Kolumne

KOLUMNE – Die Probebühne

13. Dezember 2017

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich wusste, dass Musiktheater eine zentrale Rolle in meinem Leben spielen würde. Es war während meines Studiums, das ich verfolgte, ohne zu Wissen zu welchem Zweck. Eine Kommilitonin fragte mich, ob ich Lust hätte, am ortsansässigen Staatstheater bei einer Oper zu hospitieren. Da ich bis zu jenem Zeitpunkt noch kein Praktikum gemacht hatte, sagte ich halbherzig zu. Am Tag darauf fuhr ich mit einem Aufzug tief in den Keller eines labyrinthartigen Gebäudes, wo eine schwere Tür zu einem großen, hohen Raum mit Holzboden führte. Die Probebühne. Hier erlebte ich zum ersten Mal, wie aus Text und Musik Körperlichkeit wurden. Wie sich Regisseur, Dirigent und Sänger bemühten, Wort, Ton und Bewegung zu einer Einheit zu verschmelzen. Wie ein Team sich unbeirrbar gegenseitig kritisierte und motivierte. Und wie nach der Probe alle Anwesenden das Gefühl mitnahmen, etwas gelernt zu haben – beruflich oder persönlich.

Die Probebühne am Theater Erfurt. Links sitzt das Regieteam, rechts wird am Flügel das Orchester simuliert. Hinten hängen Skizzen von Bühnenbild und Kostümen der probenden Produktion, Foto: Viktoria Knuth

Der harte Holzboden der Realität

Heute bin ich nicht mehr so naiv. Klar, auf einer Probebühne kann man so manche künstlerischen und musikalischen Höhepunkte erleben. Aber wer diesen Ort mehrere Jahre seinen Arbeitsplatz nennt, weiß, dass hier auch ganz andere Dinge passieren als Magie. Hier werden Illusionen zerstört, Freundschaften gekündigt, Kollegen belächelt, Assistenten beschimpft, Noten zerrissen, Chöre angeschrien. Hier werden eimerweise Angstschweiß, Tränen und Spucke abgesondert. Hier sind manchmal Endgeräte interessanter als die Szene, ist der Kantinenkaffee geschmackvoller als die Witze des Regisseurs, sind die rollbaren Stellwände schwungvoller als der Dirigent. Das klingt hart und tatsächlich ist die Probebühne ein Ort, den man ernst nehmen muss. Denn er ist ein sehr empfindlicher und wandelbarer Raum – nicht nur, was den technischen Aufbau angeht.

Dies ist meine Perspektive, wenn ich dem Regisseur links von mir zuhöre oder hinter ihm dem Dirigenten zuzwinkere, Foto: Viktoria Knuth

Bereit für Fantasie

Eine Probebühne ist grundsätzlich nüchtern, nichts wird kaschiert. Die grellen Neonlampen beleuchten den Dreck in den Ecken, den Staub auf dem Flügel und die Tränensäcke unter den Augen. Podeste, Gerüste und Stellwände markieren das spätere Bühnenbild. Die Klavierbegleitung stellt das Orchester dar. Und daraus soll Theaterzauber entstehen? Es ist schwer, aber machbar. Mit ganz viel Fantasie. Die bringt das künstlerische Leitungsteam mit, indem es immer wieder mit Worten umschreibt, wie die Szene ablaufen könnte, wie sich das Bühnenbild anfühlen wird, wie die Orchestermusik klingen wird. Im besten Fall macht das die Sänger neugierig auf diese Wunderwelt, die im gemeinsamen Geist zu leuchten beginnt und an die man sich Probe um Probe weiter annähert. Durch Spielen und Ausprobieren, durch Lachen und Weinen, durch Brainstorming und Diskussion. Dieser Prozess ist nicht immer linear. Manchmal führen gerade die Umwege zu einem unerwartet originellen Ergebnis. Und die sind nur möglich an diesem kahlen, empfänglichen und geschützten Ort, der Probebühne.

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