Oper | Rezension

DER FERNE KLANG von Franz Schreker in Lübeck – Von Glitzer und Grabschern

von am 23. Oktober 2017

[HINWEIS: Aus gegebenem Anlass weise ich darauf hin, dass ich hier – und auch sonst immer – ausschließlich über das Regiekonzept des gesehenen Abends schreibe.] 

Franz Schreker wird viel zu selten gespielt. Deswegen muss man manchmal in die Ferne reisen, um ein Werk von ihm auf der Bühne zu sehen. In diesem Fall hatte das Ziel meines weiten Ausflugs nicht nur den passenden Titel, sondern versprach in einer Inszenierung von Jochen Biganzoli auch ein besonders spannender Abend zu werden. Ich hatte seinen bezeichnenden Regie-Stil vor einem Jahr bereits an der Oper Halle kennengelernt, wo er eine umstrittene Inszenierung von Giacomo Puccinis TOSCA verantwortet hatte. Daher war ich mental darauf vorbereitet, etwas anderes zu sehen als konventionelle, traditionelle Oper – und wurde trotzdem noch überrascht.

Der ferne Klang

Wie der Titel bereits andeutet, geht es in Franz Schrekers Oper Der ferne Klang um Musik – genauer gesagt, um einen Komponisten. Dieser liebt ein Mädchen namens Grete, verlässt sie aber, um in der Ferne diesen einen ganz besonderen, wunderschönsten, perfekten Klang zu finden. Der soll ihm dazu verhelfen, sich als Künstler zu entfalten und in der Kunstwelt zu etablieren. Während Fritz unterwegs ist, gerät Grete in ein zwielichtiges Milieu. Sie wird zur Edelprostituierten und veranstaltet eines abends einen kleinen Gesangswettbewerb. Der Gewinner darf die Nacht mit ihr verbringen. Zufällig ist auch Fritz an diesem Abend anwesend und kann mit einem wunderschönen Lied überzeugen. Als er aber erkennt, was aus seiner Grete geworden ist, wendet er sich von ihr ab und verschwindet erneut. Wieder geht Zeit ins Land und Fritz hat nun endlich eine Oper geschrieben. Die Harfe fällt allerdings bei der Uraufführung durch, er muss sich eingestehen, dass es damals ein Fehler war, für ein unerreichbares Ideal seine Liebe zu Grete aufzugeben. Die kommt mittlerweile nur noch als Straßendirne über die Runden. Als sie zu ihm zurückkehrt, stirbt er vor Erschöpfung in ihren Armen.

Das Libretto der Oper stammt von Schreker selbst, der sich vom Roman Niels Lyhne des dänischen Autors Jens Peter Jacobsen hat inspirieren lassen. Aber worum geht es nun genau? Das Regieteam und Dramaturg Francis Hüsers haben in diesem Werk drei große Themenbereiche erkannt: Ein Künstlerdrama, sexuellen Missbrauch und einen theaterästhetischen Diskurs. Klingt nach einer recht ehrgeizigen Arbeitsgrundlage für eine Inszenierung. Wird der Abend diesen hohen Ansprüchen gerecht?

Folie, Glitter, Glas und ein Klavier

Das Bühnenbild von Wolf Gutjahr ist nüchtern und symbolträchtig. Zu Beginn schauen wir in die offene Bühne, auf der ein improvisiert aussehender Kasten steht. Am rechten Portal sehen wir außerdem ein einfaches Klavier – das Handwerkszeug des Komponisten. Es wird den ganzen Abend über an Ort und Stelle bleiben und manchmal für die Hoffnung auf Inspiration, manchmal für die Erinnerung an den verlorenen Geliebten stehen. Das Zuhause von Grete und ihren Eltern ist alles andere als heimelig, es besteht aus einem labilen Lattengerüst und die Wände aus transparenter Folie. Hier gibt es keine Privatsphäre, keinen Rückzugsort. Spätestens mit dem Auftritt des alkoholsüchtigen Vaters und seinen Saufkollegen wird klar, dass wir einer sozialen Unterschicht bei ihren üblichen Vergnügungen zusehen. Dazu gehört unter anderem, die eigene Tochter an den Kneipenwirt zu verkaufen, um seine Trinkschulden zu begleichen. Während wir dieser absurden Zwangsverlobung zuschauen, läuft auf Projektionsflächen über dem Häuschen eine Rückschau in die Kindheit von Grete. Sie tanzt als kleine Ballerina auf dem elterlichen Küchentisch, um sie herum die Kumpanen des Vaters, welche versuchen unter ihr Tutu zu glotzen. Hier – wie auch später im zweiten Akt – ist es Biganzoli ganz besonders gelungen, sexuelle Belästigung und sexuellen Missbrauch auf klare, aber subtile und dezente Weise darzustellen. Ich finde in dieser Hinsicht auf der Bühne kaum etwas widerlicher als die plakative und direkte Darstellung von sexuellen Handlungen, die eigentlich schockieren sollen, letztlich aber dem Zuschauer ein voyeuristisches Vergnügen bereiten.

Im zweiten Akt ist die Bühne umgeben von einem großen goldenen Glitzervorhang, aus dem Figuren auftreten und hinter dem sie verschwinden können. Es ist eine Welt des Rausches und der Zerstreuung, in der alles verschwimmt, die Wahrnehmung für Details getrübt ist und ohnehin beliebig ist, wer mit wem kommt und wer mit wem hinter dem goldenen Flitter verschwindet. Das sind mitunter auch erwachsene Männer, die sich eins der tanzenden Kinder reservieren und gegen ihren Willen ins Dunkel zerren.

Grete (Cornelia Ptassek) in ihrem gläsernen Gefängnis, umringt von Freiern, „Der ferne Klang“ von Franz Schreker am Theater Lübeck, Foto: Steffen Gottschling

Die Stückpause wurde genutzt, um den gesamten Orchesteraufbau vom Graben auf die Bühne zu verfrachten. Ein Überraschungseffekt, der schon an anderen Häusern und anderen Inszenierungen erfolgreich eingesetzt wurde. Dieses pure Bild am Ende der Oper sollte eine konzertante Aufführungssituation darstellen. So trägt Grete, die im Publikum erscheint, zum Schluss ein schwarzes Konzertkleid und steht nur noch singend neben ihrem Fritz, den sie nicht in die Arme schließt, sondern nach ihrem letzten gesungenen Ton einfach abgeht. Ohne das zugehörige Programmheft gelesen zu haben, ist dieses Ende allerdings nicht lesbar als Darstellung einer bestimmten Theaterästhetik. Ist es überhaupt möglich, einen theoretischen Diskurs in einer Inszenierung abzubilden?

Das totale Theater

Der Clou dieses Abends ist das sogenannte Zwischenspiel nach dem ersten Akt. Alle Saaltüren werden gleichzeitig geöffnet und eine charmante Stimme fordert uns auf, die Annehmlichkeiten in den Foyers zu genießen. Meinen die das ernst? Nach wenigen Sekunden der Schockstarre stehen die ersten Zuschauer auf und finden sich draußen mit einem Glas Sekt in der Hand wieder. Dort ist die Party schon in vollem Gange, ein Tenor schmettert ein Liedchen während woanders historische Texte über das sexuelle Verhalten des weiblichen Geschlechts verlesen werden. Überall flanieren Damen in Paillettenkleidern und Herren im Frack – alle mit Sonnenbrillen.

Diese Damen (Emma McNairy, Evmorfia Metaxaki, Caroline Nkwe, Wioletta Hebrowska) sind für das männliche Vergnügen da, „Der ferne Klang“ von Franz Schreker am Theater Lübeck, Foto: Steffen Gottschling

Mancher Zuschauer wird von einem bzw. einer dieser Figuren eingehakt und darf ein paar Meter gemeinsam flanieren. Wer Glück hat, bekommt ein kleines Herz aus Alufolie geschenkt. Kurze Zeit später ruft uns die Stimme wieder zurück in den Zuschauerraum. Aha, war das jetzt die Pause? Kam mir ganz schön kurz vor. Leichte Verwirrung macht sich breit, man stürzt den letzten Rest Sekt hinunter und wühlt sich durch das pinkfarbene Licht zurück zu seinem Platz. Nun ist auch auf der Bühne was los. Was habe ich denn jetzt alles verpasst? Geht es schon weiter? Wer singt und spielt hier denn eigentlich? Die Saaltüren gehen ja gar nicht zu, ist das jetzt also noch Vorgeplänkel? Ich bin immer begeistert, wenn ein Regisseur es schafft, mich zu verwirren. Besonders schön fand ich die Idee, die Türen fast den gesamten zweiten Akt offen zu lassen und mich so als Zuschauer von der Seite zu beleuchten. Das schafft tatsächlich eine komplett andere Atmosphäre, einen ungewohnt offenen Raum und ein weites Blickfeld.

Wenn man nun also keine Ahnung hat, wer Franz Schreker ist und auch die Handlung dieser Oper fad findet – dieser Abend lohnt sich allein dafür, eine andere, neue Art von Musiktheater zu erleben. Damit steht Regisseur Jochen Biganzoli freilich nicht allein da – Benedikt von Peter und Florian Lutz sind zwei weitere Empörer, die mit dem Entstauben des Opernrepertoires beschäftigt sind. Und das sollten wir, im Namen der bedrohten Kunstform Oper, unterstützen.


Der ferne Klang. Oper in drei Akten von Franz Schreker (UA Frankfurt am Main 1912)

Theater Lübeck
Musikalische Leitung: Andreas Wolf
Regie: Jochen Biganzoli
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Katharina Weissenborn
Video: Thomas Lippick
Licht: Falk Hampel
Dramaturgie: Francis Hüsers

Besuchte Vorstellung: 21. Oktober 2017 (Premiere)

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Oper | Rezension

IRRELOHE von Franz Schreker in Kaiserslautern – Was Männer wollen

von am 10. März 2015
"Irrelohe" von Franz Schreker am Pfalztheater Kaiserslautern, Foto: Stephan Walzl

Franz Schreker fuhr im Jahr 1919 mit der Bahn von Dresden nach Nürnberg. Dieser banalen Tatsache hat das Opernuniversum ein Werk zu verdanken, das bedauerlicherweise viel zu selten auf den Spielplänen erscheint. Die Bahnstrecke, auf der Schreker sich damals bewegte, führte durch einen Bahnhof mit dem Namen „Irrelohe“. Ein Wort, das für den Komponisten den Keim einer Dichtung in sich trug. Innerhalb von drei Tagen wurde aus diesem Namen ein Libretto; drei Jahre später wurde aus dem Libretto eine Oper. Und 1924 wurde diese Oper in Köln uraufgeführt.  Zuletzt wurde Irrelohe von Franz Schreker 2011 am Theater Bonn in Szene gesetzt. Glücklicherweise befand das Pfalztheater Kaiserslautern, dass nun endlich wieder Zeit ist, um zu knistern, zu brennen, zu lodern und zu glühen. Und nicht nur ich, sondern die gesamte internationale Schreker-Fangemeinde ist dankbar dafür.

Sex and Crime

Peter will endlich wissen, wer sein Vater ist. Aber seine Mutter Lola weicht dieser Frage immer wieder aus. Stattdessen schwafelt sie ständig von einem alten Fluch, der auf dem ansässigen Grafengeschlecht Irrelohe liegt, seitdem ein Graf mit einer Nixe einen Sohn gezeugt hat. Nun verfallen alle Grafen in ihrem 30. Lebensjahr dem Wahnsinn und vergewaltigen ein Mädchen aus dem Dorf. „Nette Gute-Nacht-Geschichte, aber was hat das bitte mit mir zu tun?“ fragt sich Peter. Da kommt ein unbekannter Gast in Lolas Kneipe. Es ist Christobald, der vor dreißig Jahren Peters Mutter heiraten wollte. Und der erzählt ihm nun, dass damals bei der Hochzeit ein Graf Irrelohe auftauchte und Lola vergewaltigte. Christobald selbst war so schockiert, dass er nicht eingriff. Seither macht er sich Vorwürfe und hofft, dass baldige Rache seinem Gewissen Frieden verschaffen wird. Peter zählt eins und eins zusammen – er ist schockiert über die Tatsache, dass auch in seinem Blut etwas vom Fluch von Irrelohe fließt. Er wünscht sich nichts sehnlicher als nie wieder etwas mit den Grafen oder dem Schloss zu tun zu haben, als Eva, seine Verlobte, ihn besucht. Sie hat ihm etwas Wichtiges zu sagen: Graf Heinrich von Irrelohe ist scharf auf sie. Und sie muss zugeben, dass er sie auch nicht ganz kalt lässt…

Jedes Jahr am 13. Juli stiftet jemand im Dorf einen Brand. Dahinter stecken Christobald und seine Kumpel: Drei von ihnen sorgen als Musikanten verkleidet für Ablenkung, während der vierte das Feuer legt. Dieses Jahr hat die Truppe es auf das Schloss selbst abgesehen. Christobald glaubt, dass nur durch ein reinigendes Feuer der Fluch endlich gebrochen werden kann. Währenddessen hat sich Graf Heinrich größtenteils auf seinem Schloss zurückgezogen. Aber seine Sehnsucht nach Eva kann und will er nicht länger verleugnen. Das Interesse ist offenbar gegenseitig, denn plötzlich steht sie in der Tür. Und schon bald ist klar, dass man sich nicht nur ganz nett findet, sondern sich am liebsten sofort die Kleider vom Leib reißen würde. Aber Heinrich bezwingt sein feuriges Naturell und möchte Eva zuerst heiraten.

Vor der Hochzeit jedoch steht noch eine große Aussprache an. Eva möchte mit Peter im Guten auseinander gehen. Aber der kann sie nicht einfach so lassen. Er spürt ein wachsendes Begehren nach ihr und eine Kraft, die ihn zu Fürchterlichem fähig machen kann. Als es nun Zeit ist für den Hochzeitstanz, stürzt Peter zwischen Heinrich und Eva. Er forderte seinen Halbbruder zum Kampf heraus und erhebt Anspruch auf Eva. Aber Heinrich hat genauso wildes Blut in den Adern und erwürgt Peter. Währenddessen war Christobald nicht untätig. Er hat das Schloss in Brand gesetzt. Ist der Fluch von Irrelohe damit endlich gelöst?

Erotomanie

Erotik, Leidenschaft, Sex, Gewalt. Darum geht es in der Oper Irrelohe von Franz Schreker. Der Komponist selbst bezeichnet sich in einer höchst amüsanten und interessanten Selbstbeschreibung unter anderem als Erotomane. Wer seine Musik hört, muss ihm Recht geben: Während Richard Wagner die Meisterschaft der musikalischen Darstellung von tiefer, brennender, zerreißender Sehnsucht erreicht hat, geht Schrekers Komposition noch einen Schritt weiter. Er lässt diese Feuer im Herzen ausbrechen, er lässt es lichterloh brennen, bis an die Decke des Saals, bis in die letzten Reihen der Ränge. Kann es da verwerflich sein, wenn man sich auch auf der Bühne ein bisschen Hitze wünscht?
Regisseur Holger Müller-Brandes hat sich dagegen entschieden, die vielen Gelegenheiten für erotische Szenen als solche zu nutzen. So passiert zwischen Eva und Heinrich, während sie sich von ihrer gegenseitigen Begierde erzählen, nicht einmal Blickkontakt. Sie versucht sich in das Bühnenbild, in Heinrichs Welt, einzufügen – er starrt mit wildem Blick vor sich hin. Und auch wenn sich im ersten Moment das Gefühl breit macht, dass hier eigentlich etwas anderes geschehen würde, muss man zugeben, dass Müller-Brandes‘ Instinkt richtig war. Ganz davon abgesehen, dass es sich schwer singen lässt, wenn man gerade dem Objekt seiner Begierde die Hemdknöpfe abbeißt, die Zunge in eine Ohrmuschel versenkt oder an einer Hüfte knabbert, kann es schnell unglaubhaft werden, wenn spürbar ist, dass zwischen den Darstellern eigentlich gar nichts knistert. Da bliebe im schlimmsten Fall dann nur noch eine unbeholfene und für alle Beteiligten leicht peinliche Choreographie übrig, die letztendlich überhaupt nichts mehr mit Erotik zu tun hat. Und wenn man optisch auf einer mehr intellektuellen Ebene stimuliert wird, fällt es umso leichter, sich in der leidenschaftlichen Musik zu verlieren, die mehr von dem Versuch der Verschmelzung zweier Menschen erzählt, als jede szenische Darstellung es je könnte.

Die Frau als Objekt

Was Holger Müller-Brandes mehr interessiert hat als vordergründige Erotik, sind die Frauen in diesem Stück. Dabei geht es ihm aber nicht zuallererst um die Frauen, die tatsächlich auftreten und ein eigenes Profil entwickeln, sondern vor allem um das Bild der Frau, das in jener dargestellten Gemeinschaft bzw. Gesellschaft existiert. Schon während des Einlasses spazieren mehrere schlanke junge Frauen in Haute-Couture-Klamotte in gemessenem Schritt über die Bühne. Als Accessoires tragen sie eine Einkaufstüte und einen ausdruckslosen anonymen Gesichtsausdruck. Diese Damen werden noch häufiger auftreten, jeweils mit weniger Stoff aber mit der gleichen kühl-distanzierten Attitüde. Sie sind schön, sie sind sexy, sie sind verfügbar. Was will der Irrelohe-Mann mehr? Deswegen nimmt er sich die Frau eben. Und diese Deutung findet in Kaiserslautern dank Holger Müller-Brandes eine genial groteske Darstellung. Während wir uns musikalisch vom Dorfplatz zum Schloss bewegen, treten mehrere männliche Statisten auf. Sie sind entweder miteinander verwandt oder gehören zumindest demselben Club an. Jedenfalls tragen sie den gleichen Anzug und die gleiche Frisur. Diese schnieken Herren haben alle jeweils eine Schaufensterpuppe dabei, die mit sexy Dessous ausgestattet sind. Ein sehr befremdlicher Anblick im ersten Moment. Die Jungs im Anzug fangen nun an, mit diesen Puppen zu tanzen. Aus dem Tanz wird ein Umschlingen, aus dem Umschlingen ein Liebkosen und daraus wird ein buchstäbliches Auseinandernehmen der weiblichen Körper. Wer braucht schon Arme? Die stören doch nur? Wer braucht schon Beine? Die behindern doch nur. Die Frauen werden demontiert und so von den Herren gebraucht, ja geradezu verbraucht. Die Einzelteile werden weiterhin gestreichelt, Torsos werden umarmt, lose Beine abgeschleckt. Die Skurrilität dieser Szene erinnerte mich an den Film A Zed and two Noughts von Peter Greenaway: Einer bei einem Autounfall verunglückten Frau muss ein Bein amputiert werden – der Chirurg sieht in ihr aber ein unvollständiges Kunstwerk, zu dessen Vollendung er auch ihr anderes Bein abnehmen muss und wird. Auch er benutzt die Frau als Material, um ein Bedürfnis zu befriedigen ohne Rücksicht auf ihre Unversehrtheit. Dass in Kaiserslautern zuletzt die Körperteile auf dem Schlachtfeld der Lust achtlos liegen gelassen werden, ist dann nur logisch und bildet außerdem einen schön verstörenden Hintergrund für die nachfolgende Liebesszene zwischen Eva und Heinrich.

Heinrich (Heiko Börner) inmitten von verbrauchten Frauenkörpern, "Irrelohe" von Franz Schreker am Pfalztheater Kaiserslautern, Foto: Stephan Walzl
Heinrich (Heiko Börner) inmitten von verbrauchten Frauenkörpern, „Irrelohe“ von Franz Schreker am Pfalztheater Kaiserslautern, Foto: Stephan Walzl

Auf der Straße

Franz Schrekers Musik steht der Gewaltigkeit von Wagners Kompositionen in Nichts nach. So verlangt auch Irrelohe große Stimmen mit Durchschlagskraft und Kondition, um dem Orchestergetöse etwas entgegen setzen zu können. Das Pfalztheater Kaiserslautern hat sich dafür entschieden, das Orchester nicht wie gewohnt in den Graben zu schicken – es wird für Schrekers Oper in einer Versenkung auf der Bühne postiert. Das verschafft den Darstellern nicht nur die Möglichkeit, sich rund um das Orchester zu bewegen, sondern macht es ihnen auch stimmlich leichter sich zum Zuschauerraum durchzusetzen. Aber das ist nicht der einzige Grund für diese Anordnung. Gleich zu Beginn des Stücks steigt ein Violinist aus diesem Graben heraus. Er sieht rastlos und müde aus. Es ist Christobald, der Hochzeitsspieler. Auch dessen Kollegen Fünkchen, Strahlbusch und Ratzekahl erscheinen in der üblichen schwarzen Orchesterkluft, finden aber in der Bühnenversenkung keinen Platz und müssen sich als Notbehelf auf der Bühne postieren. Insgesamt eine ganz charmante Idee, jedoch ist die Rolle des Orchesters in der Geschichte um Irrelohe ansonsten nicht definiert und eröffnet eher Fragen um die Ebenen, zwischen denen sich diese Figuren bewegen.

Christobald (Uwe Eikötter) will nicht mehr mit den anderen fiedeln, "Irrelohe" von Franz Schreker am Pfalztheater Kaiserslautern, Foto: Stephan Walzl
Christobald (Uwe Eikötter) will nicht mehr mit den anderen fiedeln, „Irrelohe“ von Franz Schreker am Pfalztheater Kaiserslautern, Foto: Stephan Walzl

Auch der Ort, den das Bühnenbild die ganze Oper hindurch darstellt, wirft Fragen auf. Wir befinden uns auf einer heutigen Straße. Ohne Häuser, ohne Ampel, ohne Kreuzung, ohne Autos. Auf diesem Stück Asphalt tauschen sich Mutter und Sohn aus, treffen sich ehemalige Geliebte wieder, finden frisch Verliebte zueinander. Daneben gibt es immerhin Straßenlaternen und darüber glühende Stränge – vielleicht Oberleitungen für eine Straßenbahn. Ich glaube, dass es eine solche räumliche Definierung überhaupt nicht gebraucht hätte. Alle Szenen wären auch auf einer komplett leeren Bühne möglich und sinnvoll gewesen.

Feuer!!!

Wo Feuer brennt, ist auch Licht und wo Licht ist, ist auch Schatten. Holger Müller-Brandes hat aus dieser Tatsache ein Motiv gemacht, das sich wie ein roter Faden durch seine Inszenierung zieht. Auf einer Bühnenseite steht ein handelsüblicher Scheinwerfer, der stark fokussiert und per Hand von den Darstellern bedient werden kann. Die Figuren im Lichtkegel werfen einen Schatten auf die gegenüberliegende Wand – sie erkennen ihn, schrecken vor ihm zurück. Der Höhepunkt dieser Lichtregie ist ohne Zweifel der Moment, in dem Peter direkt von der Seite beleuchtet wird. Sein Gesicht teilt sich in eine erhellte und eine komplett dunkle Seite. Ein einfaches und wunderbar sinniges Bild für seine (und damit unser aller) Zwiegespaltenheit zwischen Vernunft und Trieb.

Was bleibt also an so einem erfolgreichen und bejubelten Premierenabend in Kaiserslautern zu wünschen übrig? Einzig, dass sich Irrelohe von Franz Schreker wie ein brennende Naturgewalt über die Bühnen der Welt verbreiten möge. Ich jedenfalls habe Feuer gefangen.


Kritik in der Neue Musikzeitung Online

Kritik auf www.operalounge.de

Interview auf SWR2 mit Regisseur Holger Müller-Brandes und musikalischem Leiter Uwe Sandner vom 6. März 2015

Kritik auf Die Deutsche Bühne vom 9. März 2015


Irrelohe. Oper in drei Aufzügen von Franz Schreker (UA Köln 1924)

Pfalztheater Kaiserslautern
Musikalische Leitung: Uwe Sandner
Regie: Holger Müller-Brandes
Bühne: Thomas Dörfler
Kostüme: Almut Blanke
Licht: Manfred Wilking
Dramaturgie: Andreas Bronkalla

Besuchte Vorstellung: 7. März 2015 (Premiere)

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