KulturQuartier Erfurt – Was ist das? Wer ist das? Was kann das?

Auch eine Nomadin braucht ein Zuhause. Seit gut drei Jahren habe ich mein Lager in einer wunderschönen Stadt namens Erfurt aufgeschlagen und habe viel Zeit in einer städtischen Kultureinrichtung verbracht. Aber neben dem Theater Erfurt gibt es hier eine lebendige und vielfältige freie Kunst- und Kulturszene, in welcher ein Projekt in aller Munde ist: Das KulturQuartier. Das klingt nach Kunst, nach Nachbarschaft, nach Gemeinschaft. Aber was und wer steht dahinter und wie kann ich mir das Ganze konkret vorstellen? Beim heutigen Pressegespräch konnte ich mir einen kleinen Einblick verschaffen.

Was ist das KulturQuartier?

KulturQuartier Erfurt ist ein Verein, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, einen oder mehrere Orte in Erfurt als Kultur- und Kommunikationsräume zu entwickeln. Ganz konkret hat das KulturQuartier ein Auge auf das ehemalige Schauspielhaus geworfen, welches seit dem Umzug des Theater Erfurt in den Neubau 2003 nicht mehr als solches genutzt wurde. Es ist derzeit in einem maroden Zustand – soll aber nach und nach umgebaut und weiterentwickelt werden. Dabei geht es laut Architekt Thomas Schmidt nicht darum, den ursprünglichen Zustand des Schauspielhauses wiederherzustellen oder rundum zu sanieren. Vielmehr soll dieser Ort als Raum für Experimente, Improvisation und neue Ideen erkennbar sein. Der Umbau wird ca. 5 Millionen Euro kosten und im Idealfall in 2 Jahren soweit abgeschlossen sein, dass einer feierlichen Eröffnung nichts im Wege steht. Bis dahin ist aber noch ein Weg zu gehen, der in unserer kapitalistischen Welt mit Geld gepflastert sein muss. Zu diesem Zweck wird eine sogenannte Genossenschaft gegründet. Eine was bitte?

Was ist die Genossenschaft KulturQuartier Schauspielhaus?

Eine Genossenschaft ist ein Zusammenschluss von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Es gibt Genossenschaften in den unterschiedlichsten Bereichen wie Energieversorgung, Wohnungsbau oder Landwirtschaft. Die Grundprinzipien einer Genossenschaft sind Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Es ist eine Gesellschaftsform, die nicht nur für den wirtschaftlichen Erfolg arbeitet, sondern für Ideale wie soziale Gerechtigkeit oder eben Etablierung und Erweiterung eines kulturellen Angebots. Wer Mitglied der Genossenschaft KulturQuartier Schauspielhaus werden will, muss mindestens zwei Anteile in Höhe von 500 Euro zeichnen und hat damit eine Stimme in der Generalversammlung. Ihr würdet gerne mitmachen, habt aber gerade keine 1000 Euro auf der hohen Kante? Dann könnt ihr euch auch mit Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen zusammentun. Es gibt auch eine Facebook Gruppe, in welcher ihr andere Interessierte finden und ansprechen könnt, um Geld zusammen zu legen. Bisher wurden Anteile in Höhe von 657.500 Euro gezeichnet – fast zwei Drittel des benötigten Eigenanteils für einen Kredit sind also schon zusammen gekommen.

Wer zieht ins KulturQuartier?

Es gibt drei Institutionen der freien Erfurter Kulturszene, die innerlich schon auf gepackten Koffern sitzen, um ganz bald ins KulturQuartier Schauspielhaus einzuziehen:

  • Radio F.R.E.I. (Die Abkürzung steht für „Freier Rundfunk Erfurt International“, wusste ich bisher nicht! Was man in diesem Internet so alles lernen kann…), das erste Freie Radio Thüringens, das 1990 als Piratensender angefangen hat, 1999 durch die Thüringer Landesmedienanstalt zugelassen wurde und dessen gesamtes Radioprogramm ehrenamtlich erstellt wird.
  • Kinoklub am Hirschlachufer, ein kleines Programmkino, in welchem man nicht nur besondere Filme jenseits des Mainstreams sehen kann, sondern die meisten Filme auch mehrmals im Originalton gezeigt werden. Für mich eine kulturelle Perle dieser Stadt.
  • Tanztheater Erfurt e.V., eine professionelle Plattform für Tanztheater, die 2007 ins Leben gerufen wurde. Hier werden eigene Stücke entwickelt und zur Aufführung gebracht, aber auch viele Tanzkurse für Laien angeboten.

Mit diesen Mietern kommt garantiert Leben in die Bude! Aber Moment, es gibt doch schon Veranstaltungen im Schauspielhaus…?

Das ehemalige Schauspielhaus hat derzeit noch den Charme eines Lost Place, der von Künstlern besetzt wurde. Ganz glatt gebügelt soll es hier auch nachher nicht aussehen, Foto: Boris Hajduković.

Was gibt es im KulturQuartier zu sehen?

Seit 2015 gibt es schon wieder Kunst und Kultur im Schauspielhaus zu sehen – sofern dies möglich und erlaubt ist. Der Zuschauerraum bietet beispielsweise eigentlich Platz für 400 Zuschauer – derzeit sind aber nur 200 Personen in diesem Saal zugelassen. Bisher konnte nur die Vorbühne bespielt werden, also ein Streifen von ca. 4 Meter Tiefe, der nach hinten vom Eisernen Vorhang begrenzt ist. Aber mit Kreativität lassen sich solche Beschränkungen auch in Ideen umwandeln, so hat Ester Ambrosino, die Künstlerische Leiterin des Tanztheaters, mit Abdruck eine Choreographie entwickelt, welche die Zuschauer durch das Haus führt, Salsaparties kann man in lauen Sommernächten auch im Hof des Schauspielhauses feiern und auf der kleinen Vorbühne finden Schauspieler, Tänzer und Musiker genug Platz. Mit den drei Formaten PREVIEW, Sommer in Rosé und StadtRaumBoxen macht das KulturQuartier natürlich auch auf die Genossenschaft aufmerksam und kann so neue Mitglieder werben. Die genauen Termine und weitere Informationen zum Programm 2019 werden hoffentlich bald auf der Homepage www.kulturquartier-erfurt.de zu finden sein.

Bis dahin kann ich jedem nur eine der sehr informativen und kostenlosen Führungen durch das zukünftige KulturQuartier Schauspielhaus ans Herz legen, die jeweils am 1. Samstag des Monats stattfinden. Die nächsten Termine sind: 2. März und 6. April, jeweils 16 Uhr und 17 Uhr. Auch wenn manche schon den Frühlingsduft in der Nase haben – packt euch in Winterklamotten ein!

Ehre wem Ehre gebührt

Das Wichtigste zum Schluss: Ohne ehrenamtliches Engagement wäre dieses Projekt nicht möglich. Bisher wurden schon zahllose Arbeitsstunden investiert, wurden Geld und Gegenstände gespendet. Das KulturQuartier Erfurt entspringt der Sehnsucht nach einem Spielraum und einem Zuhause für eine lebendige Kulturgemeinschaft. Und wo könnte man sich besser austoben und gleichzeitig heimisch fühlen als in dieser wunderschönen Stadt namens Erfurt.

Von links nach rechts (so irgendwie): Tely Büchner (Vorstand KulturQuartier Erfurt e.V.), Susanne Putzmann, Ronald Troué (beide Vorstand Kinoklub am Hirschlachufer), Ester Ambrosino (Künstlerische Leiterin Tanztheater Erfurt e.V.), Thomas Schmidt (Architekt und Vorstandsmitglied KulturQuartier Erfurt e.V.) und Carsten Rose (Geschäftsführer Radio F.R.E.I.), Foto: Viktoria Knuth.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.