Oper

Am Valentinstag in die Oper – Auf jeden!

von am 13. Februar 2015
Valentinstag 2015

Morgen ist Valentinstag. Ach, noch kein Geschenk für’s Schätzelein? Wie wäre es denn mit… hm, mal überlegen, was könnte man denn Besonderes an einem besonderen Tag mit seinem besonderen Mäuschen/Häschen/Schätzchen so machen… vielleicht mal in die Oper? Tolle Idee! Nur sollte man darauf achten, in welche Oper man seinen Valentinsschatz schleppt – der Ausgang des Abends könnte davon abhängen!

WEST SIDE STORY von Leonard Bernstein

Was ist wohl die berühmteste Liebesgeschichte der Welt? Richtig, Romeo und Julia. Leonard Bernstein hat diesen weltbekannten Stoff ins New York der 1950er Jahre verfrachtet, wo sich zwei Jugendbanden bekriegen. Das tun sie mit hinreißenden Songs, mitreißenden Tanznummern und zerreißender Konsequenz. An Dramatik steht das Musical der Tragödie von Shakespeare in nichts nach. Mit dieser großen Geschichte über eine Liebe, die nicht einmal den Tod fürchtet, kann morgen Abend nichts schief gehen.

Das Musical West Side Story von Leonard Bernstein könnt ihr am Valentinstag 2015 am Theater Aachen und am Pfalztheater Kaiserslautern jeweils um 19:30 sehen.
http://theateraachen.de/index.php?page=detail_event&id_event_date=12603432
http://www.pfalztheater.de/cms/?p=257&s=pt_calendar&m=2&y=2015&id=24628&

DER LIEBESTRANK von Gaetano Donizetti

Habt ihr euch nicht auch schonmal gewünscht, man könnte die angebetete Person mit einem käuflich zu erwerbenden Mittel in sich verliebt machen? Nein, ich rede hier nicht von Botox oder Anabolika. Ich rede vom Wein. Das ist es jedenfalls, was der Quacksalber Dulcamara in Donizettis Oper L’elisir d’amore dem verzweifelten Nemorino als magisches Elixier verkauft. Es muss wohl nicht gesagt werden, dass dieser Trank nicht ganz den gewünschten Effekt auf Adina hat. Vielleicht hätte Nemorino der geldgierigen Dame einfach gleich das Geld geben sollen, anstatt es für einen billigen Lambrusco auszugeben. Nicht gerade ein schmeichelhaftes Bild, das hier von der Liebe gezeichnet wird. Trotzdem für humorvolle Partner geeignet.

L’elisir d’amore von Gaetano Donizetti könnt ihr am Valentinstag 2015 am Nationaltheater Mannheim um 19:30 anschauen.
http://www.nationaltheater-mannheim.de/de/oper/stueck_details.php?SID=10

IL BARBIERE DI SIVIGLIA von Gioacchino Rossini

Wenn eure Liebste / euer Liebster einfach Lust auf einen kurzweiligen, lustigen Abend mit hübscher Musik hat, solltet ihr gleich Karten sichern für Rossinis wohl meistgespielte Oper Il barbiere di Siviglia. Hier gibt es gewitzte Baritone, lustige Verwicklungen, schmachtende Tenöre, alberne Lustgreise und ein Happy End. Und natürlich die gewohnt fluffige Musik von Rossini. Die beste Wahl für alle, die beschwingt in den Valentinsabend starten wollen.

Il barbiere di Siviglia von Gioacchino Rossini hat am Valentinstag 2015 am Staatstheater Kassel Premiere um 19:30.
http://www.staatstheater-kassel.de/il-barbiere-di-siviglia-der-barbier-von-sevilla,s1725.html

CARMEN von Georges Bizet

Diese Oper über eine der verführerischsten Frauen der Operngeschichte ist mit Vorsicht zu genießen. Denn Textzeilen wie „Wenn du mich nicht liebst, lieb ich dich. Und wenn ich dich liebe, nimm dich in acht!“ klingen gesungen vielleicht schön, vermitteln aber ein recht aggressives Liebesverhalten – leicht untertrieben ausgedrückt. Die titelgebende Frau ist außerdem eine recht sprunghafte und berechnende Liebende – und der dazugehörige Mann blöd genug, um sein Herz ganz und gar an sie zu hängen. Das kann ja nur fatal enden. Und wenn ihr eure Freundin, die zufällig auch Carmen heißt, mit in diese Oper nehmt, könnte auch der Valentinsabend fatal enden.

Carmen von Georges Bizet könnt ihr euch in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf am Valentinstag 2015 um 19:30 anschauen.
http://operamrhein.de/de_DE/events/detail/12277896/calendar

SALOME von Richard Strauss

Wenn eure Beziehung sowieso schon dem Ende zugeht und ihr eure ehemals Angebetete so richtig schocken wollt, ist Strauss‘ Salome genau das richtige. Ganz oberflächlich gesehen, könnte man auch diese Oper als Liebesgeschichte auffassen – und wenn ihr eurer Begleitung genau das vorher so sagt, ist die Überraschung nachher sicher. Ihr habt ja sicherlich schonmal etwas von maßlosem Verlangen für einen anderen Menschen gehört. Wenn dieser solche Gefühle nicht erwidern kann, gibt es ganz unterschiedliche Lösungen. Depression, Alkoholismus, Selbstmord… zum Beispiel. Aber dann aus enttäuschtem Stolz den abgeschlagenen Kopf des Geliebten abzuknutschen, ist vielleicht doch etwas drastisch. Ein Muss für alle Splatter-Fans.  Und die perfekte Abschreckung für alle zartbesaiteten Nervtöter.

Die Oper Salome von Richard Strauss könnt ihr am Valentinstag 2015 um 19:30 am Konzerttheater Bern anschauen.
http://www.konzerttheaterbern.ch/musiktheater/uebersicht/veranstaltung/-74b4b30312/?month=201502&date=1423868400

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Oper | Rezension

MARÍA DE BUENOS AIRES von Astor Piazzolla in Braunschweig – Sinnlich und nah

von am 22. Januar 2015
Maria de Buenos Aires am Staatstheater Braunschweig

Wer an Astor Piazzolla denkt, denkt an Tango. Und wer an Tango denkt, sollte in Braunschweig auch an Oper denken. Oder vielmehr an Operita, denn so hat der argentinische Komponist sein einziges Musiktheaterwerk im Untertitel genannt. Für Piazzolla war María de Buenos Aires eines der wichtigsten Stücke, die er in seinem Leben komponiert hat. Und dieses außergewöhnliche Werk ist derzeit in einer einfühlsamen Inszenierung von Operndirektor Philipp Kochheim am Staatstheater Braunschweig zu erleben.

Fußball, Pferderennen, Prostituierte, Besäufnisse

„Tango-Musiker sprachen im Allgemeinen von Fußball, Pferderennen, Prostituierten und Besäufnissen.“ So hat Piazzolla es jedenfalls in Buenos Aires erlebt. Er selbst unterhielt sich viel lieber über Musik und spielte Bach und Mozart auf dem Bandoneon. Seine Offenheit gegenüber anderen Stilrichtungen und sein Anspruch, ein ernstzunehmender Musiker zu sein – jenseits des immer gleichen „chan chan“ (wie die beiden typischen Schlussakkorde eines Tangos genannt werden) – machten aus ihm einen umstrittenen Komponisten. Er schrieb dichte und anspruchsvolle Stücke, die das Publikum zum aktiven Zuhören statt zum Tanzen anregen sollten. Was die damalige, teilweise sehr skeptische Tangowelt noch nicht ahnte – Piazzolla sollte mit seiner Weiterentwicklung des Tango (der sogenannte Tango Nuevo) gerade zu dessen Bewahrung beitragen.

Eins von Astor Piazzollas bekanntesten Stücken: Libertango, interpretiert von der Staatskapelle Berlin, Aydar Ganullan (Akkordeon), Artyom Dervoed (Gitarre), Sergey Shamov (Cajon), Alexander Muravev (Kontrabass) unter der Leitung von David Robert Coleman

Yo soy María

In ihrer Originalfassung ist die kleine Oper eine mystisch-poetische Geschichte über den Tango an sich. María ist dabei die Personifikation dieser Musik und des dazugehörigen Tanzes – eine schöne, verführerische, stolze und abgrundtief leidenschaftliche Frau. Sie wird beschwört von „El Duende“, dem Geist, der ihre Geschichte erzählt – sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. Denn der erste Teil der Operita endet mit einem skurrilen Begräbnis von María. Danach ist sie verdammt, als ihr eigener Schatten durch die Welt zu streifen – ihrer Erinnerung beraubt. Ein einziger Drang bestimmt ihre zweifelhafte Existenz: Sie will ihr Andenken aufrecht erhalten. Abstruse Psychoanalytiker wollen ihr bei diesem Vorhaben helfen und ihre Erinnerung zurück holen – ohne Erfolg. Währenddessen beweint der Geist den Verlust Marías und ersehnt ein Wunder: Sie soll einen Nachkommen zeugen und so wieder auferstehen. Am Ende gebiert sie ein Mädchen. Es bleibt unklar, ob sie die Reinkarnation von María selbst ist.

Yo soy María aus María de Buenos Aires von Astor Piazzolla mit Julia Zenko

Ich konnte sie nie vergessen

Philipp Kochheim hat aus diesem abgehobenen Mythos von Sehnsucht, Erinnerung und Leidenschaft eine lebensnahe Erfahrung gemacht. In seiner Inszenierung ist der so genannte Geist, der Duende, ein alter Mann, der sich kurz vor seinem Tod an die große Liebe seines Lebens erinnert: María de Buenos Aires. „Ich habe sie nie… ich konnte sie nie… vergessen.“ Das ist es, was er zu Beginn des Abends wiederholt, stockend und schwer. Und wenn dann zum ersten Mal eine weibliche Stimme mit einer wortlosen Melodie erklingt, sieht man diesen Mann förmlich zerbersten vor schmerzvoller Sehnsucht.

Der Duende (Stefan Ostertag) in schmerzvoller Erinnerung an María, "María de Buenos Aires" von Astor Piazzolla am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Der Duende (Stefan Ostertag) in schmerzvoller Erinnerung an María, „María de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Das Personal der Braunschweiger Produktion von María de Buenos Aires wurde von Kochheim prägnant reduziert. Neben dem Duende und María gibt es einen jungen Mann und eine junge Frau, die namenlos bleiben. Ihre Rollen sind ambivalent. Sind sie die jungen Alter Ego der gealterten Liebenden? Ist er der enge Freund des Duende? Ist sie eine eifersüchtige Geliebte des Freundes oder gar des Duende selbst? Letztendlich sind derartige Fragen und Spekulationen über die Konkretheit der beiden Figuren nebensächlich. Denn die dichte und sanft choreographierte Personenführung konzentriert sich auf das, was dazwischen passiert – zwischen Mann und Frau, zwischen Herz und Vernunft, zwischen Realität und Traum. Und Kochheim ermöglicht dem Zuschauer nicht nur inhaltlich, sondern auch räumlich einen nahen Einblick in dieses Dazwischen.

Nah

Die besondere kleine Oper von Piazzolla wird an einem besonderen Ort gespielt. Das Publikum wird vom prunkvollen Foyer durch nüchterne Gänge bis ins Allerheiligste des Staatstheater Braunschweig geführt: auf die Bühne. Die Spielfläche ist ein langes rechteckiges Podest, worauf stapelweise alte Zeitungen und leere Schnapsflaschen drapiert sind. In einer Ecke steht ein Schreibtisch mit einem alten Aufnahmegerät. Ein krauses, hoffnungslos verwickeltes Tonband-Bündel hängt bis auf den Boden. Welche vergessenen Erlebnisse wohl darauf festgehalten waren und nun für immer verloren sind? Das Publikum sitzt auf Tribünen zu beiden Seiten, der nächste Platz ist ungefähr einen Meter vom Podest entfernt. Es ist eine sehr intime Atmosphäre, die der Operita sehr entspricht. María de Buenos Aires ist in Braunschweig kein Spektakel von Virtuosität, keine oberflächliche Tango-Show.

Was passiert zwischen Mann (Philipp Georgopoulos) und Frau (Nicole Lucetic)? "María de Buenos Aires" von Astor Piazzolla am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Was passiert zwischen Mann (Philipp Georgopoulos) und Frau (Nicole Lucetic)? „María de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Es ist eine Erinnerung an den Tango und an alles, was er dem Duende bedeutet. So wirkt die Choreographie von Sean Stephens auch sehr fließend und vielfältig – sobald eine Abfolge von klassischen argentinischen Tango-Schritten erkennbar ist, löst sie sich schon wieder auf, um in leichten Ballettbewegungen oder in entspannte Körperlichkeit überzugehen. Natürlich und wie selbstverständlich. Zusammen mit der energischen Musik von Piazzolla (von Johanna Motter stimmig und mit viel Witz arrangiert) ergibt das eine bunte Bandbreite der schönsten und schrecklichsten Emotionen, die ein Mensch durchleben kann. Von verliebter Besessenheit über knisternde Sinnlichkeit bis hin zu tieftrauriger Verzweiflung – das alles ist Tango, ist María de Buenos Aires.

Damals, an einem heißen Tag in Buenos Aires

Und über all diesen Gemütsbewegungen schwebt die große Frage, ob es die große Liebe des Duende überhaupt jemals gegeben hat. Die Existenz einer Frau namens María wohnhaft in einem Vorort von Buenos Aires steht dabei nicht in Frage – aber gab es jemals eine Liebesgeschichte zwischen ihr und dem Duende? Hatten sie wirklich diese eine, einzige Nacht, in der sie sich ganz einander und dem Tango hingegeben haben? Oder war der Duende nur ein Stalker, der diesem begehrenswerten Mädchen überallhin gefolgt ist und sich niemals getraut hat, sie überhaupt anzusprechen? In seiner Fantasie könnte sich diese Besessenheit dann zu einem Tagtraum verfestigt haben und später dann zu einer Verfremdung der Wirklichkeit. Eine Tonbandaufnahme, die wieder und wieder abgespielt wird, scheint dem Zuschauer einen Hinweis darauf zu geben, was wirklich geschehen ist. Dieser akustische Tagebucheintrag des Duende berichtet von einem heißen Tag in Buenos Aires. Es war der Tag, an dem er María zum ersten Mal sah. Manchmal scheint er sich an diesem Zeugnis von damals festzuhalten, manchmal stoßen ihn seine eigenen Worte auch ab. Eine offenkundige Anspielung an Samuel Becketts Stück Das letzte Band, in dem sich der Protagonist ebenfalls mithilfe eines Tonbandes an eine alte Liebesgeschichte erinnert. Sein jüngeres Ich ist ihm fremd geworden, scheint ihm bisweilen sogar lächerlich. Und die damit verbundene Erinnerung unwirklich. Am Ende seines Lebens steht der Duende seiner María gegenüber. Und es spielt keine Rolle, was damals geschehen ist und ob sie überhaupt real ist. Denn seine Liebe war und ist echt.

María de Buenos Aires (Yamil Borges), "María de Buenos Aires" von Astor Piazzolla am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
María de Buenos Aires (Yamil Borges), „María de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Kritik im Opernfreund vom 30. Dezember 2014


María de Buenos Aires. Tango-Operita von Astor Piazzolla (UA 1968 Buenos Aires)

Staatstheater Braunschweig
Musikalische Leitung: Johanna Motter
Regie: Philipp Kochheim
Choreographie: Sean Stephens
Bühne und Kostüme: Barbara Bloch
Dramaturgie: Christian Steinbock

Besuchte Vorstellung: 3. Januar 2015

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Oper | Rezension

QUAI WEST von Regis Campo in Nürnberg – Kein Bullshit

von am 21. Januar 2015
Quai West von Régis Campo am Staatstheater Nürnberg (v.l. Augustin Dikongué, Hans Kittelmann), Foto: Ludwig Olah

Régis Campo. Das ist der derzeitige Composer in Residence am Staatstheater Nürnberg, Komponist der neuen Oper Quai West und ein Name, den man sich merken sollte. Die Produktion, die seit dem 17. Januar 2015 in Nürnberg zu sehen ist, ist soetwas wie eine zweite Uraufführung. Denn eigentlich hatte das Stück in einer französischen Fassung unter dem Titel Quai ouest und in der gleichen Inszenierung von Kristian Frédric bereits im September 2014 seine Uraufführung an der Opéra national du Rhin Strasbourg. Für Nürnberg hat Régis Campo allerdings eine revidierte Fassung geschrieben, in der er die Gesangslinien der deutschen Übersetzung angepasst und noch weitere Korrekturen in Rhythmik und Melodik vorgenommen hat. Campo selbst bezeichnet diese neue Fassung als schmutziger und sie gefällt ihm so gut, dass er die Änderungen auch auf die französische Version rückübertragen wird. Das nenne ich mal eine konstruktive deutsch-französische Kooperation ohne Attitüde!

Ortsangabe

Quai West ist keine Oper über tragische Helden. Es ist auch keine Oper über das Schicksal zweier Liebender. Quai West erzählt nicht einmal eine Geschichte im klassischen Sinn. Das Stück besteht vielmehr aus einer Abfolge von Szenen, die sich auch in einer anderen Reihenfolge oder gleichzeitig abspielen könnten. Das einzige, was diese einzelnen Episoden verbindet, ist der Ort: Ein verfallener Hangar an einem Hafen. Dorthin gelangt beispielsweise der Geschäftsmann Maurice, der sich dort umbringen (lassen) will. Seine Sekretärin Monique begleitet ihn und will ihn um jeden Preis von seinem Vorhaben abhalten. Dann gibt es noch eine Familie, die diesen verlassenen Ort bewohnt. Die Mutter Cécile sehnt sich nach der südamerikanischen Heimat zurück. Der Vater Rodolfe, ein Kriegsveteran, hat sich in seinem Zynismus vergraben. Die Tochter Claire muss ständig fürchten vom Nachbarsjungen Fak vergewaltigt zu werden. Der Sohn Charles will endlich diesem Ort entfliehen. Und dann ist da noch Abad. Eine eigenartige Gestalt, deren Herkunft, Wünsche und Motivationen im Verborgenen bleiben. Die Verflechtungen zwischen diesen Figuren sind so mannigfaltig wie unverständlich. Die drei Jungen Charles, Fak und Abad sind einerseits soetwas wie Brüder im Geiste, andererseits auch Konkurrenten und Verhandlungspartner. Die Eltern von Claire und Charles sind ihren Kindern gegenüber alles andere als fürsorglich – sie sind egoistisch und berechnend. Rodolfe gibt sogar den Mord an seinem eigenen Sohn in Auftrag. Monique scheint die Geliebte von Maurice zu sein. Und Abad ist in dieser kleinen Gesellschaft Außenseiter und Zentrum zugleich.

Erzählt neue Geschichten!

Der fragmentarische Handlungsaufbau von Quai West steht ganz in der Tradition der Postmoderne, deren Slogans ungefähr so klingen könnten: „Es gibt keine neuen Geschichten! Alles ist Zitat! Es gibt keine Ordnung!“ Wenn man die Oper vor diesem Hintergrund liest, scheint das Ziel der Autoren erreicht zu sein. Denn Quai West hinterlässt den Zuschauer mit einem diffusen Gefühl von Verlorenheit, Ratlosigkeit und Mitleid mit den teilweise gemütskranken Figuren.

Fak (Fabrice di Falco) schubst Claire herum (Michaela Maria Mayer), "Quai West" von Régis Campo am Staatstheater Nürnberg, Foto: Ludwig Olah
Fak (Fabrice di Falco) schubst Claire herum (Michaela Maria Mayer), „Quai West“ von Régis Campo am Staatstheater Nürnberg, Foto: Ludwig Olah

Aber reicht dieses Ergebnis, um eine ganze Oper zu rechtfertigen? Ohne Zweifel ist die Figurenzeichnung bereits in der gleichnamigen Dramenvorlage von Bernard-Marie Koltès sehr klar und schockierend unpathetisch – genau das ist es, was den Erfolg seiner Stücke in den 1980er Jahren ausgemacht hat. Aber ob Handlungsstränge, die sich kausal nicht aufeinander beziehen oder sich im Nichts verlieren, tatsächlich der richtige Stoff für ein Opernlibretto sind, ist durchaus diskutabel.

Fremde sind wir uns selbst

Die groteske, aber dennoch menschliche Personenführung von Regisseur Kristian Frédric schaffte es, mich trotz dieser Einwände an das rätselhafte Geschehen zu fesseln. Dabei folgt er dem schnörkellosen Stil von Koltès – das teils abartige Verhalten der Figuren wird nie gewertet und auch nie so überzogen dargestellt, dass es unmöglich erscheint. Die Darstellung von Abad, einer stummen Rolle, zeigt hier besonders gut, wie sensibel Frédric mit dem Spiel zwischen Banalität und Surrealität umgeht.

Abad (Augustin Dikongué) bewegt alle - aber was bewegt ihn? "Quai West" von Régis Campo am Staatstheater Nürnberg, Foto: Ludwig Olah
Abad (Augustin Dikongué) bewegt alle – aber was bewegt ihn? „Quai West“ von Régis Campo am Staatstheater Nürnberg, Foto: Ludwig Olah

Diese Rolle wurde bereits im Schauspiel als Farbiger mit afrikanischem Hintergrund konzipiert (und sollte schon damals gemäß dem Autor immer mit farbigen Darstellern besetzt werden). In Nürnberg (wie auch in Strasbourg) ist diese Figur Anfang und Ende – manchmal menschlich, manchmal übernatürlich, immer irgendwie fremd. Er bewegt sich souverän durch den menschenfeindlichen Hangar, aber scheint gerade die Person in dieser Nachbarschaft zu sein, deren Herkunft am weitesten davon entfernt liegt. Sein Oberkörper ist mit schwarzen Symbolen und Markierungen versehen. Wurden sie als Teil eines mythischen Rituals aufgetragen? Die anderen Figuren jedenfalls begegnen ihm meist auf eine rituelle und dabei rührend unbeholfene Weise. Sie suchen durch einfache, aber aufgeladene Berührungen nach Absolution für ihr Tun. Er ist Beichtvater, aber auch Komplize. Bruder, aber auch Feind. Und diese Widersprüche werden bis zum Ende nicht aufgehoben.

Stahl in Bewegung

Wenn der Mittelpunkt von Quai West nun keine Person, sondern ein Ort ist, wie sieht dann also das Bühnenbild aus? Die Bühne ist eine naturalistische Darstellung einer alten Lagerhalle. Hier gibt es zwei portalhohe Wände, die für fast jede Szene neu arrangiert werden. Die schwerfälligen Bewegungen passieren dann meist parallel zu  einem röhrenden Geräusch, das eigentlich ein Schiffshorn am Hafen nachahmen soll. Toll, wie durch eine so simple Parallelsetzung Bedeutungsfelder von Aufbruch, stetiger Veränderung, Warnung oder Hoffnung geöffnet werden.

Abad (Augustin Dikongué) und Cécile (Leila Pfister) pflegen gute Nachbarschaft, "Quai West" von Régis Campo am Staatstheater Nürnberg, Foto: Ludwig Olah
Abad (Augustin Dikongué) und Cécile (Leila Pfister) pflegen gute Nachbarschaft, „Quai West“ von Régis Campo am Staatstheater Nürnberg, Foto: Ludwig Olah

Zusammen mit dem sehr kontrastreichen Lichtdesign fällt dann auch die Assoziation mit Filmen von David Lynch nicht schwer. Wenn beispielsweise ein Lichtgang zwischen zwei Wänden entsteht, durch den Abad langsam aber völlig schlicht auftritt, weiß man nicht, ob er eine Heiligenerscheinung ist oder ein Monster.

Mit Witz und Stilen

Der Komponist Régis Campo hat zu diesem dunklen Stück eine sehr vielseitige Musik geschaffen. Man kann seinen Stil frei heraus als eklektisch bezeichnen – Campo selbst hat mit dieser Charakterisierung jedenfalls kein Problem. Er folgt konkret bei Quai West dem Stil von Koltès, der eine sogenannte falsche Einfachheit in seine Sprache legt. Das bedeutet, dass der scheinbare umgangssprachliche Straßenjargon in Wirklichkeit eine Kunstsprache ist. Dieses Prinzip auf die Musik übertragen bedeutet, dass sie zwar vordergründig leicht und einfach wirkt, es aber gerade nicht ist. Außerdem vermeidet Campo ebenso wie Koltès jegliches Pathos – er vermeidet die Bebilderung der szenischen Vorgänge. Seine Musik steht dem Geschehen neutral gegenüber. Trotzdem ist die Komposition von Campo sehr humorvoll und intuitiv. Es wird deklamiert, glissandiert, gelacht, gerufen. Und das alles mit einer Leichtigkeit, die ungekünstelt wirkt. Auch E-Gitarren und sogar Gartenschläuche aus dem Baumarkt haben in Campos Komposition und in den Orchestergraben gefunden. Letztere konnte ich aus dem Parkett leider (leider!) nicht in Aktion sehen.

Quai West ist vielleicht nicht der richtige Stoff für eine populäre Oper – die Naivität und das Einfühlungsvermögen der Komposition lässt aber hoffen. Auf weitere Opern von Régis Campo.


Kritik der Uraufführung in Nürnberg im Donaukurier vom 19. Januar 2015

Kritik der Uraufführung in Nürnberg im BR Klassik vom 19. Januar 2015

Kritik der Uraufführung in Nürnberg im Oberpfalznetz vom 21. Januar 2015

Kritik der Uraufführung in Strasbourg im Online Musik Magazin

Vorankündigung der Uraufführung in JDS

Kritik der Uraufführung in Strasbourg in der Neuen Musikzeitung Online vom 1. Oktober 2014

Kritik der Uraufführung in Strasbourg in Les trois coups vom 30. September 2014

Kritik der Uraufführung in Strasbourg in Forum Opera vom 2. Oktober 2014

Kritik der Uraufführung in Strasbourg im Opernfreund vom 29. September 2014


Quai West. Oper von Régis Campo (UA 2015 Nürnberg)

Staatstheater Nürnberg
Musikalische Leitung: Marcus Bosch
Regie: Kristian Frédric
Bühne: Bruno de Lavenère
Kostüme: Gabriele Heimann
Licht: Nicolas Descoteaux
Dramaturgie: Kai Weßler

Besuchte Vorstellung: 17. Januar 2015 (Premiere der Uraufführung)

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