Oper | Rezension

CANDIDE von Leonard Bernstein in Wiesbaden – Optimismus auf der Opernbühne

von am 15. November 2014
Candide von Leonard Bernstein am Staatstheater Wiesbaden

Was ist für einen Regisseur wohl die beste aller Herangehensweisen an eine Oper? Ich persönlich finde es immer gut, zuallererst das Stück an sich ernst zu nehmen. Noch besser ist es meiner Ansicht nach, wenn der Humor eines Stückes ernst genommen wird. Und am allerbesten ist es, wenn ein Regisseur es schafft, die gesamte Absurdität des Glaubens an eine perfekte Welt auf die Bühne zu bringen, ohne zynisch zu sein. Die viel zu selten gespielte Operette Candide von Leonard Bernstein ist nicht nur ein Stück über den Optimismus – die Inszenierung von Bernd Mottl am Hessischen Staatstheater Wiesbaden stimmt auch optimistisch, dass es weiterhin schlüssiges, erzählendes und kurzweiliges Musiktheater gibt.

 

Ist das hier wirklich die beste aller möglichen Welten?

Candide ist ein naiver Kerl, der irgendwie mit einem Baron verwandt ist. Deswegen darf er in einem schönen Schloss in Westfalia zusammen mit seinem Cousin Maximilian, der hübschen Kunigunde und dem Zimmermädchen Paquette wohnen. Dort erhalten sie Unterricht vom Hauslehrer Pangloss, der ihnen eintrichtert, dass diese die beste aller möglichen Welten sei und dass alles, wirklich alles, zum Guten geschehe. Nach dieser erhellenden Vorlesung entlässt er die Klasse – außer Paquette. Mit ihr will er noch ein physikalisches Experiment durchführen. Ähem. Ausschließlich für den wissenschaftlichen Lustgewinn, versteht sich. Kunigunde beobachtet diesen Versuch über Ursache und Wirkung mit großer Faszination und fragt Candide, ob er nicht auch daran interessiert sei, tiefer in die betreffende Materie einzudringen. Der intrigante Max findet diese ausgiebigen Studien der beiden irgendwie unpassend und lässt kurzerhand Candide aus dem Schloss werfen. Der irrt daraufhin etwas planlos aber weiterhin hochoptimistisch durch die Gegend, als er von der Armee rekrutiert wird. Sie vernichten ganz Westfalia, nur Pangloss scheint überlebt zu haben.

Candide und sein Lehrer kommen irgendwie nach Lissabon, wo zufällig gerade das berühmte Erdbeben stattfindet. Das dadurch verursachte allgemeine Chaos ist ein Paradies für Plünderer und Vergewaltiger. Um der Unordnung Einhalt zu gebieten, hat die Inquisition aber eine super Idee: Sie veranstaltet ein nettes Autodafé und kann so gleichzeitig die Verbrecher abschrecken und die restliche Menge unterhalten. Da kommen Candide und Pangloss gerade recht, sie werden gehenkt, um ein Exempel zu statuieren. Moment, die haben doch gar keine Schuld am Erdbeben? Macht nichts, laut Erbsündentheorie ist doch jeder schuldig. Irgendwie überlebt Candide seine Hinrichtung und reist nach Paris.

In Frankreich findet Candide seine geliebte Kunigunde, die irgendwie das Massaker in Westfalia überlebt hat. Sie hat sich zwischenzeitlich beruflich umorientiert: Sie ist Mätresse von gleich zwei reichen Herren – einer ist Kardinalerzbischof und einer Jude. Wenn das mal kein Beitrag zur Konfessionenzusammenführung ist! Candide ist, was Religion betrifft, genauso unparteiisch wie Kunigunde. Deswegen erschießt er einfach beide. Candide, Kunigunde und eine alte Lady mit nur einer Pobacke fliehen nach diesem Mord nach Spanien. Dort heuert Candide bei einer Söldnertruppe an, die auf dem Weg in die schöne Neue Welt ist.

So kommen die drei nach Buenos Aires, wo gerade der Gouverneur frische Sklaven kauft. Maximilian, der Cousin von Candide aus Westfalia, hat nicht nur ebenfalls die Schlacht überlebt, sondern wird auch als Sklave angeboten. Da ihm die bunte Spitzenunterwäsche so gut steht, greift der Gouverneur sofort zu – und spürt Dinge, die er nicht erwartet hatte. Aber bevor er Max hinrichten kann, wird der von Jesuiten gekauft. Die Enttäuschung des Gouverneurs über seinen Verlust ist aber nur von kurzer Dauer – er tröstet sich mit Kunigunde, die gerade angekommen ist.

Candide wird also wieder von seiner Geliebten getrennt und muss außerdem in den Dschungel fliehen. Dort trifft er irgendwie auf Paquette und Maximilian. Letzteren erschießt er, weil der noch immer die Heirat von Candide mit seiner Schwester Kunigunde verhindern will. Nach seinem dritten Mord muss Candide jetzt erst recht weiter fliehen. Unterwegs gabelt er einen Diener auf. Irgendwie gelangen die beiden nach Eldorado, wo nicht nur die Straßen mit Diamanten gepflastert sind, sondern sogar die Schafe goldenes Fell haben. Candide will mit diesem ganzen Reichtum aber nur seine geliebte Kunigunde freikaufen und im freien Venedig heiraten. Er tauscht eines der Goldschafe für ein abgewracktes Schiff ein und fühlt sich trotzdem wie der größte Glückspilz.

In Venedig kommt Candide in ein Casino, wo Paquette sich prostituiert.  Maximilian ist auch da, irgendwie. Und er hat es sogar zum Polizeichef gebracht, der vom Casinobesitzer fleißig Schutzgeld einheimst. Irgendwie sind auch Kunigunde und die alte Lady dorthin gekommen und zocken im Casino mit rührseligen Stories die Gäste ab. Genau das versuchen sie maskiert auch mit Candide. Als er seiner Kunigunde die Maske vom Gesicht reißt, ist er endlich erschüttert. Sein Weltbild gerät ins Wanken. Geschieht wirklich alles zum Guten?

Zum Schluss erkennt er, dass nach all den Reisen und Erlebnissen keiner mehr so ist, wie er anfangs war. Er will als nun veränderter Candide trotzdem noch seine veränderte Kunigunde heiraten und mit ihr ein Haus bauen, Holz hacken und im Garten ausruhen.

 

Wer ist bitteschön François-Marie Arouet?

Wenn das mal keine total opernuntaugliche Story ist! Könnte man meinen. Zum Glück werden die vielen einzelnen kleinen Episoden verbunden und erklärt vom Darsteller des Pangloss, der sich zu Beginn als François-Marie Arouet vorstellt. Den kennt ihr nicht? Vielleicht kennt ihr dann aber Voltaire, den Autor der satirischen Novelle Candide oder der Optimismus, auf der das Werk von Bernstein beruht. Das ist nämlich ein und derselbe. Das Stück zeigt – genauso wie die Satire von Voltaire auch – wie ein harmloser, gutgläubiger Mensch durch eine Aneinanderreihung von unglücklichen Zufällen in die schlimmsten Katastrophen verwickelt wird. Die dargestellte Welt ist tatsächlich alles andere als die beste aller möglichen Welten, wie sie der Philosoph Leibniz postuliert hat. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass sie nicht im Pessimismus endet, sondern mit der banalen Feststellung, dass noch der Garten zu bestellen sei. Ist der Rückzug auf das selbstgemachte kleine Glück die Lösung, um mit dem Übel der Welt und der Menschheit umzugehen?

 

Ich bin da optimistisch

Die Inszenierung von Bernd Mottl am Staatstheater Wiesbaden lässt dieses fragwürdige Ende unkommentiert. Überhaupt verzichtet er auf jegliche Parteilichkeit, was die Figuren und ihre Handlungen angeht. Mottl nimmt jeden Charakter in seiner eigenen Komik und Tragik ernst und verurteilt weder die Prostitution von Kunigunde und Paquette, noch die Philosophie der Anpassung der alten Lady und auch nicht die Naivität von Candide. Deswegen wirken die Ereignisse und die Einstellungen der Figuren zwar absurd, aber nicht so weit hergeholt, dass Empathie unmöglich wird. Und es gibt viel zu lachen an diesem energiegeladenen und ideenreichen Theaterabend. Das liegt in erster Linie an der Personenführung, die an den passenden Stellen komisch überzeichnet ist und Spaß an charmanten Details hat, wie dem ständigen dümmlichen Kniestrümpfe-Hochziehen von Candide oder damit, dass Darsteller aus ihrer Rolle fallen: „Why did he shoot me again? We never rehearsed it that way…“ Und auch wenn dieses Mittel der Komik abgedroschen klingt – es funktioniert in dieser Operette, die nicht nur Satire über die Philosophie von Leibniz ist, sondern auch über Oper bzw. Musical selbst. Dazu hat Götz Hellriegel eine geniale Choreographie geschaffen, die ästhetisch, absurd, sexy und einfach nur zum Schreien witzig ist. Vermutlich die lustigste Choreographie, die ich bisher gesehen habe. So werden beispielsweise die goldenen Schafe in Eldorado von Tänzern in flauschigen wolligen Kostümen dargestellt, die hin und her tapsen, gemütlich Gras kauen und sich auch mal an prominenten Körperteilen beschnuppern. Auch das klingt in der Beschreibung platt, aber sorgte für ein mehrere Minuten (!) anhaltendes Kichern und Jauchzen im Zuschauerraum, sodass die eigentliche Handlung völlig in den Hintergrund geriet. Hellriegel scheut sich auch nicht davor, die Kriegsszene mit der vollständigen Zerstörung von Westfalia einfach zu vertanzen und das auch noch mit knapp bekleideten Soldatinnen, die schwungvoll ihre Maschinengewehre bedienen. Das alles passt herrlich in das charmant simple, aber ideenreiche Bühnenbild, das in großen Teilen aus einfachen bemalten Holzelementen besteht, die je nach Bedarf aus dem Bühnenhimmel oder den Seiten herein gefahren kommen. Da gibt es einen gemalten Laubengang im Schloss, ein gemaltes Schiff für die Überfahrt nach Amerika oder eine gemalte Kathedrale, vor der die Hinrichtungen stattfinden. Hier ist unschwer zu erkennnen, dass es auch dem Kostüm- und Bühnenbildner Friedrich Eggert keineswegs an Witz mangelt. Ganz zum Schluss werden dann Teile aus jedem einzelnen Bühnenbild sichtbar, indem alle Soffitten im Bühnenraum hoch gezogen werden. Und während man sich so an alle gesehenen Episoden noch einmal erinnern kann, ziehen sich Mitglieder des Chors und die Solisten die Perücken vom Kopf als Symbol für das Ende der Darstellung einer künstlichen Figur. Das tun sie, während sie davon singen, dass sie nach dem Erlebten nun nur noch ein Haus bauen, Holz hacken und im Garten ausruhen wollen. Und ich glaube es jedem einzelnen dieser lächelnden Gesichter.


Kritik in der Frankfurter Rundschau vom 2. November 2014

Kritik im Wiesbadener Kurier vom 3. November 2014

Kritik in der Rhein-Zeitung vom 4. Novemer 2014

Kritik der musicalzentrale.de 

Kritik im Opernfreund vom 1. November 2014


Candide. Comic Operetta in zwei Akten von Leonard Bernstein (UA 1956 New York)

Staatstheater Wiesbaden
Musikalische Leitung: Albert Horne
Regie: Bernd Mottl
Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert
Choreographie: Götz Hellriegel
Dramaturgie: Regine Palmai

Besuchte Vorstellung: 9. November 2014

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Oper | Rezension

LE PROPHÈTE von Giacomo Meyerbeer in Braunschweig – Grand opéra mit Extras

von am 31. Oktober 2014
Le Prophet am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Giacomo Meyerbeer hat mal eine Oper geschrieben und die heißt Le prophète. Das war tatsächlich alles, was ich über die Produktion wusste, die ich mir am Staatstheater Braunschweig ansah. Und mit schamloser Absicht hatte ich mich außerdem überhaupt nicht auf diesen Abend vorbereitet. Nein, es gab keine kleinen Ausflüge auf Youtube und auch nicht auf Wikipedia. Denn wie oft hat man als Theaterinsasse die Möglichkeit, ein Werk der Romantik mit vollkommener Naivität und ganz unvoreingenommenen Augen und Ohren zu erleben? Es war letzten Endes aber doch ein Glück, dass ich früh genug angereist war, um aller guten Vorsätze zum Trotz den Einführungsvortrag zu erleben. (Übrigens ein ganz fantastisch lebendiger, kurzweiliger und informativer Vortrag vom leitenden Dramaturgen Christian Steinbock. Sowas muss auch mal gesagt werden.) Die Handlung von Meyerbeers Oper Le prophète, die grob auf historischen Ereignissen beruht, ist nämlich genauso verzwickt wie faszinierend.

 

Der Prophet

Berthe liebt Jean und Jean liebt Berthe. Deswegen wollen die beiden heiraten. Da Berthe aber eine Leibeigene ist, muss sie zuerst ihren Leibherrn – Graf von Oberthal – um Erlaubnis bitten. Zur moralischen Unterstützung nimmt Berthe ihre zukünftige Schwiegermutter Fidès mit. Oberthal hält die geplante Eheschließung für eine schlechte Idee und nimmt die beiden Damen gefangen. Wer weiß, wozu es gut ist! Währenddessen träumt Jean von einer rosigen Zukunft mit seiner Berthe. Da kommen drei Wiedertäufer vorbei. Die staunen über Jeans Ähnlichkeit mit einem Bild des Königs David im Dom zu Münster und wollen ihn gleich für ihre religiöse Bewegung gewinnen. Jean hat aber nur eins im Sinn: Jean liebt Berthe und Berthe liebt Jean. Da kommt ebendiese zur Tür hinein. Sie konnte fliehen, wird aber von Oberthal verfolgt. Dieser stellt Jean vor die Wahl: Entweder er liefert seine Geliebte aus oder seine Mutter muss sterben. Jean zerreißt es innerlich angesichts dieser Entscheidung – er schützt das Leben seiner Mutter Fidès und muss mit ansehen, wie seine Braut von einem anderen weggeführt wird. Kurzerhand schließt er sich doch den Wiedertäufern als deren neuer Prophet an, um später Rache an Graf von Oberthal zu üben.
Monate später herrscht Krieg. Die Wiedertäufer konnten mit ihrer Armee einige blutige Siege erringen, nur ein kleines Dorf namens Münster leistet noch Widerstand. In einem Waldstück in der Nähe eines Lagers der Wiedertäufer wird der Graf in Verkleidung aufgegriffen. Die Wiedertäufer wollen ihn hinrichten lassen, aber als Jean von ihm erfährt, dass Berthe vom Grafen nach Münster geflohen sei, lässt er ihn laufen. Diesmal können die Wiedertäufer die Stadt erfolgreich stürmen.
Dort herrscht Jean mit tyrannischer Hand. Da das ganze Blutvergießen seiner Wut aber kein Ende bereitet, will er sich außerdem noch zum König von Zion krönen lassen. Indessen glaubt sowohl seine Mutter Fidès als auch seine Braut Berthe, dass er tot sei und der Prophet dafür verantwortlich. Berthe will auf eigene Faust den vermeintlichen Tod ihres Geliebten rächen – Fidès geht erstmal im Dom beten. So ein Zufall, dass genau in diesem Moment die Krönungszeremonie des Propheten stattfindet. Sie erkennt ihren Sohn und gibt sich als dessen Mutter zu erkennen. Aber da Jean sich als Sohn Gottes ausruft und also keine leibliche Mutter haben darf, verleugnet er sie. Die Krönung nimmt ihren Lauf. Jean wird als Heiliger vom Volk angebetet. Das hält die führenden Persönlichkeiten der Wiedertäufer aber nicht davon ab, gegen ihren eigenen König zu intrigieren. Sie lassen sich auf einen Handel mit dem Kaiser ein, der sie verschonen will, wenn sie ihren Propheten ausliefern. Jean trifft währenddessen abseits der Menge auf seine lang vermisste Mutter, die ihn erst verflucht, dann aber ihrem geliebten Sohn bald vergibt. Als jedoch endlich auch Berthe erkennt, dass Jean und der Prophet ein und derselbe sind, ersticht sie sich voller Ekel vor seinen Taten. Jean erfährt von dem Verrat der Wiedertäufer und plant einen letzten Racheakt. Er lässt während des kaiserlichen Angriffs die Pulverlager des Schlosses in Brand setzen und reißt alle Angreifer und sein eigenes Gefolge mit in den Tod. Fidès stirbt mit Jean und Jean stirbt mit Fidès.

 

Dream a little dream

Liebe, Verrat, Wut, Rachegelüste, Gewalt, Größenwahn, Gnade, Selbstmord, Reue, Tod. Das sind die richtigen Zutaten, um nicht nur eine mitreißende Oper, sondern zugleich auch eine wirkungsvolle Inszenierung zu backen. Sollte man meinen. Der Regisseur der Braunschweiger Neuinszenierung Stefan Otteni hatte das Bedürfnis, dieser umfangreichen Handlung noch einen Rahmen hinzuzufügen. Zu Beginn des Abends während der Ouvertüre sehen wir wie ein Gefangener auf seine kümmerliche Bettstatt geführt wird. Dort legt er sich zu einem unruhigen Schlaf hin. Der Mann im Pyjama, der nachher auch Jean sein wird, ist zum Tode verurteilt und erträumt sich die Handlung der Oper. Das beginnt vielversprechend: Ein Teil des Ichs des Gefangenen spaltet sich in Form eines Doppelgängers ab.

Der Prophet (Arthur Shen) und sein Doppelgänger, Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Der Prophet und sein Doppelgänger, Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Dieser Statist schiebt dann eine große schwere Metallwand, die zu Beginn direkt hinter dem Portal steht, ganz in den Bühnenhintergrund. Auf diese Wand wird währenddessen der schlafende Jean in Großformat projiziert, sodass wir einen Raum zwischen Jean und Jean haben. Eine Innenansicht seines Bewusstseins also. Eine simple und sinnige Darstellung. Was dann im Verlauf des Abends problematisch wird, ist die unscharfe Trennung der Ebenen. Wenn es durchweg die Ebene des zum Tode Verurteilten und die Ebene des Traums bzw. der Erinnerung geben soll, müssen diese in bestimmter Weise markiert sein. Offenbar war die usprüngliche Absicht diese Markierung räumlich vorzunehmen, da der Schlafplatz vom Anfang die ganze Oper über bestehen bleibt. Auch das ist eigentlich eine simple und sinnige Idee. Aber wieso kann sich dann Jeans Mutter Fidès dort zum Ausruhen hinlegen, die ja wohl nicht plötzlich in die Gefängniszelle eingebrochen sein kann und schon gar nicht als Madonna verkleidet?

Der Prophet und seine Mutter (Anne Schuldt), Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Der Prophet und seine Mutter (Anne Schuldt), Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Schade, dass dieses Konzept nicht konsequent durchgeführt wurde. Mal ganz davon abgesehen, dass fraglich ist, was die zugefügte Rahmenhandlung zu einem besseren Verständnis oder gar einer fehlenden Aktualität (!) beitragen soll.

 

Gott will es!

Was könnte denn zeitloser sein als Kriegsführung im Namen Gottes? Leider! Und das bedeutet nicht einmal zwangsläufig, dass Le prophète unbedingt in ein aktuelles Krisengebiet hätte verlegt werden sollen. Eine spannende Erzählung des vorliegenden Materials hätte in diesem Fall genug Assoziationen und Entsetzen ausgelöst. Aber auch hier ist die Inszenierung von Stefan Otteni nicht konsequent. Einer der wichtigsten Faktoren für die Dramaturgie der Oper von Meyerbeer ist die Wandlung von Jean. Zuerst ist er der naive Liebende, dann der treue Sohn, der durch Außeneinwirkung zu einem rachedurstigen gewalttätigen Tyrann wird und der letztendlich in der erneuten Begegnung mit seiner Mutter zur Reue findet. In Braunschweig ist die Drastik der Gewaltherrschaft von Jean allerdings nicht so prägnant ausformuliert, wie es die Geschichte verlangt. Denn wie wirkungsvoll ist die Gnade der Mutter für ihren Sohn, den man auf der Bühne nie als skrupellos, gewalttätig oder gar blutrünstig erlebt? Da hilft es auch nicht, dass Jean während seiner eigenen Krönungszeremonie mit Blutbeuteln beworfen wird. Das sieht zwar nachher schön aus, aber die Passivität von Jean während dieses Happenings steht im Gegensatz zu seiner tatsächlichen Schuldigkeit.

 

Für Opernanfänger geeignet?

Nach diesem Erlebnis in Braunschweig geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Dass sogenannte werktreue bzw. werknahe Inszenierungen nach wie vor ihre Berechtigung auf den Spielplänen haben. Wenn man ein Stück überhaupt nicht kennt und es dann als Regietheater auf der Bühne erlebt, ist man einfach aufgeschmissen, total frustriert und abgeschreckt. Um das zu verhindern, bräuchte man im Vorhinein eine aufwändige Vorbereitung auf das Werk, die entweder viel Zeit oder viel Geld kostet. Wer kann das ernsthaft vom Zuschauer erwarten? (Nomadierende Theatergängerinnen mal ausgenommen.) Hilfreich wäre in diesem Zusammenhang vielleicht eine Skala, die Inszenierungen stufenweise bewertet nach der Eignung für Opern-Newbies bis Opern-Nerds.

Wäre das was?


Kritik im Opernfreund vom 20. Oktober 2014

Kritik im Online Musik Magazin

Kritik in Die deutsche Bühne vom 20. Oktober 2014

Kritik in der Operalounge


Le prophète. Oper in fünf Akten (UA 1849 Paris)

Staatstheater Braunschweig
Musikalische Leitung: Ernst van Tiel
Regie: Stefan Otteni
Bühne und Kostüme: Anne Neuser
Choreographie: Joshua Monten
Dramaturgie: Christian Steinbock

Besuchte Vorstellung: 19. Oktober 2014 (Premiere)

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Oper

MACBETH von Giuseppe Verdi in Darmstadt – Auf die Schippe genommen

von am 30. September 2014
Macbeth am Staatstheater Darmstadt

[tp not_in=“en“ lang=“de“]Der Aberglaube besagt, dass es Unglück bringt, wenn man das Stück Macbeth innerhalb eines Theaters beim Namen nennt. Da sagt man lieber Mr. oder Mrs. M oder auch gerne Das schottische Stück, um mögliches Desaster zu vermeiden. Der Regisseur Viestur Kairish der Neuinszenierung von Verdis Oper in Darmstadt hat sich definitiv nicht daran gehalten.

 

Der schottische König

Macbeth kehrt mit seinem Kameraden Banquo aus dem Krieg zurück. Auf dem Weg in die Heimat werden die beiden von merkwürdigen Damen aufgehalten, die Macbeth prophezeien, dass er König werde und Banquo vorhersagen, dass er Vater von Königen werde. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau ermordet Macbeth daraufhin den König, um die Prophezeiung wahr zu machen. Aber direkt nach dem Mord wird Macbeth von seinem Gewissen gequält. Er wird zum König gekrönt. Aber die Prophezeiung sprach auch davon, dass Banquo Vater von Königen wird. Hat Macbeth für die Nachfahren eines anderen getötet? Um das zu verhindern, beschließt das Königspaar kurzerhand Banquo und dessen Sohn zu ermorden. Während die engagierten Mörder Macbeths Kriegskumpan meucheln, der Sohn aber fliehen kann, geben die Macbeths ein rauschendes Fest. Aber der neue König scheint etwas neben sich zu stehen. Er sieht tote Menschen. In seiner Verzweiflung will er nochmal die wissenden Frauen von anfangs befragen. Diese lassen ihn wieder in die Zukunft blicken:  Er solle sich vor Macduff hüten. Niemand, der von einem Weib geboren wurde, könne ihm schaden. Er sei unbesiegbar, bis der Wald von Birnam sich auf ihn zu bewege. Macbeth findet, das seien gute Nachrichten. Nur für alle Fälle bringt er trotzdem Macduffs Familie um die Ecke. Macbeths blutrünstiger Regierungsstil bleibt dem Volk jedoch nicht verborgen. Einige sind geflüchtet und haben sich unter Malcolm, dem Sohn des ermordeten Königs, zusammen getan. Macduff ist auch dort und muss aus der Ferne vom Tod seiner Familie hören. Das will er auf keinen Fall auf sich sitzen lassen und Malcolm hat auch schon eine gute Idee, um Macbeths Festung zu stürmen. Er und seine Gefolgschaft verbergen sich hinter Ästen und Zweigen, um das Überraschungsmoment auszunutzen. Auf dem Schlachtfeld tötet Macduff Macbeth. Wie gut, dass er durch Kaiserschnitt zur Welt kam. Die Lady hatte sich schon vor Macbeths Ende selbst umgebracht.

 

Wieviele Kinder hatte Lady Macbeth?

Die Macbeths haben keine Kinder. Das ist sowohl bei Shakespeare als auch bei Verdi klar. Unklar ist allerdings wieso. Ist die Lady unfruchtbar? Ist Macbeth impotent? Sind die beiden biologisch inkompatibel? Man weiß es nicht. Es ist für das Königspaar jedenfalls Grund zur Sorge, dass sie keine Nachfahren haben, welche die Krone nach dem Tod Macbeths übernehmen können. Der erste einer ganzen Dynastie von Königen zu sein, scheint in der vorgestellten Welt der ganz große Traum zu sein. Ich bin grundsätzlich damit einverstanden, dass das Thema der Nachkommenschaft und damit auch Familie das gesamte Stück durchzieht. Nicht einverstanden bin ich damit, dass ich deswegen auf der Bühne halbnackte blutverschmierte Föten unterschiedlicher Größe sehen muss. Die sollen dem Zuschauer dann wohl vermitteln, dass der Königsmord das nicht-geborene Kind ersetzt. Die Assoziation ist sicher nicht abwegig, aber bühnenwirksam ist es mitnichten, wenn ein Kind mit rot-fleckiger Glatze und Shorts neben der Lady im Bett sitzt. Wieviele Föten haben wohl im Mutterleib Hosen an? Nach Kairish offenbar alle, denn das ungeborene Kind ist nicht nur Statist in dieser kopfgeborenen Regie, sondern singt auch. Der bemitleidenswerte Darsteller des Macduff trägt eine nackte, ebenfalls blutige Kopferweiterung, obenrum ein blutbeflecktes hautfarbenes Trikot und untenrum… eine blaue kurze Hose. Aber was noch viel schlimmer ist – die Gleichsetzung von Macduff mit einem Ungeborenen ist absolut daneben. Es ist erstens faktisch falsch, da es schon in der Vorlage von Shakespeare gerade um die Irreführung in der Prophezeiung geht. Er wurde zwar nicht auf normalem Wege geboren, ABER er wurde aus dem Mutterleib heraus gerissen, also kam durch einen Kaiserschnitt zur Welt. Warum in Darmstadt jetzt ein Fötus Macbeth tötet, indem er ihm eine grüne Spielzeugschaufel in die Hand drückt, ist und bleibt mir schleierhaft. Das Programmheft schweigt sich ebenfalls darüber aus.

 

Hätte, hätte, Fahradkette

Dabei hätte die Regie sogar Potential zu großen Bildern gehabt. Zum Beispiel dominiert das eheliche Bett der Macbeths die meisten Szenen. Zu Anfang steht es im fast naturalistischen Schlafzimmer der beiden, das sich nachher absurd vergrößert. Dann steht es mitsamt totem Banquo in der Mitte des Festsaales – unsichtbar für die Gesellschaft. Und zuletzt ist es bedeckt von Schmutz und befindet sich bereits unter der Erde, als die Lady sich das Leben nimmt. Nur leider wird diesem vielfältig symbolischen Ort sofort jegliche Ernsthaftigkeit abgesprochen, als die Lady und ihr Mann mit Straßenschuhen quer darüber latschen. Im Programmheft steht so schön, dass das Bett ein Ort von Schlaf und Traum, von Sterben, Zeugen und Geborenwerden ist. Ich würde dem noch hinzufügen wollen, dass es ein Ort der Geborgenheit und Intimität ist und sicherlich auch von Lust und Leidenschaft. Aber wie soll ich all das auf der Bühne sehen und assoziieren, wenn die Darsteller mit diesem Gegenstand nicht so umgehen, wie es ihm gemäß ist? Eine Schande! Denn was hätte man mit diesem weißen Bett nicht alles machen können! Den toten König zwischen die beiden legen, wäre da noch eine der plumperen, aber nichtsdestotrotz schlüssigen Ideen. Aber was wäre wenn beispielsweise die Lady zu Beginn aus dem Bett steigt, die Decke zurückschlägt und einen großen Fleck von Menstruationsblut vorfindet? Ist sie vielleicht enttäuscht oder gar froh darüber, nicht schwanger zu sein?

Ein weiteres simples aber sinnfälliges Symbol, das die Darmstädter Inszenierung leider nicht ausschöpft, ist die Erde. Dieses schöne, braune Element wird erst im letzten Drittel in der Hexenhöhle eingeführt. Hier passiert übrigens der einzig kluge Moment, indem Macbeth die prophezeienden Erscheinungen aus dem Boden ausbuddelt, sie sich also selbst erschafft. Im Folgenden bleibt die Erde auf der Bühne und stürzt als unaufhaltsame Naturgewalt langsam aber beständig in das königliche Schlafzimmer, das zuletzt selbst und vollends Erde ist. Wie schade, dass dieses Sinnbild von Natur, Fruchtbarkeit und Tod erst so spät kommt. Ich hätte mir sie auch gut als erste Andeutung vom Ende Macbeths bereits im ersten Bild des ehelichen Bettes vorstellen können. Es hätte sich dann sukzessive verstärken können bis hin zur letztendlichen Überlagerung von Macbeths Welt. Hätte.

 

Sch***!

Der Aberglauben über Das schottische Stück bietet auch Reinigungsrituale an, falls einem der Titel doch rausrutschen sollte. Eins davon geht so: Man verlasse das Theater, renne dreimal ums Haus, spucke über seine linke Schulter, sage etwas Obszönes und warte dann bis man eingeladen wird, das Theater wieder zu betreten. Herr Kairish würde vielleicht jetzt noch draußen stehen.


Kritik in der Frankfurter Rundschau vom 29. September 2014

Kritik in Echo-online vom 29. September 2014

Kritik im Wiesbadener Tagblatt vom 29. September 2014


Macbeth. Oper in vier Akten (UA 1847 Florenz; 1865 Paris)

Staatstheater Darmstadt
Musikalische Leitung: Will Humburg
Regie: Viestur Kairish
Bühne: Reinis Dzudzillo
Kostüme: Ilse Welter
Choreographie: Jo Siska
Dramaturgie: Mark Schachtsiek

Besuchte Vorstellung: 27. September 2014 (Premiere)[/tp]

[tp lang=“en“ only=“y“ not_in=“de“]Superstition says it’s bad luck, if you call the play Macbeth by its name inside a theater. So you have to say Mr. or Mrs. M or even The scottish play to prevent possible desaster. The director Viestur Kairish of the new staging of Verdi’s opera in Darmstadt definitely did not adhere to this law.

 

The scottish king

Macbeth returns from war with his comrade Banquo. On their way back home they encounter weird ladies, who predict that Macbeth will be king and that Banquo will be father of kings. With the help of his wife Macbeth murders the current king to get what he has been promised. But soon after the murder Macbeth is being haunted by his conscious. He is made king. But the prophecy said, that Banquo will be father of kings. Did Macbeth kill for the offspring of someone else? To prevent this from happening, the royal couple decides to murder Banquo and his son, too. While the murderers slay Banquo and his son flees, the Macbeths have a big party in their honor. But the new king is acting strangely. He sees dead people. Being totally freaked out, he seeks advice from the forementioned women. These make him once more look into his future: He should beware of Macduff. No one born of a woman shall harm him. He will be safe until Great Birnam Wood moves towards him. Macbeth finds these sayings very comforting. But just to be sure he murders Macduff’s whole family. Meanwhile, Macbeth’s bloodthirsty style of government goes not unnoticed by the people. Some of them have fled his tyranny and have reunited under Malcolm, the former king’s son. Macduff is there too and hears about the slaying of his family. That’s something he is not willing to take lying down. Luckily, Malcolm has a great idea how to attack Macbeth’s castle. He and his men will hide behind twigs and branches to distract the lookout. On the battlefield Macduff kills Macbeth. How convenient that he was born cesarean. The Lady had already committed suicide before Macbeth’s death.

 

How many children had Lady Macbeth?

The Macbeths are childless. This is a fact in the original play by Shakespeare and the libretto of Verdi’s opera. But the circumstances are unclear. Is the Lady barren? Is Macbeth impotent? Are the two biologically incompatible? Noone knows. It’s definitely troubling for the royal couple to not have any offspring, who can take over the crown after Macbeth’s death. Being the first of a whole dynasty of kings seems to be the highest goal in their world. Generally I agree that the topic of offspring and family is something that is present throughout the whole opera. But I don’t agree with showing halfnaked bloody fetuses in different sizes on stage. I guess they are supposed to tell me, that the regicide is a substitution for a not-born child. It’s a comprehendable association but it is definitely not effective, when there’s a child with a stained bald head and shorts sitting next to the Lady in bed. How many fetuses may wear clothes inside their mother’s womb, I wonder… According to Kairish apparently all of them, because the unborn child is not only personalized by an extra but does also sing. The pitiful singer of Macduff wears a naked, bloody head-attachment, a skin-colored jersey and… short blue pants. But what is even worse is that the equalization of Macduff with a not-born is absolutely awry. First of all it is virtually wrong, because the whole prophecy is about the misdirection of the saying. He was not born the regular way BUT he has been untimely ripped from his mother’s womb, meaning he was born via C-section. Why in Darmstadt a fetus kills Macbeth by giving him a green toy shovel goes beyond my wildest imagination. There is nothing about this mad idea in the program either.

 

Coulda, woulda, shoulda

And yet the staging had potential for great pictures. For example, the royal couple’s bed dominates most of the scenes. In the beginning it is the center of the almost naturalistic bedroom, which later magnifies to an absurd size. Then it is right there in the ballroom – invisible to everyone except Macbeth. At last it is covered with dirt and is itself already under the ground, when the Lady takes her own life. It’s a pity that this ambiguously symbolic object is being robbed of every last bit of content, when the Lady and her husband step over it with outdoor shoes. It says in the program that a bed is a place of sleep and dream, of dying, conception and being born. I myself want to add, that a bed can also be a place of intimacy and feeling of security and definitely of lust and passion. But how can anyone see and associate all these things if the players don’t treat this object accordingly? It’s a shame! Because there would have been so many possibilities to use this white bed. One of the more simple but still coherent ideas would be, placing the dead king in bed between his murderers. But what if the Lady gets out of bed in the beginning, pulls off her blanket and finds a big stain of blood on her side? Is she maybe frustrated or even happy seeing that she is not pregnant?

Another simple but obvious symbol that is not being fully exhausted in Darmstadt is soil. This beautiful element is only introduced in the last third in the cave of the witches. By the way, this is where the only clever moment of the staging takes place, when Macbeth digs out the prognostic appearences, creating them himself. After that, the soil stays on stage and makes its way as an inexorable force of nature into the royal bedroom, that at last is itself made out of earth. What a bummer that this allegory of nature, fertility and death is established as late as it is. I myself could have imagined it already in the very beginning as an allusion to Macbeth’s ending in the couple’s white bed. It could have intensified over the course of the evening until it covered and buried Macbeth’s world. Could.

 

F***!

The superstition about The scottish play also offers cleansing rituals. One of them goes like this: You leave the theater building, run around the theater three times, spit over your left shoulder, say an obscenity and then wait to be invited back into the building. Mr. Kairish would maybe be waiting still.


Review in Frankfurter Rundschau, September 29, 2014

Review in Echo-online, September 29, 2014

Review in Wiesbadener Tagblatt, September 29, 2014


Macbeth. Opera in four acts (UA 1847 Florenz; 1865 Paris)

Staatstheater Darmstadt
Conductor: Will Humburg
Staging: Viestur Kairish
Stage design: Reinis Dzudzillo
Costume design: Ilse Welter
Choreography: Jo Siska
Dramatic advisor: Mark Schachtsiek

Visited performance: September 27, 2014 (Premiere)[/tp]

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