Oper | Rezension

UN RE IN ASCOLTO von Luciano Berio in Kassel – Schön bekloppt

25. Mai 2015
"Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Wenn zu Beginn einer Vorstellung jemand vor den Vorhang tritt, verheißt das meist nichts Gutes. Entweder ist einer oder gleich mehrere Darsteller krank, die dann von Gästen ersetzt werden oder um Verständnis für die beeinträchtigte Stimme bitten. Wer sich am Staatstheater Kassel in die relativ junge Oper Un re in ascolto von Luciano Berio traut, sollte sich jedoch freuen, wenn der „Regisseur“ des Abends am Anfang seine Worte an das Publikum richtet. Denn dieser Auftritt ist der passend absurd-komische Beginn eines herrlich verrückten Opernabends.

Ein König horcht

Nein, einen stringent verlaufenden Erzählfaden gibt es in dieser Oper von Luciano Berio mit Texten von Italo Calvino nicht und jeder Versuch einer Kurzzusammenfassung muss an der Komplexität der angesprochenen Themen und Anspielungen scheitern. Un re in ascolto ist eine heitere Darstellung des Theaterbetriebs mit all seinen exzentrischen Persönlichkeiten. Un re in ascolto ist ein Essay über den Unterschied zwischen Hören und Zuhören. Un re in ascolto ist eine Adaption von Shakespeares Drama Der Sturm. Un re in ascolto ist ein Künstlerdrama. Un re in ascolto ist die Suche nach dem idealen Theater. Un re in ascolto ist das alles und anderes mehr. Das darf euch aber auf keinen Fall einschüchtern oder gar abschrecken. Man muss nicht alles an dieser verrückten Oper verstehen, um Spaß daran zu haben. Und den hat man insbesondere dank der humorvollen Inszenierung von Paul Esterhazy.

The Dude, His Dudeness or El Duderino

Die Bühne von Mathis Neidhardt zeigt ein Theater. Genauer gesagt, zeigt sie den Vorraum zu einem Zugang zum Zuschauerraum. Noch genauer gesagt, sehen wir einen Zugang zum Rang des Staatstheater Kassel.

So sieht's also am Staatsheater Kassel aus, wenn keine Vorstellung ist! Von links: singender Pianist (Walewein Witten), Freitag (Gunnar Seidel), Regisseur (Markus Francke), Ein Mime (Christina Schönfeld), Prospero (Marc-Olivier Oetterli), "Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
So sieht’s also am Staatsheater Kassel aus, wenn keine Vorstellung ist! Von links: singender Pianist (Walewein Witten), Freitag (Gunnar Seidel), Regisseur (Markus Francke), Ein Mime (Christina Schönfeld), Prospero (Marc-Olivier Oetterli), „Un re in ascolto“ von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Na klar, das haben wir auch schon in anderen Inszenierungen gesehen. Eine neue Idee ist dieses Konzept nicht, aber zu diesem Stück von Berio, das mitunter Theaterproben zum Thema hat, passt sie wie die Faust aufs Auge. In diesem Vorraum hat sich nun Prospero, der Theaterdirektor, breitgemacht. Er wohnt quasi im Foyer des Theaters, wo er im Bademantel auf der Couch rumhängt – rauchend und trinkend.

Ob Prospero (Marc-Olivier Oetterli) überhaupt alle Sinne beisammen hat? "Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Ob Prospero (Marc-Olivier Oetterli) überhaupt alle Sinne beisammen hat? „Un re in ascolto“ von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Dass diese Figur an einen gewissen „Dude“ aus dem Kultfilm The Big Lebowski von Ethan und Joel Coen erinnert, ist garantiert kein Zufall. Ob es tatsächlich charakteristische Parallelen zwischen dem Althippie und dem Theaterdirektor gibt, wäre allerdings zu diskutieren.

Vielleicht war es auch einfach die generelle Exzentrizität und Schlagfertigkeit des Dude, die Paul Esterhazy dem Theaterdirektor zusprechen wollte. Aber nicht nur dieser „König“ ist exzentrisch, sondern auch der Regisseur. Nein, nicht Paul Esterhazy (jedenfalls meines Wissens nicht), sondern die Figur des Regisseurs auf der Bühne. Der sucht nämlich, bevor die Vorstellung richtig losgeht, einen Freiwilligen aus dem Publikum, der eine klitzekleine Rolle im Stück übernehmen möchte. „Keine Angst, es tut nicht weh, ist nur ganz kurz und ganz einfach!“ Iss klar. Jedenfalls meldet sich ein schlaksiger junger Mann, der dann auf die Bühne stakst und vom Regisseur hinter die Kulissen gezogen wird. Das alles passiert auf so charmant unbeholfene Weise, dass man tatsächlich glauben möchte, es handelte sich hier tatsächlich um einen Laien.

Thank God it’s Friday

Wenn man im Libretto als Beschreibung dieser Figur „exotisch und abstoßend“ liest, ist der augenzwinkernde Seitenhieb auf das Theaterpublikum offensichtlich. Schon bald stellt sich nämlich heraus, dass die zu bewältigende Rolle alles andere als kurz, einfach und schmerzlos ist und zum Glück von einem hervorragenden Schauspieler verkörpert wird. Der wird vom Regisseur gedrillt und verwandelt sich im Laufe des Abends schön politisch unkorrekt mit dunkelbrauner Körperfarbe und vorgeschnallter Banane in einen affenartigen Wilden, der neugierig beobachtet, laut und irr seine Texte brüllt, eine Frau zersägt und sich am Ende wieder als ganz normaler Zuschauer im Anzug ins Publikum einfügt.

Ein ganz normaler Theatergänger (Gunnar Seidel) wird zum Affen (gemacht), "Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Ein ganz normaler Theatergänger (Gunnar Seidel) wird zum Affen (gemacht), „Un re in ascolto“ von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Ein Auftritt, der bei den Kameraden im Saal allerdings nicht nur Begeisterung hervorrief, sondern auch zu beträchtlichen Abwanderungen während der Vorstellung führte.

Eine weitere Frechheit, die Paul Esterhazys Inszenierung am Staatstheater Kassel so sympathisch macht, ist die plumpe Interpretation des sogenannten Mimen mit Klementine. Ja, genau, die Klementine aus der Fernsehreklame:

Nur eine Frage: Was hat die komische dickliche Frau in der weißen Latzhose bitte auf der Opernbühne verloren? Das mag man sich einen Großteil des Abends tatsächlich fragen – bis zu dem Moment, in dem Prospero den Shakespeareschen Luftgeist anruft. Wie hieß der noch gleich…. potzblitz! Ariel!

Nicht nur sauber, sondern rein! Will uns der Mime (Christina Schönfeld) die ganze Zeit sagen? "Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Nicht nur sauber, sondern rein! Will uns der Mime (Christina Schönfeld) die ganze Zeit sagen? „Un re in ascolto“ von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Ok, man kann bei dieser kalauernden Regie-Idee mit den Augen rollen. Man kann aber auch schmunzeln und sich von der eigenartigen bedeutungsschwangeren Zeichensprache dieser Pantomimin den wirklichen Gehalt der gesprochenen und gesungenen Texte erklären lassen – und noch verwirrter sein als vorher.

Wie klingt das?

„Ein König horcht“. So lautet der Titel der Oper von Luciano Berio in der deutschen Übersetzung. Und genauso offen wie diese Überschrift anmutet, sollte auch der Zuschauer diesem Werk und auch dieser Inszenierung begegnen. Vielleicht ist man davon befremdet. Vielleicht ist man davon verstört. Und vielleicht lassen sich die gezeigten Ideen nicht konsequent bis zum Ende verfolgen. Vielleicht ist das aber auch nicht das Ziel dieses Abends, der eine bunte und dichte Ansammlung von Ideen und Assoziationen ist. Vielleicht sollte man hier einfach zuhören, zuschauen und mit heiterem Gemüt genießen.


Kritik auf Deutschlandradio Kultur vom 23. Mai 2015


Un re in ascolto. Musikalische Handlung in zwei Teilen von Luciano Berio mit Texten von Italo Calvino (UA 1984 Salzburg)

Staatstheater Kassel
Musikalische Leitung: Alexander Hannemann
Regie: Paul Esterhazy
Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt
Dramaturgie: Jürgen Otten

Besuchte Vorstellung: 23. Mai 2015 (Premiere)

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  1. Nun, die „komische dickliche Frau“ ist zufällig eine der bekanntesten gehörlosen Schauspielerinnen der Welt, seit bald 20 Jahren die Muse von Komponist Helmut Oehring und somit eine der erfahrensten Opern-Diven überhaupt. (Was hat diese laienhafte Autorin vor Opernbühen verloren, wenn Sie keine Ahnung hat vom Metier?) – „Eine weitere Frechheit“ ist es dies „bedeutungsschwangeren Zeichensprache dieser Pantomimin“ zu nennen, denn was diese Dame von sich gibt ist keine „Zeichensprache“, sondern die staatlich anerkannte DGS (Deutsche Gebärdensprache). Wurde gerade vor ein paar Tagen als Wahlpflichtfach an Hamburger Schulen zugelassen. Potzblitz! Ariel, wasch mir die Frau Knuth von diesem Artikel rein.

  2. Die sogenannte „Oper“ ist einfach nur eine Beleidigung für jedes gute Gehör. Wer musikalische Freuden sucht, ist hier vollkommen am falschen Platz. Es ist erstaunlichbwas heute alles Kunst genannt werden darf. Ich, wie auch viele andere, habe nach knapp 20 Minuten das Haus entsetzt verlassen (Die Hoffnung, dass es doch noch irgentwie erträglich werden könnte, war zu der Zeit gestorben.). Wer das disharmonische Gejaule bis zum Ende durchhält, muss sehr anpassungsbereit sein. Eine Gardrobiere bestätigte uns, dass jedes Mal mehr als die Hälfte der Zuschauer gluchtartig den Saal verließ. Hut ab, denn auch dazu gehört Mut. Gott sei Dank war es die letzte Aufführung, die ich gesehen habe, und es muss keiner mehr leiden.

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