Oper | Rezension

WERTHER von Massenet in Braunschweig – Die empfindsamen vier

23. Januar 2017

[Ein Vorwort:

Es gibt mehrere Dinge, die ich an der Führung dieses Blogs liebe: Zum Beispiel bin ich regelmäßig unterwegs, lerne mir bisher unbekannte Städte und Theater kennen und knüpfe neue Kontakte. Das Schönste und vielleicht Wertvollste daran ist aber, dass ich unabhängig bin. Ich bin niemandem verpflichtet – keinem Herausgeber, keinem Sponsor, keinem Werbepartner. Ich allein setze die Maßstäbe wann ich was worüber schreibe. Da könnte man den voreiligen Schluss ziehen, dass ich mich einfach ungehemmt frei Schnauze über alles und jeden auslassen kann, egal welche Namen sie tragen. Aber ganz so einfach ist es nicht. Da ich mich selbst hauptberuflich in einem Theaterbetrieb bewege, weiß ich um die Schwierigkeiten und Hürden, die überall lauern. Sowohl im eigenen künstlerischen Prozess als auch in den Umständen. Nicht immer gelingt der große Wurf. Scheitern gehört zu jedem Leben und eben auch zum Theatermachen dazu. Trotzdem oder gerade deshalb verdient jeder, der sich auf dieses Experiment einlässt und im wahrsten Sinne des Wortes etwas auf die Bühne stellt, nicht nur eine möglichst objektive Kritik, sondern auch Respekt. Und das nicht nur, wenn ich in diesem Fall diese Person für einen der liebevollsten Menschen halte, die mir bisher begegnet sind.]

Als Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther vor über 200 Jahren zum ersten Mal erschien, löste er das bekannte Werther-Fieber aus. Viele junge Männer waren so berührt von der Geschichte über eine unerfüllte Liebe, dass sie es dem Protagonisten gleich taten und sich für eine unerreichbare Geliebte das Leben nahmen. Werther scheint also ein Stoff zu sein, der nicht kalt lässt, der sogar Leben verändern kann. Auch der Komponist Jules Massenet war von Goethes Roman tief berührt – statt sich umzubringen, schrieb er aber zum Glück nur eine Oper. Und die habe ich nun am letzten Wochenende in einer Inszenierung von Benjamin Prins am Staatstheater Braunschweig gesehen. Hat sich mein Leben geändert?

Transparent und stimmungslos

Das Bühnenbild von Thomas Kurt Mörschbacher zeigt, dass wir uns in dieser Interpretation des Werther-Stoffes im Hier und Heute befinden. Der Innenraum des Hauses von Charlotte erinnert an eine minimalistisch eingerichtete Maisonettewohnung. Neben einer Holztreppe, die in eine nicht näher definierte obere Etage führt, bilden nur noch ein Cembalo, eine Tür und ein Fenster den Raum, in dem der Großteil der Handlung vollzogen wird. Dieser Bereich ist lediglich durch eine transparente paravent-ähnliche Wand vom Außen getrennt. An ausgewählten Stellen kommt dazu noch die Drehscheibe der Bühne zum Einsatz, die schnelle Ortswechsel von Drinnen zu Draußen ermöglicht, indem sie einen großen Teil der Wand einfach nach hinten fährt. Nicht gerade ein Setting, in dem einem romantisch zumute wird. Sehr schade ist beispielsweise, dass die Bücher, welche die Beziehung von Lotte und Werther doch eigentlich so stark prägen, nur in kleinen Häufchen rechts und links am Portal zu finden sind. Und auch sonst strahlt dieser Raum nichts von Lottes Wärme aus und bietet zudem wenig Gelegenheiten für Gemütlichkeit. Einzig durch die weißen wehenden Fenstervorhänge weht ein Hauch von Romantik.

Sophie (Ekaterina Kudryavtseva), die sich als Sailor Moon verkleidet hat, reicht dem Dandy Werther (Eric Fennell) einen Brandy, der im Cembalo versteckt ist, "Werther" von Jules Massenet am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Sophie (Ekaterina Kudryavtseva), die sich als Sailor Moon verkleidet hat, reicht dem Dandy Werther (Eric Fennell) einen Brandy, der im Cembalo versteckt ist, „Werther“ von Jules Massenet am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Insgesamt sehr heterogen ist dazu das Kostümbild von Dritan Kosovrasti ausgefallen. Charlotte macht beispielsweise eine Entwicklung von einem verspielt-eleganten Ballkleid über ein türkisfarbenes Kostüm als brave Ehefrau bis zu einem schwarzen halbtransparenten Trauerkleid durch, während Werther mit seinem blau-glänzenden Anzug mit gelber Fliege durchgängig wie ein Dandy wirkt – wenn auch später wie ein heruntergekommener. Das passt nicht so ganz zueinander – und auch nicht zum Bühnenbild. Ganz abgesehen davon, dass diese recht willkürlich erscheinenden Kombinationen wenig atmosphärisch sind.

Nüchternheit als Reduzierung aufs Wesentliche?

Das könnte natürlich auch Konzept sein. Regisseur Benjamin Prins hat nämlich für seine Inszenierung am Staatstheater Braunschweig auf alle kleinen Nebenfiguren verzichtet, sodass tatsächlich nur noch Sophie, Charlotte, Albert und Werther übrig bleiben und so der Fokus auf dem schmerzhaften Beziehungsflecht liegt. Vielleicht ist die äußerliche Nüchternheit also eine notwendige Voraussetzung, um die Details der Personenführung klar zu erkennen. Fraglich bleibt, welchen Mehrwert eine solche Vorgehensweise für die Geschichte hat. Denn ganz offensichtlich schmälert Prins nicht die Aufrichtigkeit der Liebe von Werther oder Lotte und erzählt deren Leidensgeschichte letztlich eher konventionell. Für mich die einzig gute Idee der Ausstattung bleibt, dass Werther nicht in einem lebendigen Wald, sondern zwischen toten, vom Menschen abgesägten und aufgehäuften Baumstämmen sein Ende findet.

Damals wusste man noch, wie man richtig liebt

Während der Ouvertüre und unregelmäßig zwischen den Szenen lässt Prins Figuren aus der Rokoko-Zeit als Silhouetten sichtbar werden. Er beginnt dabei ganz stark mit einer männlichen Figur, die sich eine Pistole an die Schläfe drückt. Ein Bild, das viel länger getragen hätte, als er ihm zugetraut hat. Weitere Intermezzi zeigen zwei Männer und zwei Frauen in unterschiedlichen Situationen: tanzend, sich führend, sich beäugend oder tot. Sie sind manchmal Vorboten eines kommenden Ereignisses, manchmal kurze Zusammenfassungen des Gesehenen. Ist die Liebe zwischen Lotte und Werther ein Gefühl aus einer vergangenen Zeit? Es ist ein undefinierbar berührendes, ästhetisches und auch irritierendes Stilmittel, das Prins mit diesen Schattenrissen eröffnet – leider wird es nicht konsequent durch das ganze Stück geführt.

Letztlich bleibt nach dieser Vorstellung von Massenets Werther der Eindruck, dass viele Fäden aufgenommen, aber mittendrin wieder fallen gelassen wurden. Und das ist sehr schade bei einem Stück, das eine Sehnsucht thematisiert, die in uns allen wohnt und die das Potential hat, jedes Herz zu verändern.


Werther. Drame lyrique in vier Akten von Jules Massenet (UA 1892 Wien)

Staatstheater Braunschweig
Musikalische Leitung: Christopher Hein
Regie: Benjamin Prins
Bühne: Thomas Kurt Mörschbacher
Kostüme: Dritan Kosovrasti
Dramaturgie: Christian Steinbock

Besuchte Vorstellung: 21. Januar 2017 (Premiere)

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