Rezension

DAS KUNSTWERK DER ZUKUNFT VI in Halle − Alles Unsinn?

von am 22. März 2017

In der Oper Halle ist alles ein bisschen anders als das, was man im Allgemeinen von der Sparte Musiktheater erwartet. Nun hat sich das neue Leitungsteam um Florian Lutz ausgedacht, nicht weniger zu präsentieren als das Kunstwerk der Zukunft. Wenn das nicht mal hohe Erwartungen aufbaut! Dabei gab es ja schon vor gut 150 Jahren den ernsthaften Versuch, die Kunstwelt mit diesem Leitspruch umzukrempeln. Richard Wagner veröffentlichte damals eine Schrift mit diesem Titel, deren Thesen er in seiner Tetralogie Der Ring des Nibelungen umzusetzen suchte. In seiner theoretischen Abhandlung propagierte er nicht nur das Gesamtkunstwerk, also die Vereinigung aller Kunstrichtungen, sondern kritisierte auch die zeitgenössische Kunst, die als bloßes Kulturprodukt nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hatte und die Lieschen Müller oder Otto Normalverbraucher nicht verstehen, weil man dazu eben einen ganz besonderen abgehobenen Bildungshintergrund haben musste. Kommt das vielleicht bekannt vor? Daneben soll es dann laut Programm auch noch um Karl Marx und das Kapital gehen. Seine Differenzierung der Gesellschaft in unterschiedliche Klassen und seine Kritik an diesem Zustand geht tatsächlich viel besser mit Wagners oben genannter Feststellung zusammen, als ich auf den ersten Blick dachte. So viel also ganz grob zur Theorie dieser Inszenierungsreihe. Wie kann man es sich also vorstellen, dieses Kunstwerk der Zukunft?

Schön wie die Begegnung einer Heißklebepistole mit einem Panzer auf einem Schreibtisch

Es mag hilfreich sein, aber man muss weder Wagner noch Marx gelesen haben, um neugierig zu sein auf dieses neue Format der Oper Halle. Ich hatte schon im Oktober vergangenen Jahres die erste Ausgabe der Reihe gesehen und war danach ehrlich gesagt ziemlich verstört. Wo war der Inhalt? Wo der Zusammenhang? Was war die Botschaft? Wo war der Anfang, wo das Ende? Ich verbrachte ein paar Tage in Frustration und Irritation bis ich einsehen musste, dass genau das beabsichtigt war und ich einfach nur all meine Erwartungen an einen Musiktheaterabend über Bord werfen musste. Deswegen war ich diesmal auch gar nicht überrascht, dass alles anders war als das letzte Mal.

Ich schlüpfe am Eingang durch die Papppforte und schaue mir ein paar handgeschriebene Einkaufszettel und To-do-Listen an, welche die Wände eines Raumes bedecken. Aufräumen, putzen, Wäsche, Laptop Akku. E-Mail Mama, Fachschaftssitzung, Pony schneiden. Im zentralen Raum des von Christoph Ernst gestalteten Operncafés sind die Stühle diesmal in Richtung einer minimalistischen Bühne gerichtet, an der Clemens Meyer – der Moderator und Kalauerkönig des Abends – an einem chaotischen Schreibtisch sitzt und mit einer Heißklebepistole versucht das Modell eines Panzers zusammenzubauen. Rechts von ihm sitzen seine Bier trinkenden Sidekicks, der Dramaturg Johannes Kirsten und DJ Enrico Meyer, letzterer steuert einen Klangteppich von Trance- und Elektrosounds bei. Links von Clemens Meyer improvisiert Schlagzeuger Ivo Nitschke schon ein wenig vor sich hin. Irgendwann versucht Kirsten gespielt unauffällig dem behäbig bastelnden Autor zu soufflieren. „Clemens! Das Kunstwerk der Zukunft!“ Woraufhin dieser nur müde abwinkt. „Alles Unsinn.“ Für manche mag das wie das Motto des Abends wirken, denn im weiteren Verlauf geht es zuerst lange um den richtigen Gebrauch und die symbolische Bedeutung der erwähnten Heißklebepistole, um die Bastlerlust am Panzermodell, um sieben schwule Zwerge, um den (Coq-)Ring, den Alberich sich aus dem Rheingold geschmiedet hat und um das Danziger Goldwasser, dass er nebenbei auch erfunden hat. Zum Thema Gold passt dann ein vergnügliches Interview mit dem ehemaligen Braunkohlebaggerfahrer Frank Hankel, der im besten Dialekt davon erzählt, wie er sich mit dem gigantischen Bagger verbunden fühlte und nach unterirdischen Schätzen buddelte. Zwischendurch singt Vladislav Solodyagin auch noch ein bisschen Wagner in den Raum hinein, bevor sich Clemens Meyer mit einem Sektkorken fast das eigene Ohr wegschießt. Ohne Ende plaudert er ins Mikrofon, kommt von einer Assoziation in die nächste, liest einen Absatz von einem zerknüllten Blatt Papier ab, blättert in Opernanthologien, wühlt in einem Pappkarton mit Zwergen, Schnee und Goldwasser. Und irgendwann ist es dann vorbei, dieses Kunstwerk der Zukunft Nummer 6, obwohl es auch die ganze Nacht so hätte weitergehen können.

Bier, Sekt, Danziger Wasser, daneben Autor Clemens Meyer, „Das Kunstwerk der Zukunft VI“ im Operncafé Halle, Foto: Anna Kolata

Man kann das alles jetzt genial und total avantgardistisch finden oder einfach nur saublöd. Darum geht es gar nicht. Die Oper Halle hat mit dieser Reihe einen ehrlichen Raum für Experimente geschaffen hat, der dem Publikum eine andere Perspektive auf das Theatererleben an sich anbietet. Bestimmt ist nicht alles, was hier passiert, der letzte Geniestreich und Ergebnis einer langen, intensiven Probenzeit. Es ist ein Spielort im wahrsten Sinne des Wortes, wo sich nicht nur Bühnenkünstler aller Art und Herkunft austoben und ausprobieren können, sondern wo auch der Zuschauer Lust bekommt, mitzuspielen.


Das Kunstwerk der Zukunft VI. Inszenierungsreihe im Operncafé der Oper Halle

Künstlerische Projektleitung: Michael von zur Mühlen
Raumkonzept: Christoph Ernst
Von und mit: Frank Hankel, Johannes Kirsten, Clemens Meyer, Enrico Meyer, Ivo Nitschke, Vladislav Solodyagin

Besuchte Vorstellung: 21. März 2017 (Premiere)

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Oper | Rezension

SACRIFICE von Sarah Nemtsov in Halle – Neue Oper, neues Musiktheater

von am 8. März 2017

Die Oper Halle ist weiterhin voll in Aufbruchsstimmung. Jetzt hat Florian Lutz, der Theaterumkrempler, die erste von mehreren geplanten Uraufführungen auf die Bühne gebracht. Die neue Oper Sacrifice von Sarah Nemtsov und Dirk Laucke, die als Auftragswerk für die Oper Halle entstanden ist, bezieht sich zwar auf konkrete reale Begebenheiten, stellt diese aber nicht konkret dar. 2014 haben sich zwei Mädchen aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt auf den Weg nach Syrien gemacht, um in den Dschihad zu ziehen – und nie mehr zurück zu kehren. Offenbar kein Einzelfall. Das sind Tatsachen, die das neue Team in Halle beschäftigt haben. Die Komponistin Sarah Nemtsov interessierte sich in diesem Zusammenhang besonders für Fragestellungen wie „Was bringt einen Menschen dazu – zunächst gedanklich, bis hin zur Tat? Wie, wann wodurch wird (innerlich) die Grenze überschritten? Hätte es ein Zurück geben können?“. Wer wünschte sich nicht Klärung dieser Fragen. Hat die Oper Halle einen Antwortversuch gewagt?

Kunstinstallation und Theater

Die Inszenierung von Florian Lutz findet in der bereits bekannten Raumbühne von Sebastian Hannak statt. Aber wer hier vielleicht schon den Fliegenden Holländer gesehen hat, kann noch lange nicht davon ausgehen, bekanntes Terrain zu betreten. Und es ist ohnehin jedes Mal wieder aufregend (selbst wenn man von Beruf Theatertier ist) als Zuschauer in den magischen Bühnenraum gelassen zu werden. Hier erwartet das Publikum eine Bestuhlung auf der Drehscheibe der Bühne. Drumherum sind unterschiedliche Orte bzw. Szenen installiert – der Zuschauer wird bequem dorthin gedreht, wo der derzeitige Fokus liegt. Da gibt es die erwähnten jungen Frauen, die sich in einer Landschaft von abgestorbenen Zimmerpflanzen fast zu Tode langweilen, bis sie den Selbstmord als Spiel und reale Möglichkeit entdecken.

Jana (Marie Friederike Schröder) und Henny (Tehila Goldstein) gefallen sich als Kämpferinnen für eine höhere Sache, "Sacrifice" von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Jana (Marie Friederike Schröder) und Henny (Tehila Goldstein) gefallen sich als Kämpferinnen für eine höhere Sache, „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Auf der anderen Seite sehen wir drei Kriegsjournalisten, die über Form und generelle Sinnhaftigkeit ihrer Berichterstattung diskutieren und streiten. Währenddessen geht irgendein Ehepaar in Deutschland den Banalitäten eines bürgerlichen Alltags nach, bis der Mann beschließt Flüchtlingen eine Unterkunft zu bieten. Wir haben doch Platz! Aber wieviel Opferbereitschaft ist hier eigentlich angemessen?

Gespielt wird auf der Seitenbühne mit dem ganzen üblichen Gerammel, das in einem Theater so rumfliegt, inklusive gelangweiltem Feuerwehrmann, "Sacrifice" von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Gespielt wird auf der Seitenbühne mit dem ganzen üblichen Gerammel, das in einem Theater so rumfliegt, inklusive gelangweiltem Feuerwehrmann, „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Auch das Orchester unter der aufmerksamen Leitung von Michael Wendeberg ist gut sichtbar und nah an einer Seite positioniert, sodass immer wieder auch die Musik und das Abarbeiten von Musikern und Dirigent daran in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt.

Nicht nur akustisch, sondern auch optisch ein Erlebnis sind Michael Wendeberg und die Staatskapelle Halle, "Sacrifice" von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel
Nicht nur akustisch, sondern auch optisch ein Erlebnis sind Michael Wendeberg und die Staatskapelle Halle, „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Und an allen Seiten Projektionsflächen und Bildschirme, die vom Videokünstler Konrad Kästner bespielt werden. Der Abend beginnt und endet mit einem Fadenkreuz. Zuerst sind unbekannte ameisenkleine Menschen das Ziel – am Ende sind es wir Zuschauer selbst. Dazwischen werden Texte gezeigt, das Live-Bild der Kamera, die von Darstellern geführt wird oder verfremdete Schnipsel aus Fernsehnachrichten. Was wir nicht sehen sind plakative Bilder von Opfern oder Gewaltdarstellungen.

Neue Musik

Die Musik dazu ist sehr vereinfacht gesagt das, was man sich unter Neuer Musik vorstellen kann. Teilweise schrill, in jedem Fall kontrastreich und größtenteils disharmonisch. Die Stimmführung ist nicht einer vermeintlich natürlichen Sprachmelodie nachgeformt, sondern abstrakt. Langgezogene Silben und Wortwiederholungen erschweren die Verständlichkeit. Das kann den ein oder anderen Zuschauer so befremden, dass er schon früh den Weg nach draußen sucht. Wer bleibt kann sich darauf verlassen, eine stimmungsvolle Komposition zu erleben, die ihren Sängern zwar viel abverlangt, aber damit auch viel erzählt über die Schwierigkeit bis zur Unmöglichkeit, bestimmte Ideen auszusprechen oder auch nur zu denken. May I be sacrificed.

Dass Sacrifice von Nemtsov und Laucke eine Antwort auf die anfänglichen Fragen schuldig bleibt, war zu erwarten. Wer außerdem bereits mit zeitgenössischer Dramatik in Berührung gekommen ist, wird auch nicht überrascht sein, dass kein linearer Handlungsstrang zu verfolgen ist. Für mich stellte sich aber teilweise die Frage, ob die angebotenen Bilder und Szenenfragmente nicht an der dem Thema angemessenen Eindringlichkeit vermissen lassen. Es war mir schlichtweg noch zu gemütlich an diesem Abend, der mir etwas von Beunruhigung, Irritation und Ausweglosigkeit vermitteln wollte.

Neues Musikheater

Ob Sacrifice eine gute Oper ist, mag diskutabel sein. Was Florian Lutz daraus gemacht hat, ist jedenfalls viel mehr als eine Opernvorstellung. Es ist ein Abend über das Theatermachen und das Theatererleben an sich. Er entführt uns nicht in eine andere Welt, sondern zeigt uns hautnah die Realitäten der Theaterproduktion. Diese ist nicht perfekt und nicht abgeschlossen. Überall sind noch Freiräume, wo etwas passieren kann, wo verändert werden kann, wo neue Lösungen gefunden werden können. Florian Lutz versteht Inszenierung hier nicht als fertiges Kunstwerk, sondern als Experiment und Prozess. Das Publikum ins Zentrum zu setzen ist außerdem ein sinnfälliges Bild für eine Tatsache, die in jeder Diskussion über neue Formen des Musiktheaters vorkommen muss: Der Zuschauer ist Teil der Vorstellung. Gerade in der hier erlebten großen Nähe zu den Darstellern und Musikern wird dies deutlich, denn auch der Zuschauer wird angeschaut. Unser Feedback, egal ob ausgesprochen oder nonverbal, hat Wirkung auf den Verlauf der Vorstellung. Hat man diesen Gedanken erst verinnerlicht, wird klar, dass man als Zuschauer nicht nur Einfluss auf eine Vorstellung hat, sondern auch Verantwortung übernimmt, was die Zukunft und den Stellenwert von (Musik-)Theater in unserer Gesellschaft betrifft. Bleibe ich sitzen oder gehe ich heim und setze mich vor den Fernseher? Denke ich darüber nach oder lasse ich es einfach an mir vorbeiziehen? Bleibe ich stumm oder habe ich etwas dazu zu sagen?

Da ist es nur konsequent, dass das Team der Oper Halle zu zahlreichen Vorstellungen Nachgespräche anbietet. Wenn das nicht die perfekte Gelegenheit ist, um sich über diesen merkwürdigen Abend zu beschweren! (Oder um zu loben, dass in Halle endlich die dicke Staubschicht vom Musiktheater gepustet wird.)


Sacrifice. Oper in vier Akten von Sarah Nemtsov. Text von Dirk Laucke (UA 2017 Halle)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Michael Wendeberg
Regie: Florian Lutz
Raumbühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Mechthild Feuerstein
Video: Konrad Kästner
Dramaturgie: Michael von zur Mühlen

Besuchte Vorstellung: 7. März 2017

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Oper | Rezension

OTELLO von Verdi in Dresden – Auch nur mit Wasser

von am 27. Februar 2017

Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsse raus. Raus aus dem sogenannten Provinztheater, hinein in die große Opernwelt. In solchen Momenten bin ich sehr froh und dankbar, dass ich als Theaternomadin auch die Möglichkeit bekomme, über Vorstellungen an der Semperoper zu berichten. So war ich am vergangenen Sonntag wieder aufgeregt und voller Vorfreude auf Vincent Boussards Inszenierung von Giuseppe Verdis Otello, die im letzten Jahr bereits bei den Osterfestspielen in Salzburg zu sehen war.

Düstere Kunstinstallation

Das Bühnenbild von Vincent Lemaire und Rena Donsbach ist hochästhetisch. Dabei wirkt der sehr kontrastreiche und gleichzeitig kalte und düstere Raum eher wie eine große Kunstinstallation als ein Ort, an dem sich Theater entfalten könnte. Ein riesiger hauchdünner Schleier, der den ganzen Portalrahmen ausfüllt und durch sanfte bis mittelstarke Winde hochdekorativ bewegt wird, ist zu Beginn der Vorstellung ein sinnfälliges Symbol für „il fazzoletto“, für das bekannte verhängnisvolle Taschentuch, das Desdemonas scheinbare Untreue bezeugt. Das Bild dieses feinen Tuchs wird immer wieder in den minimalistisch-schönen Videoprojektionen von Isabel Robson aufgegriffen.

Der vom Sturm bewegte Schleier, ein ästhetisches Erlebnis - gefühlte zehn Minuten lang, Giuseppe Verdis "Otello" an der Semperoper Dresden, Foto: Monika Forster
Der vom Sturm bewegte Schleier, ein ästhetisches Erlebnis – gefühlte zehn Minuten lang, Giuseppe Verdis „Otello“ an der Semperoper Dresden, Foto: Monika Forster

Insgesamt ist es eine Ästhetik von Materialität und Fläche, die Lemaire offenbar angestrebt hat. Der ganze Boden und manche Seitenwände spiegeln; ein breiter Rahmen und der lange Tisch bzw. Altar glüht manchmal aus sich selbst heraus; eine große weiße Fläche, dient erst als Rückwand, dann als betretbarer Boden. Das Umfallen von letztgenanntem Objekt passiert pünktlich zu einem Wutausbruch des Titelhelden und ist damit zwar logisch, aber auch banal. Hinzu kommt ein Lichtdesign, das ebenfalls herzlich wenig für Darsteller gemacht ist. Guido Levi arbeitet hier mit viel Seitenlicht und steilem Licht von oben. Das schafft zwar viel Kontrast und Stimmung, aber lässt deutlich zu wünschen übrig, wenn man als Zuschauer auch an Figuren interessiert ist.

Ästhetischer Verschiebebahnhof

Aber daran scheint Regisseur Vincent Boussard selbst nicht sonderlich interessiert zu sein, denn dass es in Verdis Otello um Eifersucht, Leidenschaft, Wut und Verzweiflung geht, muss man sich als Zuschauer immer wieder selbst ins Bewusstsein rufen. Seine Personenführung ist schlichtweg grob und beschränkt sich im Wesentlichen auf ein paar Positionswechsel und große Operngesten. Da wird dann szenenweise nur gestanden und gesungen. Ja, das sind teilweise schöne Bilder – aber sonst auch nichts. Dass Boussard eine zusätzliche Figur erfunden hat, kann dieser Tatsache ebenfalls wenig helfen. Ein schwarzer Engel ist immer wieder präsent. Ist es der Todesengel? Racheengel? Schutzengel? Seine (bzw. ihre) Aktionen sind rätselhaft und schön und lenken von dem ab, worum es eigentlich gehen sollte.

Der Engel (Sofia Pintzou) arrangiert die Kerzen auf dem Altar und Desdemona (Dorothea Röschmann) und Otello (Stephen Gould) singen dazu, Giuseppe Verdis "Otello" an der Semperoper Dresden, Foto: Monika Forster
Der Engel (Sofia Pintzou) arrangiert die Kerzen auf dem Altar und Desdemona (Dorothea Röschmann) und Otello (Stephen Gould) singen dazu, Giuseppe Verdis „Otello“ an der Semperoper Dresden, Foto: Monika Forster

 

Ich verließ die Semperoper und Dresden mit ungeahntem Optimismus. Denn ein solches Scheitern auf hohem Niveau macht mir eins wieder bewusst: In allen Theatern wird nur mit Wasser gekocht. Und das sogenannte Provinztheater macht daraus manchmal weitaus mehr, als die große Oper.


Otello. Dramma lirico in vier Akten von Giuseppe Verdi (UA 1887 Mailand)

Semperoper Dresden
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Regie: Vincent Boussard
Mitarbeit Regie: Heiko Hentschel
Bühne: Vincent Lemaire
Mitarbeit Bühne: Rena Donsbach
Kostüme: Christian Lacroix
Mitarbeit Kostüme: Robert Schwaighofer
Licht: Guido Levi
Video: Isabel Robson
Choreographie: Helge Letonja
Dramaturgie: Stefan Ulrich

Besuchte Vorstellung: 26. Februar 2017

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