Oper

OFFENER BRIEF der deutschsprachigen Opernkonferenz (Bernd Loebe)

von am 25. Oktober 2017

An: Herrn Kulturminister Wladimir Medinskij
Betreff: Hausarrest des russischen Regisseurs Serebrennikov

Sehr geehrter Herr Kulturminister Medinskij,

Kirill Serebrennikov ist ein Künstler, der durch handwerkliche Meisterschaft als Regisseur in den Genres Schauspiel, Spielfilm und Oper gleichermaßen international hohes Renommee genießt. Als Realist im besten Sinne des Wortes beobachtet Serebrennikov die Welt aufs Genaueste und erzählt Figuren und Geschichten so, dass sie nicht nur in Russland zu fruchtbaren Diskussionen zentraler Belange des menschlichen Lebens und der Gesellschaft führen.

Die Arbeiten dieses russischen Ausnahmekünstlers erfüllen somit jenseits ihres unbestrittenen ästhetischen Wertes eine zentrale Aufgabe von Kunst, wie wir sie verstehen und wie sie nur von wenigen vergleichbar verantwortungsvoll angenommen und auf vergleichbar hohem inhaltlichen und ästhetischen Niveau umgesetzt wird. Er repräsentiert auf ganz spezielle Weise den hohen Standard russischer Gegenwartskultur und setzt Maßstäbe, die in der sogenannten westlichen Welt Vorbildfunktion haben.

Der seit dem 23. August 2017 andauernde und am 17. Oktober 2017 um weitere drei Monate bis zum 19. Januar 2018 verlängerte Hausarrest von Kirill Serebrennikov ist für uns nicht nur in politischer und juristischer Hinsicht sehr fraglich, sondern hält diesen herausragenden Künstler auch ganz pragmatisch davon ab, seinen Verpflichtungen als Kunstschaffender auch an deutschen Kulturinstitutionen nachzukommen. Die daraus folgenden Ausstände an hochwertigen künstlerischen Produktionen können von Seiten dieser Institutionen weder akzeptiert noch ersetzt werden.

Da die Schuldhaftigkeit Kirill Serebrennikovs bis zum heutigen Tag nicht festgestellt werden konnte, ersuchen wir die russische Regierung um die sofortige Freilassung des Künstlers Kirill Serebrennikov, und die Ermöglichung der ungehinderten Weiterführung seiner künstlerischen Arbeit.

Mit freundlichen Grüßen,

Bernd Loebe
Intendant/Geschäftsführer Oper Frankfurt
Vorsitzender der deutschsprachigen Opernkonferenz

Mitglieder:
Hamburgische Staatsoper, Staatsoper Berlin, Deutsche Oper Berlin, Komische Oper Berlin, Deutsche Oper am Rhein, Oper Köln, Oper Frankfurt, Staatsoper Stuttgart, Bayerische Staatsoper München, Sächsische Staatsoper Dresden, Oper Leipzig, Wiener Staatsoper, Opernhaus Zürich, assoziierte Mitglieder: Royal Opera House Covent Garden London, Opéra National de Paris, Teatro alla Scala Mailand

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Oper | Rezension

DER FERNE KLANG von Franz Schreker in Lübeck – Von Glitzer und Grabschern

von am 23. Oktober 2017

[HINWEIS: Aus gegebenem Anlass weise ich darauf hin, dass ich hier – und auch sonst immer – ausschließlich über das Regiekonzept des gesehenen Abends schreibe.] 

Franz Schreker wird viel zu selten gespielt. Deswegen muss man manchmal in die Ferne reisen, um ein Werk von ihm auf der Bühne zu sehen. In diesem Fall hatte das Ziel meines weiten Ausflugs nicht nur den passenden Titel, sondern versprach in einer Inszenierung von Jochen Biganzoli auch ein besonders spannender Abend zu werden. Ich hatte seinen bezeichnenden Regie-Stil vor einem Jahr bereits an der Oper Halle kennengelernt, wo er eine umstrittene Inszenierung von Giacomo Puccinis TOSCA verantwortet hatte. Daher war ich mental darauf vorbereitet, etwas anderes zu sehen als konventionelle, traditionelle Oper – und wurde trotzdem noch überrascht.

Der ferne Klang

Wie der Titel bereits andeutet, geht es in Franz Schrekers Oper Der ferne Klang um Musik – genauer gesagt, um einen Komponisten. Dieser liebt ein Mädchen namens Grete, verlässt sie aber, um in der Ferne diesen einen ganz besonderen, wunderschönsten, perfekten Klang zu finden. Der soll ihm dazu verhelfen, sich als Künstler zu entfalten und in der Kunstwelt zu etablieren. Während Fritz unterwegs ist, gerät Grete in ein zwielichtiges Milieu. Sie wird zur Edelprostituierten und veranstaltet eines abends einen kleinen Gesangswettbewerb. Der Gewinner darf die Nacht mit ihr verbringen. Zufällig ist auch Fritz an diesem Abend anwesend und kann mit einem wunderschönen Lied überzeugen. Als er aber erkennt, was aus seiner Grete geworden ist, wendet er sich von ihr ab und verschwindet erneut. Wieder geht Zeit ins Land und Fritz hat nun endlich eine Oper geschrieben. Die Harfe fällt allerdings bei der Uraufführung durch, er muss sich eingestehen, dass es damals ein Fehler war, für ein unerreichbares Ideal seine Liebe zu Grete aufzugeben. Die kommt mittlerweile nur noch als Straßendirne über die Runden. Als sie zu ihm zurückkehrt, stirbt er vor Erschöpfung in ihren Armen.

Das Libretto der Oper stammt von Schreker selbst, der sich vom Roman Niels Lyhne des dänischen Autors Jens Peter Jacobsen hat inspirieren lassen. Aber worum geht es nun genau? Das Regieteam und Dramaturg Francis Hüsers haben in diesem Werk drei große Themenbereiche erkannt: Ein Künstlerdrama, sexuellen Missbrauch und einen theaterästhetischen Diskurs. Klingt nach einer recht ehrgeizigen Arbeitsgrundlage für eine Inszenierung. Wird der Abend diesen hohen Ansprüchen gerecht?

Folie, Glitter, Glas und ein Klavier

Das Bühnenbild von Wolf Gutjahr ist nüchtern und symbolträchtig. Zu Beginn schauen wir in die offene Bühne, auf der ein improvisiert aussehender Kasten steht. Am rechten Portal sehen wir außerdem ein einfaches Klavier – das Handwerkszeug des Komponisten. Es wird den ganzen Abend über an Ort und Stelle bleiben und manchmal für die Hoffnung auf Inspiration, manchmal für die Erinnerung an den verlorenen Geliebten stehen. Das Zuhause von Grete und ihren Eltern ist alles andere als heimelig, es besteht aus einem labilen Lattengerüst und die Wände aus transparenter Folie. Hier gibt es keine Privatsphäre, keinen Rückzugsort. Spätestens mit dem Auftritt des alkoholsüchtigen Vaters und seinen Saufkollegen wird klar, dass wir einer sozialen Unterschicht bei ihren üblichen Vergnügungen zusehen. Dazu gehört unter anderem, die eigene Tochter an den Kneipenwirt zu verkaufen, um seine Trinkschulden zu begleichen. Während wir dieser absurden Zwangsverlobung zuschauen, läuft auf Projektionsflächen über dem Häuschen eine Rückschau in die Kindheit von Grete. Sie tanzt als kleine Ballerina auf dem elterlichen Küchentisch, um sie herum die Kumpanen des Vaters, welche versuchen unter ihr Tutu zu glotzen. Hier – wie auch später im zweiten Akt – ist es Biganzoli ganz besonders gelungen, sexuelle Belästigung und sexuellen Missbrauch auf klare, aber subtile und dezente Weise darzustellen. Ich finde in dieser Hinsicht auf der Bühne kaum etwas widerlicher als die plakative und direkte Darstellung von sexuellen Handlungen, die eigentlich schockieren sollen, letztlich aber dem Zuschauer ein voyeuristisches Vergnügen bereiten.

Im zweiten Akt ist die Bühne umgeben von einem großen goldenen Glitzervorhang, aus dem Figuren auftreten und hinter dem sie verschwinden können. Es ist eine Welt des Rausches und der Zerstreuung, in der alles verschwimmt, die Wahrnehmung für Details getrübt ist und ohnehin beliebig ist, wer mit wem kommt und wer mit wem hinter dem goldenen Flitter verschwindet. Das sind mitunter auch erwachsene Männer, die sich eins der tanzenden Kinder reservieren und gegen ihren Willen ins Dunkel zerren.

Grete (Cornelia Ptassek) in ihrem gläsernen Gefängnis, umringt von Freiern, „Der ferne Klang“ von Franz Schreker am Theater Lübeck, Foto: Steffen Gottschling

Die Stückpause wurde genutzt, um den gesamten Orchesteraufbau vom Graben auf die Bühne zu verfrachten. Ein Überraschungseffekt, der schon an anderen Häusern und anderen Inszenierungen erfolgreich eingesetzt wurde. Dieses pure Bild am Ende der Oper sollte eine konzertante Aufführungssituation darstellen. So trägt Grete, die im Publikum erscheint, zum Schluss ein schwarzes Konzertkleid und steht nur noch singend neben ihrem Fritz, den sie nicht in die Arme schließt, sondern nach ihrem letzten gesungenen Ton einfach abgeht. Ohne das zugehörige Programmheft gelesen zu haben, ist dieses Ende allerdings nicht lesbar als Darstellung einer bestimmten Theaterästhetik. Ist es überhaupt möglich, einen theoretischen Diskurs in einer Inszenierung abzubilden?

Das totale Theater

Der Clou dieses Abends ist das sogenannte Zwischenspiel nach dem ersten Akt. Alle Saaltüren werden gleichzeitig geöffnet und eine charmante Stimme fordert uns auf, die Annehmlichkeiten in den Foyers zu genießen. Meinen die das ernst? Nach wenigen Sekunden der Schockstarre stehen die ersten Zuschauer auf und finden sich draußen mit einem Glas Sekt in der Hand wieder. Dort ist die Party schon in vollem Gange, ein Tenor schmettert ein Liedchen während woanders historische Texte über das sexuelle Verhalten des weiblichen Geschlechts verlesen werden. Überall flanieren Damen in Paillettenkleidern und Herren im Frack – alle mit Sonnenbrillen.

Diese Damen (Emma McNairy, Evmorfia Metaxaki, Caroline Nkwe, Wioletta Hebrowska) sind für das männliche Vergnügen da, „Der ferne Klang“ von Franz Schreker am Theater Lübeck, Foto: Steffen Gottschling

Mancher Zuschauer wird von einem bzw. einer dieser Figuren eingehakt und darf ein paar Meter gemeinsam flanieren. Wer Glück hat, bekommt ein kleines Herz aus Alufolie geschenkt. Kurze Zeit später ruft uns die Stimme wieder zurück in den Zuschauerraum. Aha, war das jetzt die Pause? Kam mir ganz schön kurz vor. Leichte Verwirrung macht sich breit, man stürzt den letzten Rest Sekt hinunter und wühlt sich durch das pinkfarbene Licht zurück zu seinem Platz. Nun ist auch auf der Bühne was los. Was habe ich denn jetzt alles verpasst? Geht es schon weiter? Wer singt und spielt hier denn eigentlich? Die Saaltüren gehen ja gar nicht zu, ist das jetzt also noch Vorgeplänkel? Ich bin immer begeistert, wenn ein Regisseur es schafft, mich zu verwirren. Besonders schön fand ich die Idee, die Türen fast den gesamten zweiten Akt offen zu lassen und mich so als Zuschauer von der Seite zu beleuchten. Das schafft tatsächlich eine komplett andere Atmosphäre, einen ungewohnt offenen Raum und ein weites Blickfeld.

Wenn man nun also keine Ahnung hat, wer Franz Schreker ist und auch die Handlung dieser Oper fad findet – dieser Abend lohnt sich allein dafür, eine andere, neue Art von Musiktheater zu erleben. Damit steht Regisseur Jochen Biganzoli freilich nicht allein da – Benedikt von Peter und Florian Lutz sind zwei weitere Empörer, die mit dem Entstauben des Opernrepertoires beschäftigt sind. Und das sollten wir, im Namen der bedrohten Kunstform Oper, unterstützen.


Der ferne Klang. Oper in drei Akten von Franz Schreker (UA Frankfurt am Main 1912)

Theater Lübeck
Musikalische Leitung: Andreas Wolf
Regie: Jochen Biganzoli
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Katharina Weissenborn
Video: Thomas Lippick
Licht: Falk Hampel
Dramaturgie: Francis Hüsers

Besuchte Vorstellung: 21. Oktober 2017 (Premiere)

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Oper

KOLUMNE – Fünf Wochen lang Chef

von am 23. September 2017

[Diese Kolumne erschien zum ersten Mal im PROspekt (Ausgabe 2, Dezember 2016), dem Magazin des Theater Erfurt.]

Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, selbst Chef zu sein? Endlich kann man die wirklich wichtigen Entscheidungen treffen, endlich steht man im Zentrum der Aufmerksamkeit, endlich kann man andere herumkommandieren! Ich jedenfalls habe mir das nie gewünscht. Da gibt es nur ein Problem: Wenn man am Theater seine Ideen umsetzen möchte, muss man Chef sein. Denn ein Regisseur ist nichts anderes als der Chef einer Inszenierung. Und da ich erst kürzlich am Theater Erfurt mit Brittens Kammeroper The Turn of the Screw die Chance bekam, ein paar meiner Ideen an echten Menschen und echtem Material auszuprobieren, blieb mir wohl oder übel nichts anderes übrig. Aber wie geht das eigentlich: Chef sein?

Das kannste schon so machen, aber dann isses halt kacke

Es gibt ja ganz unterschiedliche Arten von Chefs. Da gibt es zum Beispiel die cholerischen Typen, die ihre Ziele durchsetzen, indem sie alle Umstehenden in emotionalen Stress versetzen. Ich hatte aber gelesen, dass Bluthochdruck die Lebenszeit verkürzt – daher war diese Strategie schon mal nix für mich. Dann gibt es noch die eiskalten rationalen Typen, die zwar alles, was getan werden soll, erklären, aber dann auch nur einmal und ganz schnell. Wer das nicht gehört oder verstanden hat, ist ein unfähiger Idiot und muss letztendlich sowieso tun, was gesagt wurde, denn es kommt ja vom Chef. Auch diese Vorgehensweise erschien mir nicht als erstrebenswert, da ich nicht eine ganze Produktion lang von den Kollegen hinter meinem Rücken als arrogante Kuh bezeichnet werden wollte.

Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht

Ich habe mich dann kurzerhand für die schwierigste Variante vom Chefsein entschieden. Das heißt, dass ich es mir zum Ziel machte, alle Mitarbeiter von der Sinnhaftigkeit meines Konzepts zu überzeugen, damit sie das von mir Beabsichtigte aus eigenem Antrieb heraus machen. Spätestens jetzt merkt ihr – ich bin hoffnungsloser Idealist. Aber wie kriegt man das konkret hin? Zuerst habe ich mich bis an die Zähne mit Wissen und Vorbereitung bewaffnet. Autorität durch Ahnung sozusagen. Ich habe den Text gelesen und die Musik gehört (oft), ich habe Sekundärliteratur gelesen (stapelweise), ich habe Filme zum Thema gesehen (Horrorfilme, die schlaflose Nächte verursacht haben), ich habe mit Freunden und Kollegen diskutiert. Ich habe Skizzen gezeichnet, Abläufe erstellt und Listen geschrieben (zu Verwandlungen, Bildern und Requisiten) und natürlich einen Probenplan gemacht. Währenddessen habe ich außerdem genug Pausen eingelegt, ging im Luisenpark spazieren oder joggen (zu selten), habe mich gesund ernährt, viel Wasser getrunken und geschlafen (zu lang).

Transpiration und Inspiration

Mit Beginn der Probenzeit ging dann aber erst die richtige Arbeit los. Fünf Wochen lang habe ich geredet, diskutiert, erklärt. Immer wieder. Ich habe Smalltalk gehalten, ich habe Witze gemacht, ich habe motiviert. Immer wieder. Ja, das war definitiv anstrengender als einfach Dienst nach Vorschrift zu machen: Du kommst von links, gehst dann schräg nach rechts rüber, bist erst traurig, dann irritiert und dann ängstlich. Und bitte! Aber für all diese investierte Energie, Lebenszeit, Geduld und echte Aufmerksamkeit, habe ich etwas sehr Besonderes zurück bekommen. Augenblicke, die das Publikum leider nie miterlebt. Die schönsten, erfüllendsten und inspirierendsten Momente am Theater sind nämlich die Proben, in denen jemand (nicht unbedingt der Regisseur) eine Idee äußert und diese dann von anderen weitergedacht und gemeinsam umgesetzt wird. Ganz ohne Aufforderung. Diese Momente erinnern mich immer daran, warum ich eigentlich am Theater arbeite. Vor allem, wenn ich dort als Regisseur – als Chef – solche Momente möglich machen kann.

[Weitere Informationen, Pressestimmen und Fotos meiner Inszenierung The Turn of the Screw am Theater Erfurt findet ihr auf meiner Homepage www.viktoria-knuth.de, einen Trailer findet ihr hier bei Youtube. ]

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