Kolumne | Oper

Wie geht REGIEASSISTENZ? (Teil 1: Dokumentation)

von am 6. Oktober 2018

Die neue Spielzeit hat begonnen! Habt ihr gerade ein Engagement als Regieassistent angetreten und wisst noch nicht, welche Aufgaben auf euch zukommen? Oder spielt ihr mit dem Gedanken, Regieassistent zu werden, wisst aber nicht, ob der Job das Richtige für euch ist?

In diesem Beitrag findet ihr gute und gut gemeinte Ratschläge zum Thema Regieassistenz für Musiktheater. Ich war selbst die letzten drei Spielzeiten fest als Assistentin engagiert und habe davor zwei Spielzeiten als freie Regieassistentin Opernproduktionen an unterschiedlichen Häusern betreut. Nun führt mich mein beruflicher Weg in eine andere Richtung – aber bevor ich abbiege, möchte ich das Gelernte mit euch teilen. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen bei den ersten Schritten in diesem besonderen und verantwortungsvollen Beruf.

Wenn ihr selbst schon Erfahrungen in diesem Bereich gemacht habt und merkt, dass ich etwas vergessen habe oder ihr selbst Tipps habt, die ihr gerne an die (zukünftigen) Kollegen weitergeben möchtet, seid ihr herzlich willkommen, sie in die Kommentare zu schreiben oder mich direkt zu kontaktieren. Ich werde diesen Beitrag aktuell halten.

Am Ende findet ihr außerdem ein paar Beispieldokumente ohne Anspruch auf Genialität, die ihr aber gerne korrigieren, verwenden oder weitergeben dürft.

Vorbereitung ist (fast) alles

Kalender, Pläne und Listen sind für euch als Regieassistenz die besten Freunde und mächtigsten Waffen. Das klingt nach mühsamer Büroarbeit? Ist es auch. Aber ohne gute Vorarbeit und Organisation wird es nachher nur noch stressiger, also macht euch die Arbeit lieber vor dem ersten Probentag, wenn ihr noch genug Zeit, Muße und Nerven habt.

Die ersten Dinge, mit denen ich mich vor einer neuen Produktion befasse, sind der Klavierauszug, das Szenario und der Produktionsplan.

Den Klavierauszug bekommt ihr bei eurer Bibliothek. Klassischerweise wechseln sich im Auszug für die Assistenten immer eine Seite Noten mit einer leeren Seite ab. Ich lasse mir – wenn es von der Bibliothek angeboten wird – den Klavierauszug immer so umlegen, dass ich links die Noten habe und rechts Notizen machen kann. Für einen Linkshänder ist es umgekehrt sicherlich sinnvoller. Außerdem lasse ich mir auch eine Linie drucken, die einen schmalen Bereich links abtrennt, wo ich die wichtigsten Cues wie Lichtstimmungen, technische Verwandlungen oder Auf- und Abtritte notiere. So kann man sich auf jeder Seite schnell einen Überblick verschaffen. Andere Assistenten lassen sich auf jede Seite einen Grundriss der Bühne drucken, um Positionen möglichst genau notieren zu können. Es gibt hier ganz unterschiedliche Vorlieben und Möglichkeiten – am besten ihr probiert aus, was für euch persönlich funktioniert. Falls es an eurem Haus mehrere Assistenten gibt (was ich euch von Herzen wünsche!), solltet ihr nachfragen, ob es ein Notationssystem gibt, nach dem sich alle richten müssen.
Ihr könnt den Klavierauszug natürlich ganz trocken lesen – schöner wird das Ganze aber mit einer Audio-Aufnahme. Meistens stellt die Dramaturgie eine auf Nachfrage zur Verfügung.

Das Szenario erstelle ich anhand des Klavierauszugs. Dabei gibt das tabellarische Szenario nur an, welche Figuren, wann auftreten und wie lange die Szenen ungefähr dauern. Das ist hilfreich für die Erstellung der Probenpläne und später auch für die Erstellung der Masken- und Kostümpläne. Bei komplexeren Produktionen habe ich aber auch oft mit einem ausführlichen Szenario gearbeitet. Hier können Angaben zu verwendeten Requisiten, Kostümen, Bühnenbildern, Verwandlungen oder Umzügen gemacht werden. Diese Art von Szenario ist logischerweise umfangreicher – daher ist es weniger gut für einen schnellen Überblick geeignet als das tabellarische. Am besten probiert ihr beides aus und entscheidet selbst, was für euch zweckmäßiger ist. Sehr wichtig in jeder Art von Szenario sind die Zeiten. Ich nehme sie für den ersten Entwurf aus einer Aufnahme und überprüfe sie bei Gelegenheit während der Proben. Oft gibt es diese Gelegenheit allerdings nicht – ihr werdet heilfroh sein, mindestens Annäherungswerte zu haben, wenn während der kräftezehrenden Endprobenphase die Abteilungen nach dem Szenario fragen und ihr eine Nachtschicht weniger einlegen müsst.

Der Produktionsplan ist ein Kalender für den Zeitraum der szenischen Proben. An manchen Häusern erstellt das KBB einen Produktionsplan – an vielen müsst ihr es selbst machen. Falls ihr einen fertigen Produktionsplan bekommt, solltet ihr diesen sehr genau (!) Korrektur lesen! Zu euren wichtigsten Aufgaben gehört, Fehler zu entdecken und zu korrigieren und Entscheidungen der Disposition im Hinblick auf die konkrete Produktion in Frage zu stellen. Wenn ihr den Produktionsplan selbst erstellt, könnt ihr das mithilfe der Wochenpläne tun, die das KBB herausgibt. Einer der wichtigsten Punkte an diesem Produktionsplan sind die Abwesenheiten der Darsteller. Es gibt immer Darsteller, die Urlaub haben bzw. noch welchen beantragen oder die noch für andere Produktionen proben oder die aus vertraglichen Gründen nicht immer für die Proben zur Verfügung stehen. Das kommt zum Beispiel häufiger vor, wenn es Gastsolisten gibt, die im Ausland leben und extra für die Produktion anreisen. Ihr solltet jedenfalls ganz genau (und eventuell mehrmals) nachfragen, ob alle Abwesenheiten aufgezeichnet sind. Falls ihr euch trotzdem unsicher seid, fragt am besten nach dem Konzeptionsgespräch alle Darsteller ab, ob die notierten Abwesenheiten stimmen. Ich habe oft genug erlebt, dass hier Termine verwechselt oder vergessen worden sind. Das sorgt in den meisten Fällen für (zu Recht) genervte Regisseure.

Listen, Listen, Listen

Wenn es sich nicht um eine extrem komplizierte Inszenierung handelt, seid ihr nun gut auf die erste Probe vorbereitet. Am ersten Probentag könnt ihr euch aber auf weitere wichtige Dokumente gefasst machen: Besetzungszettel, Kontaktliste, Requisitenliste, Grundrisse des Bühnenbilds, Grundrisse des Probebühnenaufbaus und Figurinen.

Besetzungszettel und Kontaktliste bekommt ihr vom KBB. Die Kontaktliste könnt ihr ein paar Mal kopieren – erfahrungsgemäß nehmen aber trotzdem nicht alle eine mit. Es hilft aber, wenn man die Sänger bittet, zumindest die Nummer des Assistenten einzuspeichern, für den Fall der Fälle. Ich selbst habe immer alle Nummern der Beteiligten schon vorher eingespeichert. Wenn dann mal ein Sänger zu spät kommt, muss ich nicht erst geräuschvoll nach der Telefonliste kramen, sondern kann einfach die Probebühne verlassen und sofort anrufen. Eine Requisitenliste bekommt ihr vom Regisseur oder vom Bühnenbildner – oder es gibt noch keine und ihr müsst selbst eine anlegen. Grundrisse des Bühnenbilds bekommt ihr vom Bühnenbildner selbst oder vom Ausstattungsassistenten. Lasst euch die Grundrisse und auch die Verwandlungen gut erklären. Der Bühnenbildner wird nicht ständig bei den Proben dabei sein und eventuell gibt es auch gar keinen Bühnenbildassistenten, das heißt, ihr müsst aufkommende Fragen selbst beantworten. An manchen Häusern gibt es auch Grundrisse für den Aufbau auf der Probebühne. Lasst euch auch hier alles von der technischen Abteilung erklären. Wichtig zu wissen ist, ob die Verhältnisse stimmen. Vermutlich wird auf der Probebühne alles ein wenig kleiner sein. Hier ist eure wichtigste Aufgabe, den Regisseur immer wieder daran zu erinnern, wenn es bei den Proben relevant ist. Häufig bringt der Kostümbildner Figurinen mit, um zu zeigen, wie er sich die Kostüme vorstellt. Manche Kostümbildner arbeiten aber auch mit Collagen und Foto-Sammlungen um annähernd ihre Ideen zu beschreiben. Lasst euch auch hier alles erklären. Haben die Kostüme Taschen? Brauchen wir Taschen? Wie weit und lang sind die Röcke? Welche Schuhe tragen die Darsteller? Gibt es schnelle Umzüge? Auch hier müsst ihr vielleicht während der Proben Auskunft geben.

Arbeitsprobenphase

Das Konzeptionsgespräch ist vorbei und nun können die szenischen Proben endlich losgehen! Moment… was wird eigentlich geprobt? Die Erstellung und Angabe des Tagesplans gehört zu euren wichtigsten Aufgaben vor bzw. während der Vormittagsprobe. Den ersten Tagesplan solltet ihr übrigens früh genug abfragen. Vermutlich kennt ihr den Regisseur noch nicht und wisst auch noch nichts über die Inszenierung. Lasst euch vom KBB die Kontaktdaten geben und fragt schon ein paar Tage vorher nach, wie der erste Probentag aussehen soll. Falls er sich nicht festlegen kann oder will, ist es keine Schande für den ersten Tag „Probe nach Ansage für alle Beteiligten“ aufschreiben zu lassen. Was den Tagesplan betrifft, habe ich mit ganz unterschiedlichen Typen zusammen gearbeitet – manche sind sehr organisiert und wissen schon vor der Vormittagsprobe ganz genau, wie der folgende Tag aussehen wird, manche sind jeden Tag aufs Neue von der Frage nach dem Tagesplan überrascht. Es ist nicht unüblich, dass ihr die ganze Pause damit verbringt, gemeinsam mit dem Regisseur einen Probenplan auszuarbeiten. Falls dies in einer Produktion bei euch der Fall sein sollte, kann ich euch nur raten, den Tagesplan persönlich beim KBB anzusagen. So kommt ihr mal kurz weg von der Probebühne und habt zumindest eine Ahnung von Pause. Auf dem Rückweg ist auch ein Umweg über die Kantine ratsam.

An jedem Haus gibt es eigene Regeln, wie der Tagesplan angesagt werden sollte. Manche möchten es nur telefonisch, an manchen Häusern muss man den Plan in ein Buch schreiben. Außerdem gibt es immer eine Deadline gegen Mittag. Fragt am besten nach, ob es eine hausinterne Regelung für Änderungswünsche nach der Deadline gibt. Denn sie werden kommen.

Endprobenphase

Wenn ihr dann endlich von der Probebühne auf die Bühne umzieht, stehen auch bald Beleuchtungsproben an. Dafür ist es sinnvoll Vorlagen für eine Beleuchtungsliste mitzubringen. Damit habt ihr alle wichtigen Informationen für jeden nachvollziehbar und schnell zur Hand.

Der größte Termin in der Endprobenphase ist dann die Klavierhauptprobe. Da hier alle zum ersten Mal mit den Originalrequisiten, Originalkostümen und vielleicht auch zum ersten Mal mit dem Originalbühnenbild konfrontiert sind, müsst ihr vor dem Beginn des Durchlaufs alles sehr gut und mehrfach checken. Wichtig ist hier der Kostümablauf, der für meine Produktionen allerdings immer von der Kostümabteilung selbst erstellt wurde. Es kann aber nicht schaden, einen Blick darauf zu werfen und die Augen nach Fehlern offen zu halten. Zu diesem Zeitpunkt kennt niemand die Produktion so gut wie ihr! Selbst der Regisseur kann bei Details überfragt sein – wie gut, dass ihr alle wichtigen Informationen schwarz auf weiß habt. Auch den technischen Ablauf solltet ihr mit diesem Hintergedanken zumindest überfliegen.

Vielleicht habt ihr bei dieser Probe sogar die Gelegenheit auch die Applausordnung zu arrangieren. Sprecht euren Regisseur ein paar Tage vorher darauf an und bereitet eventuell eine Applausordnung vor, die er dann korrigieren und absegnen kann. Wenn ihr neu an einem Haus seid, fragt ruhig die Kollegen, was dort üblich ist. Ein klarer, zügiger Ablauf ist hier angebrachter als große Choreographie.

Noch Fragen?

In den nächsten Beiträgen möchte ich euch von weiteren Aspekten einer Regieassistenz berichten. Ich habe mich zum Beispiel intensiv mit Stressbewältigung und Rechtlichem beschäftigt.

Aber wenn ihr ganz andere Themen oder Fragen über Regieassistenz habt – immer her damit!


Tabellarisches Szenario

Ausführliches Szenario

Produktionsplan

Requisitenliste

Beleuchtungsliste

Applausordnung

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Oper | Rezension

MEIN STAAT ALS FREUND UND GELIEBTE von Johannes Kreidler in Halle – Eine Komposition?

von am 21. Mai 2018

Sprengt die Opernhäuser in die Luft! An diese berühmte Aufforderung muss ich unwillkürlich nach jeder besuchten Vorstellung an der Oper Halle denken. Denn mir scheint, dass an diesem Haus alles daran gesetzt wird, dieser Idee des Dirigenten Pierre Boulez Folge zu leisten – allerdings in einer Form, die ohne den Verlust von tatsächlicher Bausubstanz auskommt. So ist auch die Uraufführung von Mein Staat als Freund und Geliebte von Johannes Kreidler, die seit dem 27. April in Halle zu sehen ist, ein ästhetischer Anschlag auf die Tradition der Oper an sich.

Der Staat als Spielpartner

Am besten wagt man sich an eine Erklärung zu diesem Musiktheaterwerk heran, indem man es von der Grundidee her denkt. Im Einführungsgespräch berichtet Chefdramaturg Michael von zur Mühlen davon, dass Johannes Kreidler zuerst über die Rolle des Chores auf der Bühne nachgedacht hat. Dieser stellt zumeist eine Gemeinschaft dar – oder speziell einen Staat. Die nächste Frage – die ich ihm unterstelle – wäre dann, wie eine Oper aussehen müsste, die als Hauptprotagonist eben diesen Staat vorstellt. Dabei war es Kreidler ein besonderes Anliegen, das Individuum dem Staat gegenüber zu stellen und die beiden in unterschiedlichen Situationen und Beziehungen zueinander zu zeigen. Wie aber kann man eine Gruppe von Menschen auf der Bühne als handelnde Institution darstellen? Die humorige Lösung des Künstlers Kreidler sieht folgendermaßen aus: Auf einer Projektionswand werden Ausschnitte aus alten Hollywood-Filmen gezeigt, in denen jeweils ein Dialog stattfindet. Die eine Figur wurde in der Aufnahme neu synchronisiert – die andere wird live vom gesamten Chor synchronisiert. Et voilà, der Staat hat nun Körper und Stimme und kann mit dem Einzelnen interagieren. Das ist auf jeden Fall absurd, manchmal komisch und immer bemerkenswert gut vom Chor der Oper Halle umgesetzt. Als alter Trekkie erinnerte mich diese Sprechweise gleich an ein bestimmtes kollektives Bewusstsein, das in der ganzen Galaxis Angst und Schrecken verbreitet: „Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos.“

Der Staat (Chor der Oper Halle) im Konflikt mit dem Individuum (Stefan Paul), „Mein Staat als Freund und Geliebte“ von Johannes Kreidler an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Ist das Oper?

Um es kurz zu machen: Nein, ich halte dieses Werk nicht für eine Oper und sehe es als Provokation, dass es so bezeichnet wird. Johannes Kreidler selbst wendet laut Dramaturg von zur Mühlen den erweiterten Kompositionsbegriff auf das an, was an diesem Abend zu sehen ist. Das klingt zurst durchaus interessant: „Prinzipien der Komposition finden Anwendung auf andere Medien und Formsprachen […]“ Außerdem bedient er sich in der Art einer Collage am Fundus der Musikgeschichte. Ganz konkret bedeutet dies, dass wir Musik von Puccini, Liszt, Wagner, Weber und anderen (tatsächlichen) Komponisten hören, die allerdings in einen anderen Kontext gestellt wird. Ist das nun schon Komponieren?

Ein weiterer Hauptprotagonist auf Kreidlers Bühne ist der Schauspieler und Pianist Stefan, der viel Politisches und Soziologisches zum Thema „Staat“ beizutragen hat. Das ist mitunter ganz witzig, aber über weite Strecken auch mühsam und wirkt belehrend. Mit seinem Schlussmonolog vergrault er jedenfalls auch den letzten traditionsverbundenen Operngänger. Am Ende der Vorstellung soll nämlich doch bitte nicht applaudiert werden, was ohnehin ein sträflich banales Ritual sei, das eine sofortige und damit unreflektierte Bewertung des Gesehenen sei. Und die sei doch völlig inadäquat, wenn man bedenkt wieviel Vorbereitung, Überlegung und Arbeit hinter der Aufführung steht. Man sollte vielmehr die aufgebaute Spannung aushalten, sie mitnehmen in das eigene, reale Leben und dort damit umgehen, sodass quasi eine Vermischung von Kunst und Leben überhaupt möglich wird. Ein paar laute demonstrative Klatscher aus dem Saal der Oper Halle konnten Stefan bei dieser provokanten Ansprache nicht aus der Fassung bringen. Und es ist ja auch eine bedenkenswerte Haltung, die man zum Phänomen des Schlussapplaus‘ haben kann. Und so verließen die Zuschauer auch tatsächlich in leicht angespannter und irritierter Stimmung den Saal – ganz ohne die Hände gegeneinander zu schlagen.

Mein Staat als Freund und Geliebte von Johannes Kreidler ist am Ende ein irgendwie kurzweiliger Abend, der mit einigen guten Ideen gespickt ist, der aber nichts mit Oper, wie wir sie kennen, zu tun hat. Und genau deswegen hat dieses Stück ein wenig von der Sprengkraft, die sich Pierre Boulez gewünscht hatte.


Mein Staat als Freund und Geliebte. Oper von Johannes Kreidler. Für Chor, Video, einen Schauspieler, einen dramatischen Tenor, Ballett Orchester und Elektronik. (Ein Auftragswerk der Oper Halle)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Christopher Sprenger
Konzeption / Komposition / Regie: Johannes Kreidler
Bühne: Christoph Ernst
Kamera: Iwo Kurze
Choreografie: Dalier Burchanow
Dramaturgie: Michael von zur Mühlen

Besuchte Vorstellung: 12. Mai 2018

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Oper | Rezension

AIDA von Giuseppe Verdi in Halle – Dekonstruierte Oper mit Zusatz

von am 27. Januar 2018

Wer von der Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Aida an der Oper Halle einen beschaulichen Theaterabend erwartet hat, ist am vergangenen Samstag enttäuscht worden. Jedoch keiner ernsthaft Überraschung behaupten, der auch nur ein wenig von der Richtung des neuen Leitungsteams wahrgenommen hat. Ich muss gestehen, selbst eher in der Stimmung für Genuss und Katharsis gewesen zu sein und ja, auch ich war leicht genervt von den Unterbrechungen des gewohnten und geschätzten Ablauf dieser Oper. Aber war es deswegen ein schlechter Opernabend?

Ein bisschen mehr als nur Aida

Die Inszenierung von Chefdramaturg Michael von zur Mühlen beginnt mit einem Prolog. Es werden geflüsterte Texte eingespielt, dazu sieht man Videoeinspielungen auf der weißen Rückwand des Bühnenbilds. Menschen im Bus, vermutlich Flüchtlinge, umringt von anderen Leuten. Darüber prangt auf der Anzeige des Busses der Schriftzug „Reisegenuss“. Sofort wird klar, dass hier nicht die Darstellung einer Geschichte gehen soll, die im weit entfernten Ägypten passiert, welche in Krieg und Feindschaft mit den noch weiter entfernten Äthiopiern liegen, sondern um unsere eigene aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeit. So viel Text gleich am Anfang einer Oper war allerdings nicht nur mir zu viel und zu lang. Nach einigen Minuten war laut und deutlich der Kommentar eines Zuschauers zu vernehmen: „Was für ein Scheiß.“ Huch! Und bei diesem einen Ausruf im Publikum ist es nicht geblieben.

Im weiteren Verlauf dieses Theaterabends, der unter dem Titel Aida aufgeführt wurde, werden Ausschnitte von unterschiedlichen audiovisuellen Zeugnissen der jüngeren Kulturgeschichte gezeigt. Das Publikum wird zum Beispiel mit Passagen der Dankesrede der Journalistin und Philosophin Carolin Emcke konfrontiert, die 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. „Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfer sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen.“ Damit meinte Emcke zwar ein aktuelles Phänomen – ihre Aussage schlägt aber gleichsam eine Brücke zu Verdis Aida. Auch hier werden zwei Liebende Opfer von Ausgrenzung, obwohl sie sich persönlich davon emanzipiert hatten.

Ein weiterer großer Bruch passiert während Aidas Arie „O patria mia“. Plötzlich erscheint auf der rückwärtigen Projektionsfläche der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, der in seiner Rede an der Sorbonne über die Europäische Union und über deren ursprüngliche Idee spricht. Es sollte ein Bündnis sein, das Frieden, Wohlstand und Freiheit verspricht. Ein Ideal, das jeder gerne seine Heimat nennen wollen würde. So auch die hallesche Aida, die sich dem überlebensgroßen Macron in müder Sehnsucht nähert und sein lebloses Bild umarmen möchte.

Im zweiten Teil des Abends sehen wir dann Ausschnitte aus einem Gespräch zwischen dem Essayisten, Filmemacher und Theoretiker Alexander Kluge und dem Dramatiker Heiner Müller. Sie diskutieren die Bedeutung der Oper in unserer heutigen Gesellschaft. Das wirkte so, als müsste dem Publikum hiermit erklärt werden, warum die anderen Einspielungen gerechtfertigt sind.

Meta-Oper. In der Oper wird über Oper diskutiert, Aida von Giuseppe Verdi an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Endlich mal Oper wie damals!

Neben diesem politisch ehrgeizigen Ansatz des Regisseurs von zur Mühlen wird dieser Opernabend von einer weiteren Idee getragen. Das Bühnenbild von Christoph Ernst ist den Entwürfen für die Pariser Uraufführung nachempfunden, besteht also hauptsächlich aus flachen, bemalten Prospekten. In diesem Raum bewegen sich die Figuren allerdings nicht in ägyptischer bzw. äthiopischer Tracht (bzw. was der gemeine Europäer dafür hält), sondern in prächtigen Gewändern aus der Zeit der Uraufführung, also aus dem 19. Jahrhundert.

So ungefähr muss ein Terzett im 19. Jahrhundert szenisch dargeboten worden sein, Aida von Giuseppe Verdi an der Oper Halle, © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Die Sänger richten sich brav nach vorne, spielen zwar ihre jeweiligen Haltungen, aber interagieren nicht miteinander. Wer gerade dran ist, kommt vor und bemüht sich, den Fokus des Publikums auf sich zu ziehen. Nach den meisten Nummern wird dann auch (zu Recht) applaudiert, wozu sich die Beklatschten dezent verbeugen. Wenn das nicht Oper ist, wie sie sein sollte! Endlich mal wieder werktreue Aufführungspraxis, ohne unmotivierte Handlungen, die eh nur beim Singen stören. Ich fand diese Idee unglaublich charmant und humorvoll – bin mir aber nicht sicher, ob alle im Publikum die Ironie dieser Darstellungsweise verstanden haben.

Ein hakeliger Opernabend

Für mich ging das Konzept des Regieteams nicht auf. Ich fand die Fremdtexte zu viel und teilweise zu schnell gesprochen, als dass ich sie hätte aufnehmen können. Vielleicht hätte da ein vollständiger Abdruck im Programmheft geholfen, um sie mindestens hinterher nachvollziehen zu können? Oder ein Hand-Out nach der Vorstellung? Überdies blieben auch viele Fragen offen. Warum wurden über die ganze Dauer des Triumphmarschs Fotografien von Hans Eijkelboom gezeigt, der zwischen 2013 und 2014 Passanten in Birmingham abgelichtet hat? (Das gezeigte Video ist in voller Länge hier bei Vimeo zu sehen.) Warum hält der Chor in der letzten Szene Stills aus Youtube-Videos hoch, die traurige Teenager zeigen? Fraglich bleibt für mich in jedem Fall, ob eine Opernvorstellung der geeignete Ort für einen politischen oder theoretischen Diskurs ist. Dafür gibt es doch – gerade an der Oper Halle – genug andere Plattformen. Was mich in Halle jedoch wieder begeistert hat, ist das Publikum. So viele lautstarke Kommentare, so viele Buhs aber auch Bravos habe ich noch in keinem Stadttheater erlebt. Und obwohl wieder demonstrativ gestöhnt wurde und Sprüche zu vernehmen waren wie „Das war das letzte Mal, dass ich in Halle in die Oper gehe.“, „Wir sind hier im falschen Theater.“, „Platter geht’s nicht!“ oder „Langsam reicht’s!“ waren die meisten Plätze der ausverkauften Vorstellung auch nach der Pause noch besetzt. So richtig wütend Rumbrüllen ist ja auch eine Art von Katharsis.


Aida. Oper von Giuseppe Verdi. Libretto von Antonio Ghislanzoni. In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Oper Halle
Musikalische Leitung: Josep Caballé-Domenech
Regie: Michael von zur Mühlen
Bühne und Kostüm: Christoph Ernst
Video: Iwo Kurze
Dramaturgie: Dr. Jeanne Bindernagel

Besuchte Vorstellung: 20. Januar 2018 (Premiere)

 

 

 

 

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