Oper | Rezension

WUTHERING HEIGHTS von Bernard Herrmann in Braunschweig – Eine perverse Liebesgeschichte

13. April 2015
"Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Der amerikanische Komponist Bernard Herrmann nahm kein Blatt vor den Mund. Wenn er einen Film miserabel fand, weigerte er sich schlichtweg dafür Musik zu schreiben. Umso bezeichnender ist es, dass ein so düsterer und eigenartiger Stoff wie Wuthering Heights von Emily Brontë seine Aufmerksamkeit und Faszination so sehr weckte, dass er ihn zum Thema seiner einzigen Oper machte. Mehr als sechzig Jahre nach Vollendung der Partitur dieses lyrischen Dramas fand nun am Staatstheater Braunschweig die europäische Erstaufführung in einer Inszenierung von Operndirektor Philipp Kochheim statt. Kann er damit an den Erfolg des ersten Beitrags der neuen Reihe „The American Way of Opera“ (The Voyage of Edgar Allan Poe von Dominick Argento) anschließen?

Stürmisch in jeder Hinsicht

Catherine und Heathcliff gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung nach. Sie necken sich, sie jagen sich, sie flüstern sich süße Nichtigkeiten ins Ohr und zwischendurch fallen sie wild übereinander her. Aber Hindley, Cathys Bruder, gefällt diese Verbindung nicht. Seit sein Vater den Waisenjungen Heathcliff auf das Gut Wuthering Heights gebracht hat und ihn wie seinen eigenen Sohn betrachtet hat, verachtet er ihn. Aber, der Vater ist jetzt tot und Hindley ist der Herr im Haus. Und damit hat er die Macht seinem Stiefbruder eine neue Rolle im Haushalt zuzuteilen: gemeiner Stallbursche.

Ein paar Wochen vergehen. Cathy hat diese Zeit in aller Bequemlichkeit bei den Geschwistern Edgar und Isabella Linton verbracht, die auf dem nahegelegenen Anwesen Thrushcross Grange wohnen. Zu Weihnachten kommt sie aber zurück nach Hause und freut sich, Heathcliff wiederzusehen. Der aber ist zu verletzt, dass sie ihn in den letzten Wochen vernachlässigt hat und kann ihre Zuneigung nicht erwidern. Stattdessen wird er aggressiv und stürzt sich in wilder Eifersucht auf Edgar. Hindley geht dazwischen, es kommt zu einem erschütternden Handgemenge. Und das an Heilig Abend!

Wieder ist Zeit vergangen. Cathy sitzt gelangweilt auf der Couch in Wuthering Heights herum und erwartet Besuch von Edgar. Gerade in diesem Moment will Heathcliff endlich mal wieder mit ihr zusammen sein. Ist doch klar, dass er fuchsteufelswild wird, als er erfährt, dass Cathy einen anderen Mann erwartet. Und das wiederum macht Cathy rasend. Sie ist immer noch ganz aufgewühlt, als Edgar eintrifft und im Affekt entlädt sich ihre Wut in einer Ohrfeige bei ihm. Der ist daraufhin ziemlich perplex und sauer. Aber die schöne Cathy kann ihn besänftigen – wie genau bleibt ihr süßes Geheimnis.

Cathy bittet die treue Haushälterin Nelly um Rat. Edgar hat um ihre Hand angehalten und sie hat Ja gesagt. War das die richtige Entscheidung? Sie spricht alle ihre Gedanken aus – einer davon ist, dass sie Heathcliff nicht heiraten kann, weil es sie gesellschaftlich herabsetzen würde. Trotzdem ist er der einzige Mensch, den sie jemals geliebt hat und lieben wird. Sie sind seelenverwandt. Heathcliff hat gelauscht und dabei allerdings nur die erste Hälfte ihrer Überlegungen mitbekommen. Er ist mal wieder verletzt und wütend, diesmal so sehr, dass er das Haus verlässt und drei Jahre lang verschwunden bleibt.

In dieser Zeit hat Cathy Edgar geheiratet. Sie wohnt nun bei ihm und ihrer Schwägerin Isabella in Thrushcross Grange. Besuch wird gemeldet. Es ist der lange vermisste Heathcliff, der offenbar zu Wohlstand gekommen ist. Cathy ist überglücklich, ihn wiederzusehen. Heathcliff bleibt ihr gegenüber jedoch kalt. Stattdessen widmet er sich mit erhöhter Aufmerksamkeit Isabella. Cathy rast. Und als er ihre Schwägerin auch noch mitnimmt, um sie zu verführen, beschließt Cathy ihn zu bestrafen. Sie will sein Herz brechen, indem sie ihr eigenes bricht.

Wochen später sitzt Isabella auf Wuthering Heights über einem Brief an Nelly. Sie vermisst ihr zu Hause und klagt über Heathcliffs brutalen und lieblosen Charakter. Als sie erneut versucht, ihn dazu zu bewegen, sie mindestens wie seine Ehefrau zu behandeln, schleudert er ihr entgegen, dass er sie niemals geliebt hat und niemals lieben wird. Er hat sie nur geheiratet, um Cathy zu bestrafen. Isabella begeht daraufhin Selbstmord.

Cathy ist krank. Heathcliff weicht ihr in diesem Zustand nicht von der Seite, aber sie beide wissen, dass sie dem Tod nah ist. Sie werfen sich gegenseitig vor, den anderen absichtlich verletzt zu haben, sie bitten um Vergebung, sie vergeben einander, sie versichern sich ihrer Liebe. Als sie stirbt, verflucht Heathcliff sie und wünscht sich nichts sehnlicher, als ewig von ihrem Geist verfolgt zu werden.

Das war’s schon…?

„Moooment!“ werden jetzt alle Emily Brontë-Fans rufen. So geht die Geschichte aber noch lange nicht aus! Richtig, die Oper Wuthering Heights von Bernard Herrmann beschränkt sich auf den ersten Teil der Handlung des Romans mit der Änderung, dass sich Isabella umbringt. (Bei Brontë kommt sie von Heathcliff los und bringt einen Sohn zur Welt, was einen ganz neuen Handlungsstrang eröffnet.) Für alle, die den Roman nicht in- und auswendig können, sei versichert: Es geht genauso düster und bitter weiter wie im ersten Teil. Damit wäre dann auch das Hauptcharakteristikum und, wenn man so will, das Hauptproblem des Stoffes benannt. Ein früher Kritiker fand es beispielsweise rätselhaft, dass jemand ein solches Buch schreiben könne, ohne nach elf Kapiteln Selbstmord zu begehen. Das mag pointiert ausgedrückt sein, aber ganz falsch lag er mit seinem Eindruck sicherlich nicht.

Ich will dich… zerstören!

Die Liebes- und Leidensgeschichte um Catherine und Heathcliff ist eine der verfahrensten und perversesten der Opernliteratur. Die Mischung aus Leidenschaft, Hass, Narzissmus, Manipulation, Erniedrigung, Verletzung und Selbstverletzung verursacht zweifellos ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Das wiederum macht es unmöglich, sich mit einer der Figuren zu identifizieren. Die Inszenierung von Operndirektor Philipp Kochheim verstärkt diese Distanz noch. Heathcliff ist ein aufbrausender, cholerischer Narzisst, der sich durch den Selbstmord seiner Ehefrau Isabella nicht vom Zeitunglesen abhalten lässt und Cathy ein schnell gelangweiltes, verwöhntes Gör mit Borderline-Syndrom, das vergnügt auf der Couch hüpft, wenn sich Bruder und Stiefbruder gegenseitig an die Gurgel gehen.

Endlich passiert mal was! Cathy freut sich darüber, wenn Heathcliff (Orhan Yildiz) den armen Edgar (Matthias Stier) plattdrückt, Isabella (Milda Tubelytè) und Nelly (Anne Schuldt) verzweifelt dazwischen gehen wollen, "Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Endlich passiert mal was! Cathy freut sich darüber, wenn Heathcliff (Orhan Yildiz) den armen Edgar (Matthias Stier) plattdrückt, Isabella (Milda Tubelytè) und Nelly (Anne Schuldt) verzweifelt dazwischen gehen wollen, „Wuthering Heights“ von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Besonders verstörend ist dazu noch die überzeugende Darstellung der sexuellen Anziehung zwischen den beiden. Ich habe selten so viele echte Küsse auf einer Opernbühne gesehen wie in dieser Vorstellung. Weiter so! Und vielleicht gerade, weil man so viel Chemie nicht oft in dieser leidenschaftlichen Form auf der sieht, fragt man sich zwangsläufig: Ist die gegenseitige emotionale Zerstörung vielleicht der Preis für eine so wilde und ungezügelte Liebe?

Noch liegen sie sich in den Armen, Catherine (Solen Mainguené) und Heathcliff (Orhan Yildiz), "Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Noch liegen sie sich in den Armen, Catherine (Solen Mainguené) und Heathcliff (Orhan Yildiz), „Wuthering Heights“ von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Thriller!

Nein, es ist kein einfaches Stück und sicherlich keins, das zu Tränenbächen animiert, selbst wenn die Protagonistin zum Schluss in den Armen ihres Geliebten stirbt. Nachdem sich die beiden aus Eitelkeit und kindlichem Trotz bewusst gegenseitig das Herz gebrochen haben, bleibt wenig Raum für Mitgefühl. Es steckt viel Bitterkeit in jedem Moment dieser Verhältnisses. Das ist auch dem Komponisten Bernard Herrmann nicht entgangen. Allein das Vorspiel, das Kochheim mit geschlossenem Eisernen Vorhang spielen lässt, erzählt mehr von einem Psychothriller als von einer hübschen Romanze. Und nach einigen sich steigernden Paukenschlägen zu Beginn ist es nur schlüssig, dass die erste sichtbare Handlung das verzweifelt wütende Schlagen von Heathcliff gegen die mächtige Eisenwand ist, an welcher er sich im Eifer prompt die Hand verletzt.  Ohne Zweifel erkennt man in der Oper Wuthering Heights auch den Filmkomponisten Herrmann, der es weiß, gekonnt und schnell Atmosphäre herzustellen.

Beton im Hochmoor

Ständig wird davon geredet, wird darüber gesungen, sich daran erinnert: die Natur. Ob nun dramatisch die Sonne untergeht, die wilden Vögel sich zur Nacht ins Nest zurückziehen, die Wolken vom Westwind über den Himmel getrieben werden, die Bienen verträumt über den Blumen summen – nichts davon ist auf der Bühne zu sehen. Stattdessen ist Wuthering Heights eine kalte moderne asymmetrische Betonarchitektur. Von wilder Natur ist hier keine Spur. Immerhin haben sich die Earnshaws weiße Lilien hingestellt. Als Symbol von Reinheit sind sie hier allerdings eher ironisch zu verstehen.

Catherine (Solen Mainguené) und Heathcliff (Orhan Yildiz) hängen in ihrer Betonlandschaft rum, "Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Catherine (Solen Mainguené) und Heathcliff (Orhan Yildiz) hängen in ihrer Betonlandschaft rum, „Wuthering Heights“ von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Dieses nüchterne Bild mag den ein oder anderen zunächst befremden – es macht aber deutlich, was die Natur und vor allem das viel besungene Hochmoor für Catherine und Heathcliff bedeuten. Es ist ein Symbol für ihre einzigartige Liebe, in all ihrer Wildheit und Unberechenbarkeit, die auch zu einer Naturgewalt werden kann, die alles mit sich reißt. Das Moor ist es, wo sich ihre Seelen vereinen. Überdies ist es auch ein Ort, auf den Vorstellungen projiziert werden – so sehnt sich auch Isabella nach der stürmischen Anhöhe, weil sie diese so romantisch findet. Die Distanz zur Natürlichkeit wird aber gerade bei Isabella und Edgar Linton auf dem Gut Thrushcross Grange deutlich. Philipp Kochheim macht aus Edgar einen versierten Tierpräparator, der gemütlich einem Raben die Gedärme aus dem Bauch zieht, während er seiner Ehefrau Catherine ein Liebeslied singt. An den violetten Samtwänden hat er außerdem bereits einige ausgestopfte Vögel stehen – hübsch kultiviert als tote Kunstwerke. Wenn man sexuell frustriert ist, braucht man eben ein Hobby.

Lila gilt bekanntlich als Farbe der sexuell Frustrierten. Ein Zufall? Catherine (Solen Mainguené) und Edgar (Matthias Stier) kommen sich hier nicht nah, "Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Lila gilt bekanntlich als Farbe der sexuell Frustrierten. Ein Zufall? Catherine (Solen Mainguené) und Edgar (Matthias Stier) kommen sich hier nicht nah, „Wuthering Heights“ von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Wuthering Heights von Bernard Herrmann ist kein leichtes Werk. Und dass an dem Premierenabend in Braunschweig nicht alle Fragen, die das Stück aufwirft, beantwortet wurden, zeigt nur, dass es sich lohnt, sich daran noch auf vielen weiteren (europäischen) Bühnen abzuarbeiten.


Kritik auf www.operalounge.de


Wuthering Heights (Sturmhöhe). Oper in vier Akten und einem Vorspiel von Bernard Herrmann (UA 2011 Minneapolis)

Staatstheater Braunschweig
Musikalische Leitung: Enrico Delamboye
Regie: Philipp Kochheim
Bühne: Thomas Gruber
Kostüme: Gabriele Jaenecke
Dramaturgie: Christian Steinbock

Besuchte Vorstellung: 11. April 2015 (Premiere)

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