Oper

PROMETEO von Luigi Nono in Darmstadt – Augen zu und durch

15. Juli 2015
"Prometeo" von Luigi Nono am Staatstheater Darmstadt, Foto: Michael Hudler

Außergewöhnliche Werke erfordern außergewöhnlichen Einsatz. Und wenn etwas so außergewöhnliches wie Luigi Nonos Prometeo auf dem Spielplan steht, kann es sogar zu dem außergewöhnlichen Ereignis kommen, dass ich mich in eine Sporthalle begebe. Das Staatstheater Darmstadt hat seine letzte Musiktheater-Premiere der Spielzeit in die Sporthalle am Böllenfalltor ausgelagert. Dieser Ort hat sich für vier Vorstellungen in eine Pilgerstätte für Fans von Neuer Musik verwandelt.

Über das Hören

Der Komponist Luigi Nono bezeichnete Prometeo als Tragedia dell’ascolto – als Tragödie des Hörens. Es handelt sich also nicht um Musiktheater im üblichen Sinn, da hier strikt auf alle szenischen und visuellen Hilfsmittel zur Umsetzung verzichtet werden soll. Thematisch bewegt sich das Werk irgendwo zwischen dem Prometheus-Mythos und anderen Texten unter anderem von Friedrich Hölderlin und Walter Benjamin. Es gibt keine Handlung oder agierende Figuren und über große Strecken ist der gesungene Text absichtlich bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Welche Möglichkeiten für eine eigene Interpretation kann ein solch abstraktes Werk mit so strikten Verboten überhaupt bieten?

Der Versuch einer Klangreise

Karsten Wiegand hat sich für diese außergewöhnliche Produktion an einer Einrichtung versucht, die auch den Zuschauer in eine außergewöhnliche Situation bringt. Am Eingang zur Sporthalle angekommen werde ich mit einer Augenbinde ausgestattet, die ich beim Eintritt in die heilige Halle der körperlichen Ertüchtigung aufsetzen soll. Ein freundlicher Mitarbeiter des Einlasspersonals führt dann jeweils eine Gruppe von sechs temporär Erblindeten in den Saal. Das geht ganz konkret so vonstatten, dass ein Zuschauer dem freundlichen Mitarbeiter die Hände auf die Schultern legt und die anderen es ihm nachtun, sodass beim Einlass überal Mini-Polonaisen zu beobachten sind, die sich unbeholfen zwischen Sitzgruppen durchschlängeln. (Was man natürlich nicht sieht, wenn man im Gegensatz zu mir brav seine Augenbinde aufbehält.) Der freundliche Mitarbeiter setzt mich dann auf einen Stuhl und bittet um Geduld bis zum Beginn der Vorstellung. Irgendwann dringt dann die Stimme von Karsten Wiegand ans Ohr, die mir den Hergang des Abends erklärt. Während des Prologs – also für die ersten zwanzig Minuten – solle man die Augenbinde aufbehalten. Danach dürfe man sie abnehmen, um sich von den Schrifttafeln einerseits über den Titel des jeweiligen Teils des Stücks informieren zu lassen und andererseits Anweisungen über den Wechsel des Sitzplatzes zu erhalten. Schon bald nach dieser Einführung erklingen dann – für jeden Zuschauer in seiner eigenen Dunkelheit – die ersten Töne von Luigi Nonos Musik. Nach dem angekündigten Signal zum Abnehmen der Augenbinde, ist das Erwachen groß.

Auf den hier leeren Stühlen rund um Dirigent Johannes Harneit sitzen im Ernstfall viele bunte (ablenkende) Menschen, "Prometeo" von Luigi Nono in der Sporthalle am Böllenfalltor in Darmstadt, Foto: Michael Hudler
Auf den hier leeren Stühlen rund um Dirigent Johannes Harneit sitzen im Ernstfall viele bunte (ablenkende) Menschen, „Prometeo“ von Luigi Nono in der Sporthalle am Böllenfalltor in Darmstadt, Foto: Michael Hudler

Ich schaue fasziniert auf die Orchestergruppen, die um die ganze Halle herum positioniert sind und ich schaue irritiert in die Gesichter der anderen Zuschauer, die sternförmig in Sitzinseln angeordnet sind und deswegen in alle möglichen Richtungen – und also auch mir direkt in die Augen schauen.

Konzert? Theater? Installation?

Ist das überhaupt Musiktheater? Ist es ein Konzert? Oder gar eine Klanginstallation? Einordnen lässt sich Prometeo von Luigi Nono in keine dieser Gattungen. Und genau das ist es, was den Zuschauer bzw. Zuhörer aufmerksam macht. Da man nicht weiß, was einen erwartet, ist man umso wacher für jede neue Wahrnehmung. Die Einrichtung von Wiegand versucht dementsprechend eine ungewöhnliche Situation zu schaffen, um das Klangerlebnis intensiver zu machen. So zumindest das Vorhaben. Das gelingt ihm mit seiner Einrichtung in der Darmstädter Sporthalle am Böllenfalltor aber nur bedingt. Die wenigsten Zuschauer behalten ihre Augenbinde vom Betreten der Halle bis zum Beginn der Vorstellung auf. Allerorten sieht man verschlafene und neugierige Augen, die schmunzelnd die Polonaisen betrachten. Die ersten zwanzig Minuten Musik mit der Augenbinde zu erleben ist dann zwar tatsächlich ein merkwürdiges Erlebnis, aber der Kontrast zum Tageslicht, das ungebremst durch alle Oberlichter der Halle scheint, ist so groß, dass plötzlich alle Konzentration noch viel bewusster auf die optischen Eindrücke des Raums gelenkt wird. Erst als der Saal mit Anbruch des Abends dunkler wird und man nicht mehr den anderen Leuten beim Zuhören zusieht, wird der Fokus auf buchstäblich natürliche Weise wieder auf das Hören gelenkt. Dass diese erlebte Konzentrationskurve die beabsichtigte Dramaturgie des Abends war, wage ich zu bezweifeln. Denn leider war Prometeo von Luigi Nono auf diese Weise nicht das vom Intendanten versprochene einzigartige Klangerlebnis. Eine Orientierung an ganz simplen Meditationsformen wäre in diesem Fall zum Beispiel viel effektiver gewesen. Sehr schade eigentlich, da die verspielte Herangehensweise an dieses hoch abstrakte Stück durchaus sympathisch ist.


Kritik in der Frankfurter Neue Presse vom 13. Juli 2015

Kritik auf op-online vom 13. Juli 2015

Kritik der Frankfurter Rundschau vom 10. Juli 2015

Kritik auf Deutschlandradiokultur vom 9. Juli 2015


Prometeo. Tragedia dell’ascolto von Luigi Nono (UA 1984 Venedig)

Sporthalle am Böllenfalltor in Darmstadt
Musikalische Leitung: Johannes Harneit
Einrichtung: Karsten Wiegand
Konzeptionelle Mitarbeit: Roman Schmitz

Besuchte Vorstellung: 10. Juli 2015

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