Oper | Rezension

LA BIANCA NOTTE von Beat Furrer in Hamburg – Wozu?

16. Mai 2015

Ich höre mir gerne Einführungsvorträge vor einer Opernvorstellung an. Besonders gerne vor Premieren von Ausgrabungen oder Uraufführungen. Es ist einfach schön komfortabel. Man steht sich bei einem Glas 6-Euro-Sekt die Beine in den Bauch und lässt sich die wichtigsten Infos zum Stück, zur Entstehungsgeschichte, über die Regie und den Probenprozess vorkauen. Wenn ich hier aber Sätze höre, wie zum Beispiel „Nach langer und intensiver Probenarbeit konnten die diffizilen Chorsätze dann doch erfolgreich einstudiert werden“, oder „Ich wünsche Ihnen einen sinnlich anregenden und ebenso intellektuell herausfordernden Opernabend“, bekomme ich Angst. Und meine Nervosität wurde am Abend der Premiere der Uraufführung von la bianca notte / die helle nacht von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg bestätigt.

Synopsis ohne Handlung

First things first. Worum geht es? Die neue Oper la bianca notte / die helle nacht handelt vom italienischen Schriftsteller Dino Campana, der Anfang des 20. Jahrhunderts  lebte und wirkte. Sein Ruhm beschränkt sich in erster Linie auf das in Deutschland nahezu unbekannte Buch mit dem Titel Canti Orfici und sein Schicksal als Künstler, der vergeblich nach einem Verlag suchte, der seine Werke drucken will und der in der Irrenanstalt endete. Hm. Ist das ein fruchtbarer Stoff für eine Oper? Der Komponist Beat Furrer findet: jep. Also präsentiert er dem Zuschauer 17 Szenen, die durch unterschiedliche Ortszuweisungen in drei Bilder aufgeteilt sind: Hafen in Genua, Florenz und im Nachtasyl. Da könnte man im ersten Moment auf die Idee kommen, man hätte werde Dino Campanas Reiseabenteuer verfolgen, quasi einen Roadmovie auf der Opernbühne. Weit gefehlt, denn von einer Handlung lässt sich bei la bianca notte / die helle nacht von Beat Furrer kaum sprechen. Es gibt zwar klar definierte Figuren, die miteinander kommunizieren und auch in eine – allerdings sehr kryptische – Beziehung treten, aber die Szenen an sich verweigern eine ungebrochen erzählte Handlung. Das entspricht dem bilderreichen, assoziativen und fragmentarischen Werk Canti Orfici des Schriftstellers, der Protagonist dieser Oper ist. Aber diese Tatsache bietet mir als Zuschauer weder einen Mehrwert, noch macht sie mich neugierig auf Dino Campana.

Pur, klar, überraschend

Das Spannendste an diesem Abend in der Hamburgischen Staatsoper ist ohne Zweifel die Bühne. Der Regisseur Ramin Gray entwickelt zusammen mit dem Bühnenbildner Jeremy Herbert und dem Lichtdesigner Charles Balfour ästhetische, puristische und konstrastreiche Bilder. Der Abend beginnt damit, dass der geraffte weiße Vorhang durch das Herunterfallen von zwei Sandsack-Gewichten in die Höhe schnellt. Schon sehr schön. Es geht weiter mit handlichen Metallgerüsten, die quaderförmig geschnitten sind und von Statisten unaufhörlich gedreht werden. Durch die geschickte Lichtregie wirken diese Bewegungen erst wie zweidimensionale Animationen, die dann überraschenderweise zu Räumen werden.

Bewegte geometrische Formen und Dino Campana (Tómas Tómasson), "la bianca notte / die helle nacht" von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg
Bewegte geometrische Formen und Dino Campana (Tómas Tómasson), „la bianca notte / die helle nacht“ von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg

In der „Liebesszene“ zwischen Sibilla und Dino rollen große weiße Kugeln unsichtbar bewegt über die Bühne, während sich von den Seiten hinter dem Portal spitze, wackelnde Spieße ins Bild schieben, die zerbrechlich und bedrohlich zugleich wirken.

Sibilla (Golda Schultz), "la bianca notte / die helle nacht" von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg
Sibilla (Golda Schultz), „la bianca notte / die helle nacht“ von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg

Der Höhepunkt dieser Szene ist allerdings ein anderer. Sibilla und Dino positionieren sich in einem bestimmten Moment an einer der weißen Kugeln. Beide umfassen und umarmen diesen Gegenstand, ihre Hände berühren sich bei dieser Geste aber nicht. Unvermittelt strahlt ein helles Licht für wenige Sekunden auf die beiden Figuren, die sich daraufhin von der Kugel entfernen und den Blick freigeben auf ihre Silhouetten, die sich auf der fluoreszierenden weißen Fläche der Kugel abzeichnen. Ein überraschender, wunderbar verspielter Effekt.

Ein einziges großes Fragezeichen

Kurz nachdem die knapp 90 Minuten dieses Opernabends durchgestanden waren, fragte eine Zuschauerin in Hörweite ihre Begleitung: „Sag mal, hast du irgendetwas verstanden?“ Eine Frage, die ich mir auch stellte und die ich in ihrer Naivität höchst sympathisch fand. Was gibt es an dieser Oper la bianca notte / die helle nacht von Beat Furrer zu verstehen? Braucht es vielleicht eine musikwissenschaftliche Ausbildung? Braucht es eine bessere konkrete Vorbereitung? Vielleicht ist es so. Vielleicht wird einer der erfolgreichsten Komponisten der zeitgenössischen E-Musik nur von einem kleinen Kreis von Fachkennern und Enthusiasten verstanden. Und vielleicht kann der ganze Rest der Normalsterblichen nur mit intensiver Vorbereitung einen Mehrwert aus einem solchen Musiktheaterabend gewinnen. Mit Sicherheit darf man der Kunst nicht das Experiment und die Entwicklung versagen. Aber dann darf man auch fragen dürfen: „Was soll das Ganze?“


Kritik auf ndr.de vom 11. Mai 2015

Kritik im Hamburger Abendblatt vom 11. Mai 2015

Kritik auf die-deutsche-buehne.de

Kritik der Neue Zürcher Zeitung vom 13. Mai 2015

Review in Financial Times

Kritik auf wozu-die-oper.de vom 11. Mai 2015


la bianca notte / die helle nacht. Oper nach Texten von Dino Campana von Beat Furrer (UA 2015 Hamburg)

Staatsoper Hamburg
Musikalische Leitung: Simone Young
Regie: Ramin Gray
Bühne: Jeremy Herbert
Kostüme: Janina Brinkmann
Licht: Charles Balfour
Choreographie: Sasha Milavic Davies
Dramaturgie: Francis Hüsers, Kerstin Schüssler-Bach

Besuchte Vorstellung: 10. Mai 2015 (Premiere der Uraufführung)

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  1. Etwas unakademisch ausgedrückt: dieses Werk ist in keiner Weise ergreifend und schlechthin langweilig.
    Der tosende Applaus unmittelbar nach Fallen des Vorhanges wirkte initiiert- eher peinlich.
    Großes Lob an die Darsteller, die das mitmachen und ertragen müssen

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