistentin engagiert und habe davor zwei Spielzeiten als freie Regieassistentin Opernproduktionen an unterschiedlichen Häusern betreut. Nun führt mich mein beruflicher Weg in eine andere Richtung – aber bevor ich abbiege, möchte ich das Gelernte mit euch teilen. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen bei den ersten Schritten in diesem besonderen und verantwortungsvollen Beruf.

Wenn ihr selbst schon Erfahrungen in diesem Bereich gemacht habt und merkt, dass ich etwas vergessen habe oder ihr selbst Tipps habt, die ihr gerne an die (zukünftigen) Kollegen weitergeben möchtet, seid ihr herzlich willkommen, sie in die Kommentare zu schreiben oder mich direkt zu kontaktieren. Ich werde diesen Beitrag aktuell halten.

Am Ende findet ihr außerdem ein paar Beispieldokumente ohne Anspruch auf Genialität, die ihr aber gerne korrigieren, verwenden oder weitergeben dürft.

Vorbereitung ist (fast) alles

Kalender, Pläne und Listen sind für euch als Regieassistenz die besten Freunde und mächtigsten Waffen. Das klingt nach mühsamer Büroarbeit? Ist es auch. Aber ohne gute Vorarbeit und Organisation wird es nachher nur noch stressiger, also macht euch die Arbeit lieber vor dem ersten Probentag, wenn ihr noch genug Zeit, Muße und Nerven habt.

Die ersten Dinge, mit denen ich mich vor einer neuen Produktion befasse, sind der Klavierauszug, das Szenario und der Produktionsplan.

Den Klavierauszug bekommt ihr bei eurer Bibliothek. Klassischerweise wechseln sich im Auszug für die Assistenten immer eine Seite Noten mit einer leeren Seite ab. Ich lasse mir – wenn es von der Bibliothek angeboten wird – den Klavierauszug immer so umlegen, dass ich links die Noten habe und rechts Notizen machen kann. Für einen Linkshänder ist es umgekehrt sicherlich sinnvoller. Außerdem lasse ich mir auch eine Linie drucken, die einen schmalen Bereich links abtrennt, wo ich die wichtigsten Cues wie Lichtstimmungen, technische Verwandlungen oder Auf- und Abtritte notiere. So kann man sich auf jeder Seite schnell einen Überblick verschaffen. Andere Assistenten lassen sich auf jede Seite einen Grundriss der Bühne drucken, um Positionen möglichst genau notieren zu können. Es gibt hier ganz unterschiedliche Vorlieben und Möglichkeiten – am besten ihr probiert aus, was für euch persönlich funktioniert. Falls es an eurem Haus mehrere Assistenten gibt (was ich euch von Herzen wünsche!), solltet ihr nachfragen, ob es ein Notationssystem gibt, nach dem sich alle richten müssen.
Ihr könnt den Klavierauszug natürlich ganz trocken lesen – schöner wird das Ganze aber mit einer Audio-Aufnahme. Meistens stellt die Dramaturgie eine auf Nachfrage zur Verfügung.

Das Szenario erstelle ich anhand des Klavierauszugs. Dabei gibt das tabellarische Szenario nur an, welche Figuren, wann auftreten und wie lange die Szenen ungefähr dauern. Das ist hilfreich für die Erstellung der Probenpläne und später auch für die Erstellung der Masken- und Kostümpläne. Bei komplexeren Produktionen habe ich aber auch oft mit einem ausführlichen Szenario gearbeitet. Hier können Angaben zu verwendeten Requisiten, Kostümen, Bühnenbildern, Verwandlungen oder Umzügen gemacht werden. Diese Art von Szenario ist logischerweise umfangreicher – daher ist es weniger gut für einen schnellen Überblick geeignet als das tabellarische. Am besten probiert ihr beides aus und entscheidet selbst, was für euch zweckmäßiger ist. Sehr wichtig in jeder Art von Szenario sind die Zeiten. Ich nehme sie für den ersten Entwurf aus einer Aufnahme und überprüfe sie bei Gelegenheit während der Proben. Oft gibt es diese Gelegenheit allerdings nicht – ihr werdet heilfroh sein, mindestens Annäherungswerte zu haben, wenn während der kräftezehrenden Endprobenphase die Abteilungen nach dem Szenario fragen und ihr eine Nachtschicht weniger einlegen müsst.

Der Produktionsplan ist ein Kalender für den Zeitraum der szenischen Proben. An manchen Häusern erstellt das KBB einen Produktionsplan – an vielen müsst ihr es selbst machen. Falls ihr einen fertigen Produktionsplan bekommt, solltet ihr diesen sehr genau (!) Korrektur lesen! Zu euren wichtigsten Aufgaben gehört, Fehler zu entdecken und zu korrigieren und Entscheidungen der Disposition im Hinblick auf die konkrete Produktion in Frage zu stellen. Wenn ihr den Produktionsplan selbst erstellt, könnt ihr das mithilfe der Wochenpläne tun, die das KBB herausgibt. Einer der wichtigsten Punkte an diesem Produktionsplan sind die Abwesenheiten der Darsteller. Es gibt immer Darsteller, die Urlaub haben bzw. noch welchen beantragen oder die noch für andere Produktionen proben oder die aus vertraglichen Gründen nicht immer für die Proben zur Verfügung stehen. Das kommt zum Beispiel häufiger vor, wenn es Gastsolisten gibt, die im Ausland leben und extra für die Produktion anreisen. Ihr solltet jedenfalls ganz genau (und eventuell mehrmals) nachfragen, ob alle Abwesenheiten aufgezeichnet sind. Falls ihr euch trotzdem unsicher seid, fragt am besten nach dem Konzeptionsgespräch alle Darsteller ab, ob die notierten Abwesenheiten stimmen. Ich habe oft genug erlebt, dass hier Termine verwechselt oder vergessen worden sind. Das sorgt in den meisten Fällen für (zu Recht) genervte Regisseure.

Listen, Listen, Listen

Wenn es sich nicht um eine extrem komplizierte Inszenierung handelt, seid ihr nun gut auf die erste Probe vorbereitet. Am ersten Probentag könnt ihr euch aber auf weitere wichtige Dokumente gefasst machen: Besetzungszettel, Kontaktliste, Requisitenliste, Grundrisse des Bühnenbilds, Grundrisse des Probebühnenaufbaus und Figurinen.

Besetzungszettel und Kontaktliste bekommt ihr vom KBB. Die Kontaktliste könnt ihr ein paar Mal kopieren – erfahrungsgemäß nehmen aber trotzdem nicht alle eine mit. Es hilft aber, wenn man die Sänger bittet, zumindest die Nummer des Assistenten einzuspeichern, für den Fall der Fälle. Ich selbst habe immer alle Nummern der Beteiligten schon vorher eingespeichert. Wenn dann mal ein Sänger zu spät kommt, muss ich nicht erst geräuschvoll nach der Telefonliste kramen, sondern kann einfach die Probebühne verlassen und sofort anrufen. Eine Requisitenliste bekommt ihr vom Regisseur oder vom Bühnenbildner – oder es gibt noch keine und ihr müsst selbst eine anlegen. Grundrisse des Bühnenbilds bekommt ihr vom Bühnenbildner selbst oder vom Ausstattungsassistenten. Lasst euch die Grundrisse und auch die Verwandlungen gut erklären. Der Bühnenbildner wird nicht ständig bei den Proben dabei sein und eventuell gibt es auch gar keinen Bühnenbildassistenten, das heißt, ihr müsst aufkommende Fragen selbst beantworten. An manchen Häusern gibt es auch Grundrisse für den Aufbau auf der Probebühne. Lasst euch auch hier alles von der technischen Abteilung erklären. Wichtig zu wissen ist, ob die Verhältnisse stimmen. Vermutlich wird auf der Probebühne alles ein wenig kleiner sein. Hier ist eure wichtigste Aufgabe, den Regisseur immer wieder daran zu erinnern, wenn es bei den Proben relevant ist. Häufig bringt der Kostümbildner Figurinen mit, um zu zeigen, wie er sich die Kostüme vorstellt. Manche Kostümbildner arbeiten aber auch mit Collagen und Foto-Sammlungen um annähernd ihre Ideen zu beschreiben. Lasst euch auch hier alles erklären. Haben die Kostüme Taschen? Brauchen wir Taschen? Wie weit und lang sind die Röcke? Welche Schuhe tragen die Darsteller? Gibt es schnelle Umzüge? Auch hier müsst ihr vielleicht während der Proben Auskunft geben.

Arbeitsprobenphase

Das Konzeptionsgespräch ist vorbei und nun können die szenischen Proben endlich losgehen! Moment… was wird eigentlich geprobt? Die Erstellung und Angabe des Tagesplans gehört zu euren wichtigsten Aufgaben vor bzw. während der Vormittagsprobe. Den ersten Tagesplan solltet ihr übrigens früh genug abfragen. Vermutlich kennt ihr den Regisseur noch nicht und wisst auch noch nichts über die Inszenierung. Lasst euch vom KBB die Kontaktdaten geben und fragt schon ein paar Tage vorher nach, wie der erste Probentag aussehen soll. Falls er sich nicht festlegen kann oder will, ist es keine Schande für den ersten Tag „Probe nach Ansage für alle Beteiligten“ aufschreiben zu lassen. Was den Tagesplan betrifft, habe ich mit ganz unterschiedlichen Typen zusammen gearbeitet – manche sind sehr organisiert und wissen schon vor der Vormittagsprobe ganz genau, wie der folgende Tag aussehen wird, manche sind jeden Tag aufs Neue von der Frage nach dem Tagesplan überrascht. Es ist nicht unüblich, dass ihr die ganze Pause damit verbringt, gemeinsam mit dem Regisseur einen Probenplan auszuarbeiten. Falls dies in einer Produktion bei euch der Fall sein sollte, kann ich euch nur raten, den Tagesplan persönlich beim KBB anzusagen. So kommt ihr mal kurz weg von der Probebühne und habt zumindest eine Ahnung von Pause. Auf dem Rückweg ist auch ein Umweg über die Kantine ratsam.

An jedem Haus gibt es eigene Regeln, wie der Tagesplan angesagt werden sollte. Manche möchten es nur telefonisch, an manchen Häusern muss man den Plan in ein Buch schreiben. Außerdem gibt es immer eine Deadline gegen Mittag. Fragt am besten nach, ob es eine hausinterne Regelung für Änderungswünsche nach der Deadline gibt. Denn sie werden kommen.

Endprobenphase

Wenn ihr dann endlich von der Probebühne auf die Bühne umzieht, stehen auch bald Beleuchtungsproben an. Dafür ist es sinnvoll Vorlagen für eine Beleuchtungsliste mitzubringen. Damit habt ihr alle wichtigen Informationen für jeden nachvollziehbar und schnell zur Hand.

Der größte Termin in der Endprobenphase ist dann die Klavierhauptprobe. Da hier alle zum ersten Mal mit den Originalrequisiten, Originalkostümen und vielleicht auch zum ersten Mal mit dem Originalbühnenbild konfrontiert sind, müsst ihr vor dem Beginn des Durchlaufs alles sehr gut und mehrfach checken. Wichtig ist hier der Kostümablauf, der für meine Produktionen allerdings immer von der Kostümabteilung selbst erstellt wurde. Es kann aber nicht schaden, einen Blick darauf zu werfen und die Augen nach Fehlern offen zu halten. Zu diesem Zeitpunkt kennt niemand die Produktion so gut wie ihr! Selbst der Regisseur kann bei Details überfragt sein – wie gut, dass ihr alle wichtigen Informationen schwarz auf weiß habt. Auch den technischen Ablauf solltet ihr mit diesem Hintergedanken zumindest überfliegen.

Vielleicht habt ihr bei dieser Probe sogar die Gelegenheit auch die Applausordnung zu arrangieren. Sprecht euren Regisseur ein paar Tage vorher darauf an und bereitet eventuell eine Applausordnung vor, die er dann korrigieren und absegnen kann. Wenn ihr neu an einem Haus seid, fragt ruhig die Kollegen, was dort üblich ist. Ein klarer, zügiger Ablauf ist hier angebrachter als große Choreographie.

Noch Fragen?

In den nächsten Beiträgen möchte ich euch von weiteren Aspekten einer Regieassistenz berichten. Ich habe mich zum Beispiel intensiv mit Stressbewältigung und Rechtlichem beschäftigt.

Aber wenn ihr ganz andere Themen oder Fragen über Regieassistenz habt – immer her damit!


Tabellarisches Szenario

Ausführliches Szenario

Produktionsplan

Requisitenliste

Beleuchtungsliste

Applausordnung

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Oper | Rezension

MEIN STAAT ALS FREUND UND GELIEBTE von Johannes Kreidler in Halle – Eine Komposition?

von am 21. Mai 2018

Sprengt die Opernhäuser in die Luft! An diese berühmte Aufforderung muss ich unwillkürlich nach jeder besuchten Vorstellung an der Oper Halle denken. Denn mir scheint, dass an diesem Haus alles daran gesetzt wird, dieser Idee des Dirigenten Pierre Boulez Folge zu leisten – allerdings in einer Form, die ohne den Verlust von tatsächlicher Bausubstanz auskommt. So ist auch die Uraufführung von Mein Staat als Freund und Geliebte von Johannes Kreidler, die seit dem 27. April in Halle zu sehen ist, ein ästhetischer Anschlag auf die Tradition der Oper an sich.

Der Staat als Spielpartner

Am besten wagt man sich an eine Erklärung zu diesem Musiktheaterwerk heran, indem man es von der Grundidee her denkt. Im Einführungsgespräch berichtet Chefdramaturg Michael von zur Mühlen davon, dass Johannes Kreidler zuerst über die Rolle des Chores auf der Bühne nachgedacht hat. Dieser stellt zumeist eine Gemeinschaft dar – oder speziell einen Staat. Die nächste Frage – die ich ihm unterstelle – wäre dann, wie eine Oper aussehen müsste, die als Hauptprotagonist eben diesen Staat vorstellt. Dabei war es Kreidler ein besonderes Anliegen, das Individuum dem Staat gegenüber zu stellen und die beiden in unterschiedlichen Situationen und Beziehungen zueinander zu zeigen. Wie aber kann man eine Gruppe von Menschen auf der Bühne als handelnde Institution darstellen? Die humorige Lösung des Künstlers Kreidler sieht folgendermaßen aus: Auf einer Projektionswand werden Ausschnitte aus alten Hollywood-Filmen gezeigt, in denen jeweils ein Dialog stattfindet. Die eine Figur wurde in der Aufnahme neu synchronisiert – die andere wird live vom gesamten Chor synchronisiert. Et voilà, der Staat hat nun Körper und Stimme und kann mit dem Einzelnen interagieren. Das ist auf jeden Fall absurd, manchmal komisch und immer bemerkenswert gut vom Chor der Oper Halle umgesetzt. Als alter Trekkie erinnerte mich diese Sprechweise gleich an ein bestimmtes kollektives Bewusstsein, das in der ganzen Galaxis Angst und Schrecken verbreitet: „Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos.“

Der Staat (Chor der Oper Halle) im Konflikt mit dem Individuum (Stefan Paul), „Mein Staat als Freund und Geliebte“ von Johannes Kreidler an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Ist das Oper?

Um es kurz zu machen: Nein, ich halte dieses Werk nicht für eine Oper und sehe es als Provokation, dass es so bezeichnet wird. Johannes Kreidler selbst wendet laut Dramaturg von zur Mühlen den erweiterten Kompositionsbegriff auf das an, was an diesem Abend zu sehen ist. Das klingt zurst durchaus interessant: „Prinzipien der Komposition finden Anwendung auf andere Medien und Formsprachen […]“ Außerdem bedient er sich in der Art einer Collage am Fundus der Musikgeschichte. Ganz konkret bedeutet dies, dass wir Musik von Puccini, Liszt, Wagner, Weber und anderen (tatsächlichen) Komponisten hören, die allerdings in einen anderen Kontext gestellt wird. Ist das nun schon Komponieren?

Ein weiterer Hauptprotagonist auf Kreidlers Bühne ist der Schauspieler und Pianist Stefan, der viel Politisches und Soziologisches zum Thema „Staat“ beizutragen hat. Das ist mitunter ganz witzig, aber über weite Strecken auch mühsam und wirkt belehrend. Mit seinem Schlussmonolog vergrault er jedenfalls auch den letzten traditionsverbundenen Operngänger. Am Ende der Vorstellung soll nämlich doch bitte nicht applaudiert werden, was ohnehin ein sträflich banales Ritual sei, das eine sofortige und damit unreflektierte Bewertung des Gesehenen sei. Und die sei doch völlig inadäquat, wenn man bedenkt wieviel Vorbereitung, Überlegung und Arbeit hinter der Aufführung steht. Man sollte vielmehr die aufgebaute Spannung aushalten, sie mitnehmen in das eigene, reale Leben und dort damit umgehen, sodass quasi eine Vermischung von Kunst und Leben überhaupt möglich wird. Ein paar laute demonstrative Klatscher aus dem Saal der Oper Halle konnten Stefan bei dieser provokanten Ansprache nicht aus der Fassung bringen. Und es ist ja auch eine bedenkenswerte Haltung, die man zum Phänomen des Schlussapplaus‘ haben kann. Und so verließen die Zuschauer auch tatsächlich in leicht angespannter und irritierter Stimmung den Saal – ganz ohne die Hände gegeneinander zu schlagen.

Mein Staat als Freund und Geliebte von Johannes Kreidler ist am Ende ein irgendwie kurzweiliger Abend, der mit einigen guten Ideen gespickt ist, der aber nichts mit Oper, wie wir sie kennen, zu tun hat. Und genau deswegen hat dieses Stück ein wenig von der Sprengkraft, die sich Pierre Boulez gewünscht hatte.


Mein Staat als Freund und Geliebte. Oper von Johannes Kreidler. Für Chor, Video, einen Schauspieler, einen dramatischen Tenor, Ballett Orchester und Elektronik. (Ein Auftragswerk der Oper Halle)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Christopher Sprenger
Konzeption / Komposition / Regie: Johannes Kreidler
Bühne: Christoph Ernst
Kamera: Iwo Kurze
Choreografie: Dalier Burchanow
Dramaturgie: Michael von zur Mühlen

Besuchte Vorstellung: 12. Mai 2018

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