THREE TALES von Steve Reich in Erfurt – Spannende Video-Oper mit bitterem Nachklang

Video-Oper, was soll denn das sein? Kann man sich fragen. Oder man kann ins Theater Erfurt gehen und sich dort eins von diesen seltenen (und selten gespielten) Stücken anschauen. Auf der Studiobühne ist derzeit Three Tales von Beryl Korot und Steve Reich zu erleben, welches als Video-Oper bezeichnet ist, aber auch als Konzert mit Projektionen oder Videocollage mit Live-Orchester-Begleitung durchgehen könnte. Keiner dieser Titel ist letztlich zutreffend, da dieses Werk mit seiner einzigartigen Form für sich steht. Also was genau kann ich als Zuschauer im Theater Erfurt erwarten?

Video + Musik + Technik

Hinter dem kleinen solistisch besetzten Orchester hängt eine Leinwand. Darauf werden Videos der Künstlerin Beryl Korot projiziert, welche inhärenter Bestandteil des Stücks sind und genauso auch bei der Uraufführung 2002 zu sehen waren. Der Dirigent führt das Orchester synchron zum durchkomponierten Videomaterial und zu Toneinspielungen, deren Einsatz ebenfalls exakt vorgegeben ist. Dieses Zusammenspiel wird durch einen sogenannten Clicktrack ermöglicht: Der Dirigent hört während der Vorstellung auf einem Kopfhörer einen Rhythmus, dem er sein Dirigat anpasst. Eine Bühne oder szenische Vorgänge sind nicht zu sehen. Es gibt zwar fünf Sänger, aber deren Partien fügen sich in den Gesamtklang ein und sind eher wie Orchesterstimmen zu verstehen.

Hindenburg, Bikini, Dolly (und Kismet)

In Three Tales geht es – so viel habt ihr schon geahnt – um drei Geschichten. Es werden aber keine fiktiven Stories erzählt, sondern drei große historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts thematisiert: Der Absturz des Zeppelins „Hindenburg“ 1937, die Kernwaffen-Tests auf dem Bikini-Atoll von 1946 bis 1958 und das erste geklonte Säugetier, Schaf Dolly, 1996. Diese drei Geschichten sind Beispiele für die Folgen der technologischen Entwicklung. Augenfällig ist, dass Reich und Korot nur Negativbeispiele gewählt haben und damit eine starke Haltung gezeigt wird, obwohl durch den Einsatz von dokumentarischen Bildern und eingefügten Interviews eine gewisse Objektivität simuliert wird. Hinzu kommt, dass die Akte „Bikini“ und „Dolly“ von Zitaten aus der Schöpfungsgeschichte durchbrochen werden: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Im Kontext der Zerstörungen, die im Laufe des Abends gezeigt werden, ist das ein zynischer Wink mit dem Zaunpfahl. Die Vorstellung endet mit „Kismet“, einem humanoiden Roboter aus den 90ern, der mit Menschen interagieren konnte und menschliche Emotionen mithilfe von überdimensionalen Lippen, Ohren, Augen und Augenbrauen simulieren konnte. Dieser kleine Ausblick auf die Zukunft der Robotertechnik und damit zusammenhängend der künstlichen Intelligenz wirkt erstaunlich aktuell. Auch diese Entwicklung wird als negativ gezeigt – es wurden zwar Anhänger unterschiedlicher Positionen interviewt, aber allein die Darstellung von ihnen macht auch hier die Haltung der Künstler deutlich.

Der humanoide Roboter „Kismet“ schaut auf das Orchester unter der Leitung von Peter Leipold herab, „Three Tales“ von Beryl Korot und Steve Reich am Theater Erfurt, Foto: Lutz Edelhoff

Spannendes Musiktheater mit Nachwirkungen

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem technischen Fortschritt mag für den ein oder anderen jetzt etwas sperrig wirken. Three Tales schafft es aber, einen audio-visuellen Sog zu erzeugen, der nicht nur ein spannendes Theatererlebnis ist, sondern einen außerdem zwingt, die eigenen Haltungen zu diesem hochaktuellen Thema zu hinterfragen. Logischerweise ist die Art der Aufbereitung des Videomaterials für unsere Augen veraltet und die vielen englischen Texte bleiben auch für Sprachbegabte eine Barriere. Die eingeblendeten Übersetzungen oben links, die mit mehreren Schriftarten die unterschiedlichen Textformen markieren, waren mir irgendwann zu anstrengend – es reißt einen aus der eigentlich konzipierten Aufmerksamkeitsführung heraus. (Ich bin aber auch generell gegen Übertitel in der Oper.) Das war’s dann aber auch schon mit den Kritikpunkten – Three Tales von Beryl Korot und Steve Reich ist ein spannender und nachhaltig wirkender Musiktheater-Abend. Es war daher umso bedauerlicher, dass das Theater Erfurt versäumt hat, eine öffentliche Premierenfeier anzuschließen. Der Diskussionsbedarf dürfte bei diesem Stück besonders hoch sein.

Postskriptum

Mich persönlich hat vor allem der Akt „Bikini“ zum Nachdenken und Recherchieren angeregt. Die gefundenen Infos möchte ich euch nicht vorenthalten:

Auf dem Bikini-Atoll wurde unter anderem die Testbombe „Bravo“ gezündet. Dieser Test ist bis heute der stärkste, den die USA durchgeführt hat. Die Sprengkraft von „Bravo“ war 1000 Mal stärker als die der Bomben, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Die stärkste Bombe überhaupt wurde 1961 von der Sowjetunion auf einer Insel im Nordpolarmeer gezündet. Sie ist heute als „Zar-Bombe“ bekannt und ihre Sprengkraft war 4000 Mal so stark wie die der Hiroshima-Bombe.

Um die Kernwaffentests auf dem Bikini-Atoll durchzuführen, wurde die dortige Bevölkerung mehrfach umgesiedelt. Die Bikinianer wurden unzureichend versorgt und litten an Unterernährung. Bis heute ist das Bikini-Atoll nicht bewohnbar und die Bikinianer kämpfen weiterhin für eine Entschädigung.

Gestern (1. Februar 2019) haben sich die USA – und als Reaktion darauf heute auch Russland – aus dem INF-Vertrag zurückgezogen. Der Vertrag hat seit 1987 beiden Seiten verboten, landgestützte Nuklearraketen mit einer Reichweite von 500 bis 5500 Kilometern zu besitzen und herzustellen. Der Rückzug aus dem INF-Vertrag tritt in sechs Monaten in Kraft.

 

 


Three Tales. Video-Oper von Beryl Korot und Steve Reich in drei Teilen (UA Wien 2002)

Theater Erfurt
Musikalische Leitung: Peter Leipold
Dramaturgie: Larissa Wieczorek

Besuchte Vorstellung: 31. Januar 2019 (Premiere)

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