Oper | Rezension

DON GIOVANNI von Mozart in Hannover – Unwiderstehlich

von am 9. August 2014
"Don Giovanni" von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Don Giovanni? Hat man doch schon oft genug gesehen!“ Wenn das eure Reaktion auf die Nachricht über eine Neuinszenierung dieser vielgespielten Oper von Wolfgang Amadeus Mozart ist, könnt ihr getrost in die Oper Hannover gehen. In der Regie von Benedikt von Peter gibt es nämlich eins garantiert nicht zu sehen: Don Giovanni.

Aus dem Leben eines Frauenhelds

Leporello steht vor Donna Annas Haus Schmiere. Denn sein Herr Don Giovanni ist bei ihr und möchte beim Besuchen nicht gestört werden. Aber irgendetwas geht Anna gegen den Strich – sie ruft um Hilfe und jagt Giovanni aus dem Haus. Ihr Vater, der Komtur, ist zwar schnell genug zur Stelle, um ihn zum Kampf herauszufordern – allerdings nicht schnell genug, um einem tödlichen Stoß von Don Giovanni zu entgehen.
Der ist nach seinem Mord überraschend gut drauf und ihm fällt nichts besseres ein, als gleich dem nächsten Rock hinterher zu steigen. Da kommt Donna Elvira vorbei – die hatte er früher schon mal – kann sich aber nicht sofort daran erinnern. Man kennt das! Als er seine alte Flamme dann doch erkennt, macht er sich davon und lässt Leporello mit der zeternden Dame allein.
Aber wer kommt denn da? Eine hübsches junges Pärchen flaniert mit einer ganzen Hochzeitsgesellschaft vorbei. Ist doch klar, dass Giovanni die junge Braut reizvoll findet. Er schickt Masetto, den Bräutigam, kurz weg, um seine Zerlina mit falschen Versprechungen ins Bett zu locken. Bevor Giovanni aber zum Abschluss kommen kann, tritt Donna Elvira zwischen die beiden und macht Zerlina klar, was von Don Giovannis Komplimenten zu halten ist. Dann sind plötzlich auch noch Donna Anna und ihr Verlobter Don Ottavio da – die beiden wollen Giovanni eigentlich um Hilfe bei der Verfolgung des Mörders bitten, aber Anna kommt sein Verhalten irgendwie spanisch vor. Sie ahnt, dass er selbst ihren Vater ermordet haben könnte.
Don Giovanni hat sich schon wieder aus der brenzligen Situation heraus gewunden und bekommt nun Lust, ordentlich zu feiern. Dazu lädt er auch Zerlina und ihren lästigen Anhang ein. Elvira, Anna und Ottavio schleichen sich maskiert ebenfalls auf die Party. Es ist klar, was dann passiert: Giovanni will sich an einem unbeobachteten Ort die junge Zerlina zu Gemüte führen – die hat daran aber etwas auszusetzen und schreit nach ihrem Bräutigam. Don Giovanni versucht den Skandal von sich abzulenken und beschuldigt Leporello, arme unschuldige Mädchen zu verführen und macht sich – mal wieder – aus dem Staub.
Irgendwo auf der Straße findet Leporello Don Giovanni wieder. Er ist ein bisschen angekekst, weil er immer den Mist von seinem Herrn ausbaden muss. Wie hat Donna Elvira die beiden schon wieder gefunden?! Giovanni hat jedenfalls eine super Idee: Er tauscht schnell mit Leporello Mantel und Hut und lässt ihn an seiner Stelle Elvira besuchen. Das merkt die doch eh nicht! Aha. Was macht Don Giovanni währenddessen? Richtig, ein neues Mädel aufreißen. Oder es zumindest versuchen, indem er vor ihrem Fenster eine Serenade singt. Gute Güte, wer könnte da nein sagen… Aber Giovanni wird von Masetto überrascht, der ihn zusammen mit seinen Kumpanen mal ordentlich vermöbeln will. Moment, Don Giovanni trägt ja noch die Klamotten von Leporello. Und weil es gerade so schummrig dunkel ist, funktioniert die Verkleidung und er schickt Masettos Freunde unter Vorwand weg und kann dann in aller Ausführlichkeit selbst den Bräutigam verprügeln.
Leporello und Don Giovanni treffen sich wieder und spazieren an einem Grabmal vorbei. Es ist die Statue des ermordeten Komturs, die hier auf seine Rache wartet. Giovanni macht sich einen Spaß draus und lädt die Statue zum Abendessen ein. Die sagt dazu: „Sì“
Zurück in seinem Palast hat Don Giovanni schon aufdecken lassen für sich und den steinernen Gast. Die Statue lässt nicht lange auf sich warten. Sie fordert Don Giovanni auf, seine Sünden zu bereuen und sein Leben zu ändern. Giovanni bleibt bei seinem Lebenswandel und wird von der Statue des Komturs in die Tiefe gerissen.
Die anderen kommen zu spät, um selbst an Don Giovanni Rache zu üben. Als sie von Leporello erfahren, was passiert ist, können sie endlich zu ihren eigenen Problemen zurück kehren. Donna Anna will ihre Hochzeit mit Don Ottavio um ein Jahr verschieben, Donna Elvira geht ins Kloster, Zerlina und Masetto gehen erstmal einen trinken und Leporello sucht sich in der nächsten Kneipe einen neuen Herrn.

You sexy thing

Das Schwierigste an jeder Aufführung eines Stückes über Verführung und Begehren ist der Verführer. Der Auslöser.  Der Grund. Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Don Giovanni ist hier keine Ausnahme. Und es ist ja grundsätzlich ein unmögliches Unterfangen: Ein Bariton steht auf der Bühne – manchmal etwas untersetzt, manchmal Opfer von erblich bedingtem Haarausfall – und den sollen jetzt knapp 1000 Leute toll finden. So richtig toll. Und diese Leute sind dann Männer und Frauen, Alte und (leider nicht ganz so viele) Junge, Homosexuelle und Heterosexuelle, Gänseblümchen-Liebhaber und Fußfetischisten. All denen soll bestenfalls innerhalb von drei Stunden mächtig heiß werden.
Ist klar – den tollsten, schönsten, witzigsten, einfühlsamsten, sexyesten Mann gibt es nicht.
Was also machen, wenn man sinnliches Begehren glaubhaft auf die Bühne bringen will?

Technik, die begeistert

Der Regisseur Benedikt von Peter spannt zusammen mit der Bühnenbildnerin Katrin Wittig für seine Antwort auf diese Frage einen schwarzen, halb-transparenten Vorhang über einen Großteil des Portalrahmens. Abgesehen von einer kleinen hinzugefügten Spielfläche auf dem Orchestergraben, die sich wunderbar zum Versteckspielen eignet, stellt dieser Aufbau das Bühnenbild des Abends dar. Während nun alle Figuren (außer dem Chor, der in den Zuschauerraum verbannt wurde) sowohl hinter als auch vor dieser Fläche agieren, ist eine ganz wesentliche Person des Stückes durchweg (fast) unsichtbar: Don Giovanni. Was wir stattdessen zu sehen bekommen, ist die Sicht aus seinen Augen.
Eine Handkamera, die über der Schulter Don Giovannis geführt wird, zeigt uns in Vergrößerung auf der schwarzen Leinwand, was dahinter in der Dunkelheit verborgen ist: das sanfte Gesicht von Donna Anna, die begehrlichen Blicke von Zerlina und die leidenschaftlich-wütenden Augen von Donna Elvira. Manchmal verstörend nah.

Donna Elvira (Monika Walerowicz) ist die Sehnsucht, "Don Giovanni" von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk
Donna Elvira (Monika Walerowicz) ist die Sehnsucht, „Don Giovanni“ von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Im Dunkeln

Technisch möglich wird dies mit einer Infrarot-Kamera. Die Physik, die dahinter steckt, erklärt sich ungefähr so: Der Kameraassistent richtet eine Lampe mit Infrarotstrahlung auf die Szene. Hierbei handelt es sich aber nicht um die umgangssprachliche Wärmestrahlung, die man von medizinischen Wärmelampen kennt, sondern um eine Strahlung, die im für das menschliche Auge nicht sichtbaren Spektralbereich des Lichts liegt. Die spezielle Kamera fängt die von der Szene reflektierte Infrarot-Strahlung auf und übersetzt sie in ein leicht verfremdetes quasi Schwarz-Weiß-Bild. Da die Rückstrahlung dieses Lichtbereichs nach anderen Kriterien passiert als die Reflexion des sichtbaren Lichtspektrums, erscheinen manche Übertragungen unlogisch. Beispielsweise verwandelt die Infrarot-Technik die dunkelhaarige Elvira in eine Wasserstoffblondine, während ihre braunhaarige Leidgenossin Zerlina ihre Haarfarbe behalten darf. Vermutlich schmückt sich die Darstellerin der Elvira mit einer künstlichen Haarfarbe und dieses zusätzliche Material reflektiert die Infrarotstrahlung anders als das sichtbare Licht (um eine Frage zu beantworten, die nicht nur ich mir während der Vorstellung gestellt habe).

Zerlina (Heather Engebretson) verzehrt sich nach dem Unbekannten, "Don Giovanni" von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk
Zerlina (Heather Engebretson) verzehrt sich nach dem Unbekannten, „Don Giovanni“ von Mozart an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Splinter Cell und andere Kunstwerke

Diese Bildtechnik gibt einem als Zuschauer nicht nur das Gefühl ungewollt in die Intimsphäre der Figuren einzudringen, es hat mich persönlich auch auf den ersten Blick an meine eigenen langen, schweißtreibenden Nächte mit einem gewissen Sam Fisher erinnert. Nur dass dieses „Ego“ nicht mit einer Desert Eagle bewaffnet Staatsfeinde ins Gras beißen lässt, sondern mit Handschuhen ausgestattet junge Bräute sanft ins Gras legt.
Ob von Peter diese kleine Hommage an den Stealth-Shooter geplant hatte, ist mir unbekannt – offiziell hat er sich von etwas anderem inspirieren lassen. Der japanische Fotograf Kohei Yoshiyuki machte in den 1970ern Fotos von Paaren, die sich nachts in Tokyos öffentlichen Parkanlagen trafen. Die Bilderserie zeigt dabei nicht nur die sich liebenden Paare, sondern auch und vor allem Voyeure, die sich im Schutz der Dunkelheit anschleichen und teilweise sogar einem Liebhaber eine zupackende Hand leihen. Diese Aufnahmen sind – wie die in Benedikt von Peters Don Giovanni – durch den Einsatz von Infrarot-Technik ermöglicht worden. Auf der Homepage der Yossi Milo Gallery kann sich jeder Neugierige einen eigenen Eindruck von diesen bizarren und erstaunlichen Bildern machen, die nicht nur die Zuschauer im Park als Voyeure entlarven, sondern auch einen selbst.

Don Giovanni ohne Don

Und, lohnt sich dieser ganze technische Aufwand überhaupt, der vermutlich nicht nur ein relativer Alptraum für jede Produktionsleitung ist, sondern sicherlich wegen möglicher akustischer Einbußen auch nicht auf ungebrochene Begeisterung beim Sängerensemble gestoßen ist – am allerwenigsten bei Du-weißt-schon-wem?
Absolut! Die körperliche Abwesenheit Don Giovannis macht neugierig. Wer und wie mag wohl der Typ sein, den Zerlina so anschmachtet, dem Elvira ihr Leben widmen will und dem nicht einmal Masetto widerstehen kann? Das Fehlen des Konkreten wird zu einer Projektionsfläche, die jeder Zuschauer mit seinen eigenen bewussten und unterbewussten Sehnsüchten füllt. (Mit Kierkegaard gedacht befindet sich hinter der Kamera nicht der Mensch Don Giovanni, sondern das Prinzip des Begehrens.) Da würde man am liebsten nach jeder Vorstellung das Publikum zur (Twitter-)Umfrage bitten, was genau sie sich hinter dem Kamerablick vorgestellt haben.
Vielleicht hätte ich nach dem Abschlag schnell aus dem Saal verschwinden sollen, dann würde ich jetzt noch in Fantasien schwelgen. Denn so sehr ich jedem Darsteller seinen wohlverdienten Applaus gönne – ich war am Ende schon ein wenig enttäuscht. Ja, so naiv gehe ich noch ins Theater (und hoffentlich hört das nie auf). Beim Applaus kommt als letztes ein großer Mann auf die Bühne, der einen schwarzen Samt-Overall, schwarze weiche pantoffelartige Schuhe und einen kleinen schwarzen Schlapphut trägt. Ein wenig schwarze Farbe hat er auch im Gesicht. Kriegsbemalung auf dem brutalen Schlachtfeld der Liebe.


Kritik der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 18. Mai 2014

Kritik der neuen musikzeitung vom 20. Mai 2014 

Kritik des Online Musik Magazin

Kritik auf livekritik.de vom 30. Juni 2014


Don Giovanni. Dramma giocoso in zwei Akten von W.A. Mozart (UA 1787 Prag)

Staatsoper Hannover
Musikalische Leitung: Benjamin Reiners
Regie: Benedikt von Peter
Bühne: Katrin Wittig
Kostüme: Geraldine Arnold
Video: Bert Zander
Live-Kamera: Jonas Schmieta
Dramaturgie: Klaus Angermann

Besuchte Vorstellung: 25. Juli 2014

Weitere Vorstellungen: 31. Oktober, 6., 18., 27. November 2015

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Oper | Rezension

ACTUS TRAGICUS von Herbert Wernicke in Stuttgart – Warten auf den Holzpyjama

von am 1. August 2014
actus tragicus - 6 Bachkantaten inszeniert von Herbert Wernicke

In der Oper ist ein Thema allgegenwärtig. Nein, ich spreche nicht von Liebe. Sondern vom Tod. Ständig kratzt jemand ab, geht hops, macht die Biege. Das fällt meist nicht negativ auf, weil das Ableben meist in einem größeren dramatischen und dramaturgischen Zusammenhang steht: Werther erträgt ein Dasein ohne Charlotte nicht, Kaspar wird bestraft, Gilda schützt den Duca, Violetta hat die Motten.

Das kann schon mal zum Tod führen, ohne Zweifel. Aber warum muss nun unbedingt ein Mann mit Zollstock sterben? Warum eine Frau mit roten Schuhen? Warum ein Kind mit Ball? Nein, da gibt es schlicht und einfach keinen Grund. „Mensch, du musst sterben.“ Das kann man genau so als Überschrift der Vorstellung actus tragicus an der Staatsoper Stuttgart nehmen. Puh.

 

Leben im Puppenhaus

Herbert Wernicke hat für seine Inszenierung von sechs Kirchenkantanten Johann Sebastian Bachs (ursprünglich entstanden für das Theater Basel 2000) ein portalfüllendes Wohnhaus auf die Bühne gestellt. Die Nachbarn – Solisten, Choristen und Statisten – gehen in knapp 20 Räumen ihren alltäglichen Verrichtungen nach. Die Hausfrau aus dem 3. Stock bügelt weiße Hemden, im Erdgeschoss turnt ein junger Mann, im Hochparterre ist ein Liebespaar zugange und oben drüber wird Weihnachten gefeiert. Von Raum zu Raum geht ein Mann im Trenchcoat, der die unmöglichsten Abstände vermisst, eine junge Dame mit roten Schuhen wechselt im 1. Stock links unaufhörlich die Kleidung, ein kleiner Junge kickt im Hinterhof einen Ball durch die Gegend. Die Sorge, dass man als Zuschauer nicht jede Szene verfolgen kann und damit Zusammenhänge verpassen könnte, stellt sich bald als unbegründet heraus: Die Bewohner scheinen einem Zwang zur unendlichen Wiederholung zu unterliegen.

Bachs Musik, die sich inhaltlich um Vergänglichkeit, Leid und Tod dreht, klingt angesichts dieser Banalitäten wie eine ferne Erinnerung oder tief verborgene Sehnsucht nach spiritueller Führung, die nicht so recht in dieses heutige Bild passen will, aber trotzdem präsent ist, und das nicht nur akustisch. Unten im Keller liegt eine Leiche in einer unzugänglichen Kammer – eine dreidimensionale Nachbildung von Hans Holbeins Der tote Christus im Grabe (1521/22 Öl auf Holz, Kunstmuseum Basel).

The Body of the Dead Christ in the Tomb, and a detail, by Hans Holbein the Younger.jpg

The Body of the Dead Christ in the Tomb, and a detail, by Hans Holbein the Younger“ by Hans Holbein the Younger – John Rowlands, Holbein: The Paintings of Hans Holbein the Younger, Boston: David R. Godine, 1985, ISBN 0879235780.. Licensed under Public domain via Wikimedia Commons.

 

Aber wer jetzt schon mit den Augen rollt und befürchtet, dass der Jesusstatist sich im dritten Akt die eingeschlafenen Waden ausschüttelt, aufsteht, den Aufzug nimmt, alle Mitmieter segnet und mit Brot und Trollinger verköstigt, sei hiermit entwarnt: Mit Jesus passiert nämlich nix. Er liegt da und rührt sich nicht. Und die Nachbarn haben nicht nur keinen Zugang zu ihm, sondern suchen ihn auch nicht.

 

Sie haben Jesus getötet!

Nein, dieser Christus ist definitiv tot, hat den Löffel abgegeben, hat den Holzpyjama angezogen. Und das sieht man auch an seinem geschlagenen geschundenen Körper. Es ist eine brutal-naturalistische Darstellung des vom Kreuz genommenen Leichnams, die damals so schockierend war, dass Dostojewski bei der Betrachtung einen epileptischen Anfall hatte. Später legte er dem Protagonisten seines Romans Der Idiot, der mit einer Kopie dieses Werks konfrontiert wird, die Worte in den Mund: „Wenn der Tod so furchtbar und die Naturgesetze so stark sind, wie kann man sie dann überwinden? Wie kann man sie überwinden, wenn selbst derjenige sie jetzt nicht besiegte, der zu seinen Lebzeiten der Natur überlegen war, derjenige, dem sie gehorchte […]?“

Wernickes Theaterabend gibt keine Antwort auf diese Fragen und die fehlende dramaturgische Entwicklung korrespondiert sinnfällig mit der Orientierungslosigkeit der Figuren auf der Bühne – und der Leute im Zuschauerraum.

 

Gesucht: Sinn

Seitdem das eigene Leben und Sterben nicht mehr selbstverständlich an der Kirche ausgerichtet ist, suchen wir an allen möglichen (und unmöglichen) Orten nach transzendentalem Obdach: im indischen Ashram, in Selbsthilfebüchern, in der Philosophischen Lebensberatung, im Yoga-Kurs oder im Fernsehen. Und im Internet natürlich auch: MyMonk, ein deutscher Blog, der sich die Suche nach innerer Ruhe auf die Fahnen geschrieben hat und der inspirierende Blog Zenhabits im englischsprachigen Raum sind zwei viel gelesene Beispiele aus der bunten Blogosphäre. Die Angebote sind  zahllos und die Entscheidung für eins von ihnen fällt schwer.

actus tragicus endet zwar mit einem in der Leere verhallenden „Mensch, du musst sterben“ – der Abend verbreitet aber dank spritziger Barockmusik gar keine Endzeitstimmung. Und auch wenn zum Schluss der Scheinwerfer auf den toten Christus als allerletztes erlischt, ist die Vorstellung kein Plädoyer für die Rückkehr zum Christentum. actus tragicus ist vielmehr ein Hinweis auf fast vergessene Wege zum so genannten Seelenheil. Vielleicht zu unrecht vergessen.


Kritik in Kulturpur

Kritik im Online Musik Magazin vom November 2006

Kritik im Guardian vom 20. August 2009


actus tragicus. Sechs Kirchenkantaten von Johann Sebastian Bach (UA 2000 Basel)
Musikalische Leitung: Michael Hofstetter
Regie, Bühne und Kostüme: Herbert Wernicke
Dramaturgie: Albrecht Puhlmann

Besuchte Vorstellung: 1. Juni 2014

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