Oper | Rezension

ANTIGONA von Tommaso Traetta in Kassel – Barock meets Sci-Fi

von am 5. Juni 2017

Der ein oder andere wird beim Titel dieser Barockoper an den Deutschunterricht denken. Die antike Tragödie Antigone von Sophokles ist nämlich (zu Recht) ein wichtiger Bestandteil des Literaturkanons. Wer aber kein Fan von Geschichten mit tragischem Ausgang ist, kann bei Traettas Oper, die auf diesem Drama basiert, aufatmen – hier wird am Ende nicht gestorben, sondern geheiratet. Aber was hat dieser uralte Stoff eigentlich mit uns heute zu tun? Anstatt mir eine Geschichte reinzuziehen, die über 2000 Jahre alt ist, gehe ich doch lieber ins Kino und schaue mir ein bisschen Sci-Fi an… Moment, Stop, Halt! Wie wäre es denn mit beidem gleichzeitig?

Der Weltraum. Unendliche Weiten…

Am Anfang des Abends, bevor wir einen Darsteller auf der Bühne gesehen haben, fliegt eine große gelbe Schrift vom unteren Rand einer Leinwand nach hinten weg, irgendwo in die unendlichen Weiten. Dieses unverschämt direkte Zitat aus Star Wars sorgte nicht nur für amüsiertes Kichern im Zuschauerraum, es erklärt auch auf charmante Weise die Situation und Vorgeschichte. Regisseur Stephan Müller versetzt die Erzählung um die Königstochter Antigone, die ihrem Bruder die letzte Ehre erweisen will, in eine unbestimmte Zukunft auf einem fernen Planeten und folgt damit einer Grundidee der Künstlerin Goshka Macuga, von der auch die eingeblendeten Texte stammen.  Das mag im ersten Moment nach plattem Regietheater klingen, ist aber letztlich extrem sinnfällig, wenn man sich ein wenig im Science-Fiction-Genre auskennt. Beispielsweise geht es auch in der Star Wars-Saga um fundamentale Themen, die versuchen der menschlichen Befindlichkeit auf den Grund zu gehen. So geht das künstlerische Team am Staatstheater Kassel dieser Idee in aller Konsequenz nach, angefangen beim Kostümbild von Gareth Pugh, das auf meisterhafte Weise das genannte Genre bedient, ohne je direkt zu kopieren. Das versetzt die Zuschauer nicht nur in ein anderes Universum, sondern sieht insgesamt auch noch hochästhetisch aus.

Der König Creonte (Bassem Alkhouri) steht statuenhaft da, während Adrasto (Musa Nkuna) ihn mit Neuigkeiten versorgt, „Antigona“ von Traetta am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Daran schließt sich das Bühnenbildkonzept von Goshka Macuga, das von Siegfried E. Mayer technisch ausgeführt wurde, nahtlos an. Eine schlichte leere Bühne, deren Rückseite von einer Projektionsfläche begrenzt wird, bietet hier den perfekten Schauplatz für den Clou dieser Inszenierung: Darsteller auf Segways. Ja genau, das sind diese fahrbaren Untersätze, die gerne von Touristengruppen in Großstädten benutzt werden. Allerdings war mir das hier gezeigte Modell mit einem Steuerungshebel zwischen den Knien bisher unbekannt. Auf diesen Rollen gleiteten die Sänger also gekonnt, elegant und teilweise temporeich durch die Szenen. Das ist nicht nur neu (jedenfalls für mich), sondern passt einfach zur Ästhetik des Abends.

Der Bote Adrasto (Musa Nkuna) düst besonders oft auf seinem Segway über die Bühne, „Antigona“ von Traetta am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Über der Bühne schwebt ein großes silbernes ovales Luftkissen, das zu Beginn in Nebel gehüllt aus dem Schnürboden gelassen wird. Dies wirkte anfangs so, als würde eine Nebelwolke nach unten schweben oder ein Ufo durch eine Wolkendecke stoßen. Dieser mächtige Körper taucht immer wieder wie eine Vorahnung aus dem Bühnenhimmel auf, um ganz zum Schluss das Happy End zu bedecken und zu erdrücken. Vom allerersten sehr magischen Auftritt dieses Elements war ich begeistert – aber die Funktion davon hat sich mir leider nicht erschlossen.

Das wolkenartige unidentifizierbare Flugobjekt schwebt über dem tödlichen Kampf der beiden Brüder (Karim Afoun, Dhimas Aryo Satwiko), „Antigona“ von Traetta am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Die Zukunft der Oper

Regisseur Stephan Müller hat sich passend zum Bühnen- und Kostümbild für eine minimalistische und abstrakte Bewegungssprache entschieden, die von den Darstellern geradlinig durchgeführt wurde. Die Gesten wirken zeichenhaft und archaisch, manchmal ein wenig statisch. In jedem Fall waren sie die logische szenische Konsequenz für das gewählte Setting. Da blieb für mich nur zu bemängeln, dass der Chor überhaupt nicht inszeniert wurde, sondern nur hinter Stellwänden zu hören war. Aber wer weiß, ob dies eine künstlerische oder eher finanzielle Entscheidung war. Was diese Vorstellung allerdings mit künstlerischer Intelligenz und den Gefahren der allgemeinen Technisierung zu tun haben soll, wie dies im Programmheft angedeutet wird, ist mir nicht klar geworden. Das macht aber nichts, denn auch so ist diese Antigone von Traetta am Staatstheater Kassel rundum sehenswert und schubst die teils verstaubte Opernwelt mit viel Charme und Ideen in Richtung Zukunft.


Antigona. Tragedia per musica in drei Akten von Tommaso Traetta (UA 1772 Sankt Petersburg)

Staatstheater Kassel
Musikalische Leitung: Jörg Halubek
Regie: Stephan Müller
Bühnenbilddesign und visuelle Konzeption: Goshka Macuga
Bühnenproduktion: Siegfried E. Mayer
Kostüme: Gareth Pugh
Video: Sophie Lux
Dramaturgie: Ursula Benzing

Besuchte Vorstellung: 3. Juni 2017 (Premiere)

 

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Oper | Rezension

BERENIKE von Niccolò Jommelli in Stuttgart – Wurde aber auch Zeit!

von am 12. März 2015
"Berenike" von Niccolò Jommelli am Staatstheater Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer

Wenn schon Ausgrabung, dann richtig! Das dachten sich Jossi Wieler und Sergio Morabito, als sie sich an das selten gespielte Barockwerk Berenike, Königin von Armenien (Il Vologeso) von Niccolò Jommelli annäherten. Der letzte Untertitel im Programmheft dieser Produktion klingt dann auch passend reißerisch: Erste Neuinszenierung seit 1769! Aber brauchen wir überhaupt so ein altes, verstaubtes Zeugs, das über zweihundert Jahre lang keiner gespielt hat? Nein, brauchen tun wir es sicherlich nicht, aber wir wollen es! Und dank der Mühe, des Enthusiasmus‘ und der Kreativität der Oper Stuttgart kriegen wir es.

Ein klassisches Liebesvieleck

Lucio Vero hat den Krieg gegen die Parther gewonnen. Aber, wie wir alle wissen: nach dem Sieg ist vor dem Sieg. Und das neue Ziel von Lucio Veros Ambitionen ist keine geographische oder politische Eroberung, sondern diesmal eine ganz sinnliche. Er hat sich in die Verlobte des Feindes, in Berenike, verliebt. Und er glaubt, leichtes Spiel zu haben, da er seinen Feind, den Vologeso, für tot hält. Der wurde zwar schwer verletzt und traumatisiert, hat sich aber genug Witz und Mut bewahrt, um sich in Verkleidung auf eins von Lucio Veros berühmt-berüchtigten Festen zu schleichen und einen Weinbecher mit tödlichem Gift zu versehen. Allerdings greift nicht Lucio Vero zum Becher, sondern die vielgeliebte Berenike. Zum Glück kann Vologeso ihn ihr noch rechtzeitig aus der Hand schlagen, wird aber incognito gefangen genommen. Und als ob ein möglicher Gifttod nicht genug Bedrohung für einen Tag wäre, wird auch noch die Ankunft von Lucio Veros Verlobter, Lucilla, angekündigt. Die will nicht nur sicher stellen, dass sich das Herz ihres Verlobten während der Schlacht nicht verirrt hat, sondern hat auch noch ein Ultimatum ihres Vaters Marc Aurel mitgebracht: Entweder Lucio Vero heiratet bis morgen Lucilla oder er verliert die Kaiserwürde. Bevor dieser allerdings eine Entscheidung treffen kann, hat ein Vertrauter von ihm, Aniceto, eigenmächtig angeordnet, dass der Attentäter – bis zu diesem Zeitpunkt noch unerkannt – bei den bekannt lustigen Zirkusspielen wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen wird. In der Arena gibt sich Vologeso endlich als Partherkönig zu erkennen, woraufhin Berenike gleich zu ihm stürzt und mit ihm sterben will. Lucio Vero wirft dem Feind sein eigenes Schwer zu, Vologeso erlegt damit einen Löwen und hat damit sich selbst und seine Berenike (vorerst) gerettet. Bravo! Wer könnte sich nach so einer Aktion noch Chancen bei der offensichtlich treu liebenden Berenike ausrechnen? Wohl nur ein naiver Lucio Vero, denn trotz aller Bitten und Flehen von Berenike und Lucilla lehnt er eine Begnadigung von Vologeso ab. Er sieht gar nicht ein, das Objekt seiner Begierde mit ihrem Verlobten wiederzuvereinen. Noch ist die Schlacht nicht verloren! Lucio Vero ist sogar bereit, Vologeso sein Partherreich zurückzugeben im Tausch für Berenike. Es muss wohl nicht gesagt werden, dass jener ablehnt. Also, was gibt es außer Bestechung noch? Na klar, Erpressung! Lucio Vero stellt nun Berenike vor die Qual der Wahl: Entweder sie schenkt ihm sein Herz oder sie kriegt Vologesos abgeschlagenen Kopf serviert. Das ist schon eine schwierigere Entscheidung für die heiß umkämpfte Frau. Sie verspricht also Lucio Vero ihr Herz, um Vologeso zu retten.

Unterdessen rumort es im römischen Heer gegen Lucio Vero. Aber Lucilla, die ihn trotz seiner Ablehnung liebt, befiehlt, nichts ohne ihre Zustimmung zu unternehmen. Sie versucht, ihn umzustimmen und vor der drohenden Gefahr zu warnen – er will davon nichts wissen, da er sich nun sicher ist, bald Berenike zu haben. Er erlaubt ihr sogar, sich persönlich von Vologeso zu verabschieden und will dabei selbst Zeuge eines erneuten Sieges über ihn sein. Und Berenike wiederholt tatsächlich vor ihrem Verlobten das Versprechen, das sie Lucio Vero gegeben hat – allerdings meinte sie es anders als er dachte. Er solle ihr doch das Herz aus der Brust reißen, wenn er es so dringend haben will und dafür Vologeso leben lassen. Ja, der römische Feldherr ist daraufhin ein wenig außer sich. Aufgeben will er aber deswegen noch lange nicht. Er bietet nun Berenike Krone und Szepter an, will sie also zur Mitregentin machen, wenn sie ihm ihr Herz überlässt – metaphorisch gesprochen, versteht sich. Ein weiterer ergebnisloser Versuch. Jetzt lassen sich die Aufständischen im römischen Heer auch nicht länger aufhalten, sie überwältigen ihren Feldherr und wollen ihn sofort töten, da er nicht bereit ist, freiwillig abzudanken. Zum Glück geht im letzten Moment die brave Lucilla dazwischen und bietet ihm ein letztes Mal ihre Hand an. Lucio Vero akzeptiert und begnadigt alle sonstigen Beteiligten.

Und nochmal von Anfang!

Na wenn das keine richtig gute Story ist. Kein Wunder, dass dieser Stoff über hundert Mal vertont wurde. Umso überraschender, dass die Stuttgarter Neuinszenierung der Oper von Niccolò Jommelli die erste seit 1769 ist. Und wie schön, dass das Regieduo bestehend aus Intendant Jossi Wieler und Chefdramaturg Sergio Morabito diesem Notstand endlich ein Ende gesetzt hat. Denn das machen sie nicht nur mit feinem Gespür für die barocke Musik, sondern auch mit feinem Humor. Generell stellt sich in Barockopern immer die Frage, inwiefern die teilweise sehr langen Arien, die außerdem noch meist in einer strengen vorhersehbaren Form angelegt sind und wenig neue Information beinhalten, überhaupt zeitgemäß dargestellt werden können. Wieler und Morabito beweisen mit tiefenpsychologischer Personenführung, dass dies sehr wohl möglich ist. So singt Lucilla beispielsweise davon, dass sie Grund zur Hoffnung hat, dass Lucio Vero sie liebt – während sie zu Beginn der Arie noch tatsächlich hoffnungsvoll ist, scheint sie dieselben Worte dann aber nur noch zu wiederholen, um sich selbst diese Hoffnung einzureden. Tatsächlich ist sie aber sehr unsicher, wie es mit seiner Treue zu ihr bestellt ist – warum wäre sie sonst mitten in ein Schlachtfeld gereist? Die gesamte Oper besteht aus tausenden von solchen subtilen Zwischen- und Untertönen, sodass zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl von starrer Affektdarstellung aufkommt. Nein, in Stuttgart kann man sich auf jedes Da capo freuen – nicht nur wegen der bekannt hervorragenden akustischen Stimulation durch alle Beteiligten, sondern eben auch wegen der immer neu entdeckten Ausdruckskraft der Komposition. Wieler und Morabito lassen keine Zeit oder Raum für Sängereitelkeiten – sie geben genug zu denken, zu fühlen und zu sagen, sodass weder auf der Bühne noch im Zuschauerraum Langeweile aufkommt.

Mann oder Frau

Herzlich willkommen zu einer Premiere des Blogs! Normalerweise äußere ich mich nie über die tatsächliche Besetzung der Partien – aber in diesem Fall führt kein Weg daran vorbei. Denn bei Jommellis Berenike waren mehrere wichtige Entscheidungen zu treffen, angefangen mit der Frage, wie die drei männlichen Altpartien – Vologeso, Flavio und Aniceto – besetzt werden sollen. Ganz abgesehen von einer historisch informierten Aufführungspraxis besteht in solchen Fällen immer die Möglichkeit entweder mit Mezzosopran oder Countertenor zu besetzen. Das wiederum hat logischerweise Auswirkungen auf die Darstellung der Figuren – nehme ich einen Countertenor, habe ich einerseits natürlich maskuline Physis und Habitus, andererseits aber auch eine als weiblich assoziierte Stimmfarbe. Macht man aus diesen Partien aber sogenannte Hosenrollen und besetzt sie mit einer Mezzosopranistin, hat man wiederum eine weibliche Physis, die man in irgendeiner Form verkleiden muss und eine dunklere Stimmfarbe, die allerdings trotzdem eindeutig feminin bleibt. Wieler und Morabito haben sich dafür entschieden, nur eine dieser Partien, nämlich Aniceto, mit einem Countertenor zu besetzen. Pfiffig an dieser Idee ist es, diesen hippen Lumbersexual zwischendurch auch in baritonaler Bruststimme singen zu lassen – immer dann, wenn er die Selbstbeherrschung verliert und seine wahre Motivation zeigt.

Der Trend des Lumbersexual macht auch vor der Opernbühne nicht halt. Aniceto (Igor Durlovski) tröstet den liebestollen Lucio Vero (Sebastian Kohlhepp), "Berenike" von Niccolò Jommelli an der Oper Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer
Der Trend des Lumbersexual macht auch vor der Opernbühne nicht halt. Aniceto (Igor Durlovski) tröstet den liebestollen Lucio Vero (Sebastian Kohlhepp), „Berenike“ von Niccolò Jommelli an der Oper Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer

Der Vologeso, König der Parther und Verlobter von Berenike, hingegen wird in Stuttgart von einer schmächtigen Mezzo dargestellt. Eine Wahl, die sicherlich nicht der erste Impuls für eine solche Rolle ist. Das Paar Berenike und Vologeso wirkt in dieser Kombination deswegen anfangs kurios; die Konkurrenten Vologeso und Lucio Vero sind überhaupt nicht vergleichbar. Und genau das ist es, was diese Figur in der Stuttgarter Inszenierung so besonders macht. Der Vologeso hat eine Verbindung mit Berenike, die jenseits der Konvention steht und somit nicht in Frage zu stellen ist. Sie beruht nicht auf körperlicher, äußerlicher Kompatibilität. In dieser Hinsicht kommt die Kombination Lucio Vero und Berenike schon viel wahrscheinlicher daher. Wer könnte sich denn nicht von diesem wunderbar naiv leidenschaftlichen Sonnyboy angezogen fühlen? Dass sich Berenike beim Festmahl zu Beginn ein klein wenig in diesen lebenslustigen und sinnlichen Mann verguckt, ist also gar nicht so abwegig und wirft damit einen möglichen inneren Konflikt in ihr auf (der so gedacht werden kann, aber niemals ausformuliert wird): Soll sie ihrer Sehnsucht nach Abenteuer, Luxus und Leidenschaft nachgehen oder ihrem Treueversprechen genügen?

Der Vologeso (Sophie Marilley) liegt in Ketten; Berenike (Ana Durlovski) liegt in Lucio Veros (Sebastian Kohlhepp) Armen, "Berenike" von Niccolò Jommelli an der Oper Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer
Der Vologeso (Sophie Marilley) liegt in Ketten; Berenike (Ana Durlovski) liegt in Lucio Veros (Sebastian Kohlhepp) Armen, „Berenike“ von Niccolò Jommelli an der Oper Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer

Zeigt her eure Füße?

Ein großes Fragezeichen dieser Inszenierung von Wieler und Morabito bleibt das Bühnenbild. Kostüm- und Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat sich dafür entschieden, Versatzstücke eines ganz bestimmten Gemäldes in ihren Raum zu stellen: von der sogenannten Fußwaschung von Jacopo Tintoretto. Das wirkt einerseits schlüssig durch die Verortung der dargestellten Szene in einem römisch anmutenden Raum – andererseits finde ich keinen Zusammenhang zwischen der symbolischen Geste, die im Mittelpunkt steht (Jesus wäscht Petrus die Füße) und der Handlung der Oper. Trotzdem ist dem Raumkonzept eine große Portion Humor nicht abzusprechen. Die steinernen Säulen der Kolonnaden hängen als Stofflappen aus dem Bühnenhimmel und werden immer wieder gerne weggetreten – im Zentrum steht ein steinerner Brunnen, der als Tisch oder Bühne genutzt wird. Drollig sind auch die Steinhocker, die von den Darstellern selbst mit großer Anstrengung versetzt werden. Der Hintergrund dieses antiken Bildes wiederum ist aus der Zeit gefallen. Heutige verfallene Gebäude könnten von einem aktuellen Kriegsgebiet oder vom sozialen Brennpunkt einer Großstadt erzählen. Jedenfalls ist dies der Ort, wo alle Figuren herkommen. Sie taumeln, sie rennen, sie verstecken sich – nur wovor? Eine wirkliche Bedrohung scheint es nicht zu geben, nur ein Gefühl von großer Unruhe, Nervosität und Orientierungslosigkeit. Sie entdecken auf dem Boden Kostümteile, die sich ganz merkwürdig und fremd anfühlen. Die Verwandlung geschieht gegen einen inneren Widerstand und ist von Verwirrung begleitet. Wenn sie dann das Stück Berenike von Niccolò Jommelli bis zur letzten Konsequenz durchgespielt haben, geschieht wieder eine Verwandlung. Es ist aber kein Zurückkehren in eine gewohnte Rolle, sondern passiert mit der gleichen Unsicherheit wie zu Beginn. Welches Schauspiel werden diese heimatlosen Menschen wohl als nächstes durchleben?


Kritik in der Neue Musikzeitung vom 17. Februar 2015

Kritik in der Stuttgarter Zeitung vom 16. Februar 2015

Beitrag in BR Klassik vom 16. Februar 2015

Kritik in der Frankfurter Rundschau vom 16. Februar 2015

Kritik im SWR2 vom 16. Februar 2015

Kritik im Online Musik Magazin

Kritik in der Südwest Presse vom 17. Februar 2015

Kritik auf Die Deutsche Bühne vom 16. Februar 2015

Kritik in der Neue Zürcher Zeitung vom 17. Februar 2015


Berenike, Königin von Armenien. Dramma per musica von Niccolò Jommelli (UA 1766)

Oper Stuttgart
Musikalische Leitung: Gabriele Ferro
Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne und Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Reinhard Traub
Dramaturgie: Ann-Christine Mecke

Besuchte Vorstellung: 19. Februar 2015

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