Oper | Rezension

DIE GROSSHERZOGIN VON GEROLSTEIN von Jacques Offenbach in Kassel – Soll das ein Witz sein?

31. Oktober 2016

Die Großherzogin von Gerolstein ist eins von Jacques Offenbachs selten gespielten Werken – vollkommen zu Unrecht! Die Operette geriet aus dem Fokus der Aufmerksamkeit, da sie mit satirischen Bezügen zu zeitgenössischen politischen Situationen gespickt war, die dann logischerweise an Brisanz verloren. Na und? Die Figuren sind herrlich skurril und echt, die Musik grandios spritzig und brillant, die Handlung wunderbar verrückt und wahr. Da braucht man doch nur noch witzige neue Texte, ein paar Regieideen, humorvolle Darsteller und bumm hat man einen vergnüglichen Operettenabend! Sollte man meinen.

Haha! Ha! …. Hmm.

Manche behaupten, dass Komödie die Königsdisziplin des Regiehandwerks ist. Eine These, die durchaus nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass der Kern eines guten Witzes darin besteht, neue und unerwartete, aber trotzdem schlüssige Zusammenhänge herzustellen. Bei tragischen, ernsten Stoffen ist es legitim große Bilder herzustellen, den Text und die Musik für sich sprechen zu lassen, komplizierte psychologische Zustände differenziert darzustellen. Aus solchen Vorstellungen gehe ich manchmal verärgert, frustriert, nachdenklich oder berührt hinaus und all diese Effekte sind als Ergebnis einer solchen Vorstellung berechtigt. Bei einer Operette ist das anders. Sie hat üblicherweise das Ziel, den Zuschauer zum Lachen zu bringen, zu unterhalten oder auch auf satirische Art Kritik zu üben. Die Regisseurin Adriana Altaras war mit ihrer Inszenierung der Großherzogin von Gerolstein am Staatstheater Kassel leider in keinem dieser Punkte erfolgreich. Die von ihr angebotene Komik erschöpfte sich in slapstickartigen, bereits hundertfach nachgeahmten Aktionen, in albernen Choreographien der Sänger, in überzeichneten Charakteren. Auch das Bühnenbild und die Kostüme von Yashi hatten wenig humoriges Potential. Mit viel Glas und Beton brachte sie einen minimalistischen Chic auf die Bühne, der nicht nur beleuchtungstechnisch offensichtlich problematisch ist, sondern auch wenig Verständnis für die Anforderungen des Stücks zeigen. Das mag hochästhetisch aussehen, inspiriert aber kein bisschen zu Lachsalven.

Minimalistische Architektur, die einen Baum integriert. Hübsch, aber unlustig, "Die Großherzogin von Gerolstein" von Jacques Offenbach am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Minimalistische Architektur, die einen Baum integriert. Hübsch, aber unlustig, „Die Großherzogin von Gerolstein“ von Jacques Offenbach am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Klischeehaft und authentisch

Dabei hat Die Großherzogin von Gerolstein von Offenbach doch so viel zu bieten! Da haben wir zuallererst die titelgebende Adelige, die irgendwie gelangweilt ist von den Machenschaften ihrer männlichen Kollegen, aber ein Faible (um nicht zu sagen einen Fetisch) für Soldaten hat. Welche Frau kann Männern in Uniform schon widerstehen! Daneben, bzw. darunter, steht der schießwütige General Bumm, der im Herumkommandieren seine Berufung gefunden hat und beim Militär seine Liebe zur Waffensammlung und seinem Federbusch ausleben kann. Auch der arme Soldat Fritz hat urkomisches Potential – er wird unverhofft zum Opfer des Begehrens der Großherzogin und besiegt im eigens für ihn angezettelten Krieg den Feind mit einer Schnapsidee. Welcher Mann kann einer Einladung zum Cognac schon widerstehen! Das nur als kleiner Auszug aus dem reichen Arsenal von Offenbachs angebotener Heiterkeit.

Die drei gelangweilten Herren Baron Puck (Daniel Holzhauser), General Bumm (Marc-Olivier Oetterli) und Prinz Paul (Tobias Hächler) spüren ihrem Puls nach, "Die Großherzogin von Gerolstein" von Jacques Offenbach am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Die drei gelangweilten Herren Baron Puck (Daniel Holzhauser), General Bumm (Marc-Olivier Oetterli) und Prinz Paul (Tobias Hächler) spüren ihrem Puls nach, „Die Großherzogin von Gerolstein“ von Jacques Offenbach am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Männer in Uniform: tanzend! (Hach…)

Halt, eins darf nicht unerwähnt bleiben. Der Höhepunkt der Vorstellung fand abseits der eigentlichen Inszenierung statt. Das Ensemble wurde nämlich von vier männlichen Mitgliedern des Tanztheaters bereichert, die kurz vor Schluss eine pantomimisch-tänzerische, eigentlich sinnlose Darbietung zum Thema Hochzeit gaben. Die vier talentierten Jungs hatten sichtlich Spaß daran, sich abwechselnd als Braut zu verkleiden, um den Bräutigamen den Kopf oder den Arm zu verdrehen. Fraglich blieb allerdings, warum sie als Soldaten den ganzen Abend frisch verwundet blieben. Und auch ihre Choreographie als angestrengte, heldenhafte Soldaten, die halbtot aus dem Krieg zurückkehrten, wirkte völlig deplatziert. Es bleibt zu bedauern, dass sich allein für dieses hübsche Intermezzo der Besuch einer Vorstellung nicht lohnt.

Die Großherzogin (Belinda Williams) umgibt sich gerne mit kampftüchtigen jungen Männern (v.l.n.r.: Luca Ghedini, Victor Rottier, Challenge Gumbodete, Safet Mistele), "Die Großherzogin von Gerolstein" von Jacques Offenbach am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Die Großherzogin (Belinda Williams) umgibt sich gerne mit kampftüchtigen jungen Männern (v.l.n.r.: Luca Ghedini, Victor Rottier, Challenge Gumbodete, Safet Mistele), „Die Großherzogin von Gerolstein“ von Jacques Offenbach am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Die Großherzogin von Gerolstein. Opéra-bouffe in 3 Akten von Jacques Offenbach (UA 1867 Paris)

Staatstheater Kassel
Musikalische Leitung: Alexander Hannemann
Regie: Adriana Altaras
Bühne und Kostüme: Yashi
Choreografie: Rhys Martin

Besuchte Vorstellung: 29. Oktober 2016 (Premiere)

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