Oper | Rezension

SAMSON ET DALILA von Camille Saint-Saëns in Koblenz – Auge um Auge

von am 15. September 2014
Samson et Dalila von Saint-Saëns

[tp  not_in=“en“ lang=“de“]Wer kennt sie nicht, die großen unvergesslichen Liebesgeschichten. Allein die Erwähnung von Namenspaaren wie Romeo und Julia, Tristan und Isolde oder Harry und Sally löst bei Romantikern ein leises Seufzen aus. Kein Wunder, denn diese Paare überwinden durch die Kraft ihrer Liebe nicht nur Familienfehden oder den Tod, sondern sogar latente Bindungsangst. Wenn man nun von Samson und Dalila hört und Katechumenenunterricht nicht aufgepasst hat, könnte man annehmen, dass sich dieses Pärchen in die oben genannten einreiht. Eine hübsche französische Romanze. Hach! Leider ist die verbindende Konjunktion „und“ in diesem Fall irreführend, denn die Oper von Camille Saint-Saëns ist alles andere als eine Geschichte über die alles überwindende und verbindende Kraft zweier Liebenden. Es ist ein Stück über einen erbitterten Konflikt, über unüberwindbare Mauern von Hass und Verrat.

 

Eine alte Geschichte

Die Israeliten, unter ihnen Samson, sind in Gefangenschaft der Philister. Durch Samsons Kraft, die ihm vom Gott Jehova eingegeben wurde, kann sich sein Volk jedoch befreien und ist nun in der Lage, einen offenen Kampf zu führen. Dalila, Philisterin und Priesterin des Gottes Dagon, hat indessen eine andere Form der Kriegsführung im Sinn. Sie verführt Samson und fordert als Beweis seiner Liebe und seines Vertrauens das Geheimnis seiner übermenschlichen Kraft. Samson erliegt Dalilas Reizen und wird nachts von den herbei gerufenen Philistern seines Haars und damit seiner Stärke beraubt. Er wird als Gefangener zur Schmähung in den Tempel von Dagon gebracht, wo er als Vergeltung mit einem letzten Hilferuf an Jehova seine Kraft wiedererlangt und den Tempel des Dagon zum Einsturz bringt. Die darin versammelten Philister werden unter den Trümmern des Gotteshauses begraben. Samson und Dalila ebenfalls.

 

Rache fordert Rache fordert…

Die Parallelsetzung dieses Konflikts mit den derzeitigen Auseinandersetzungen im Gazastreifen liegt nah. Die Regisseurin Waltraud Lehner umgeht stilsicher die platte Darstellung von Krieg und Tod und verzichtet bewusst auf Waffen und Theaterblut. Die Brutalität des Krieges und die Sensationsgier danach interessiert Lehner wenig. Vielmehr versucht sie dem Ursprung der Eskalation auf den Grund zu gehen. Im anfänglichen Streitgespräch zwischen den beiden führenden Gestalten der streitenden Völker ist die Spannung so geladen, dass ein Missverständnis zur Verschärfung des Konflikts führt. Ein unschuldiges Kind – von den Hintergründen der Auseinandersetzung ahnungslos und ohne Nationalstolz oder Nationalhass – wird im Spiel aus Versehen zum ersten Opfer des neuen Krieges und damit Auslöser aller folgenden Racheakte. Samson erschlägt aus Rache den Führer der Philister, Dalila beraubt Samson aus Rache seiner besonderen Kraft, Samson tötet aus Rache tausende Philister. Oder bleibt dieser letzte Racheakt in der Interpretation von Lehner sogar aus? Zuletzt zeigt eine Videoprojektion den aufrecht stehenden Samson, der immer größer wird, übermenschlich groß, um sich dann einfach umzudrehen und abzutreten. Ist er hier „the bigger man“? Beendet er die Fehde der Völker, indem er sich der Auseinandersetzung entzieht und sein Opfer ungesühnt lässt? Es wäre jedenfalls ein optimistischer Ausblick auf die Konflikte der Menschheit. Eindeutig ist dies aber nicht.

 

Samson gegen Dalila

Das Stück heißt nun aber nicht Philister gegen Israeliten, sondern trägt die Namen eines Mannes und einer Frau, Samson und Dalila. Diese ganz individuelle Begegnung  ist offenbar das, was im Zentrum der Oper steht. Das Aufeinandertreffen dieser beiden Menschen in der vermeintlichen Liebesnacht ist Dreh- und Angelpunkt des Konflikts. Mal angenommen, man würde an dieser Stelle den weiteren Verlauf der Geschichte nicht kennen – was wäre denn, wenn das Treffen glücklich ausginge? Was wäre, wenn Dalila Bewunderung verspüren könnte für den starken Israeliten, der sein Volk verteidigen will und dafür auch das Verhältnis zu ihr beenden möchte? Was wäre, wenn sie ihren Patriotismus vergessen hätte und nicht den Feind, sondern den Mann Samson gesehen hätte? Was wäre, wenn sie diesen Mann tatsächlich geliebt hätte? Dann wäre diese Nacht nicht nur eine zwischenmenschliche Vereinigung gewesen, sondern hätte auch Ausgangspunkt einer Völkerverständigung werden können. Eine Liebe, die sich über Glaubensunterschiede hinwegsetzt hätte, die Engstirnigkeit in offene Herzen verwandelt hätte. Hätte! Doch Dalila führt ihren Plan bis zur letzten Konsequenz durch. „Philister über dir!“ ruft sie ihrem entmachteten Opfer hämisch zu.

Aber ist Dalila wirklich die durchtriebene femme fatale, die männerfressende Patriotin? Ich glaube, in ihrem letzten Blick auf den kahl geschorenen und blinden Samson einen Anflug von Mitleid gesehen zu haben. Ein Anflug von Reue und einem Bewusstsein über das Ausmaß der Konsequenzen, die aus ihrem Verrat folgen werden? Vielleicht war es auch nur mein eigenes Wunschdenken, das diese Selbstzweifel in Dalilas Augen gelegt hat.


Kritik in der Rhein-Zeitung vom 15. September 2014


Samson et Dalila. Oper in drei Akten von Camille Saint-Saëns (UA 1877 Weimar)

Theater Koblenz
Musikalische Leitung: Joseph Bousso
Regie: Waltraud Lehner
Bühnenbild: Ulrich Frommhold
Kostüme: Katherina Kopp
Video: Georg Lendorff
Choreographie: Christina Liakopoyloy
Dramaturgie: Christiane Schiemann

Besuchte Vorstellung: 13. September 2014 (Premiere)

Weitere Vorstellungen: 26. September 2014 / 12. Oktober 2014 / 6., 15., 18., 21., 25., 28. Juni 2015 / 1. Juli 2015[/tp]

[tp lang=“en“ only=“y“ not_in=“de“]Who doesn’t know them, the unforgettable love stories. Only mentioning couples like Romeo and Juliet, Tristan and Isolde or Harry and Sally can trigger a longing sigh. No wonder as these twosomes share a love that can not only overcome family feuds or death itself, but even latent fear of commitment. When someone who didn’t pay attention during bible class then hears about the story of Samson and Dalila, one could expect those two to join the above mentioned with their very own cute french romance. Sigh! Unfortunately the connecting conjunction „and“ is in this case misleading, because the opera by Camille Saint-Saëns is not quite the story of the transcending and conjunctive power of two lovers – it is a story about unsuperable walls of hatred and betrayal.

 

It’s an old story

The Hebrews, one of them is Samson, are being held captive by the Philistines. With Samson’s god-given power he is able to free his people who is now in a position to fight an open battle. Meanwhile Dalila, priest of Dagon and Philistine, has her very own strategy of warfare. She seduces Samson and demands to know the secret of his supernatural force as proof for his love and trust. Samson gives in to Dalila’s attraction and at night he gets robbed of his hair and with that his power by the Philistines. He is being dragged into the temple of Dagon for amusement, where he calls out to his god Jehova to give him back his strength to take revenge. Samson tears down the whole temple and buries not only all of the assembled Philistines but also Dalila and himself.

 

Revenge desires revenge desires…

It’s easy to see parallels between this conflict and the terrible war that is still going on in the Gaza strip. Director Waltraud Lehner avoids the mere display of war and death and does without weapons or artificial blood. The brutality of war and the lust for its sensation is not of interest to her. She rather tries to get to the bottom of the origin of the escalation. In the initial disputation between the two leading figures of the quarreling peoples the situation gets so tense that a misunderstandment intensifies the conflict. An innocent child – ignorant of the background of the dispute and without national pride or hatred – accidentally gets killed, which is the starting point of the following acts of revenge. Samson takes vengeance by killing the leader of the Philistines, Dalila takes vengeance by robbing Samson of his power, Samson takes vengeance by killing thousands of Philistines. Or does he really takes his last revenge in the reading of Lehner? In the end a video projection shows Samson standing upright, who becomes bigger and bigger, and then just turns around and walks off. Is he quite literally being the bigger man? Does he end the feud between the peoples by refusing any further conflict and leaving his sacrifice unatoned? It would be an optimistic view on human conflicts. But it’s not absolutely clear.

 

Samson vs. Dalila

But the opera is not called Philistines vs. Hebrews – its title includes the names of a man and a woman, Samson and Dalila. Obviously this specific meeting is the center of this piece. The encounter of these two human beings in the alleged night of love is the linchpin of the conflict. Saying that we don’t know the further process of the story at this point – what would happen, if the meeting ends happily? What if Dalila was impressed by the strong hebrew, who wants to defend his people and is willing to give up his own passions for them? What if she forgot her patriotism and didn’t see the enemy but the man? What if she loved him? Then this night would not only have been a union of a man and a woman but could have been the origin of a settlement between peoples. A love that would have overcome differences of belief, a love that would have transformed narrow-mindedness into open hearts. Would! But Dalila follows her plan to its last consequence. „The Philistines are upon you!“ she shouts to her now powerless victim.

But is Dalila really the cunning femme fatale, the man-eating patriot? I think, I saw a glimpse of pity in her gaze on the shaven and blind Samson. A trace of remorse and the beginning of an awareness about the dimension of the consequences resulting in her betrayal? Maybe it was my own wishful thinking that put a self-doubt in Dalila’s eyes.


Review in Rhein-Zeitung vom September 15th, 2014


Samson et Dalila. Opera in three acts by Camille Saint-Saëns (UA 1877 Weimar)

Theater Koblenz
Conductor: Joseph Bousso
Staging: Waltraud Lehner
Stage design: Ulrich Frommhold
Costume design: Katherina Kopp
Video: Georg Lendorff
Choreography: Christina Liakopoyloy
Dramatic advisor: Christiane Schiemann

Visited performance: September 13th, 2014 (Premiere)

Further performances: September 26th, 2014 / October 12th, 2014 / June 6th 15th 18th 21st 25th 28th, 2015 / July 1st, 2015[/tp]

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Oper | Rezension

DON GIOVANNI von Mozart in Hannover – Unwiderstehlich

von am 9. August 2014
"Don Giovanni" von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Don Giovanni? Hat man doch schon oft genug gesehen!“ Wenn das eure Reaktion auf die Nachricht über eine Neuinszenierung dieser vielgespielten Oper von Wolfgang Amadeus Mozart ist, könnt ihr getrost in die Oper Hannover gehen. In der Regie von Benedikt von Peter gibt es nämlich eins garantiert nicht zu sehen: Don Giovanni.

Aus dem Leben eines Frauenhelds

Leporello steht vor Donna Annas Haus Schmiere. Denn sein Herr Don Giovanni ist bei ihr und möchte beim Besuchen nicht gestört werden. Aber irgendetwas geht Anna gegen den Strich – sie ruft um Hilfe und jagt Giovanni aus dem Haus. Ihr Vater, der Komtur, ist zwar schnell genug zur Stelle, um ihn zum Kampf herauszufordern – allerdings nicht schnell genug, um einem tödlichen Stoß von Don Giovanni zu entgehen.
Der ist nach seinem Mord überraschend gut drauf und ihm fällt nichts besseres ein, als gleich dem nächsten Rock hinterher zu steigen. Da kommt Donna Elvira vorbei – die hatte er früher schon mal – kann sich aber nicht sofort daran erinnern. Man kennt das! Als er seine alte Flamme dann doch erkennt, macht er sich davon und lässt Leporello mit der zeternden Dame allein.
Aber wer kommt denn da? Eine hübsches junges Pärchen flaniert mit einer ganzen Hochzeitsgesellschaft vorbei. Ist doch klar, dass Giovanni die junge Braut reizvoll findet. Er schickt Masetto, den Bräutigam, kurz weg, um seine Zerlina mit falschen Versprechungen ins Bett zu locken. Bevor Giovanni aber zum Abschluss kommen kann, tritt Donna Elvira zwischen die beiden und macht Zerlina klar, was von Don Giovannis Komplimenten zu halten ist. Dann sind plötzlich auch noch Donna Anna und ihr Verlobter Don Ottavio da – die beiden wollen Giovanni eigentlich um Hilfe bei der Verfolgung des Mörders bitten, aber Anna kommt sein Verhalten irgendwie spanisch vor. Sie ahnt, dass er selbst ihren Vater ermordet haben könnte.
Don Giovanni hat sich schon wieder aus der brenzligen Situation heraus gewunden und bekommt nun Lust, ordentlich zu feiern. Dazu lädt er auch Zerlina und ihren lästigen Anhang ein. Elvira, Anna und Ottavio schleichen sich maskiert ebenfalls auf die Party. Es ist klar, was dann passiert: Giovanni will sich an einem unbeobachteten Ort die junge Zerlina zu Gemüte führen – die hat daran aber etwas auszusetzen und schreit nach ihrem Bräutigam. Don Giovanni versucht den Skandal von sich abzulenken und beschuldigt Leporello, arme unschuldige Mädchen zu verführen und macht sich – mal wieder – aus dem Staub.
Irgendwo auf der Straße findet Leporello Don Giovanni wieder. Er ist ein bisschen angekekst, weil er immer den Mist von seinem Herrn ausbaden muss. Wie hat Donna Elvira die beiden schon wieder gefunden?! Giovanni hat jedenfalls eine super Idee: Er tauscht schnell mit Leporello Mantel und Hut und lässt ihn an seiner Stelle Elvira besuchen. Das merkt die doch eh nicht! Aha. Was macht Don Giovanni währenddessen? Richtig, ein neues Mädel aufreißen. Oder es zumindest versuchen, indem er vor ihrem Fenster eine Serenade singt. Gute Güte, wer könnte da nein sagen… Aber Giovanni wird von Masetto überrascht, der ihn zusammen mit seinen Kumpanen mal ordentlich vermöbeln will. Moment, Don Giovanni trägt ja noch die Klamotten von Leporello. Und weil es gerade so schummrig dunkel ist, funktioniert die Verkleidung und er schickt Masettos Freunde unter Vorwand weg und kann dann in aller Ausführlichkeit selbst den Bräutigam verprügeln.
Leporello und Don Giovanni treffen sich wieder und spazieren an einem Grabmal vorbei. Es ist die Statue des ermordeten Komturs, die hier auf seine Rache wartet. Giovanni macht sich einen Spaß draus und lädt die Statue zum Abendessen ein. Die sagt dazu: „Sì“
Zurück in seinem Palast hat Don Giovanni schon aufdecken lassen für sich und den steinernen Gast. Die Statue lässt nicht lange auf sich warten. Sie fordert Don Giovanni auf, seine Sünden zu bereuen und sein Leben zu ändern. Giovanni bleibt bei seinem Lebenswandel und wird von der Statue des Komturs in die Tiefe gerissen.
Die anderen kommen zu spät, um selbst an Don Giovanni Rache zu üben. Als sie von Leporello erfahren, was passiert ist, können sie endlich zu ihren eigenen Problemen zurück kehren. Donna Anna will ihre Hochzeit mit Don Ottavio um ein Jahr verschieben, Donna Elvira geht ins Kloster, Zerlina und Masetto gehen erstmal einen trinken und Leporello sucht sich in der nächsten Kneipe einen neuen Herrn.

You sexy thing

Das Schwierigste an jeder Aufführung eines Stückes über Verführung und Begehren ist der Verführer. Der Auslöser.  Der Grund. Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Don Giovanni ist hier keine Ausnahme. Und es ist ja grundsätzlich ein unmögliches Unterfangen: Ein Bariton steht auf der Bühne – manchmal etwas untersetzt, manchmal Opfer von erblich bedingtem Haarausfall – und den sollen jetzt knapp 1000 Leute toll finden. So richtig toll. Und diese Leute sind dann Männer und Frauen, Alte und (leider nicht ganz so viele) Junge, Homosexuelle und Heterosexuelle, Gänseblümchen-Liebhaber und Fußfetischisten. All denen soll bestenfalls innerhalb von drei Stunden mächtig heiß werden.
Ist klar – den tollsten, schönsten, witzigsten, einfühlsamsten, sexyesten Mann gibt es nicht.
Was also machen, wenn man sinnliches Begehren glaubhaft auf die Bühne bringen will?

Technik, die begeistert

Der Regisseur Benedikt von Peter spannt zusammen mit der Bühnenbildnerin Katrin Wittig für seine Antwort auf diese Frage einen schwarzen, halb-transparenten Vorhang über einen Großteil des Portalrahmens. Abgesehen von einer kleinen hinzugefügten Spielfläche auf dem Orchestergraben, die sich wunderbar zum Versteckspielen eignet, stellt dieser Aufbau das Bühnenbild des Abends dar. Während nun alle Figuren (außer dem Chor, der in den Zuschauerraum verbannt wurde) sowohl hinter als auch vor dieser Fläche agieren, ist eine ganz wesentliche Person des Stückes durchweg (fast) unsichtbar: Don Giovanni. Was wir stattdessen zu sehen bekommen, ist die Sicht aus seinen Augen.
Eine Handkamera, die über der Schulter Don Giovannis geführt wird, zeigt uns in Vergrößerung auf der schwarzen Leinwand, was dahinter in der Dunkelheit verborgen ist: das sanfte Gesicht von Donna Anna, die begehrlichen Blicke von Zerlina und die leidenschaftlich-wütenden Augen von Donna Elvira. Manchmal verstörend nah.

Donna Elvira (Monika Walerowicz) ist die Sehnsucht, "Don Giovanni" von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk
Donna Elvira (Monika Walerowicz) ist die Sehnsucht, „Don Giovanni“ von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Im Dunkeln

Technisch möglich wird dies mit einer Infrarot-Kamera. Die Physik, die dahinter steckt, erklärt sich ungefähr so: Der Kameraassistent richtet eine Lampe mit Infrarotstrahlung auf die Szene. Hierbei handelt es sich aber nicht um die umgangssprachliche Wärmestrahlung, die man von medizinischen Wärmelampen kennt, sondern um eine Strahlung, die im für das menschliche Auge nicht sichtbaren Spektralbereich des Lichts liegt. Die spezielle Kamera fängt die von der Szene reflektierte Infrarot-Strahlung auf und übersetzt sie in ein leicht verfremdetes quasi Schwarz-Weiß-Bild. Da die Rückstrahlung dieses Lichtbereichs nach anderen Kriterien passiert als die Reflexion des sichtbaren Lichtspektrums, erscheinen manche Übertragungen unlogisch. Beispielsweise verwandelt die Infrarot-Technik die dunkelhaarige Elvira in eine Wasserstoffblondine, während ihre braunhaarige Leidgenossin Zerlina ihre Haarfarbe behalten darf. Vermutlich schmückt sich die Darstellerin der Elvira mit einer künstlichen Haarfarbe und dieses zusätzliche Material reflektiert die Infrarotstrahlung anders als das sichtbare Licht (um eine Frage zu beantworten, die nicht nur ich mir während der Vorstellung gestellt habe).

Zerlina (Heather Engebretson) verzehrt sich nach dem Unbekannten, "Don Giovanni" von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk
Zerlina (Heather Engebretson) verzehrt sich nach dem Unbekannten, „Don Giovanni“ von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Splinter Cell und andere Kunstwerke

Diese Bildtechnik gibt einem als Zuschauer nicht nur das Gefühl ungewollt in die Intimsphäre der Figuren einzudringen, es hat mich persönlich auch auf den ersten Blick an meine eigenen langen, schweißtreibenden Nächte mit einem gewissen Sam Fisher erinnert. Nur dass dieses „Ego“ nicht mit einer Desert Eagle bewaffnet Staatsfeinde ins Gras beißen lässt, sondern mit Handschuhen ausgestattet junge Bräute sanft ins Gras legt.
Ob von Peter diese kleine Hommage an den Stealth-Shooter geplant hatte, ist mir unbekannt – offiziell hat er sich von etwas anderem inspirieren lassen. Der japanische Fotograf Kohei Yoshiyuki machte in den 1970ern Fotos von Paaren, die sich nachts in Tokyos öffentlichen Parkanlagen trafen. Die Bilderserie zeigt dabei nicht nur die sich liebenden Paare, sondern auch und vor allem Voyeure, die sich im Schutz der Dunkelheit anschleichen und teilweise sogar einem Liebhaber eine zupackende Hand leihen. Diese Aufnahmen sind – wie die in Benedikt von Peters Don Giovanni – durch den Einsatz von Infrarot-Technik ermöglicht worden. Auf der Homepage der Yossi Milo Gallery kann sich jeder Neugierige einen eigenen Eindruck von diesen bizarren und erstaunlichen Bildern machen, die nicht nur die Zuschauer im Park als Voyeure entlarven, sondern auch einen selbst.

Don Giovanni ohne Don

Und, lohnt sich dieser ganze technische Aufwand überhaupt, der vermutlich nicht nur ein relativer Alptraum für jede Produktionsleitung ist, sondern sicherlich wegen möglicher akustischer Einbußen auch nicht auf ungebrochene Begeisterung beim Sängerensemble gestoßen ist – am allerwenigsten bei Du-weißt-schon-wem?
Absolut! Die körperliche Abwesenheit Don Giovannis macht neugierig. Wer und wie mag wohl der Typ sein, den Zerlina so anschmachtet, dem Elvira ihr Leben widmen will und dem nicht einmal Masetto widerstehen kann? Das Fehlen des Konkreten wird zu einer Projektionsfläche, die jeder Zuschauer mit seinen eigenen bewussten und unterbewussten Sehnsüchten füllt. (Mit Kierkegaard gedacht befindet sich hinter der Kamera nicht der Mensch Don Giovanni, sondern das Prinzip des Begehrens.) Da würde man am liebsten nach jeder Vorstellung das Publikum zur (Twitter-)Umfrage bitten, was genau sie sich hinter dem Kamerablick vorgestellt haben.
Vielleicht hätte ich nach dem Abschlag schnell aus dem Saal verschwinden sollen, dann würde ich jetzt noch in Fantasien schwelgen. Denn so sehr ich jedem Darsteller seinen wohlverdienten Applaus gönne – ich war am Ende schon ein wenig enttäuscht. Ja, so naiv gehe ich noch ins Theater (und hoffentlich hört das nie auf). Beim Applaus kommt als letztes ein großer Mann auf die Bühne, der einen schwarzen Samt-Overall, schwarze weiche pantoffelartige Schuhe und einen kleinen schwarzen Schlapphut trägt. Ein wenig schwarze Farbe hat er auch im Gesicht. Kriegsbemalung auf dem brutalen Schlachtfeld der Liebe.


Kritik der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 18. Mai 2014

Kritik der neuen musikzeitung vom 20. Mai 2014 

Kritik des Online Musik Magazin

Kritik auf livekritik.de vom 30. Juni 2014


Don Giovanni. Dramma giocoso in zwei Akten von W.A. Mozart (UA 1787 Prag)

Staatsoper Hannover
Musikalische Leitung: Benjamin Reiners
Regie: Benedikt von Peter
Bühne: Katrin Wittig
Kostüme: Geraldine Arnold
Video: Bert Zander
Live-Kamera: Jonas Schmieta
Dramaturgie: Klaus Angermann

Besuchte Vorstellung: 25. Juli 2014

Weitere Vorstellungen: 31. Oktober, 6., 18., 27. November 2015

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Oper | Rezension

ACTUS TRAGICUS von Herbert Wernicke in Stuttgart – Warten auf den Holzpyjama

von am 1. August 2014
actus tragicus - 6 Bachkantaten inszeniert von Herbert Wernicke

In der Oper ist ein Thema allgegenwärtig. Nein, ich spreche nicht von Liebe. Sondern vom Tod. Ständig kratzt jemand ab, geht hops, macht die Biege. Das fällt meist nicht negativ auf, weil das Ableben meist in einem größeren dramatischen und dramaturgischen Zusammenhang steht: Werther erträgt ein Dasein ohne Charlotte nicht, Kaspar wird bestraft, Gilda schützt den Duca, Violetta hat die Motten.

Das kann schon mal zum Tod führen, ohne Zweifel. Aber warum muss nun unbedingt ein Mann mit Zollstock sterben? Warum eine Frau mit roten Schuhen? Warum ein Kind mit Ball? Nein, da gibt es schlicht und einfach keinen Grund. „Mensch, du musst sterben.“ Das kann man genau so als Überschrift der Vorstellung actus tragicus an der Staatsoper Stuttgart nehmen. Puh.

 

Leben im Puppenhaus

Herbert Wernicke hat für seine Inszenierung von sechs Kirchenkantanten Johann Sebastian Bachs (ursprünglich entstanden für das Theater Basel 2000) ein portalfüllendes Wohnhaus auf die Bühne gestellt. Die Nachbarn – Solisten, Choristen und Statisten – gehen in knapp 20 Räumen ihren alltäglichen Verrichtungen nach. Die Hausfrau aus dem 3. Stock bügelt weiße Hemden, im Erdgeschoss turnt ein junger Mann, im Hochparterre ist ein Liebespaar zugange und oben drüber wird Weihnachten gefeiert. Von Raum zu Raum geht ein Mann im Trenchcoat, der die unmöglichsten Abstände vermisst, eine junge Dame mit roten Schuhen wechselt im 1. Stock links unaufhörlich die Kleidung, ein kleiner Junge kickt im Hinterhof einen Ball durch die Gegend. Die Sorge, dass man als Zuschauer nicht jede Szene verfolgen kann und damit Zusammenhänge verpassen könnte, stellt sich bald als unbegründet heraus: Die Bewohner scheinen einem Zwang zur unendlichen Wiederholung zu unterliegen.

Bachs Musik, die sich inhaltlich um Vergänglichkeit, Leid und Tod dreht, klingt angesichts dieser Banalitäten wie eine ferne Erinnerung oder tief verborgene Sehnsucht nach spiritueller Führung, die nicht so recht in dieses heutige Bild passen will, aber trotzdem präsent ist, und das nicht nur akustisch. Unten im Keller liegt eine Leiche in einer unzugänglichen Kammer – eine dreidimensionale Nachbildung von Hans Holbeins Der tote Christus im Grabe (1521/22 Öl auf Holz, Kunstmuseum Basel).

The Body of the Dead Christ in the Tomb, and a detail, by Hans Holbein the Younger.jpg

The Body of the Dead Christ in the Tomb, and a detail, by Hans Holbein the Younger“ by Hans Holbein the Younger – John Rowlands, Holbein: The Paintings of Hans Holbein the Younger, Boston: David R. Godine, 1985, ISBN 0879235780.. Licensed under Public domain via Wikimedia Commons.

 

Aber wer jetzt schon mit den Augen rollt und befürchtet, dass der Jesusstatist sich im dritten Akt die eingeschlafenen Waden ausschüttelt, aufsteht, den Aufzug nimmt, alle Mitmieter segnet und mit Brot und Trollinger verköstigt, sei hiermit entwarnt: Mit Jesus passiert nämlich nix. Er liegt da und rührt sich nicht. Und die Nachbarn haben nicht nur keinen Zugang zu ihm, sondern suchen ihn auch nicht.

 

Sie haben Jesus getötet!

Nein, dieser Christus ist definitiv tot, hat den Löffel abgegeben, hat den Holzpyjama angezogen. Und das sieht man auch an seinem geschlagenen geschundenen Körper. Es ist eine brutal-naturalistische Darstellung des vom Kreuz genommenen Leichnams, die damals so schockierend war, dass Dostojewski bei der Betrachtung einen epileptischen Anfall hatte. Später legte er dem Protagonisten seines Romans Der Idiot, der mit einer Kopie dieses Werks konfrontiert wird, die Worte in den Mund: „Wenn der Tod so furchtbar und die Naturgesetze so stark sind, wie kann man sie dann überwinden? Wie kann man sie überwinden, wenn selbst derjenige sie jetzt nicht besiegte, der zu seinen Lebzeiten der Natur überlegen war, derjenige, dem sie gehorchte […]?“

Wernickes Theaterabend gibt keine Antwort auf diese Fragen und die fehlende dramaturgische Entwicklung korrespondiert sinnfällig mit der Orientierungslosigkeit der Figuren auf der Bühne – und der Leute im Zuschauerraum.

 

Gesucht: Sinn

Seitdem das eigene Leben und Sterben nicht mehr selbstverständlich an der Kirche ausgerichtet ist, suchen wir an allen möglichen (und unmöglichen) Orten nach transzendentalem Obdach: im indischen Ashram, in Selbsthilfebüchern, in der Philosophischen Lebensberatung, im Yoga-Kurs oder im Fernsehen. Und im Internet natürlich auch: MyMonk, ein deutscher Blog, der sich die Suche nach innerer Ruhe auf die Fahnen geschrieben hat und der inspirierende Blog Zenhabits im englischsprachigen Raum sind zwei viel gelesene Beispiele aus der bunten Blogosphäre. Die Angebote sind  zahllos und die Entscheidung für eins von ihnen fällt schwer.

actus tragicus endet zwar mit einem in der Leere verhallenden „Mensch, du musst sterben“ – der Abend verbreitet aber dank spritziger Barockmusik gar keine Endzeitstimmung. Und auch wenn zum Schluss der Scheinwerfer auf den toten Christus als allerletztes erlischt, ist die Vorstellung kein Plädoyer für die Rückkehr zum Christentum. actus tragicus ist vielmehr ein Hinweis auf fast vergessene Wege zum so genannten Seelenheil. Vielleicht zu unrecht vergessen.


Kritik in Kulturpur

Kritik im Online Musik Magazin vom November 2006

Kritik im Guardian vom 20. August 2009


actus tragicus. Sechs Kirchenkantaten von Johann Sebastian Bach (UA 2000 Basel)
Musikalische Leitung: Michael Hofstetter
Regie, Bühne und Kostüme: Herbert Wernicke
Dramaturgie: Albrecht Puhlmann

Besuchte Vorstellung: 1. Juni 2014

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