Oper | Rezension

3 Einakter von Ernst Krenek in Frankfurt – Heiter bis tragisch

1. Mai 2017

Wer bereits etwas von Ernst Krenek gehört hat, kennt vermutlich seine Jazzoper Jonny spielt auf. In Frankfurt ist nun aber nicht dieses bekannte Werk von ihm zu erleben, sondern drei selten gespielte Einakter, die alle 1928 in Wiesbaden uraufgeführt wurden und sich musikalisch zwischen den Roaring Twenties, Puccini, Strauss und Wagner bewegen: Der Diktator, Schwergewicht oder Die Ehre der Nation und Das geheime Königreich. Da ich bisher noch keinen einzigen Ton von Krenek gehört hatte, wollte ich mir diese besondere Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen. 3 zum Preis von 1! Das muss sich doch lohnen, oder?

Von Tragödie über Komödie bis Märchen

Der Abend beginnt mit der tragischen Oper Der Diktator. Darin geht es um einen Machthaber, der selbst im Urlaub mit dem Erklären von Kriegen beschäftigt ist, was seine Frau Charlotte ziemlich nervt. Trotzdem bleibt ihm genug Zeit, um ein Auge auf eine andere Urlauberin, Maria, zu werfen. Die wiederum hat aber (vorerst) nur eins im Sinn, und zwar den Diktator umzubringen. Der ist nämlich dafür verantwortlich, dass ihr Mann bei einem Giftgasangriff sein Augenlicht verloren hat. Maria wird vom Diktator gerne in seinem Hotelzimmer empfangen – entgegen den Bedenken seiner Frau Charlotte. Die rachsüchtige Maria erschießt den Diktator dort dreimal. Blöd nur, dass der sich weigert zu sterben. Stattdessen begehrt er seine Angreiferin immer mehr und auch sie kann sich zuletzt nicht seiner Anziehungskraft entziehen. Die betrogene Charlotte kommt aus ihrem Versteck, legt mit einer Pistole auf ihren Mann an und trifft Maria tödlich.

Charlotte (Juanita Lascarro) will eigentlich ihren Mann (Davide Damiani) erschießen, trifft aber Maria (Sara Jakubiak), „Der Diktator“ von Ernst Krenek an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

Als nächstes hebt sich der schwarze Decker für die burleske Operette Schwergewicht oder Die Ehre der Nation. In diesem Stück geht es im Vergleich zum Diktator bedeutend bunter und quirliger zu. Die Geschichte beginnt ganz klassisch mit einer Konstellation, die schon die Commedia dell’Arte kannte: Frau geht ihrem Mann unter dessen Nase fremd. Das geht in diesem Fall gut, weil der Liebhaber der Tanzlehrer der Ehefrau ist und der Betrogene ein eitler Boxstar, der durch seine Diäten und Pressetermine immer gut abgelenkt ist. Im Publikum der Show befindet sich auch der Diktator aus der ersten Oper. Dieser wird durch weibliche Verführungskraft einer Medizinstudentin mit Vaterkomplex auf die Bühne bugsiert und in den allerneuesten Trainingsapparat des Boxmeisters geschnallt. Darin wird er ordentlich durchgeschüttelt, bis mit dem letzten Ton der Musik eine Ladung Sprengstoff in sein Gesicht explodiert.

Der Boxstar Adam Ochsenschwanz (Simon Bailey) lacht den hilflosen Diktator (Davide Damiani) aus, während sich seine Frau (Barbara Zechmeister) von ihrem Tanzlehrer (Michael Porter) trösten lässt, „Schwergewicht oder Die Ehre der Nation“ von Ernst Krenek an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

Nach der Pause geht es weiter mit der Märchenoper Das geheime Königreich. Hier ist der Machthaber nun gar nicht mehr kriegslustig oder notgeil, sondern ehrlich deprimiert. Er hat das Gefühl, als König versagt zu haben und gibt seine Krone mitsamt der Herrschergewalt an seinen Narren. Die Frau des Königs verliebt sich indes in einen Rebellenführer und glaubt, diesen mithilfe der Königskrone für sich gewinnen zu können. Im Kartenspiel mit ihren drei Töchtern verliert der Narr die Krone an die neue Königin. Sie lässt den Rebellenführer frei, der aber nicht in Dankbarkeit weich wird, sondern sie weiterhin umbringen will. Der Narr hilft der Königsfamilie bei der Flucht in den nahe gelegenen Wald. Dort verfolgt der Rebell immer noch die Königin, aber als er sie fassen will, verwandelt sich die Herrscherin in einen Baum. Der König indessen irrt leicht debil ebenfalls durchs Gestrüpp, wird aber vom Narren und der Stimme seiner Frau zur Vernunft gebracht – er erkennt, dass sein wahres Königreich die Natur ist und beschließt von nun an, hier zu herrschen und zu walten.

Der Narr (Sebastian Geyer) ist im Begriff beim Kartenspiel mit den 3 Königstöchtern (Alison King, Julia Dawson, Judita Nagyova) den Königsreif zu verlieren. Die Königin (Ambur Braid) darf sich bald über die neue Macht freuen, „Das geheime Königreich“ von Ernst Krenek an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

Von Narren und Königen

Der Krenek-Abend an der Oper Frankfurt hat offensichtlich einiges zu bieten. Nicht nur die Fülle an Handlung, sondern auch die unerwarteten Wendungen sind es, die den Zuschauer herausfordern. Ich hatte mir zwar vor der Premiere die Einführung von Dramaturgin Mareike Wink angehört, wusste aber darüber hinaus nichts über die drei Opern. Manchmal fragte ich mich währenddessen, ob das nun ironisch oder ernst gemeint sei. Ist das hier eine Tragödie? Ist es eine Parodie? Wird die Königin gerade von einem Baumstumpf verschluckt oder was passiert hier eigentlich? Die Inszenierung von David Hermann geht mit der Vielfältigkeit von Krenek einerseits mit, schafft andererseits aber auch einen Rahmen um alle drei Stücke. Dabei hilft auch das Kostümbild von Katharina Tasch, das mit einem bunten Material- und Stilmix eine angemessene und kluge Annährung an die unverortete und zeitlose Welt von Kreneks Opern ist. Die Personenführung von Hermann ist immer ehrlich und oszilliert ebenfalls zwischen Tragik und Humor. Sein Talent für Letzteres zeigt sich besonders in der Operette Schwergewicht, die er ideenreich und teilweise mit einer überwältigenden Überfülle an Aktionen gestaltet. Die Bühnenbilder von Jo Schramm sind dazu sehr überraschend und verweigern ebenso wie der Rest der Inszenierung Aufschluss über Ort und Zeit der Handlungen. Was die drei Opern an diesem Abend verbindet, sind zwei Figuren: Der Machthaber ist bereits von der Anlage der einzelnen Stücke her ein wichtiger Charakter. Was Hermann aber hinzufügt, ist die Figur des Narren, der eigentlich nur in der letzten Oper Das geheime Königreich auftritt. Zu Beginn des Abends spricht dieser futuristische Schelm eine Regieanweisung – am Ende tritt er aus der Handlung hinaus und kommentiert kurz und frech das Gesehene. Vielleicht kann man in dieser Figur ein wenig von Ernst Krenek selbst erkennen, der sich naiver und leichter gibt als er ist und das Publikum mit vielen Fragen und amüsierter Irritation zurücklässt.


Der Diktator. Tragische Oper in einem Akt
Schwergewicht oder Die Ehre der Nation. Burleske Operette in einem Akt
Das geheime Königreich. Märchenoper in einem Akt

von Ernst Krenek (UA 1928 Wiesbaden)

Oper Frankfurt
Musikalische Leitung: Lothar Zagrosek
Regie: David Hermann
Bühnenbild: Jo Schramm
Kostüme: Katharina Tasch
Dramaturgie: Mareike Wink

Besuchte Vorstellung: 30. April 2017 (Premiere)

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