Kolumne | Oper

Wie geht REGIEASSISTENZ? (Teil 1: Dokumentation)

von am 6. Oktober 2018

Die neue Spielzeit hat begonnen! Habt ihr gerade ein Engagement als Regieassistent angetreten und wisst noch nicht, welche Aufgaben auf euch zukommen? Oder spielt ihr mit dem Gedanken, Regieassistent zu werden, wisst aber nicht, ob der Job das Richtige für euch ist?

In diesem Beitrag findet ihr gute und gut gemeinte Ratschläge zum Thema Regieassistenz für Musiktheater. Ich war selbst die letzten drei Spielzeiten fest als Assistentin engagiert und habe davor zwei Spielzeiten als freie Regieassistentin Opernproduktionen an unterschiedlichen Häusern betreut. Nun führt mich mein beruflicher Weg in eine andere Richtung – aber bevor ich abbiege, möchte ich das Gelernte mit euch teilen. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen bei den ersten Schritten in diesem besonderen und verantwortungsvollen Beruf.

Wenn ihr selbst schon Erfahrungen in diesem Bereich gemacht habt und merkt, dass ich etwas vergessen habe oder ihr selbst Tipps habt, die ihr gerne an die (zukünftigen) Kollegen weitergeben möchtet, seid ihr herzlich willkommen, sie in die Kommentare zu schreiben oder mich direkt zu kontaktieren. Ich werde diesen Beitrag aktuell halten.

Am Ende findet ihr außerdem ein paar Beispieldokumente ohne Anspruch auf Genialität, die ihr aber gerne korrigieren, verwenden oder weitergeben dürft.

Vorbereitung ist (fast) alles

Kalender, Pläne und Listen sind für euch als Regieassistenz die besten Freunde und mächtigsten Waffen. Das klingt nach mühsamer Büroarbeit? Ist es auch. Aber ohne gute Vorarbeit und Organisation wird es nachher nur noch stressiger, also macht euch die Arbeit lieber vor dem ersten Probentag, wenn ihr noch genug Zeit, Muße und Nerven habt.

Die ersten Dinge, mit denen ich mich vor einer neuen Produktion befasse, sind der Klavierauszug, das Szenario und der Produktionsplan.

Den Klavierauszug bekommt ihr bei eurer Bibliothek. Klassischerweise wechseln sich im Auszug für die Assistenten immer eine Seite Noten mit einer leeren Seite ab. Ich lasse mir – wenn es von der Bibliothek angeboten wird – den Klavierauszug immer so umlegen, dass ich links die Noten habe und rechts Notizen machen kann. Für einen Linkshänder ist es umgekehrt sicherlich sinnvoller. Außerdem lasse ich mir auch eine Linie drucken, die einen schmalen Bereich links abtrennt, wo ich die wichtigsten Cues wie Lichtstimmungen, technische Verwandlungen oder Auf- und Abtritte notiere. So kann man sich auf jeder Seite schnell einen Überblick verschaffen. Andere Assistenten lassen sich auf jede Seite einen Grundriss der Bühne drucken, um Positionen möglichst genau notieren zu können. Es gibt hier ganz unterschiedliche Vorlieben und Möglichkeiten – am besten ihr probiert aus, was für euch persönlich funktioniert. Falls es an eurem Haus mehrere Assistenten gibt (was ich euch von Herzen wünsche!), solltet ihr nachfragen, ob es ein Notationssystem gibt, nach dem sich alle richten müssen.
Ihr könnt den Klavierauszug natürlich ganz trocken lesen – schöner wird das Ganze aber mit einer Audio-Aufnahme. Meistens stellt die Dramaturgie eine auf Nachfrage zur Verfügung.

Das Szenario erstelle ich anhand des Klavierauszugs. Dabei gibt das tabellarische Szenario nur an, welche Figuren, wann auftreten und wie lange die Szenen ungefähr dauern. Das ist hilfreich für die Erstellung der Probenpläne und später auch für die Erstellung der Masken- und Kostümpläne. Bei komplexeren Produktionen habe ich aber auch oft mit einem ausführlichen Szenario gearbeitet. Hier können Angaben zu verwendeten Requisiten, Kostümen, Bühnenbildern, Verwandlungen oder Umzügen gemacht werden. Diese Art von Szenario ist logischerweise umfangreicher – daher ist es weniger gut für einen schnellen Überblick geeignet als das tabellarische. Am besten probiert ihr beides aus und entscheidet selbst, was für euch zweckmäßiger ist. Sehr wichtig in jeder Art von Szenario sind die Zeiten. Ich nehme sie für den ersten Entwurf aus einer Aufnahme und überprüfe sie bei Gelegenheit während der Proben. Oft gibt es diese Gelegenheit allerdings nicht – ihr werdet heilfroh sein, mindestens Annäherungswerte zu haben, wenn während der kräftezehrenden Endprobenphase die Abteilungen nach dem Szenario fragen und ihr eine Nachtschicht weniger einlegen müsst.

Der Produktionsplan ist ein Kalender für den Zeitraum der szenischen Proben. An manchen Häusern erstellt das KBB einen Produktionsplan – an vielen müsst ihr es selbst machen. Falls ihr einen fertigen Produktionsplan bekommt, solltet ihr diesen sehr genau (!) Korrektur lesen! Zu euren wichtigsten Aufgaben gehört, Fehler zu entdecken und zu korrigieren und Entscheidungen der Disposition im Hinblick auf die konkrete Produktion in Frage zu stellen. Wenn ihr den Produktionsplan selbst erstellt, könnt ihr das mithilfe der Wochenpläne tun, die das KBB herausgibt. Einer der wichtigsten Punkte an diesem Produktionsplan sind die Abwesenheiten der Darsteller. Es gibt immer Darsteller, die Urlaub haben bzw. noch welchen beantragen oder die noch für andere Produktionen proben oder die aus vertraglichen Gründen nicht immer für die Proben zur Verfügung stehen. Das kommt zum Beispiel häufiger vor, wenn es Gastsolisten gibt, die im Ausland leben und extra für die Produktion anreisen. Ihr solltet jedenfalls ganz genau (und eventuell mehrmals) nachfragen, ob alle Abwesenheiten aufgezeichnet sind. Falls ihr euch trotzdem unsicher seid, fragt am besten nach dem Konzeptionsgespräch alle Darsteller ab, ob die notierten Abwesenheiten stimmen. Ich habe oft genug erlebt, dass hier Termine verwechselt oder vergessen worden sind. Das sorgt in den meisten Fällen für (zu Recht) genervte Regisseure.

Listen, Listen, Listen

Wenn es sich nicht um eine extrem komplizierte Inszenierung handelt, seid ihr nun gut auf die erste Probe vorbereitet. Am ersten Probentag könnt ihr euch aber auf weitere wichtige Dokumente gefasst machen: Besetzungszettel, Kontaktliste, Requisitenliste, Grundrisse des Bühnenbilds, Grundrisse des Probebühnenaufbaus und Figurinen.

Besetzungszettel und Kontaktliste bekommt ihr vom KBB. Die Kontaktliste könnt ihr ein paar Mal kopieren – erfahrungsgemäß nehmen aber trotzdem nicht alle eine mit. Es hilft aber, wenn man die Sänger bittet, zumindest die Nummer des Assistenten einzuspeichern, für den Fall der Fälle. Ich selbst habe immer alle Nummern der Beteiligten schon vorher eingespeichert. Wenn dann mal ein Sänger zu spät kommt, muss ich nicht erst geräuschvoll nach der Telefonliste kramen, sondern kann einfach die Probebühne verlassen und sofort anrufen. Eine Requisitenliste bekommt ihr vom Regisseur oder vom Bühnenbildner – oder es gibt noch keine und ihr müsst selbst eine anlegen. Grundrisse des Bühnenbilds bekommt ihr vom Bühnenbildner selbst oder vom Ausstattungsassistenten. Lasst euch die Grundrisse und auch die Verwandlungen gut erklären. Der Bühnenbildner wird nicht ständig bei den Proben dabei sein und eventuell gibt es auch gar keinen Bühnenbildassistenten, das heißt, ihr müsst aufkommende Fragen selbst beantworten. An manchen Häusern gibt es auch Grundrisse für den Aufbau auf der Probebühne. Lasst euch auch hier alles von der technischen Abteilung erklären. Wichtig zu wissen ist, ob die Verhältnisse stimmen. Vermutlich wird auf der Probebühne alles ein wenig kleiner sein. Hier ist eure wichtigste Aufgabe, den Regisseur immer wieder daran zu erinnern, wenn es bei den Proben relevant ist. Häufig bringt der Kostümbildner Figurinen mit, um zu zeigen, wie er sich die Kostüme vorstellt. Manche Kostümbildner arbeiten aber auch mit Collagen und Foto-Sammlungen um annähernd ihre Ideen zu beschreiben. Lasst euch auch hier alles erklären. Haben die Kostüme Taschen? Brauchen wir Taschen? Wie weit und lang sind die Röcke? Welche Schuhe tragen die Darsteller? Gibt es schnelle Umzüge? Auch hier müsst ihr vielleicht während der Proben Auskunft geben.

Arbeitsprobenphase

Das Konzeptionsgespräch ist vorbei und nun können die szenischen Proben endlich losgehen! Moment… was wird eigentlich geprobt? Die Erstellung und Angabe des Tagesplans gehört zu euren wichtigsten Aufgaben vor bzw. während der Vormittagsprobe. Den ersten Tagesplan solltet ihr übrigens früh genug abfragen. Vermutlich kennt ihr den Regisseur noch nicht und wisst auch noch nichts über die Inszenierung. Lasst euch vom KBB die Kontaktdaten geben und fragt schon ein paar Tage vorher nach, wie der erste Probentag aussehen soll. Falls er sich nicht festlegen kann oder will, ist es keine Schande für den ersten Tag „Probe nach Ansage für alle Beteiligten“ aufschreiben zu lassen. Was den Tagesplan betrifft, habe ich mit ganz unterschiedlichen Typen zusammen gearbeitet – manche sind sehr organisiert und wissen schon vor der Vormittagsprobe ganz genau, wie der folgende Tag aussehen wird, manche sind jeden Tag aufs Neue von der Frage nach dem Tagesplan überrascht. Es ist nicht unüblich, dass ihr die ganze Pause damit verbringt, gemeinsam mit dem Regisseur einen Probenplan auszuarbeiten. Falls dies in einer Produktion bei euch der Fall sein sollte, kann ich euch nur raten, den Tagesplan persönlich beim KBB anzusagen. So kommt ihr mal kurz weg von der Probebühne und habt zumindest eine Ahnung von Pause. Auf dem Rückweg ist auch ein Umweg über die Kantine ratsam.

An jedem Haus gibt es eigene Regeln, wie der Tagesplan angesagt werden sollte. Manche möchten es nur telefonisch, an manchen Häusern muss man den Plan in ein Buch schreiben. Außerdem gibt es immer eine Deadline gegen Mittag. Fragt am besten nach, ob es eine hausinterne Regelung für Änderungswünsche nach der Deadline gibt. Denn sie werden kommen.

Endprobenphase

Wenn ihr dann endlich von der Probebühne auf die Bühne umzieht, stehen auch bald Beleuchtungsproben an. Dafür ist es sinnvoll Vorlagen für eine Beleuchtungsliste mitzubringen. Damit habt ihr alle wichtigen Informationen für jeden nachvollziehbar und schnell zur Hand.

Der größte Termin in der Endprobenphase ist dann die Klavierhauptprobe. Da hier alle zum ersten Mal mit den Originalrequisiten, Originalkostümen und vielleicht auch zum ersten Mal mit dem Originalbühnenbild konfrontiert sind, müsst ihr vor dem Beginn des Durchlaufs alles sehr gut und mehrfach checken. Wichtig ist hier der Kostümablauf, der für meine Produktionen allerdings immer von der Kostümabteilung selbst erstellt wurde. Es kann aber nicht schaden, einen Blick darauf zu werfen und die Augen nach Fehlern offen zu halten. Zu diesem Zeitpunkt kennt niemand die Produktion so gut wie ihr! Selbst der Regisseur kann bei Details überfragt sein – wie gut, dass ihr alle wichtigen Informationen schwarz auf weiß habt. Auch den technischen Ablauf solltet ihr mit diesem Hintergedanken zumindest überfliegen.

Vielleicht habt ihr bei dieser Probe sogar die Gelegenheit auch die Applausordnung zu arrangieren. Sprecht euren Regisseur ein paar Tage vorher darauf an und bereitet eventuell eine Applausordnung vor, die er dann korrigieren und absegnen kann. Wenn ihr neu an einem Haus seid, fragt ruhig die Kollegen, was dort üblich ist. Ein klarer, zügiger Ablauf ist hier angebrachter als große Choreographie.

Noch Fragen?

In den nächsten Beiträgen möchte ich euch von weiteren Aspekten einer Regieassistenz berichten. Ich habe mich zum Beispiel intensiv mit Stressbewältigung und Rechtlichem beschäftigt.

Aber wenn ihr ganz andere Themen oder Fragen über Regieassistenz habt – immer her damit!


Tabellarisches Szenario

Ausführliches Szenario

Produktionsplan

Requisitenliste

Beleuchtungsliste

Applausordnung

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Kolumne

KOLUMNE – Die Probebühne

von am 13. Dezember 2017

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich wusste, dass Musiktheater eine zentrale Rolle in meinem Leben spielen würde. Es war während meines Studiums, das ich verfolgte, ohne zu Wissen zu welchem Zweck. Eine Kommilitonin fragte mich, ob ich Lust hätte, am ortsansässigen Staatstheater bei einer Oper zu hospitieren. Da ich bis zu jenem Zeitpunkt noch kein Praktikum gemacht hatte, sagte ich halbherzig zu. Am Tag darauf fuhr ich mit einem Aufzug tief in den Keller eines labyrinthartigen Gebäudes, wo eine schwere Tür zu einem großen, hohen Raum mit Holzboden führte. Die Probebühne. Hier erlebte ich zum ersten Mal, wie aus Text und Musik Körperlichkeit wurden. Wie sich Regisseur, Dirigent und Sänger bemühten, Wort, Ton und Bewegung zu einer Einheit zu verschmelzen. Wie ein Team sich unbeirrbar gegenseitig kritisierte und motivierte. Und wie nach der Probe alle Anwesenden das Gefühl mitnahmen, etwas gelernt zu haben – beruflich oder persönlich.

Die Probebühne am Theater Erfurt. Links sitzt das Regieteam, rechts wird am Flügel das Orchester simuliert. Hinten hängen Skizzen von Bühnenbild und Kostümen der probenden Produktion, Foto: Viktoria Knuth

Der harte Holzboden der Realität

Heute bin ich nicht mehr so naiv. Klar, auf einer Probebühne kann man so manche künstlerischen und musikalischen Höhepunkte erleben. Aber wer diesen Ort mehrere Jahre seinen Arbeitsplatz nennt, weiß, dass hier auch ganz andere Dinge passieren als Magie. Hier werden Illusionen zerstört, Freundschaften gekündigt, Kollegen belächelt, Assistenten beschimpft, Noten zerrissen, Chöre angeschrien. Hier werden eimerweise Angstschweiß, Tränen und Spucke abgesondert. Hier sind manchmal Endgeräte interessanter als die Szene, ist der Kantinenkaffee geschmackvoller als die Witze des Regisseurs, sind die rollbaren Stellwände schwungvoller als der Dirigent. Das klingt hart und tatsächlich ist die Probebühne ein Ort, den man ernst nehmen muss. Denn er ist ein sehr empfindlicher und wandelbarer Raum – nicht nur, was den technischen Aufbau angeht.

Dies ist meine Perspektive, wenn ich dem Regisseur links von mir zuhöre oder hinter ihm dem Dirigenten zuzwinkere, Foto: Viktoria Knuth

Bereit für Fantasie

Eine Probebühne ist grundsätzlich nüchtern, nichts wird kaschiert. Die grellen Neonlampen beleuchten den Dreck in den Ecken, den Staub auf dem Flügel und die Tränensäcke unter den Augen. Podeste, Gerüste und Stellwände markieren das spätere Bühnenbild. Die Klavierbegleitung stellt das Orchester dar. Und daraus soll Theaterzauber entstehen? Es ist schwer, aber machbar. Mit ganz viel Fantasie. Die bringt das künstlerische Leitungsteam mit, indem es immer wieder mit Worten umschreibt, wie die Szene ablaufen könnte, wie sich das Bühnenbild anfühlen wird, wie die Orchestermusik klingen wird. Im besten Fall macht das die Sänger neugierig auf diese Wunderwelt, die im gemeinsamen Geist zu leuchten beginnt und an die man sich Probe um Probe weiter annähert. Durch Spielen und Ausprobieren, durch Lachen und Weinen, durch Brainstorming und Diskussion. Dieser Prozess ist nicht immer linear. Manchmal führen gerade die Umwege zu einem unerwartet originellen Ergebnis. Und die sind nur möglich an diesem kahlen, empfänglichen und geschützten Ort, der Probebühne.

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Kolumne

KOLUMNE – Wie es ist, ein anderer sein zu müssen

von am 4. Dezember 2017

[Diese Kolumne erschien zum ersten Mal im PROspekt (Ausgabe 5, Dezember 2017), dem Magazin des Theater Erfurt.]

Depression. Burn-out. Bore-out. So heißen die modernen Berufskrankheiten. Während die meisten Arbeitnehmer versuchen, solche Zustände zu vermeiden, gibt es im Theater Situationen, in denen eine gewisse psychische Indisposition sogar hilfreich ist. Jedoch möchte ich hier nicht das bekannte Klischee bemühen, man müsse verrückt sein oder zwangsläufig werden, wenn man sich beruflich als Sänger oder Schauspieler jeden Tag in fremde Charaktere hineinversetzen muss. Ich meine eine Berufsgruppe, die nicht auf, sondern neben der Bühne die Rolle eines anderen übernehmen muss. Es geht hier um den Regieassistenten, dessen geistige Verfassung während der Proben für eine Wiederaufnahme einer Inszenierung große Ähnlichkeit mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie aufweist.

Wie war das noch gleich?

Es gibt immer wieder Produktionen, die so gut, so besonders oder so populär sind, dass wir sie nicht nur eine Saison lang spielen. Oft liegt ein längerer Zeitraum zwischen der letzten Vorstellung und der nächsten geplanten – das können auch Jahre sein. Da ist es nur verständlich, dass Sänger, Orchestermusiker, Techniker, Statisten, Inspizienten, Requisiteure und Beleuchter sich nicht sofort an alle verabredeten Abläufe erinnern. Also gibt es im Vorfeld einer Wiederaufnahme immer auch Proben. Nun ist es aber meistens so, dass der verantwortliche Regisseur mittlerweile in Hong Kong inszeniert, nach einer Umschulung nur noch als Physiotherapeut arbeitet oder in einem balinesischen Meditationsretreat eine Auszeit nimmt. Er kann jedenfalls die Auffrischungsproben nicht selbst leiten. Wer wäre da ein besserer Ersatz als der Regieassistent, der jede Minute der Probenphase an seiner Seite verbracht hat?

Wer bin ich – und wenn ja, wieviele?

Wie jeder Regieassistent habe auch ich mich in dieser Situation wiedergefunden. Schwierig war dieses Unterfangen für mich nur in den Fällen, in denen ich die betreffende Inszenierung, sagen wir mal, nicht sonderlich gelungen fand. Oder gar schlecht. Oder einfach nur voll von unschlüssigen Vorgängen. Oder wenn ich das Stück langweilig fand. Oder die Ausstattung unpassend. Da kann es zur mentalen Herausforderung werden, die damalige Begeisterung des Regisseurs wieder hervorzuholen. Denn um ihn angemessen zu vertreten, muss ich ja all seine Ideen und Erklärungen für mich wieder auffrischen und sie so verinnerlichen, dass sie zu meinen werden. Alles im Hinblick auf die szenischen Proben, in denen ich für die Darsteller diesen ganz besonderen Geist dieses ganz bestimmten Regisseurs wiederaufleben lasse. Ganz egal, was ich von ihm oder seiner Prodution halten mag. Ich muss temporär also eine andere Meinung, andere Ideen, ein anderes ästhetisches Empfinden haben, ich muss andere Witze erzählen, ich muss ein Anderer sein. Da kann es vorkommen, dass man sich ein kleines bisschen schizophren fühlt.

Chance statt Krise

Dass die Arbeit am Theater geisteskrank macht, wäre hier allerdings ein ganz falsches Fazit. Denn die selbständige Leitung von Proben einer Wiederaufnahme – also einer bereits fertigen, festgelegten Inszenierung – ist für die meisten Regieassistenten die erste praktische Übung für den Beruf des Regisseurs. Dabei lernt man nicht nur Organisatorisches wie Probenplanung, sondern kann auch endlich den großen Zampano raushängen lassen und sagen, wo es langgeht, ohne die künstlerische Verantwortung zu tragen. Wer sich bei diesen Testläufen bewährt, bekommt irgendwann die Möglichkeit, seine eigenen Ideen auf die Bühne zu bringen. Dann bin auch ich eines Tages die Stimme im Kopf eines Regieassistenten, der um seine mentale Gesundheit bangt. Das wäre schön.

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