Oper | Rezension

MEDEA von Aribert Reimann an der Komischen Oper Berlin – Schwere Kost

23. Mai 2017

Die Geschichte von Medea ist eine alte und dauerhaft gültige. In den letzten 2000 Jahren entstanden rund 200 Bearbeitungen dieses Stoffes – von Euripides über Cherubini bis Heiner Müller. Vor 7 Jahren hat sich auch der Komponist und Librettist Aribert Reimann in diese lange Liste eingereiht. Seine Oper Medea wurde nun an der Komischen Oper Berlin zum ersten Mal seit der Uraufführung neu inszeniert und bot mir als Reimann-Neuling die perfekte Gelegenheit, um mich endlich mit einem der meistgespielten lebenden Komponisten zu befassen.

Archaisch und unkitschig

Da mir die Vertonung von Cherubini bekannt ist, wusste ich bereits von der tragischen Geschichte um die Zauberin, die ihre eigene Familie verrät, um ihrem geliebten Jason das Goldene Vlies zu verschaffen und die dann aber selbst von diesem Mann verraten wird. Um sich an ihm zu rächen, tötet sie die beiden gemeinsamen Söhne. Ich hoffte also an diesem Abend auf nervenaufreibende Spannung, auf eine mitreißende Zuspitzung von Medeas Situation bis sie keinen anderen Ausweg mehr sieht als den beschriebenen bestialischen. Ich wurde leider enttäuscht. Dass die Komposition von Reimann hochdramatisch ist, bleibt unbestritten, nur blieb sie für meine Ohren insgesamt zu ähnlich, um Spannung aufzubauen. Die Gesangslinien sind extrem artifiziell geführt, was eine Textverständlichkeit fast unmöglich machte und mich zwang, die Übertitel sehr genau zu verfolgen. Davon abgesehen fordern die anspruchsvollen Partien den Sängern eine große Virtuosität ab, die offenbar wenig Raum für Aktion oder Interaktion lässt. So war dann auch die Personenführung von Benedict Andrews sehr minimalistisch und etwas inkonsequent, denn sie wechselte zwischen künstlichen und ausgestellten Aktionen und naturalistisch-psychologischen Zuständen, die nicht klar genug voneinander getrennt waren, um eine eigene Stärke zu entwickeln. Um das ganze möglichst unkitschig zu halten, wurden die zwei Söhne von lebensgroßen Puppen dargestellt, die von unterschiedlichen Sängern geführt wurden. Das half zwar, den Fokus auf die Erwachsenen und Agierenden zu halten, machte aber die Szene des Kindsmords eher unspektakulär.

Medea (Nicole Chevalier) stürzt sich rachedurstig auf die zwei Holzpuppen, „Medea“ von Aribert Reimann an der Komischen Oper Berlin, Foto: Monika Rittershaus

Unten Erde, hinten Mauer, vorne Haus

Das Bühnenbild von Johannes Schütz dazu war hochsymbolisch gemeint, sorgte aber zumindest für mich für ein paar unfreiwillig komische Momente. Der gesamte Bühnenboden war mit Rindenmulch bedeckt, hinter dem Portal gab es ein kleines Mäuerchen, vor dem Portal die weißen Konturen eines wie in die Luft gezeichneten abstrakten Hauses. Die Darsteller sitzen über lange Strecken auf einem Absatz an der hinteren Seite der offenen Bühne, beobachten und warten auf ihren Einsatz. Eine Situation, die man bereits gut aus dem Schauspiel kennt. Aus den losen Steinen der kleinen Mauer kann Medea dann kleine Sitzgelegenheiten bauen und am Ende zerschneidet sie mit einem Messer, dass mit Gaffa-Tape an einem langen Ast befestigt ist, das weiße Häuschen.

Dieses Zuhause wird Medea (Nicole Chevalier) demnächst zerstören, „Medea“ von Aribert Reimann an der Komischen Oper Berlin, Foto: Monika Rittershaus

Irgendwann dazwischen wird eine kleine Pantomime eines vergangenen Ereignisses aufgeführt – das Ganze mithilfe von Masken und Requisiten, die der Herold, ein glatzköpfiger Transvestit im Paillettenkleid, in ein paar Plastiktüten mitgebracht hat.

Muss ich das jetzt gut finden?

Nach der Premiere fragte ich mich, ob ich nicht doch zu ahnungslos bin, um zeitgenössische Opern wirklich wertschätzen zu können. Das Publikum jubelte dem Komponisten, der jeden Sänger mehrfach herzlich umarmte, jedenfalls zu. Oder ist die allgemeine Unzugänglichkeit einer neuen Oper ein Qualitätsmerkmal? Ist es zu banal, so zu komponieren, dass die Textverständlichkeit gewährleistet ist oder auch so, dass auch kleinere Häuser als die Wiener Staatsoper die Oper Frankfurt oder eben die Komische Oper Berlin diese neuen Werke gut zur Aufführung bringen können? Sollte Oper als Musiktheater nicht auch eben das ermöglichen und erfordern, was Theater ausmacht, also Handlungen oder Bilder?

Für mich hat sich der Abend mit Reimanns Medea schon wegen dieser Fragen gelohnt. Und ich werde auf jeden Fall in die irritierende Welt des zeitgenössischen Musiktheaters zurückkehren, um mich möglichen Antworten anzunähern.


Medea. Oper in zwei Teilen von Aribert Reimann (UA 2010 Wien)

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Steven Sloane
Regie: Benedict Andrews
Bühnenbild: Johannes Schütz
Kostüme: Victoria Behr
Dramaturgie: Simon Berger

Besuchte Vorstellung: 21. Mai 2017 (Premiere)

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