Oper | Rezension

CANDIDE von Leonard Bernstein in Wiesbaden – Optimismus auf der Opernbühne

15. November 2014
Candide von Leonard Bernstein am Staatstheater Wiesbaden

Was ist für einen Regisseur wohl die beste aller Herangehensweisen an eine Oper? Ich persönlich finde es immer gut, zuallererst das Stück an sich ernst zu nehmen. Noch besser ist es meiner Ansicht nach, wenn der Humor eines Stückes ernst genommen wird. Und am allerbesten ist es, wenn ein Regisseur es schafft, die gesamte Absurdität des Glaubens an eine perfekte Welt auf die Bühne zu bringen, ohne zynisch zu sein. Die viel zu selten gespielte Operette Candide von Leonard Bernstein ist nicht nur ein Stück über den Optimismus – die Inszenierung von Bernd Mottl am Hessischen Staatstheater Wiesbaden stimmt auch optimistisch, dass es weiterhin schlüssiges, erzählendes und kurzweiliges Musiktheater gibt.

 

Ist das hier wirklich die beste aller möglichen Welten?

Candide ist ein naiver Kerl, der irgendwie mit einem Baron verwandt ist. Deswegen darf er in einem schönen Schloss in Westfalia zusammen mit seinem Cousin Maximilian, der hübschen Kunigunde und dem Zimmermädchen Paquette wohnen. Dort erhalten sie Unterricht vom Hauslehrer Pangloss, der ihnen eintrichtert, dass diese die beste aller möglichen Welten sei und dass alles, wirklich alles, zum Guten geschehe. Nach dieser erhellenden Vorlesung entlässt er die Klasse – außer Paquette. Mit ihr will er noch ein physikalisches Experiment durchführen. Ähem. Ausschließlich für den wissenschaftlichen Lustgewinn, versteht sich. Kunigunde beobachtet diesen Versuch über Ursache und Wirkung mit großer Faszination und fragt Candide, ob er nicht auch daran interessiert sei, tiefer in die betreffende Materie einzudringen. Der intrigante Max findet diese ausgiebigen Studien der beiden irgendwie unpassend und lässt kurzerhand Candide aus dem Schloss werfen. Der irrt daraufhin etwas planlos aber weiterhin hochoptimistisch durch die Gegend, als er von der Armee rekrutiert wird. Sie vernichten ganz Westfalia, nur Pangloss scheint überlebt zu haben.

Candide und sein Lehrer kommen irgendwie nach Lissabon, wo zufällig gerade das berühmte Erdbeben stattfindet. Das dadurch verursachte allgemeine Chaos ist ein Paradies für Plünderer und Vergewaltiger. Um der Unordnung Einhalt zu gebieten, hat die Inquisition aber eine super Idee: Sie veranstaltet ein nettes Autodafé und kann so gleichzeitig die Verbrecher abschrecken und die restliche Menge unterhalten. Da kommen Candide und Pangloss gerade recht, sie werden gehenkt, um ein Exempel zu statuieren. Moment, die haben doch gar keine Schuld am Erdbeben? Macht nichts, laut Erbsündentheorie ist doch jeder schuldig. Irgendwie überlebt Candide seine Hinrichtung und reist nach Paris.

In Frankreich findet Candide seine geliebte Kunigunde, die irgendwie das Massaker in Westfalia überlebt hat. Sie hat sich zwischenzeitlich beruflich umorientiert: Sie ist Mätresse von gleich zwei reichen Herren – einer ist Kardinalerzbischof und einer Jude. Wenn das mal kein Beitrag zur Konfessionenzusammenführung ist! Candide ist, was Religion betrifft, genauso unparteiisch wie Kunigunde. Deswegen erschießt er einfach beide. Candide, Kunigunde und eine alte Lady mit nur einer Pobacke fliehen nach diesem Mord nach Spanien. Dort heuert Candide bei einer Söldnertruppe an, die auf dem Weg in die schöne Neue Welt ist.

So kommen die drei nach Buenos Aires, wo gerade der Gouverneur frische Sklaven kauft. Maximilian, der Cousin von Candide aus Westfalia, hat nicht nur ebenfalls die Schlacht überlebt, sondern wird auch als Sklave angeboten. Da ihm die bunte Spitzenunterwäsche so gut steht, greift der Gouverneur sofort zu – und spürt Dinge, die er nicht erwartet hatte. Aber bevor er Max hinrichten kann, wird der von Jesuiten gekauft. Die Enttäuschung des Gouverneurs über seinen Verlust ist aber nur von kurzer Dauer – er tröstet sich mit Kunigunde, die gerade angekommen ist.

Candide wird also wieder von seiner Geliebten getrennt und muss außerdem in den Dschungel fliehen. Dort trifft er irgendwie auf Paquette und Maximilian. Letzteren erschießt er, weil der noch immer die Heirat von Candide mit seiner Schwester Kunigunde verhindern will. Nach seinem dritten Mord muss Candide jetzt erst recht weiter fliehen. Unterwegs gabelt er einen Diener auf. Irgendwie gelangen die beiden nach Eldorado, wo nicht nur die Straßen mit Diamanten gepflastert sind, sondern sogar die Schafe goldenes Fell haben. Candide will mit diesem ganzen Reichtum aber nur seine geliebte Kunigunde freikaufen und im freien Venedig heiraten. Er tauscht eines der Goldschafe für ein abgewracktes Schiff ein und fühlt sich trotzdem wie der größte Glückspilz.

In Venedig kommt Candide in ein Casino, wo Paquette sich prostituiert.  Maximilian ist auch da, irgendwie. Und er hat es sogar zum Polizeichef gebracht, der vom Casinobesitzer fleißig Schutzgeld einheimst. Irgendwie sind auch Kunigunde und die alte Lady dorthin gekommen und zocken im Casino mit rührseligen Stories die Gäste ab. Genau das versuchen sie maskiert auch mit Candide. Als er seiner Kunigunde die Maske vom Gesicht reißt, ist er endlich erschüttert. Sein Weltbild gerät ins Wanken. Geschieht wirklich alles zum Guten?

Zum Schluss erkennt er, dass nach all den Reisen und Erlebnissen keiner mehr so ist, wie er anfangs war. Er will als nun veränderter Candide trotzdem noch seine veränderte Kunigunde heiraten und mit ihr ein Haus bauen, Holz hacken und im Garten ausruhen.

 

Wer ist bitteschön François-Marie Arouet?

Wenn das mal keine total opernuntaugliche Story ist! Könnte man meinen. Zum Glück werden die vielen einzelnen kleinen Episoden verbunden und erklärt vom Darsteller des Pangloss, der sich zu Beginn als François-Marie Arouet vorstellt. Den kennt ihr nicht? Vielleicht kennt ihr dann aber Voltaire, den Autor der satirischen Novelle Candide oder der Optimismus, auf der das Werk von Bernstein beruht. Das ist nämlich ein und derselbe. Das Stück zeigt – genauso wie die Satire von Voltaire auch – wie ein harmloser, gutgläubiger Mensch durch eine Aneinanderreihung von unglücklichen Zufällen in die schlimmsten Katastrophen verwickelt wird. Die dargestellte Welt ist tatsächlich alles andere als die beste aller möglichen Welten, wie sie der Philosoph Leibniz postuliert hat. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass sie nicht im Pessimismus endet, sondern mit der banalen Feststellung, dass noch der Garten zu bestellen sei. Ist der Rückzug auf das selbstgemachte kleine Glück die Lösung, um mit dem Übel der Welt und der Menschheit umzugehen?

 

Ich bin da optimistisch

Die Inszenierung von Bernd Mottl am Staatstheater Wiesbaden lässt dieses fragwürdige Ende unkommentiert. Überhaupt verzichtet er auf jegliche Parteilichkeit, was die Figuren und ihre Handlungen angeht. Mottl nimmt jeden Charakter in seiner eigenen Komik und Tragik ernst und verurteilt weder die Prostitution von Kunigunde und Paquette, noch die Philosophie der Anpassung der alten Lady und auch nicht die Naivität von Candide. Deswegen wirken die Ereignisse und die Einstellungen der Figuren zwar absurd, aber nicht so weit hergeholt, dass Empathie unmöglich wird. Und es gibt viel zu lachen an diesem energiegeladenen und ideenreichen Theaterabend. Das liegt in erster Linie an der Personenführung, die an den passenden Stellen komisch überzeichnet ist und Spaß an charmanten Details hat, wie dem ständigen dümmlichen Kniestrümpfe-Hochziehen von Candide oder damit, dass Darsteller aus ihrer Rolle fallen: „Why did he shoot me again? We never rehearsed it that way…“ Und auch wenn dieses Mittel der Komik abgedroschen klingt – es funktioniert in dieser Operette, die nicht nur Satire über die Philosophie von Leibniz ist, sondern auch über Oper bzw. Musical selbst. Dazu hat Götz Hellriegel eine geniale Choreographie geschaffen, die ästhetisch, absurd, sexy und einfach nur zum Schreien witzig ist. Vermutlich die lustigste Choreographie, die ich bisher gesehen habe. So werden beispielsweise die goldenen Schafe in Eldorado von Tänzern in flauschigen wolligen Kostümen dargestellt, die hin und her tapsen, gemütlich Gras kauen und sich auch mal an prominenten Körperteilen beschnuppern. Auch das klingt in der Beschreibung platt, aber sorgte für ein mehrere Minuten (!) anhaltendes Kichern und Jauchzen im Zuschauerraum, sodass die eigentliche Handlung völlig in den Hintergrund geriet. Hellriegel scheut sich auch nicht davor, die Kriegsszene mit der vollständigen Zerstörung von Westfalia einfach zu vertanzen und das auch noch mit knapp bekleideten Soldatinnen, die schwungvoll ihre Maschinengewehre bedienen. Das alles passt herrlich in das charmant simple, aber ideenreiche Bühnenbild, das in großen Teilen aus einfachen bemalten Holzelementen besteht, die je nach Bedarf aus dem Bühnenhimmel oder den Seiten herein gefahren kommen. Da gibt es einen gemalten Laubengang im Schloss, ein gemaltes Schiff für die Überfahrt nach Amerika oder eine gemalte Kathedrale, vor der die Hinrichtungen stattfinden. Hier ist unschwer zu erkennnen, dass es auch dem Kostüm- und Bühnenbildner Friedrich Eggert keineswegs an Witz mangelt. Ganz zum Schluss werden dann Teile aus jedem einzelnen Bühnenbild sichtbar, indem alle Soffitten im Bühnenraum hoch gezogen werden. Und während man sich so an alle gesehenen Episoden noch einmal erinnern kann, ziehen sich Mitglieder des Chors und die Solisten die Perücken vom Kopf als Symbol für das Ende der Darstellung einer künstlichen Figur. Das tun sie, während sie davon singen, dass sie nach dem Erlebten nun nur noch ein Haus bauen, Holz hacken und im Garten ausruhen wollen. Und ich glaube es jedem einzelnen dieser lächelnden Gesichter.


Kritik in der Frankfurter Rundschau vom 2. November 2014

Kritik im Wiesbadener Kurier vom 3. November 2014

Kritik in der Rhein-Zeitung vom 4. Novemer 2014

Kritik der musicalzentrale.de 

Kritik im Opernfreund vom 1. November 2014


Candide. Comic Operetta in zwei Akten von Leonard Bernstein (UA 1956 New York)

Staatstheater Wiesbaden
Musikalische Leitung: Albert Horne
Regie: Bernd Mottl
Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert
Choreographie: Götz Hellriegel
Dramaturgie: Regine Palmai

Besuchte Vorstellung: 9. November 2014

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