Oper | Rezension

LE PROPHÈTE von Giacomo Meyerbeer in Braunschweig – Grand opéra mit Extras

31. Oktober 2014
Le Prophet am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Giacomo Meyerbeer hat mal eine Oper geschrieben und die heißt Le prophète. Das war tatsächlich alles, was ich über die Produktion wusste, die ich mir am Staatstheater Braunschweig ansah. Und mit schamloser Absicht hatte ich mich außerdem überhaupt nicht auf diesen Abend vorbereitet. Nein, es gab keine kleinen Ausflüge auf Youtube und auch nicht auf Wikipedia. Denn wie oft hat man als Theaterinsasse die Möglichkeit, ein Werk der Romantik mit vollkommener Naivität und ganz unvoreingenommenen Augen und Ohren zu erleben? Es war letzten Endes aber doch ein Glück, dass ich früh genug angereist war, um aller guten Vorsätze zum Trotz den Einführungsvortrag zu erleben. (Übrigens ein ganz fantastisch lebendiger, kurzweiliger und informativer Vortrag vom leitenden Dramaturgen Christian Steinbock. Sowas muss auch mal gesagt werden.) Die Handlung von Meyerbeers Oper Le prophète, die grob auf historischen Ereignissen beruht, ist nämlich genauso verzwickt wie faszinierend.

 

Der Prophet

Berthe liebt Jean und Jean liebt Berthe. Deswegen wollen die beiden heiraten. Da Berthe aber eine Leibeigene ist, muss sie zuerst ihren Leibherrn – Graf von Oberthal – um Erlaubnis bitten. Zur moralischen Unterstützung nimmt Berthe ihre zukünftige Schwiegermutter Fidès mit. Oberthal hält die geplante Eheschließung für eine schlechte Idee und nimmt die beiden Damen gefangen. Wer weiß, wozu es gut ist! Währenddessen träumt Jean von einer rosigen Zukunft mit seiner Berthe. Da kommen drei Wiedertäufer vorbei. Die staunen über Jeans Ähnlichkeit mit einem Bild des Königs David im Dom zu Münster und wollen ihn gleich für ihre religiöse Bewegung gewinnen. Jean hat aber nur eins im Sinn: Jean liebt Berthe und Berthe liebt Jean. Da kommt ebendiese zur Tür hinein. Sie konnte fliehen, wird aber von Oberthal verfolgt. Dieser stellt Jean vor die Wahl: Entweder er liefert seine Geliebte aus oder seine Mutter muss sterben. Jean zerreißt es innerlich angesichts dieser Entscheidung – er schützt das Leben seiner Mutter Fidès und muss mit ansehen, wie seine Braut von einem anderen weggeführt wird. Kurzerhand schließt er sich doch den Wiedertäufern als deren neuer Prophet an, um später Rache an Graf von Oberthal zu üben.
Monate später herrscht Krieg. Die Wiedertäufer konnten mit ihrer Armee einige blutige Siege erringen, nur ein kleines Dorf namens Münster leistet noch Widerstand. In einem Waldstück in der Nähe eines Lagers der Wiedertäufer wird der Graf in Verkleidung aufgegriffen. Die Wiedertäufer wollen ihn hinrichten lassen, aber als Jean von ihm erfährt, dass Berthe vom Grafen nach Münster geflohen sei, lässt er ihn laufen. Diesmal können die Wiedertäufer die Stadt erfolgreich stürmen.
Dort herrscht Jean mit tyrannischer Hand. Da das ganze Blutvergießen seiner Wut aber kein Ende bereitet, will er sich außerdem noch zum König von Zion krönen lassen. Indessen glaubt sowohl seine Mutter Fidès als auch seine Braut Berthe, dass er tot sei und der Prophet dafür verantwortlich. Berthe will auf eigene Faust den vermeintlichen Tod ihres Geliebten rächen – Fidès geht erstmal im Dom beten. So ein Zufall, dass genau in diesem Moment die Krönungszeremonie des Propheten stattfindet. Sie erkennt ihren Sohn und gibt sich als dessen Mutter zu erkennen. Aber da Jean sich als Sohn Gottes ausruft und also keine leibliche Mutter haben darf, verleugnet er sie. Die Krönung nimmt ihren Lauf. Jean wird als Heiliger vom Volk angebetet. Das hält die führenden Persönlichkeiten der Wiedertäufer aber nicht davon ab, gegen ihren eigenen König zu intrigieren. Sie lassen sich auf einen Handel mit dem Kaiser ein, der sie verschonen will, wenn sie ihren Propheten ausliefern. Jean trifft währenddessen abseits der Menge auf seine lang vermisste Mutter, die ihn erst verflucht, dann aber ihrem geliebten Sohn bald vergibt. Als jedoch endlich auch Berthe erkennt, dass Jean und der Prophet ein und derselbe sind, ersticht sie sich voller Ekel vor seinen Taten. Jean erfährt von dem Verrat der Wiedertäufer und plant einen letzten Racheakt. Er lässt während des kaiserlichen Angriffs die Pulverlager des Schlosses in Brand setzen und reißt alle Angreifer und sein eigenes Gefolge mit in den Tod. Fidès stirbt mit Jean und Jean stirbt mit Fidès.

 

Dream a little dream

Liebe, Verrat, Wut, Rachegelüste, Gewalt, Größenwahn, Gnade, Selbstmord, Reue, Tod. Das sind die richtigen Zutaten, um nicht nur eine mitreißende Oper, sondern zugleich auch eine wirkungsvolle Inszenierung zu backen. Sollte man meinen. Der Regisseur der Braunschweiger Neuinszenierung Stefan Otteni hatte das Bedürfnis, dieser umfangreichen Handlung noch einen Rahmen hinzuzufügen. Zu Beginn des Abends während der Ouvertüre sehen wir wie ein Gefangener auf seine kümmerliche Bettstatt geführt wird. Dort legt er sich zu einem unruhigen Schlaf hin. Der Mann im Pyjama, der nachher auch Jean sein wird, ist zum Tode verurteilt und erträumt sich die Handlung der Oper. Das beginnt vielversprechend: Ein Teil des Ichs des Gefangenen spaltet sich in Form eines Doppelgängers ab.

Der Prophet (Arthur Shen) und sein Doppelgänger, Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Der Prophet und sein Doppelgänger, Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Dieser Statist schiebt dann eine große schwere Metallwand, die zu Beginn direkt hinter dem Portal steht, ganz in den Bühnenhintergrund. Auf diese Wand wird währenddessen der schlafende Jean in Großformat projiziert, sodass wir einen Raum zwischen Jean und Jean haben. Eine Innenansicht seines Bewusstseins also. Eine simple und sinnige Darstellung. Was dann im Verlauf des Abends problematisch wird, ist die unscharfe Trennung der Ebenen. Wenn es durchweg die Ebene des zum Tode Verurteilten und die Ebene des Traums bzw. der Erinnerung geben soll, müssen diese in bestimmter Weise markiert sein. Offenbar war die usprüngliche Absicht diese Markierung räumlich vorzunehmen, da der Schlafplatz vom Anfang die ganze Oper über bestehen bleibt. Auch das ist eigentlich eine simple und sinnige Idee. Aber wieso kann sich dann Jeans Mutter Fidès dort zum Ausruhen hinlegen, die ja wohl nicht plötzlich in die Gefängniszelle eingebrochen sein kann und schon gar nicht als Madonna verkleidet?

Der Prophet und seine Mutter (Anne Schuldt), Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Der Prophet und seine Mutter (Anne Schuldt), Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Schade, dass dieses Konzept nicht konsequent durchgeführt wurde. Mal ganz davon abgesehen, dass fraglich ist, was die zugefügte Rahmenhandlung zu einem besseren Verständnis oder gar einer fehlenden Aktualität (!) beitragen soll.

 

Gott will es!

Was könnte denn zeitloser sein als Kriegsführung im Namen Gottes? Leider! Und das bedeutet nicht einmal zwangsläufig, dass Le prophète unbedingt in ein aktuelles Krisengebiet hätte verlegt werden sollen. Eine spannende Erzählung des vorliegenden Materials hätte in diesem Fall genug Assoziationen und Entsetzen ausgelöst. Aber auch hier ist die Inszenierung von Stefan Otteni nicht konsequent. Einer der wichtigsten Faktoren für die Dramaturgie der Oper von Meyerbeer ist die Wandlung von Jean. Zuerst ist er der naive Liebende, dann der treue Sohn, der durch Außeneinwirkung zu einem rachedurstigen gewalttätigen Tyrann wird und der letztendlich in der erneuten Begegnung mit seiner Mutter zur Reue findet. In Braunschweig ist die Drastik der Gewaltherrschaft von Jean allerdings nicht so prägnant ausformuliert, wie es die Geschichte verlangt. Denn wie wirkungsvoll ist die Gnade der Mutter für ihren Sohn, den man auf der Bühne nie als skrupellos, gewalttätig oder gar blutrünstig erlebt? Da hilft es auch nicht, dass Jean während seiner eigenen Krönungszeremonie mit Blutbeuteln beworfen wird. Das sieht zwar nachher schön aus, aber die Passivität von Jean während dieses Happenings steht im Gegensatz zu seiner tatsächlichen Schuldigkeit.

 

Für Opernanfänger geeignet?

Nach diesem Erlebnis in Braunschweig geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Dass sogenannte werktreue bzw. werknahe Inszenierungen nach wie vor ihre Berechtigung auf den Spielplänen haben. Wenn man ein Stück überhaupt nicht kennt und es dann als Regietheater auf der Bühne erlebt, ist man einfach aufgeschmissen, total frustriert und abgeschreckt. Um das zu verhindern, bräuchte man im Vorhinein eine aufwändige Vorbereitung auf das Werk, die entweder viel Zeit oder viel Geld kostet. Wer kann das ernsthaft vom Zuschauer erwarten? (Nomadierende Theatergängerinnen mal ausgenommen.) Hilfreich wäre in diesem Zusammenhang vielleicht eine Skala, die Inszenierungen stufenweise bewertet nach der Eignung für Opern-Newbies bis Opern-Nerds.

Wäre das was?


Kritik im Opernfreund vom 20. Oktober 2014

Kritik im Online Musik Magazin

Kritik in Die deutsche Bühne vom 20. Oktober 2014

Kritik in der Operalounge


Le prophète. Oper in fünf Akten (UA 1849 Paris)

Staatstheater Braunschweig
Musikalische Leitung: Ernst van Tiel
Regie: Stefan Otteni
Bühne und Kostüme: Anne Neuser
Choreographie: Joshua Monten
Dramaturgie: Christian Steinbock

Besuchte Vorstellung: 19. Oktober 2014 (Premiere)

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