Oper | Rezension

EMILIA GALOTTI von Marijn Simons in Koblenz – Ab jetzt auch als Oper

3. Dezember 2014

Es ist vermutlich nicht überraschend: Ich bin ein neugieriger Mensch. Und wenn man diese Neugier ernst nimmt, ist es auch kein Wunder, dass ich mich in dieser Spielzeit sehr auf eine besonders neue Produktion an meinem Heimatort freute. Das Theater Koblenz hat für die Spielzeit 2014/15 höchstselbst eine neue Oper in Auftrag gegeben: Emilia Galotti von Marijn Simons. Und die feierte im Oktober diesen Jahres ihre Uraufführung an ebendiesem Theater in einer wunderbar sensiblen Inszenierung von Elmar Goerden.

Jeder will sie, keiner kriegt sie: Emilia Galotti

Der Prinz ist unruhig. Er hat schlecht geschlafen und versucht sich nun am frühen Morgen mit Arbeit abzulenken. Da kommt Conti vorbei, ein Maler, bei dem der Prinz vor einer Weile das Porträt seiner Geliebten, der Gräfin Orsina, in Auftrag gegeben hat. Leider hat sich das Motiv für den Prinzen schneller abgenutzt, als Conti es malen konnte – er ist nicht sonderlich am Kauf interessiert. Aber der Maler hat noch ein zweites Porträt dabei, das er ganz ohne Auftrag aus reiner Bewunderung einer besonderen Schönheit angefertigt hat. Es ist Emilia Galotti, eine Bürgerliche und zufälligerweise der Grund für die schlaflosen Nächte des Prinzen. Der will das Bild sofort haben, koste es, was es wolle!
Der Kammerherr Marinelli will nun auch beim Prinzen nach dem Rechten schauen und hat außerdem den neuesten Tratsch mitgebracht: Die Gräfin Orsina ist seit heute wieder in der Stadt und der Graf Appiani wird bald heiraten. Während die erste Nachricht den Prinzen ziemlich kalt lässt, findet er die bevorstehende Hochzeit von Appiani, den er schätzt, gar nicht so unerfreulich – wenn er sich nicht ausgerechnet diese Emilia Galotti ausgesucht hätte. Es ist doch wirklich eine Frechheit, dass jemand eine aufrichtige Ehe mit einem Mädchen eingehen will, die der Prinz vernaschen will! Neben seiner eigenen aufrichtigen Ehe, versteht sich. Nein, das kann und darf einfach nicht sein und Marinelli hat auch schon Ideen, um diese Verbindung zu verhindern.

Unterdessen bereiten sich Emilias Eltern auf die Hochzeit der Tochter vor. So ganz nebenbei erwähnt Claudia, die Mutter, dass der Prinz ein Auge auf die süße Emilia geworfen hat. Das findet Odoardo, ihr Vater, aber gar nicht so schmeichelhaft, weil er ahnt, dass der Prinz sich auf lange Sicht nicht allein mit Anschauen begnügen wird. Emilia kommt ganz aufgeregt von der Messe zurück und erzählt ihrer Mutter, dass der Prinz ihr unzüchtige Dinge über Liebe und Leidenschaft ins Ohr geflüstert hat. So richtig Zeit zum Ausdiskutieren bleibt den beiden aber nicht, denn da kommt auch schon Graf Appiani angerauscht, der seine Braut abholen möchte. Aber bevor die Hochzeitsgesellschaft sich auf den Weg machen kann, steht Marinelli in der Tür, bewaffnet mit einer Absicht. Er überbringt den vermeintlichen Befehl des Prinzen, dass Appiani sofort die Stadt verlassen soll, um irgendwohin – Hauptsache weit, weit weg – eine Botschaft zu bringen. Das kommt dem Grafen aber wirklich zu konstruiert vor, deswegen weigert er sich einfach. Pah!

Aber dieser verflixte Kammerherr hat noch mehr Ideen parat. Er kennt da jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der praktisch alles für Geld macht. Und der überfällt die Hochzeitsgesellschaft auf offener Straße, während ein anderer Emilia retten bzw. entführen soll und in des Prinzen Schloss bzw. Schoß bringen soll. Dieser ist von der beschriebenen Aktion erst etwas irritiert – aber letztendlich findet er es einfach gut, dass Emilia jetzt bei ihm ist. Die hat aber gerade andere Dinge im Kopf als sich mit dem Prinzen näher zu beschäftigen. Sie hat Angst um ihre Eltern und ihren Verlobten. Zu Recht, denn Appiani wurde im Handgemenge getötet. Irgendwie schafft es Claudia dann auch noch zum Schloss zu kommen und sie hat auch so eine Vermutung, dass der Überfall nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Wie der Zufall so will, steht dann auch noch die Gräfin Orsina vor der Tür, weil sie Sehnsucht nach dem Prinzen hat. Der will sie aber jetzt wirklich nicht sehen, er hat ja schließlich alle Hände voll zu tun. Als sie wieder gehen will, hat auch Odoardo zum Schloss gefunden. Marinelli kann nicht verhindern, dass die beiden sich unterhalten und entdecken, dass sie im Prinzen einen gemeinsamen Feind haben. Da Orsina gar nicht so verrückt ist, wie Marinelli behauptet und genau weiß, dass sie selbst keine Chance auf Rache am Prinzen haben wird, fordert sie Odoardo auf, ihn mit ihrem Dolch zu töten. Der nimmt die Waffe, ist sich aber noch nicht sicher, ob er den Mord wirklich ausführen wird. Endlich kann sich der Prinz von Emilia losreißen, um sich gezwungenermaßen mit ihrem Vater zu besprechen. Der will logischerweise seine Tochter sehen und sie am besten sofort ins nächste Kloster bringen. Der Prinz und Marinelli können Odoardo aber irgendwie davon überzeugen, dass es für alle Beteiligten am besten wäre, wenn Emilia erstmal in der Obhut eines guten Kumpels des Prinzen bleibt. Ist klar. Mit dieser Entscheidung lassen der Prinz und Marinelli endlich Odoardo mit seiner Tochter allein. Die ist ungewöhnlich ruhig angesichts der Geschehnisse. Sie erklärt ihrem Vater, dass der Prinz eine verbotenen Lust in ihr ausgelöst hat, der sie unmöglich lange widerstehen kann. Sie will lieber sterben, als sich dieser Sünde hinzugeben. Ihr Vater erfüllt ihr diesen Wunsch und ersticht sie.

Literatur + Oper = Literaturoper

Der eine oder die andere wird sich an dieser Stelle zu Recht an seine oder ihre Schulzeit erinnert fühlen. Die neue Oper von Marijn Simons basiert auf dem gleichnamigen Trauerspiel von Gotthold Ephraim Lessing, das zum Literaturkanon gehört. Ein viel gespieltes, oft durchdachtes und vielfach interpretiertes Stück also, das Intendant Markus Dietze auf die prägnantesten Textstellen reduziert hat. So bleibt vom Gehalt des Stückes von Lessing auch in der Oper viel erhalten. Aber was ist überhaupt das Wesentliche an Emilia Galotti und vor allem: Was hat das ganze mit uns zu tun?

Eine junge Frau mit festen Moralvorstellungen hat Angst vor ihrer eigenen Fähigkeit zur Leidenschaft. So. Das alleine klingt für mich nicht unbedingt wie der Beginn einer Tragödie – so könnte doch auch eine romantische Komödie anfangen, in deren Verlauf die Protagonistin feststellt, dass ihre Vorstellungen von Sündhaftigkeit total konservativ sind und im Endeffekt nicht nur ihre Lebensqualität sondern auch ihre persönliche Entscheidungsfreiheit beschränken. Da kann mir freilich jeder Literat entgegnen, dass Emilia Galotti vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit gelesen werden muss, in der eine solche Emanzipation undenkbar war. Aber welchen Zuschauer, der heute in einer Vorstellung dieses Stückes bzw. dieser Oper sitzt, interessiert diese Argumentation denn wirklich? Ich jedenfalls fragte mich, was denn nun eigentlich der große tragische Konflikt ist, auf den es unweigerlich hinausläuft. Mit meinem Gemüt, das ich für recht empathisch halte, konnte ich den Tod von Emilia einfach nicht begreifen. Und das lag keineswegs an einer fehlenden Qualität der Komposition oder gar an einer unzulänglichen Inszenierung. Ganz im Gegenteil.

Kein Ohrwurm

Nein, eingängig ist die Musik nicht, die Marijn Simons zum Thema Emilia Galotti eingefallen ist. Und jeder, der sich schon einmal mit dieser Art von zeitgenössischer Musik intensiver auseinandersetzen durfte bzw. musste, weiß, wie schwierig es ist, musikakische Linien wiederzugeben, die in keiner klar definierbaren Tonart stehen. Wer aber seine Ohren bewusst für ungewohnte Klänge öffnet, wird schnell merken, dass Simons‘ Komposition kein bloßes Experimentierfeld für akustische Grenzerfahrungen ist. Seine Musik hat das Stück von Lessing verstanden und unterstützt dessen Dramaturgie auf intuitive Weise. Die Handlung wird im Laufe des Abends immer dichter, die Ereignisse überschlagen sich, sodass den Figuren weder Zeit zum Nachdenken, noch zum Durchatmen bleibt – auch akustisch ist dieses Vorwärtsdrängen spürbar, es gibt immer weniger Ruhepunkte, immer weniger Pausen. Gerade die Tatsache, dass Akteure in der Oper immer dem Timing des musikalischen Einfalls unterworfen sind und eben nicht ihr eigenes Tempo entwickeln können, macht die kompositorische Feinfühligkeit von Marijn Simons für Emilia Galotti besonders relevant. Und als kleines Extra für diejenigen, die gerne etwas Bekanntes hören und sich am Wiedererkennen freuen, hat Simons für jeden Namen ein eigenes Motiv erfunden.  So wird der Name von Emilia jedes Mal wie ein Schmerzens- und Lustschrei zugleich ausgestoßen – vorzugsweise vom Prinzen mehrmals hintereinander.

Schwarz auf weiß

Auch der Regie von Elmar Goerden fehlt es nicht an Einfühlungsvermögen. Die beste Entscheidung in diesem Fall ist sicherlich, das Stück weder räumlich noch zeitlich zu konkretisieren. Die Figuren sind allesamt mit schwarzen Kostümen ausgestattet, die auf schlichte Weise ihre Rollen und ihren Status charakterisieren. Sie bewegen sich in einem unbestimmten weißen Raum, der rundherum in einen formlosen schwarzen Rahmen gefasst ist.

Schwarz auf weiß, "Emilia Galotti" von Marijn Simons am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz
Schwarz auf weiß, „Emilia Galotti“ von Marijn Simons am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

In dieser prunklosen Aufstellung gibt es nichts, das von den Handelnden der Oper ablenkt und wenig, an dem sie sich festhalten können. Und trotzdem wird die Geschichte auf dichte und schlüssige Art erzählt – dank der feinfühligen Personenführung von Regisseur Elmar Goerden. Seine Gesten und sein Timing wirken einfach stimmig und ungekünstelt.

Emilia (Irina Marinaș) will beten, der Prinz (Monica Mascus) will ran, "Emilia Galotti" von Marijn Simons am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz
Emilia (Irina Marinaș) will beten, der Prinz (Monica Mascus) will ran, „Emilia Galotti“ von Marijn Simons am Theater Koblenz, Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Aber steht er Emilia Galotti tatsächlich so unkritisch gegenüber, wie seine puristische Inszenierung auf den ersten Blick wirkt? Offensichtlich fehlen in seinem Bild die Grautöne, die Übergänge und vor allem die Farben. Auch die Welt von Emilia scheint nur schwarz oder weiß zu kennen, nur richtig oder falsch. Und es sind ja genau diese absoluten Setzungen von Sünde und Reinheit, die sie letzten Endes zu ihrer verhängnisvollen Entscheidung führen. Gäbe +es in ihrer Welt, ihrem Kopf und ihrem Herzen die Möglichkeit für Zwischentöne, für bunte Gedanken, würden wir als Zuschauer am Ende wohl nicht auf eine blutige Leiche schauen, sondern auf eine junge leidenschaftliche Frau, die vielleicht am Anfang eines folgenschweren Fehlers steht, aber sicherlich nicht am Ende ihres Lebens.


Kritik der Rhein-Zeitung vom 27. Oktober 2014

Interview des SWR2 mit Marijn Simons und Enrico Delamboye vom 23. Oktober 2014


Emilia Galotti. Oper von Marijn Simons nach Gotthold Ephraim Lessing (UA 2014 Koblenz)

Theater Koblenz
Musikalische Leitung: Enrico Delamboye
Regie: Elmar Goerden
Bühnenbild: Silvia Merlo und Ulf Stengl
Kostüme: Lydia Kirchleitner
Dramaturgie: Christiane Schiemann

Besuchte Vorstellung: 25. Oktober 2014 (Premiere der Uraufführung)

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