Oper

MODERN TIMES in Nürnberg – Chaplin fast live

von am 18. Dezember 2014
Charlie Chaplin

Es gab ein Orchester, es gab eine Szene, es gab ein Theater. Ist das nicht genug Rechtfertigung, um ausnahmsweise mal über einen Film zu schreiben? Ich finde schon. Und was soll man auch tun, wenn man seit 45 (!) Tagen keinen Zugang zu Musiktheater hatte und dann am sehnsüchtig erwarteten einzigen Urlaubstag im Staatstheater Nürnberg gar keine Oper gespielt wird, sondern nur ein alter Film mit Live-Musik? Man geht natürlich – nein, man rennt in diese einzigartige Filmvorführung, um sich von Charlie Chaplin und seinem Film Modern Times zum Lachen, Nachdenken und Träumen bringen zu lassen. Wenn dann auch noch die Staatsphilharmonie Nürnberg live den Soundtrack dazu spielt, ist auch der letzte Opernnerd glücklich.

The Tramp

Ja, es besteht kein Zweifel, Charlie Chaplin ist zu Recht eine Legende. Und nicht nur, weil seine Ideen für wirkungsvolle Slapstick-Nummern, sein Timing und seine artistischen Fähigkeiten es einfach auf den Punkt bringen. Seine Filme sind außerdem intelligente Beiträge zu einer Gesellschaftskritik, die mit einem verschmitzten Lächeln enden.

Die Fressmaschine

Die „Eating machine“ zählt vermutlich nicht nur für mich zu den frühen Kindheitserinnerungen. Immer wenn mein Bruder gemein zu mir war und ich den ganzen Weltschmerz auf meinem kleinen Herzen spürte, baute mein Vater einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher und einen Videorekorder in meinem Kinderzimmer auf und legte eine alte Kassette ein, auf der handschriftlich Die Fressmaschine notiert war. Wenn ich dann zuschauen konnte, wie der alte Charlie riesige Schraubenmuttern ausspuckt, war meine Welt wieder in Ordnung.

Überall Fressmaschinen

Die Erfindung einer Maschine, die einen füttert, damit man die Arbeit nicht unterbrechen muss und somit wertvolle Zeit und Effizienz verliert, ist nach wie vor absurd. Heute allerdings aus einem anderen Grund als damals. Wir sind nämlich selbst zu „Eating machines“ geworden, zu Fressmaschinen, die sich die lauwarme Dose Ravioli während der Heimarbeit vor dem Computer reinziehen. Nebenher werden noch ein paar E-Mails gelesen und beantwortet, ein Layout überarbeitet, ein Text korrigiert. Was da überhaupt in den Körper wandert, wird weitestgehend ignoriert und ist leider oft auch keine nähere Aufmerksamkeit wert. Und ehrlich gesagt will auch niemand wissen, ob diese „Nahrung“ überhaupt mehr Nährwert besitzt als eine Schraubenmutter.

Drogen? Ja, bitte!

Es ist also Obacht angebracht, wenn es um den Gehalt einer Mahlzeit geht. Denn manchmal ist auch mehr drin, als man vermutet. Da ist man beispielsweise mehr oder weniger schuldlos im Gefängnis gelandet und sitzt im Speisesaal zufällig neben einem Drogenschmuggler, der es für eine gute Idee hält, sein Koks im Salzstreuer zu verstecken. Wenn dann auch noch der Kartoffelbrei fad ist, kann es schnell zu unfreiwilligem Drogenkonsum kommen. Aber nicht nur in Justizvollzugsanstalten ist man gefährdet. Auch auf dem Weihnachtsmarkt. Ja, richtig gelesen. Im gemeinen Lebkuchen finden sich nämlich (wenn ordentlich hergestellt) Amphetamine, die durch die Verbindung eines bestimmten Backtriebmittels mit klassischen Weihnachtsgewürzen wie Anis, Nelken, Zimt oder Kardamom entstehen. Ein bekannter Vertreter dieser Stoffklasse ist Ecstasy. Wer auf den Schock dieser Neuigkeit gleich einen Glühwein zur Beruhigung kippen will, sei gewarnt, denn auch hier entstehen durch Alkohol, Wärme und Gewürze Amphetamine. Ach, daher kommt diese ganze vorweihnachtliche gute Laune! Und ich dachte immer, das läge an der Geburt Jesu Christi. Wie naiv von mir.

Home sweet home

Nachdem Charlie in einer Fabrik zu einem Zahnrädchen in einer riesigen unüberschaubaren Maschinerie degradiert wurde, durch sein unangepasstes Verhalten im Gefängnis landete und dann, als er sich dort eigentlich recht wohl fühlte, wieder raus auf die Straße musste, trifft er endlich die Frau seines Lebens. Sie ist zwar barfuß und ihr einziger Besitz ist ein schäbiges Kleid, aber sie wünscht sich ein nettes kleines Häuschen zusammen mit einem braven Mann. Und sie findet dafür auch eine praktisch geschnittene freistehende Ein-Zimmer-Wohnung, die von außen wie ein schäbiger Bretterverschlag aussieht – und von innen auch. Wenn einem nicht der Türsturz auf den Hut fällt, bricht man mit dem Stuhl durch den Holzboden. Sanitäre Anlagen scheint es nicht zu geben, dafür ist draußen ein pittoresker Abwasser-See, in den man auf keinen Fall einen Kopfsprung machen sollte. Aber so ist das eben, wenn man ein alternatives Lebenskonzept verfolgt – da ist man als Theaterschaffender oder gar „Künstler“ nicht viel besser dran. Oft ist man ja froh überhaupt als Gast eine Theaterwohnung zu bekommen. Manchmal kann man auch froh sein, wenn die Matratze weitgehend fleckenfrei ist. Manchmal gibt es kein Bettgestell. Manchmal kommen einem Steckdosen und Teile des Wandputzes entgegen, wenn man seinen Fön ausstöpseln möchte. Manchmal gerät man unfreiwillig in eine gemischte Fünfer-WG, in welcher das Bad ein Durchgangszimmer ist – natürlich nicht abschließbar. Und manchmal betritt man bei der ersten Besichtigung einen gefliesten Raum, in dem der Herd zwei Meter von der Kloschüssel entfernt ist. Die Effizienz ist einem solchen Wohnkonzept nicht abzusprechen.

There’s no business like show business!

Was tun denn Charlie und seine neue Gefährtin, um ihren neuen Lebensstandard aufrecht zu erhalten? Sie gehen ins Showgeschäft. Duh. Und auch wenn Charlie eher ungeschickt ist und kein großer Redner, wird er als singender Kellner engagiert. Er tut dann einfach so, als könne er Teller stapelweise an die ihm zugewiesenen Tische tragen und zwischendurch dann auch noch ein neckisches Lied aus voller Brust zum Besten geben. Und weil er den Spickzettel auf seiner Manschette bereits beim Auftritt verloren hat, trällert Charlie einfach sinnloses Zeug in einer Fremdsprache. Die Leute verstehen es zwar nicht, klatschen aber trotzdem frenetisch. Gibt es da nicht auch eine Parallele zu heute…? Hm.


Stummfilm philharmonisch: Modern Times (UA 1936)

Staatstheater Nürnberg
Regie, Drehbuch, Musik: Charlie Chaplin
Musikalische Leitung: Frank Strobel
Staatsphilharmonie Nürnberg

Besuchte Vorstellung: 15. Dezember 2014

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Oper | Rezension

EMILIA GALOTTI von Marijn Simons in Koblenz – Ab jetzt auch als Oper

von am 3. Dezember 2014

Es ist vermutlich nicht überraschend: Ich bin ein neugieriger Mensch. Und wenn man diese Neugier ernst nimmt, ist es auch kein Wunder, dass ich mich in dieser Spielzeit sehr auf eine besonders neue Produktion an meinem Heimatort freute. Das Theater Koblenz hat für die Spielzeit 2014/15 höchstselbst eine neue Oper in Auftrag gegeben: Emilia Galotti von Marijn Simons. Und die feierte im Oktober diesen Jahres ihre Uraufführung an ebendiesem Theater in einer wunderbar sensiblen Inszenierung von Elmar Goerden.

Jeder will sie, keiner kriegt sie: Emilia Galotti

Der Prinz ist unruhig. Er hat schlecht geschlafen und versucht sich nun am frühen Morgen mit Arbeit abzulenken. Da kommt Conti vorbei, ein Maler, bei dem der Prinz vor einer Weile das Porträt seiner Geliebten, der Gräfin Orsina, in Auftrag gegeben hat. Leider hat sich das Motiv für den Prinzen schneller abgenutzt, als Conti es malen konnte – er ist nicht sonderlich am Kauf interessiert. Aber der Maler hat noch ein zweites Porträt dabei, das er ganz ohne Auftrag aus reiner Bewunderung einer besonderen Schönheit angefertigt hat. Es ist Emilia Galotti, eine Bürgerliche und zufälligerweise der Grund für die schlaflosen Nächte des Prinzen. Der will das Bild sofort haben, koste es, was es wolle!
Der Kammerherr Marinelli will nun auch beim Prinzen nach dem Rechten schauen und hat außerdem den neuesten Tratsch mitgebracht: Die Gräfin Orsina ist seit heute wieder in der Stadt und der Graf Appiani wird bald heiraten. Während die erste Nachricht den Prinzen ziemlich kalt lässt, findet er die bevorstehende Hochzeit von Appiani, den er schätzt, gar nicht so unerfreulich – wenn er sich nicht ausgerechnet diese Emilia Galotti ausgesucht hätte. Es ist doch wirklich eine Frechheit, dass jemand eine aufrichtige Ehe mit einem Mädchen eingehen will, die der Prinz vernaschen will! Neben seiner eigenen aufrichtigen Ehe, versteht sich. Nein, das kann und darf einfach nicht sein und Marinelli hat auch schon Ideen, um diese Verbindung zu verhindern.

Unterdessen bereiten sich Emilias Eltern auf die Hochzeit der Tochter vor. So ganz nebenbei erwähnt Claudia, die Mutter, dass der Prinz ein Auge auf die süße Emilia geworfen hat. Das findet Odoardo, ihr Vater, aber gar nicht so schmeichelhaft, weil er ahnt, dass der Prinz sich auf lange Sicht nicht allein mit Anschauen begnügen wird. Emilia kommt ganz aufgeregt von der Messe zurück und erzählt ihrer Mutter, dass der Prinz ihr unzüchtige Dinge über Liebe und Leidenschaft ins Ohr geflüstert hat. So richtig Zeit zum Ausdiskutieren bleibt den beiden aber nicht, denn da kommt auch schon Graf Appiani angerauscht, der seine Braut abholen möchte. Aber bevor die Hochzeitsgesellschaft sich auf den Weg machen kann, steht Marinelli in der Tür, bewaffnet mit einer Absicht. Er überbringt den vermeintlichen Befehl des Prinzen, dass Appiani sofort die Stadt verlassen soll, um irgendwohin – Hauptsache weit, weit weg – eine Botschaft zu bringen. Das kommt dem Grafen aber wirklich zu konstruiert vor, deswegen weigert er sich einfach. Pah!

Aber dieser verflixte Kammerherr hat noch mehr Ideen parat. Er kennt da jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der praktisch alles für Geld macht. Und der überfällt die Hochzeitsgesellschaft auf offener Straße, während ein anderer Emilia retten bzw. entführen soll und in des Prinzen Schloss bzw. Schoß bringen soll. Dieser ist von der beschriebenen Aktion erst etwas irritiert – aber letztendlich findet er es einfach gut, dass Emilia jetzt bei ihm ist. Die hat aber gerade andere Dinge im Kopf als sich mit dem Prinzen näher zu beschäftigen. Sie hat Angst um ihre Eltern und ihren Verlobten. Zu Recht, denn Appiani wurde im Handgemenge getötet. Irgendwie schafft es Claudia dann auch noch zum Schloss zu kommen und sie hat auch so eine Vermutung, dass der Überfall nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Wie der Zufall so will, steht dann auch noch die Gräfin Orsina vor der Tür, weil sie Sehnsucht nach dem Prinzen hat. Der will sie aber jetzt wirklich nicht sehen, er hat ja schließlich alle Hände voll zu tun. Als sie wieder gehen will, hat auch Odoardo zum Schloss gefunden. Marinelli kann nicht verhindern, dass die beiden sich unterhalten und entdecken, dass sie im Prinzen einen gemeinsamen Feind haben. Da Orsina gar nicht so verrückt ist, wie Marinelli behauptet und genau weiß, dass sie selbst keine Chance auf Rache am Prinzen haben wird, fordert sie Odoardo auf, ihn mit ihrem Dolch zu töten. Der nimmt die Waffe, ist sich aber noch nicht sicher, ob er den Mord wirklich ausführen wird. Endlich kann sich der Prinz von Emilia losreißen, um sich gezwungenermaßen mit ihrem Vater zu besprechen. Der will logischerweise seine Tochter sehen und sie am besten sofort ins nächste Kloster bringen. Der Prinz und Marinelli können Odoardo aber irgendwie davon überzeugen, dass es für alle Beteiligten am besten wäre, wenn Emilia erstmal in der Obhut eines guten Kumpels des Prinzen bleibt. Ist klar. Mit dieser Entscheidung lassen der Prinz und Marinelli endlich Odoardo mit seiner Tochter allein. Die ist ungewöhnlich ruhig angesichts der Geschehnisse. Sie erklärt ihrem Vater, dass der Prinz eine verbotenen Lust in ihr ausgelöst hat, der sie unmöglich lange widerstehen kann. Sie will lieber sterben, als sich dieser Sünde hinzugeben. Ihr Vater erfüllt ihr diesen Wunsch und ersticht sie.

Literatur + Oper = Literaturoper

Der eine oder die andere wird sich an dieser Stelle zu Recht an seine oder ihre Schulzeit erinnert fühlen. Die neue Oper von Marijn Simons basiert auf dem gleichnamigen Trauerspiel von Gotthold Ephraim Lessing, das zum Literaturkanon gehört. Ein viel gespieltes, oft durchdachtes und vielfach interpretiertes Stück also, das Intendant Markus Dietze auf die prägnantesten Textstellen reduziert hat. So bleibt vom Gehalt des Stückes von Lessing auch in der Oper viel erhalten. Aber was ist überhaupt das Wesentliche an Emilia Galotti und vor allem: Was hat das ganze mit uns zu tun?

Eine junge Frau mit festen Moralvorstellungen hat Angst vor ihrer eigenen Fähigkeit zur Leidenschaft. So. Das alleine klingt für mich nicht unbedingt wie der Beginn einer Tragödie – so könnte doch auch eine romantische Komödie anfangen, in deren Verlauf die Protagonistin feststellt, dass ihre Vorstellungen von Sündhaftigkeit total konservativ sind und im Endeffekt nicht nur ihre Lebensqualität sondern auch ihre persönliche Entscheidungsfreiheit beschränken. Da kann mir freilich jeder Literat entgegnen, dass Emilia Galotti vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit gelesen werden muss, in der eine solche Emanzipation undenkbar war. Aber welchen Zuschauer, der heute in einer Vorstellung dieses Stückes bzw. dieser Oper sitzt, interessiert diese Argumentation denn wirklich? Ich jedenfalls fragte mich, was denn nun eigentlich der große tragische Konflikt ist, auf den es unweigerlich hinausläuft. Mit meinem Gemüt, das ich für recht empathisch halte, konnte ich den Tod von Emilia einfach nicht begreifen. Und das lag keineswegs an einer fehlenden Qualität der Komposition oder gar an einer unzulänglichen Inszenierung. Ganz im Gegenteil.

Kein Ohrwurm

Nein, eingängig ist die Musik nicht, die Marijn Simons zum Thema Emilia Galotti eingefallen ist. Und jeder, der sich schon einmal mit dieser Art von zeitgenössischer Musik intensiver auseinandersetzen durfte bzw. musste, weiß, wie schwierig es ist, musikakische Linien wiederzugeben, die in keiner klar definierbaren Tonart stehen. Wer aber seine Ohren bewusst für ungewohnte Klänge öffnet, wird schnell merken, dass Simons‘ Komposition kein bloßes Experimentierfeld für akustische Grenzerfahrungen ist. Seine Musik hat das Stück von Lessing verstanden und unterstützt dessen Dramaturgie auf intuitive Weise. Die Handlung wird im Laufe des Abends immer dichter, die Ereignisse überschlagen sich, sodass den Figuren weder Zeit zum Nachdenken, noch zum Durchatmen bleibt – auch akustisch ist dieses Vorwärtsdrängen spürbar, es gibt immer weniger Ruhepunkte, immer weniger Pausen. Gerade die Tatsache, dass Akteure in der Oper immer dem Timing des musikalischen Einfalls unterworfen sind und eben nicht ihr eigenes Tempo entwickeln können, macht die kompositorische Feinfühligkeit von Marijn Simons für Emilia Galotti besonders relevant. Und als kleines Extra für diejenigen, die gerne etwas Bekanntes hören und sich am Wiedererkennen freuen, hat Simons für jeden Namen ein eigenes Motiv erfunden.  So wird der Name von Emilia jedes Mal wie ein Schmerzens- und Lustschrei zugleich ausgestoßen – vorzugsweise vom Prinzen mehrmals hintereinander.

Schwarz auf weiß

Auch der Regie von Elmar Goerden fehlt es nicht an Einfühlungsvermögen. Die beste Entscheidung in diesem Fall ist sicherlich, das Stück weder räumlich noch zeitlich zu konkretisieren. Die Figuren sind allesamt mit schwarzen Kostümen ausgestattet, die auf schlichte Weise ihre Rollen und ihren Status charakterisieren. Sie bewegen sich in einem unbestimmten weißen Raum, der rundherum in einen formlosen schwarzen Rahmen gefasst ist.

Schwarz auf weiß, "Emilia Galotti" von Marijn Simons am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz
Schwarz auf weiß, „Emilia Galotti“ von Marijn Simons am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

In dieser prunklosen Aufstellung gibt es nichts, das von den Handelnden der Oper ablenkt und wenig, an dem sie sich festhalten können. Und trotzdem wird die Geschichte auf dichte und schlüssige Art erzählt – dank der feinfühligen Personenführung von Regisseur Elmar Goerden. Seine Gesten und sein Timing wirken einfach stimmig und ungekünstelt.

Emilia (Irina Marinaș) will beten, der Prinz (Monica Mascus) will ran, "Emilia Galotti" von Marijn Simons am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz
Emilia (Irina Marinaș) will beten, der Prinz (Monica Mascus) will ran, „Emilia Galotti“ von Marijn Simons am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Aber steht er Emilia Galotti tatsächlich so unkritisch gegenüber, wie seine puristische Inszenierung auf den ersten Blick wirkt? Offensichtlich fehlen in seinem Bild die Grautöne, die Übergänge und vor allem die Farben. Auch die Welt von Emilia scheint nur schwarz oder weiß zu kennen, nur richtig oder falsch. Und es sind ja genau diese absoluten Setzungen von Sünde und Reinheit, die sie letzten Endes zu ihrer verhängnisvollen Entscheidung führen. Gäbe +es in ihrer Welt, ihrem Kopf und ihrem Herzen die Möglichkeit für Zwischentöne, für bunte Gedanken, würden wir als Zuschauer am Ende wohl nicht auf eine blutige Leiche schauen, sondern auf eine junge leidenschaftliche Frau, die vielleicht am Anfang eines folgenschweren Fehlers steht, aber sicherlich nicht am Ende ihres Lebens.


Kritik der Rhein-Zeitung vom 27. Oktober 2014

Interview des SWR2 mit Marijn Simons und Enrico Delamboye vom 23. Oktober 2014


Emilia Galotti. Oper von Marijn Simons nach Gotthold Ephraim Lessing (UA 2014 Koblenz)

Theater Koblenz
Musikalische Leitung: Enrico Delamboye
Regie: Elmar Goerden
Bühnenbild: Silvia Merlo und Ulf Stengl
Kostüme: Lydia Kirchleitner
Dramaturgie: Christiane Schiemann

Besuchte Vorstellung: 25. Oktober 2014 (Premiere der Uraufführung)

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Oper | Rezension

CANDIDE von Leonard Bernstein in Wiesbaden – Optimismus auf der Opernbühne

von am 15. November 2014
Candide von Leonard Bernstein am Staatstheater Wiesbaden

Was ist für einen Regisseur wohl die beste aller Herangehensweisen an eine Oper? Ich persönlich finde es immer gut, zuallererst das Stück an sich ernst zu nehmen. Noch besser ist es meiner Ansicht nach, wenn der Humor eines Stückes ernst genommen wird. Und am allerbesten ist es, wenn ein Regisseur es schafft, die gesamte Absurdität des Glaubens an eine perfekte Welt auf die Bühne zu bringen, ohne zynisch zu sein. Die viel zu selten gespielte Operette Candide von Leonard Bernstein ist nicht nur ein Stück über den Optimismus – die Inszenierung von Bernd Mottl am Hessischen Staatstheater Wiesbaden stimmt auch optimistisch, dass es weiterhin schlüssiges, erzählendes und kurzweiliges Musiktheater gibt.

 

Ist das hier wirklich die beste aller möglichen Welten?

Candide ist ein naiver Kerl, der irgendwie mit einem Baron verwandt ist. Deswegen darf er in einem schönen Schloss in Westfalia zusammen mit seinem Cousin Maximilian, der hübschen Kunigunde und dem Zimmermädchen Paquette wohnen. Dort erhalten sie Unterricht vom Hauslehrer Pangloss, der ihnen eintrichtert, dass diese die beste aller möglichen Welten sei und dass alles, wirklich alles, zum Guten geschehe. Nach dieser erhellenden Vorlesung entlässt er die Klasse – außer Paquette. Mit ihr will er noch ein physikalisches Experiment durchführen. Ähem. Ausschließlich für den wissenschaftlichen Lustgewinn, versteht sich. Kunigunde beobachtet diesen Versuch über Ursache und Wirkung mit großer Faszination und fragt Candide, ob er nicht auch daran interessiert sei, tiefer in die betreffende Materie einzudringen. Der intrigante Max findet diese ausgiebigen Studien der beiden irgendwie unpassend und lässt kurzerhand Candide aus dem Schloss werfen. Der irrt daraufhin etwas planlos aber weiterhin hochoptimistisch durch die Gegend, als er von der Armee rekrutiert wird. Sie vernichten ganz Westfalia, nur Pangloss scheint überlebt zu haben.

Candide und sein Lehrer kommen irgendwie nach Lissabon, wo zufällig gerade das berühmte Erdbeben stattfindet. Das dadurch verursachte allgemeine Chaos ist ein Paradies für Plünderer und Vergewaltiger. Um der Unordnung Einhalt zu gebieten, hat die Inquisition aber eine super Idee: Sie veranstaltet ein nettes Autodafé und kann so gleichzeitig die Verbrecher abschrecken und die restliche Menge unterhalten. Da kommen Candide und Pangloss gerade recht, sie werden gehenkt, um ein Exempel zu statuieren. Moment, die haben doch gar keine Schuld am Erdbeben? Macht nichts, laut Erbsündentheorie ist doch jeder schuldig. Irgendwie überlebt Candide seine Hinrichtung und reist nach Paris.

In Frankreich findet Candide seine geliebte Kunigunde, die irgendwie das Massaker in Westfalia überlebt hat. Sie hat sich zwischenzeitlich beruflich umorientiert: Sie ist Mätresse von gleich zwei reichen Herren – einer ist Kardinalerzbischof und einer Jude. Wenn das mal kein Beitrag zur Konfessionenzusammenführung ist! Candide ist, was Religion betrifft, genauso unparteiisch wie Kunigunde. Deswegen erschießt er einfach beide. Candide, Kunigunde und eine alte Lady mit nur einer Pobacke fliehen nach diesem Mord nach Spanien. Dort heuert Candide bei einer Söldnertruppe an, die auf dem Weg in die schöne Neue Welt ist.

So kommen die drei nach Buenos Aires, wo gerade der Gouverneur frische Sklaven kauft. Maximilian, der Cousin von Candide aus Westfalia, hat nicht nur ebenfalls die Schlacht überlebt, sondern wird auch als Sklave angeboten. Da ihm die bunte Spitzenunterwäsche so gut steht, greift der Gouverneur sofort zu – und spürt Dinge, die er nicht erwartet hatte. Aber bevor er Max hinrichten kann, wird der von Jesuiten gekauft. Die Enttäuschung des Gouverneurs über seinen Verlust ist aber nur von kurzer Dauer – er tröstet sich mit Kunigunde, die gerade angekommen ist.

Candide wird also wieder von seiner Geliebten getrennt und muss außerdem in den Dschungel fliehen. Dort trifft er irgendwie auf Paquette und Maximilian. Letzteren erschießt er, weil der noch immer die Heirat von Candide mit seiner Schwester Kunigunde verhindern will. Nach seinem dritten Mord muss Candide jetzt erst recht weiter fliehen. Unterwegs gabelt er einen Diener auf. Irgendwie gelangen die beiden nach Eldorado, wo nicht nur die Straßen mit Diamanten gepflastert sind, sondern sogar die Schafe goldenes Fell haben. Candide will mit diesem ganzen Reichtum aber nur seine geliebte Kunigunde freikaufen und im freien Venedig heiraten. Er tauscht eines der Goldschafe für ein abgewracktes Schiff ein und fühlt sich trotzdem wie der größte Glückspilz.

In Venedig kommt Candide in ein Casino, wo Paquette sich prostituiert.  Maximilian ist auch da, irgendwie. Und er hat es sogar zum Polizeichef gebracht, der vom Casinobesitzer fleißig Schutzgeld einheimst. Irgendwie sind auch Kunigunde und die alte Lady dorthin gekommen und zocken im Casino mit rührseligen Stories die Gäste ab. Genau das versuchen sie maskiert auch mit Candide. Als er seiner Kunigunde die Maske vom Gesicht reißt, ist er endlich erschüttert. Sein Weltbild gerät ins Wanken. Geschieht wirklich alles zum Guten?

Zum Schluss erkennt er, dass nach all den Reisen und Erlebnissen keiner mehr so ist, wie er anfangs war. Er will als nun veränderter Candide trotzdem noch seine veränderte Kunigunde heiraten und mit ihr ein Haus bauen, Holz hacken und im Garten ausruhen.

 

Wer ist bitteschön François-Marie Arouet?

Wenn das mal keine total opernuntaugliche Story ist! Könnte man meinen. Zum Glück werden die vielen einzelnen kleinen Episoden verbunden und erklärt vom Darsteller des Pangloss, der sich zu Beginn als François-Marie Arouet vorstellt. Den kennt ihr nicht? Vielleicht kennt ihr dann aber Voltaire, den Autor der satirischen Novelle Candide oder der Optimismus, auf der das Werk von Bernstein beruht. Das ist nämlich ein und derselbe. Das Stück zeigt – genauso wie die Satire von Voltaire auch – wie ein harmloser, gutgläubiger Mensch durch eine Aneinanderreihung von unglücklichen Zufällen in die schlimmsten Katastrophen verwickelt wird. Die dargestellte Welt ist tatsächlich alles andere als die beste aller möglichen Welten, wie sie der Philosoph Leibniz postuliert hat. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass sie nicht im Pessimismus endet, sondern mit der banalen Feststellung, dass noch der Garten zu bestellen sei. Ist der Rückzug auf das selbstgemachte kleine Glück die Lösung, um mit dem Übel der Welt und der Menschheit umzugehen?

 

Ich bin da optimistisch

Die Inszenierung von Bernd Mottl am Staatstheater Wiesbaden lässt dieses fragwürdige Ende unkommentiert. Überhaupt verzichtet er auf jegliche Parteilichkeit, was die Figuren und ihre Handlungen angeht. Mottl nimmt jeden Charakter in seiner eigenen Komik und Tragik ernst und verurteilt weder die Prostitution von Kunigunde und Paquette, noch die Philosophie der Anpassung der alten Lady und auch nicht die Naivität von Candide. Deswegen wirken die Ereignisse und die Einstellungen der Figuren zwar absurd, aber nicht so weit hergeholt, dass Empathie unmöglich wird. Und es gibt viel zu lachen an diesem energiegeladenen und ideenreichen Theaterabend. Das liegt in erster Linie an der Personenführung, die an den passenden Stellen komisch überzeichnet ist und Spaß an charmanten Details hat, wie dem ständigen dümmlichen Kniestrümpfe-Hochziehen von Candide oder damit, dass Darsteller aus ihrer Rolle fallen: „Why did he shoot me again? We never rehearsed it that way…“ Und auch wenn dieses Mittel der Komik abgedroschen klingt – es funktioniert in dieser Operette, die nicht nur Satire über die Philosophie von Leibniz ist, sondern auch über Oper bzw. Musical selbst. Dazu hat Götz Hellriegel eine geniale Choreographie geschaffen, die ästhetisch, absurd, sexy und einfach nur zum Schreien witzig ist. Vermutlich die lustigste Choreographie, die ich bisher gesehen habe. So werden beispielsweise die goldenen Schafe in Eldorado von Tänzern in flauschigen wolligen Kostümen dargestellt, die hin und her tapsen, gemütlich Gras kauen und sich auch mal an prominenten Körperteilen beschnuppern. Auch das klingt in der Beschreibung platt, aber sorgte für ein mehrere Minuten (!) anhaltendes Kichern und Jauchzen im Zuschauerraum, sodass die eigentliche Handlung völlig in den Hintergrund geriet. Hellriegel scheut sich auch nicht davor, die Kriegsszene mit der vollständigen Zerstörung von Westfalia einfach zu vertanzen und das auch noch mit knapp bekleideten Soldatinnen, die schwungvoll ihre Maschinengewehre bedienen. Das alles passt herrlich in das charmant simple, aber ideenreiche Bühnenbild, das in großen Teilen aus einfachen bemalten Holzelementen besteht, die je nach Bedarf aus dem Bühnenhimmel oder den Seiten herein gefahren kommen. Da gibt es einen gemalten Laubengang im Schloss, ein gemaltes Schiff für die Überfahrt nach Amerika oder eine gemalte Kathedrale, vor der die Hinrichtungen stattfinden. Hier ist unschwer zu erkennnen, dass es auch dem Kostüm- und Bühnenbildner Friedrich Eggert keineswegs an Witz mangelt. Ganz zum Schluss werden dann Teile aus jedem einzelnen Bühnenbild sichtbar, indem alle Soffitten im Bühnenraum hoch gezogen werden. Und während man sich so an alle gesehenen Episoden noch einmal erinnern kann, ziehen sich Mitglieder des Chors und die Solisten die Perücken vom Kopf als Symbol für das Ende der Darstellung einer künstlichen Figur. Das tun sie, während sie davon singen, dass sie nach dem Erlebten nun nur noch ein Haus bauen, Holz hacken und im Garten ausruhen wollen. Und ich glaube es jedem einzelnen dieser lächelnden Gesichter.


Kritik in der Frankfurter Rundschau vom 2. November 2014

Kritik im Wiesbadener Kurier vom 3. November 2014

Kritik in der Rhein-Zeitung vom 4. Novemer 2014

Kritik der musicalzentrale.de 

Kritik im Opernfreund vom 1. November 2014


Candide. Comic Operetta in zwei Akten von Leonard Bernstein (UA 1956 New York)

Staatstheater Wiesbaden
Musikalische Leitung: Albert Horne
Regie: Bernd Mottl
Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert
Choreographie: Götz Hellriegel
Dramaturgie: Regine Palmai

Besuchte Vorstellung: 9. November 2014

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