Oper | Rezension

LA BOHÈME von Giacomo Puccini in Luzern – Keine Überraschung

1. März 2015
La Bohème am Luzerner Theater (v.l.n.r. Carlo Jung-Heyk Cho, Szymon Chojnacki, Flurin Caduff, Armin Caduff, Todd Boyce) Foto: Toni Suter / T+T Fotografie

„Behaupten, dass diese Bohème künstlerisch eine geglückte Oper sei, kann man, so leid es mir tut, beim besten Willen nicht.“1 So dachte und schrieb ein Kritiker über die Uraufführung von Giacomo Puccinis vierter Oper – und er war mit seiner ablehnenden Kritik damals nicht allein. Heute ist sie eine der meistgespielten Opern weltweit. Allein in der laufenden Spielzeit 2014/15 gibt es weltweit schlappe 105 Produktionen von La Bohème zu sehen, davon 20 Neuinszenierungen. Gespielt wird von Antalya bis Amsterdam, von Catania bis Coburg, von Reims bis Riga. Hundertschaften von Regisseuren haben dieses Stück bereits mit den unterschiedlichsten Bühnenbildern, Kostümen und szenischen Einfällen auf die Bühne gebracht. Und nun gesellt sich auch der Regisseur Achim Thorwald am Luzerner Theater dazu.

Ein Künstlerleben

Die vier Künstlerkumpel Rodolfo, Marcello, Colline und Schaunard wohnen im angesagtesten Stadtteil von Paris in einer Mansardenwohnung mit super Ausblick über die Dächer der Stadt. Das ist allerdings nur im Sommer so traumhaft wie es klingt – jetzt im Winter zieht es wie Hechtsuppe und Brennholz für den Ofen gibt es keins. Das Geld dafür haben die vier Schlingel mal wieder für billigen Wein und Kippen ausgegeben. Ein Glück, dass Schaunard unerwartet zu Barem gekommen ist und sogar Essen eingekauft hat. Mit dem restlichen Geld kann man ja Feuerholz kaufen oder es sparen für schlechte Zeiten. Man kann damit aber auch gleich runter ins Stammlokal gehen und alles auf den Kopf hauen. Prost! Während Marcello, Schaunard und Colline sich das erste Wegbier zu Gemüte führen, bleibt Rodolfo noch kurz zurück. Er muss noch einen Artikel fertigschreiben, den er an eine Zeitung verkaufen will. So ein Spießer! Aber was ist das? Eine Frauenstimme! Es ist niemand anderes als „the girl next door“, die hübsche Mimì, die bei Rodolfo anklopft, um zu fragen, ob er Feuer hat. Na wenn das nicht heiß wird! Rodolfo ist gleich so verliebt, dass er mit Mimì am liebsten sofort zwischen den Laken nach Feuer und dem verlorenen Schlüssel gesucht hätte – er lässt sich von seiner Angebeteten aber überzeugen, dass eine Feier mit den Freunden im bekannten Café Momus zu diesem Zeitpunkt angebrachter ist.

Dort geht es drunter und drüber. In diesem Getummel heißt es: sehen und gesehen werden. Und was muss Marcello sehen? Seine Ex. Musetta hat sich nach der Trennung einen reichen alten Typen geangelt. Marcello ist außer sich. Und Musetta gefällts. Das ausgekochte Mädel wird den alten Mann irgendwie los, hängt ihm die Rechnung der Künstlerclique an und umschlingt ihren adrenalindurchströmten Marcello.

Ein paar Wochen später irrt Mimì durch die noch immer eiskalten Straßen von Paris. Sie sucht Marcello, der mit Musetta in einer hippen Kunstkneipe wohnt und arbeitet. Bei Mimì und Rodolfo läuft es derzeit überhaupt nicht gut. Ständig ist er unbegründet eifersüchtig und überhaupt so fahrig. Marcellos Rat ist so einfach wie unmöglich: Na wenn es so beschissen läuft, dann trennt euch doch! Das will Mimì dann auch wieder nicht. Bevor Marcello ein etwas sensiblerer Rat einfällt, kommt Rodolfo aus dem Lokal. Mimì versteckt sich schnell, um das folgende Gespräch nicht zu verpassen. Denn jetzt ist Rodolfo dran mit Auskotzen. Aus seiner Perspektive sieht das Problem des jungen Paars ganz anders aus: Mimì hat Tuberkulose und er kann ihr mit seinem unsteten Künstlerleben nicht den Komfort bieten, den sie in ihrem Zustand braucht. Also versucht er, sie zur Trennung zu treiben, damit sie sich einen reichen alten Typen angeln kann. Mimì hat alles gehört, bricht in Tränen aus, Rodolfo bemerkt sie, sie fallen sich in die Arme und beschließen sich zu trennen – aber erst im Frühling. Die Logik der Verliebten. Währenddessen hat Marcello Musetta in der Kneipe lachen gehört. So eine Schlampe! Die hat sich bestimmt wieder an so einen alten Sack mit dicken Taschen rangemacht. Musetta findet Marcellos Eifersucht lächerlich, sie verhält sich doch wie immer. Ja, es zeichnet sich ein Muster ab. Die beiden können sich jedenfalls nicht einigen, beschimpfen sich ausgiebig und gehen dann (mal wieder) getrennte Wege.

Wieder ein paar Wochen später. Es ist immer noch Winter und schweinekalt. Rodolfo und Marcello versuchen in ihrer coolen Mansarden-WG zu arbeiten. Das geht aber nicht nur schlecht, weil die Finger vor Kälte unbrauchbar sind, sondern auch, weil sie jetzt beide ohne Frau dastehen. Dumm gelaufen. Aber da kommen Colline und Schaunard vorbei – die haben zwar nicht viel Essen mitgebracht, dafür aber ein ganzes Fass gute Laune. Also erzählen sich die Jungs schlechte Witze und machen sich gegenseitig ein paar Tanzschritte vor, die sie vermutlich bei Youtube gesehen haben. Da platzt Musetta in die WG. Sie hat Mimì auf der Straße getroffen und die sah überhaupt nicht gut aus. Sie hat außerdem etwas gebrabbelt von wegen, sie wolle in den Armen ihres Geliebten sterben. Mimì schleppt sich die Stufen zur Mansarde hoch, leichenblass fällt sie aufs Bett. Alle wirken etwas ratlos und völlig überfordert. Musetta hat die Idee ein paar Wertsachen zu verpfänden, um einen Arzt und Medizin zu besorgen. Aber jede Hilfe kommt zu spät. Mimì wurde ihr letzter Wunsch erfüllt.

Paris, 19. Jahrhundert

Zu den ersten Fragen, die sich jeder Regisseur stellen muss, gehören: An welchem Ort und zu welcher Zeit spielt meine Inszenierung? Achim Thorwald und sein Bühnen- und Kostümbildner Christian Floeren haben sich nicht lange an diesen Fragen aufgehalten. Für sie war klar: Was bereits gut ist, muss man nicht verschlimmbessern. Die Luzerner Bohème spielt also im Paris der 1830er Jahre. Durchaus eine Setzung, die man auch nach der 1000. Inszenierung gelten lassen kann. Es ist ja auch ein wunderbar eskapistisches Vergnügen, sich aus dem langweiligen heutigen Alltag ins spannende alte Paris entführen zu lassen. Allerdings fangen genau hier die Probleme an. Denn ein naturalistisches Bühnen- und Kostümbild, das räumlich und zeitlich genau verortet ist, sollte nicht nur den Erfordernissen der szenischen Vorgänge genügen, sondern auch möglichst historisch korrekt sein. Offensichtlich hat sich das Regieteam hier von Skizzen und Fotografien der ersten Inszenierungen von Puccinis La Bohème inspirieren lassen. Und ja, die Künstlerjungens sehen schick exzentrisch aus in ihren Karohosen und Westen und Gehröcken. Aber schon bei Mimì zweifle ich den ganzen Abend daran, dass diese arme Näherin mit diesem irgendwie zu elegant geschnittenen Kleid ihren Alltag bewältigen kann. Man stelle sich einmal vor, wie ihr bodenlanges Kleid aussehen würde, wenn sie damit zwei Schritte über den verschneiten Bürgersteig spazierte. Waren es nicht eher die höheren Schichten, die sich den Luxus von tatsächlich bodenlangen Röcken leisten konnten, weil sie eh kaum den schmutzigen Boden berühren mussten? Da kaufe ich schon eher Musetta ab, dass sie ihr teures Kleid sauber hält, indem sie über die Rückgrate ihrer Liebhaber spaziert. Überhaupt ist dieses Luzerner Paris zu sauber, zu aufgeräumt. Müsste es nicht viel schmutziger, verranzter, angepisster sein? Und warum ist der Gehrock von Marcello das einzige Kleidungsstück in dieser Inszenierung, das einigermaßen abgerockt und damit authentisch aussieht?

Moment, so ganz naturalistisch geht es in Luzern mit Achim Thorwald und Christian Floeren dann ja doch nicht zu. Denn nach der Pause geht es im dritten Bild mit einem überraschend reduzierten Bühnenbild weiter. Rechts gibt es nur einen kahlen Wandstreifen mit Tür zur Kneipe, wo Marcello und Musetta streiten und arbeiten. Wenn man diese Tür aufmacht, sieht man es auch dahinter schneien. Das kann man süß und albern finden. Irritierend wird es dann aber im letzten Bild, das laut Libretto wieder in der Mansardenwohnung spielt. Christian Floeren hat stattdessen Bett, Staffelei und Ofen in den offenen Raum gestellt. Auch hier ist es süß und albern, dass das Ofenrohr ins nichts führt. Und reinschneien tut es auch noch. Nur was fange ich als Zuschauer mit diesem reduzierten Bühnenbild im zweiten Teil an? Soll hier die Verminderung von realistischen Elementen parallel verlaufen zur Fokussierung auf das tragische Ende? So richtig schlüssig ist diese Lösung nicht.

Bei Rodolfo (Carlo Jung-Heyk Chor) und Marcello (Todd Boyce) schneits rein, "La Bohème" von Giacomo Puccini am Luzerner Theater, Foto: Toni Suter / T+T Fotografie
Bei Rodolfo (Carlo Jung-Heyk Chor) und Marcello (Todd Boyce) schneits rein, „La Bohème“ von Giacomo Puccini am Luzerner Theater, Foto: Toni Suter / T+T Fotografie

Musik als Szene

Die Musik von Puccinis La Bohème ist an sich schon sehr ausdrucksstark. Eigentlich braucht man keine weißen Flocken aus dem Schnürboden, um zu verstehen, dass es kalt ist. Man braucht auch keine Hände, die sich berühren, um zu verstehen, dass es zwischen Rodolfo und Mimì gefunkt hat. Und man braucht auch keine leblosen Augen, um zu verstehen, dass Mimì gestorben ist. Eine solche Musik zu inszenieren kann extrem einfach oder extrem schwierig sein. Folgt man szenisch der Aktion, die musikalisch bereits dargestellt wird, oder geht die Szene eigene Wege? Auch von dieser essentiellen Frage hat sich Regisseur Achim Thorwald nicht verunsichern lassen und folgt einfach der Komposition von Puccini. Durchaus eine Setzung, die man auch nach der 10.000. Inszenierung gelten lassen kann. Und für den unbedarften Theaterbesucher, der diese Oper zum ersten Mal erlebt, ist diese Art von Personenführung sicherlich wohltuend, da sie den gehörten Eindruck schlicht verstärkt. Andererseits verschenkt eine solche Regie unzählige Möglichkeiten wie z.B. emotionale Untertöne, Subtexte oder innere Handlungen.
Und es ist nicht nur das Überraschungsmoment, das dieser Luzerner Bohème fehlt. Die Interaktionen zwischen den Figuren sind größtenteils zu fahrig und ungenau. Statt heiß geliebt, wird lauwarm (wenn auch durchweg auf gutem Niveau) in den Saal bzw. Monitor gesungen. Eine Tatsache, die für jede Bohème-Produktion tödlich ist. Denn wieso sollte ich am Ende ein Taschentuch zücken, wenn ich von Anfang an nicht glauben kann, dass Mimì und Rodolfo scharf aufeinander sind, geschweige denn sich unrettbar ineinander verliebt haben?

Zwischen Rodolfo (Carlo Jung-Heyk Cho) und Mimì (Jutta Maria Böhnert) sollten an dieser Stelle eigentlich die Funken sprühen, "La Bohème" von Giacomo Puccini am Luzerner Theater, Foto: Toni Suter / T+T Fotografie
Zwischen Rodolfo (Carlo Jung-Heyk Cho) und Mimì (Jutta Maria Böhnert) sollten an dieser Stelle eigentlich die Funken sprühen, „La Bohème“ von Giacomo Puccini am Luzerner Theater, Foto: Toni Suter / T+T Fotografie

Erlebnisort Zuschauerraum

Während die Bühne wenig Anlass zu Verblüffung gab, war an diesem Premierenabend am Luzerner Theater umso mehr im Zuschauerraum los. In einer kurzen Umbaupause nach dem ersten Bild begann eine ältere Dame im zweiten Rang demonstrativ zu applaudieren. Sie beugte sich über die Brüstung und rief dem Orchestergraben, dem Parkett und überhaupt dem ganzen Saal zu: „Die da hinten haben zu früh geklatscht.“ Solch strenge Applausverhinderer hatte ich bisher nur bei Wagner-Opern erlebt, aber gut – auch ein enstzunehmender Puccinist sollte wissen, wann die Hände gegeneinander zu schlagen sind.
Viel verstörender (und auf makabere Art passend) an diesem Abend war allerdings ein anderer Zwischenfall. Während des letzten Bildes – Mimì lag bereits siechend in Rodolfos Bett und erinnerte sich mit ihm an die guten alten Zeiten, als sie noch keinen blutigen Auswurf hatte – machte sich im mittleren Parkett eine undefinierbare Unruhe breit. Wenige Augenblicke später stand ein junges Paar auf und bewegte sich, so schnell es eben durch die vollbesetzten Reihen des Luzerner Theater ging, Richtung Ausgang. Noch bevor die beiden die Tür erreichten, vernahm der Saal einen dumpfen Schlag, woraufhin mehrere Umstehende zu Hilfe eilten und die junge Dame vom Boden aufhoben und aus dem Saal bugsierten. Obwohl ich davon ausging, dass es sich nur um einen relativ harmlosen Kreislaufkollaps handelte (die junge Dame ist wieder wohlauf), konnte ich nicht umhin, eine gewisse Parallelität zur Szene auf der Bühne zu erkennen. Die Oper von Puccini erzählt von alltäglichen, letztlich sinnlosen menschlichen Befindlichkeiten und Vorgängen. Mimì ist krank, kann aus unterschiedlichen Gründen nicht ordentlich behandelt werden und stirbt deswegen. Das ist weder überraschend noch tragisch. Es ist höchstens traurig. Und man kann sich vorstellen, dass die lustige Künstlertruppe nach kurzer Trauerzeit genauso weitermacht wie vorher auch. Auch die lustige Zuschauertruppe an diesem Premierenabend im Luzerner Theater macht nach kurzem Schockmoment einfach weiter wie bisher und schaut sich diese banale Vorstellung bis zum Ende an.


Kritik auf musikundtheater.ch

Kritik der European News Agency vom 28. Februar 2015

Kritik der Neuen Zürcher Zeitung vom 1. März 2015

Kritik im Online Merker vom 1. März 2015

Kritik auf kulturteil.ch vom 1. März 2015


La Bohème. Szenen aus Henri Murgers „Vie de Bohème“ in vier Bildern von Giacomo Puccini (UA 1893 Turin)

Luzerner Theater
Musikalische Leitung: Boris Schäfer
Regie: Achim Thorwald
Bühne und Kostüme: Christian Floeren
Licht: David Hedinger
Dramaturgie: Christian Kipper

Besuchte Vorstellung: 27. Februar 2015 (Premiere)

  1. Giacomo Puccini. La Bohème. Texte, Materialien, Kommentare, Reinbek 1981, S.229 []

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