Oper | Rezension

THE GREAT GATSBY von John Harbison in Dresden – An der Oberfläche gekratzt

von am 10. Dezember 2015
"The Great Gatsby" von John Harbison an der Semperoper Dresden, Foto: Daniel Koch

Nun gibt es sie auch in Europa zu sehen: The Great Gatsby, die Oper zum bekannten Film von Baz Luhrmann hatte am vergangenen Wochenende an der Semperoper in Dresden seine Europäische Erstaufführung. Nein, natürlich basiert die 1999 uraufgeführte Oper von John Harbison, die als Auftragswerk für die New Yorker Metropolitan Opera entstanden ist, auf dem Roman von F. Scott Fitzgerald. Ein literarisches Meisterwerk ist The Great Gatsby ohne Zweifel – wie sieht es aber mit der Umsetzung für die Opernbühne aus, für die John Harbison auch als Librettist verantwortlich zeichnet?

Der Stoff, aus dem Opern gemacht sind

Eine der ersten Fragen, die ein Komponist bzw. Librettist für sich selbst und gleichzeitig für das Publikum klar und deutlich beantworten muss, ist diese:
Warum ist gerade dieser Stoff bzw. diese Vorlage für eine Vertonung geeignet?
Im Programmheft zur Neuinszenierung an der Semperoper ist ein aufschlussreiches Interview mit dem Komponisten zu finden, in dem er auf genau diese Frage antwortet. Seiner Auffassung nach biete sich der Stoff für eine musikalische Verarbeitung an, da viele Beschreibungen von Umgebungsgeräuschen wie Radios, Parties, Jazzbands oder Straßenlärm darin zu finden sind. Auch die vielen poetischen Beschreibungen inspirierten ihn zu musikalischen Ideen. Eine überzeugende Antwort? Was ist mit den vielen Leerstellen und Mehrdeutigkeiten, die eine große Faszination des Romans von Fitzgerald ausmachen? Was ist mit der diffusen Charakterzeichnung des Protagonisten? Was ist mit der Erzählerfigur Nick Carraway, durch dessen Augen wir die gesamte Handlung (verzerrt) sehen? Liegen diese erzählerischen Elemente nicht eigentlich jenseits von dem, was auf der Opernbühne darstellbar ist?

So hab ich mir das vorgestellt

Die Oper von John Harbison folgt dramaturgisch im Großen und Ganzen der Vorlage von Fitzgerald. Viele der Texte sind eins zu eins aus dem Roman entnommen. Harbison entschied sich außerdem auch den Schluss zu übernehmen, obwohl es traditionell unüblich sei, eine Oper kurz nach dem Tod des/der Protagonisten zu beenden. Musikalisch ist das Werk durchaus anspruchsvoll, für die Sänger in erster Linie durch unzählige lang gehaltene hohe Töne, deren Motivation sich selten erschloss.
Die Inszenierung von Keith Warner schafft es leider nicht, die Schwächen des Werks von Harbison auszugleichen. Die einzige Idee, die konsequent durchgeführt wurde, ist die Vergrößerung von Möbelstücken. Daisy und Jordan räkeln sich zu Beginn auf einer überdimensionierten Chaiselongue, Gatsby und Daisy finden keine angenehme Position auf den gigantischen Gartenstühlen. Ein taugliches Bild für das unverhältnismäßig dekadente Leben der Upper Class.

Während sich Daisy (Maria Bengtsson) und Jordan (Christina Bock) auf der zu groß geratenen Couch räkeln, müssen die Herren Nick (John Chest) und Tom (Raymond Very) es sich daneben gemütlich machen, "The Great Gatsby" von John Harbison an der Semperoper Dresden, Foto: Daniel Koch
Während sich Daisy (Maria Bengtsson) und Jordan (Christina Bock) auf der zu groß geratenen Couch räkeln, müssen die Herren Nick (John Chest) und Tom (Raymond Very) es sich daneben gemütlich machen, „The Great Gatsby“ von John Harbison an der Semperoper Dresden, Foto: Daniel Koch

Eine weitere generell schlüssige Lösung für das Problem der Erzählerfigur Nick ist die Teilung des Bühnenraums in zwei Ebenen. Der vordere Bereich ist durch eine Stufe und eine andere Lichtatmosphäre vom Rest des Bühnenbilds getrennt. Hier sehen wir den Arbeitsplatz des Autors, der immer wieder auf seiner Schreibmaschine das Erlebte festhält. Leider wird die Grenze zwischen diesen beiden Ebenen szenisch nicht klar eingehalten bzw. werden die Überschreitungen nicht gedeutet. Ein großes Frustpotential birgt außerdem der fast durchgängige Einsatz von engen Verfolgern auf den Akteuren, die naturgemäß nicht alle ruckartigen Bewegungen antizipieren können.
Leider ist es Warner auch nicht gelungen die Partyszenen im Hause Gatsby interessant zu gestalten. Die Chormasse bewegt sich zwar im Charleston-Stil aber insgesamt sehr undifferenziert auf den gigantischen Stufen des Anwesens. Hier wäre mehr Orgie auf allen Ebenen wünschenswert gewesen. 

Es funkelt und glitzert, aber es fetzt nicht. Da kann Nick (John Chest) in Ruhe schreiben, "The Great Gatsby" von John Harbison an der Semperoper Dresden, Foto: Daniel Koch
Es funkelt und glitzert, aber es fetzt nicht. Da kann Nick (John Chest) in Ruhe schreiben, „The Great Gatsby“ von John Harbison an der Semperoper Dresden, Foto: Daniel Koch

Wer ist eigentlich Gatsby?

Sowohl die Oper von Harbison als auch deren Inszenierung von Warner leiden darunter, dass sie am Kern des Stoffs vorbeigehen. Denn The Great Gatsby ist in erster Linie eben keine tragische Liebesgeschichte, sondern die Geschichte eines Mannes, der sich mithilfe seiner enormen Vorstellungskraft und seines ausgeprägten Ehrgeizes selbst erfunden hat. Die Konfrontation mit Daisy ist vor diesem Hintergrund „nur“ der Höhepunkt seines Lebenstraums, der an den Umständen und Unwägbarkeiten der Realität scheitert. Lässt man diesen Aspekt außen vor, ist es nur die Geschichte eines mafiösen Self-made man, der eine Affäre mit einer verheirateten reichen Frau hat, und durch einen unglücklichen Zufall gepaart mit der Rachlust des betrogenen Ehemanns zu Tode kommt. Aber das wird allem, was Gatsby ist und symbolisiert, nicht gerecht.


Radio-Kritik im mdr vom 7. Dezember 2015

Kritik im Dresdner Neueste Nachrichten vom 7. Dezember 2015

Kritik in der Frankfurter Rundschau vom 7. Dezember 2015

Kritik auf elbmargarita vom 7. Dezember 2015


The Great Gatsby. Oper in zwei Akten von John Harbison (UA 1999 New York)

Semperoper Dresden
Musikalische Leitung: Wayne Marshall
Inszenierung: Keith Warner
Bühnenbild: Johan Engels
Kostüme: Emma Ryott
Licht: John Bishop
Video: Knut Geng
Choreographie: Michael Barry
Dramaturgie: Stefan Ulrich

Besuchte Vorstellung: 6. Dezember 2015 (Premiere)

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Oper | Rezension

DER UNTERGANG DES HAUSES USHER von Philip Glass in Hof – Schön und schön verstörend

von am 18. März 2015
"Der Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign

Knock knock.
Who’s there?
Knock knock.
Who’s there?
Knock knock.
Who’s there?

Philip Glass.

Derzeit klopft es am Theater Hof mit einer Oper, die auf einer der bekanntesten amerikanischen Kurzgeschichten der Schwarzen Romantik basiert: The Fall of the House of Usher von Edgar Allan Poe. Der Schriftsteller war einer der ersten Spezialisten des Psychothrillers und ein Experte in Paranoia und Wahnsinn. Wer seine Werke liest, wird von Anfang bis Ende von einem Gefühl der Unsicherheit begleitet: Was ist real und was existiert nur im Bewusstsein der Figuren?
Kein Wunder, dass sich der amerikanische Komponist Philip Glass für diesen Stoff begeistert hat. Er erschafft mit seiner sogenannten Minimal Music Klangwelten, die im ersten Moment endlos, undramatisch und gleichförmig scheinen, aber tatsächlich mit kleinen subtilen Veränderungen, Auslassungen und unerwarteten rhythmischen Variationen ein Gefühl von unbestimmter Unruhe hervorruft.
Bleibt nur noch die Frage, ob Regisseur Kay Neumann mit seiner Inszenierung von Philip Glass‘ Der Untergang des Hauses Usher ebenfalls an unseren Nerven kitzeln kann.

Ort: Das Anwesen Usher

Roderick Usher ist krank. Er ist darüber so verzweifelt, dass er seinem alten Jugendfreund William schreibt, er möge bitte so schnell wie möglich zu ihm kommen. William reitet also durch Nacht und Wind und findet seinen Freund Roderick in erschreckend schlechter Verfassung. Er ist angespannt, überreizt und hypersensibel. Und die Tatsache, dass er der letzte Spross des Adelsgeschlechts Usher ist, macht ihn auch nicht gerade vergnügt. Im alten halb verfallenen Anwesen lebt auch noch Madeline, die Zwillingsschwester von Roderick. Sie scheint ebenfalls nicht ganz auf der Höhe zu sein. Sie stirbt unerwartet und wird in der Familiengruft begraben. Einige Tage später stürmt es furchterregend – nicht nur draußen um das Anwesen, sondern auch in Roderick. William muss mitansehen, wie er immer nervöser und reizbarer wird. Er scheint Geräusche im Haus zu hören, die William nicht wahrnimmt. Rodericks Wahn wird für ihn so unerträglich, dass er gesteht, seine Schwester lebendig begraben zu haben. Plötzlich steht Madeline in der Tür. Blutüberströmt stürzt sie sich auf ihren Bruder, der an diesem Schock sofort stirbt.

Widerstand ist zwecklos

Der Plot von Edgar Allan Poes Shortstory ist zweifelsohne in seiner Kürze, Pointiertheit und Rätselhaftigkeit ein geniales Stück Literatur. Die Besonderheit seiner Werke liegt darin, dass sich der Horror in der Psyche der Figuren entwickelt. Aus deren Perspektive verwandelt sich die Umwelt in einen Schauplatz voller ominöser Vorzeichen und Symbole. Und immer bleibt ein Restzweifel darüber, was wirklich ist. Regisseur Kay Neumann hat in seiner Inszenierung am Theater Hof diese inneren Bilder auf die Bühne geholt. Er hat sich gemeinsam mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Günter Hellweg dafür entschieden, kein naturalistisches Anwesen zu zeigen. Stattdessen verschieben sich Backsteinmauern, um manchmal den Weg zu versperren, manchmal einen neuen Raum mit neuer Szene freizugeben. Dieses Haus von Usher ist mit dieser magischen Eigenheit ein wenig wie Harry Potters Hogwarts – nur viel düsterer. Denn das Bühnenbild vermittelt zu keiner Zeit die Gemütlichkeit eines alten Gemäuers. Die Schlafkammern, in denen William und Madeline Ruhe suchen und nicht finden, sind unbequeme kleine Würfel. Wie sollte man sich in diesen kokonartigen türlosen Zellen überhaupt hinsetzen oder hinlegen?

Zuhause oder Gefängnis? Madeline (Ina Lisa Lehr), Roderick (Mathias Frey) und William (Birger Radde) sitzen fest, "Der Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign
Zuhause oder Gefängnis? Madeline (Ina Lisa Lehr), Roderick (Mathias Frey) und William (Birger Radde) sitzen fest, „Der Untergang des Hauses Usher“ von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign

Die Deutung des rätselhaften Anwesens als kreatürlichen und gleichzeitig futuristischen Raum ist nicht nur schlüssig, sondern auch stilvoll umgesetzt. Aus dem Bühnenhimmel senkt sich mehrmals ein wild verwachsener Kubus herab. Was verbirgt sich in diesem Gegenstand, der nicht nur an eine sanfte Naturgewalt denken lässt, sondern auch an die Architektur der Borg, die organisches und mechanisches Material zu einem bedrohlichen abartien Spinnennetz verbinden?

Der Kokon des Hauses Usher senkt sich auf William (Birger Radde) herab, "Der Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign
Der Kokon des Hauses Usher senkt sich auf William (Birger Radde) herab, „Der Untergang des Hauses Usher“ von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign

Mehr Inhalt

Aber: Ein ästhetisches, intelligentes Raumkonzept macht nicht die ganze Inszenierung aus. Was passiert denn nun bei Kay Neumann in diesem merkwürdigen Hause Usher? Die Komposition und das Libretto von Philip Glass üben sich in Reduktion. Wo die Musik allein extrem wenig erzählt, fügt auch der Text nicht viel mehr hinzu. Es ist folglich nahezu unmöglich, sich bei der Personenführung auf das dramatische Potential der Komposition zu verlassen. In einem solchen Fall ist es unabdingbar für einen Regisseur, eigene Ideen zu entwickeln, eigene Bilder hinzuzufügen, eigene Handlungen zu erfinden. Das gelingt dem Regieteam um Kay Neumann nur teilweise. Der unnatürliche Sprachduktus von Glass‘ Gesangslinien wird nicht stringent in eine Personenregie eingebunden. Psychologisch motivierte Handlungen werden immer wieder von verstörenden Pausen unterbrochen. In solchen Momenten wäre eine ausführlichere und dichtere innere Handlung wünschenswert gewesen. Neumanns choreographierte Bewegungen hingegen erzeugen wirksam eine unheimliche Atmosphäre. Bewegungen in Zeitlupe, Gänge im rechten Winkel oder überraschende Auftritte hinter sich wie von Geisterhand verschiebenden Wänden sind genau die richtigen Mittel, um den Zuschauer in Zweifel zu setzen, auf welcher Ebene der Realität er sich befindet.

Lady Madeline

Eine der großen Fragen – wenn nicht gar die größte – welche die Oper The Fall of the House of Usher stellt, ist die nach der Darstellung der Zwillingsschwester von Roderick. Die Gesangspartie von Madeline besteht bei Glass ausschließlich aus Vokalisen, also nur gesungenen Vokalen ohne Worte. Mit dieser speziellen Ausdrucksform steht sie neben ihren Kollegen allein da – eine Tatsache, die ganz unterschiedliche Möglichkeiten eröffnet. Und diese reichen von einer Geisteskrankheit der Schwester bis hin zur Infragestellung ihrer Existenz. Kay Neumann hat sich für eine ambivalente Darstellung von Madeline entschieden – eine Deutung, die ganz der beklemmenden Atmosphäre des Stücks entspricht. Sie ist zuerst Schlafwandlerin, dann scheint sie ein Teil des Anwesens selbst zu sein.

Madeline (Inga Lisa Lehr) ist unter anderem der Geist des Hauses Usher, "Der Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign
Madeline (Inga Lisa Lehr) ist unter anderem der Geist des Hauses Usher, „Der Untergang des Hauses Usher“ von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign

Später ist sie außerdem eine ganz reale verletzliche Frau, die von ihrem Bruder auf inzestuöse Weise geliebt wird. Und auch das schlechte Gewissen von Roderick, der sie umbringen wollte. Geschah dieser Mord in einer einvernehmlichen Liebesnacht oder im Kampf um seine Erfüllung? Auch das lässt Kay Neumann offen. Besonders schön, weil so herrlich überraschend ist der Schluss. In der literarischen Vorlage von Edgar Allan Poe sterben die beiden Geschwister gleichzeitig, weil Madeline bereits vom lebendig begraben sein und ihrer Wut auf den Bruder zu versehrt ist und der labile Roderick den Schock über ihr unerwartetes Erscheinen nicht aushält. Am Theater Hof erscheint Madeline in einem Lichtkegel aus der Hinterbühne – oder ist es der Lichtkegel aus einer anderen Sphäre? Sie umschlingt den Bruder – jedoch nicht, um sich an ihm zu rächen, sondern um zum (vielleicht ersten und) letzten Mal der tatsächlich leidenschaftlichen Liebe zum Bruder nachzugeben. Die beiden scheinen erleichtert, als sie gemeinsam in den tödlichen Abgrund des Orchestergrabens hüpfen.

Wer ist William und wenn ja, wann?

Aber mit diesem dramatischen Ende der Geschwister ist der letzte Ton der Oper noch nicht gespielt und der letzte Clou der Hofer Inszenierung von Kay Neumann noch nicht gezeigt. Denn am Ende sehen wir in einer Projektion auf den vorderen Schleier wie der übermenschlich große William am Schreibtisch sitzt und das Gesehene und Erlebte niederschreibt. Dieses Schlussbild ist einerseits die perfekte (und konsequente) Abrundung des Abends – zu Beginn der Oper sehen wir nämlich William ebenfalls am Schreibtisch sitzen, wie er den Brief von Roderick liest; andererseits ist der letzte Moment aber auch ein herrlich uneindeutiger Bruch der Erzählebenen. Der letzte Blick des leicht verstört dreinschauenden Sänger des William gilt nämlich seinem übergroßen Alter Ego auf der Leinwand. Das leichte „hä“, das mich bei dieser Idee überkam, hätte bestimmt nicht nur Kay Neumann, sondern auch Philip Glass und Edgar Allan Poe gefreut.


 

The Fall of the House of Usher. Oper von Philip Glass nach der Novelle von Edgar Allan Poe (UA 1988)

Theater Hof
Musikalische Leitung: Arn Goerke
Regie: Kay Neumann
Bühne und Kostüme: Günter Hellweg
Video: Kristoffer Keudel
Dramaturgie: Guido Hackhausen, Thomas Schindler

Besuchte Vorstellung: 13. März 2015 (Premiere)

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