Oper | Rezension

SAMSON ET DALILA von Camille Saint-Saëns in Koblenz – Auge um Auge

15. September 2014
Samson et Dalila von Saint-Saëns

[tp  not_in=“en“ lang=“de“]Wer kennt sie nicht, die großen unvergesslichen Liebesgeschichten. Allein die Erwähnung von Namenspaaren wie Romeo und Julia, Tristan und Isolde oder Harry und Sally löst bei Romantikern ein leises Seufzen aus. Kein Wunder, denn diese Paare überwinden durch die Kraft ihrer Liebe nicht nur Familienfehden oder den Tod, sondern sogar latente Bindungsangst. Wenn man nun von Samson und Dalila hört und Katechumenenunterricht nicht aufgepasst hat, könnte man annehmen, dass sich dieses Pärchen in die oben genannten einreiht. Eine hübsche französische Romanze. Hach! Leider ist die verbindende Konjunktion „und“ in diesem Fall irreführend, denn die Oper von Camille Saint-Saëns ist alles andere als eine Geschichte über die alles überwindende und verbindende Kraft zweier Liebenden. Es ist ein Stück über einen erbitterten Konflikt, über unüberwindbare Mauern von Hass und Verrat.

 

Eine alte Geschichte

Die Israeliten, unter ihnen Samson, sind in Gefangenschaft der Philister. Durch Samsons Kraft, die ihm vom Gott Jehova eingegeben wurde, kann sich sein Volk jedoch befreien und ist nun in der Lage, einen offenen Kampf zu führen. Dalila, Philisterin und Priesterin des Gottes Dagon, hat indessen eine andere Form der Kriegsführung im Sinn. Sie verführt Samson und fordert als Beweis seiner Liebe und seines Vertrauens das Geheimnis seiner übermenschlichen Kraft. Samson erliegt Dalilas Reizen und wird nachts von den herbei gerufenen Philistern seines Haars und damit seiner Stärke beraubt. Er wird als Gefangener zur Schmähung in den Tempel von Dagon gebracht, wo er als Vergeltung mit einem letzten Hilferuf an Jehova seine Kraft wiedererlangt und den Tempel des Dagon zum Einsturz bringt. Die darin versammelten Philister werden unter den Trümmern des Gotteshauses begraben. Samson und Dalila ebenfalls.

 

Rache fordert Rache fordert…

Die Parallelsetzung dieses Konflikts mit den derzeitigen Auseinandersetzungen im Gazastreifen liegt nah. Die Regisseurin Waltraud Lehner umgeht stilsicher die platte Darstellung von Krieg und Tod und verzichtet bewusst auf Waffen und Theaterblut. Die Brutalität des Krieges und die Sensationsgier danach interessiert Lehner wenig. Vielmehr versucht sie dem Ursprung der Eskalation auf den Grund zu gehen. Im anfänglichen Streitgespräch zwischen den beiden führenden Gestalten der streitenden Völker ist die Spannung so geladen, dass ein Missverständnis zur Verschärfung des Konflikts führt. Ein unschuldiges Kind – von den Hintergründen der Auseinandersetzung ahnungslos und ohne Nationalstolz oder Nationalhass – wird im Spiel aus Versehen zum ersten Opfer des neuen Krieges und damit Auslöser aller folgenden Racheakte. Samson erschlägt aus Rache den Führer der Philister, Dalila beraubt Samson aus Rache seiner besonderen Kraft, Samson tötet aus Rache tausende Philister. Oder bleibt dieser letzte Racheakt in der Interpretation von Lehner sogar aus? Zuletzt zeigt eine Videoprojektion den aufrecht stehenden Samson, der immer größer wird, übermenschlich groß, um sich dann einfach umzudrehen und abzutreten. Ist er hier „the bigger man“? Beendet er die Fehde der Völker, indem er sich der Auseinandersetzung entzieht und sein Opfer ungesühnt lässt? Es wäre jedenfalls ein optimistischer Ausblick auf die Konflikte der Menschheit. Eindeutig ist dies aber nicht.

 

Samson gegen Dalila

Das Stück heißt nun aber nicht Philister gegen Israeliten, sondern trägt die Namen eines Mannes und einer Frau, Samson und Dalila. Diese ganz individuelle Begegnung  ist offenbar das, was im Zentrum der Oper steht. Das Aufeinandertreffen dieser beiden Menschen in der vermeintlichen Liebesnacht ist Dreh- und Angelpunkt des Konflikts. Mal angenommen, man würde an dieser Stelle den weiteren Verlauf der Geschichte nicht kennen – was wäre denn, wenn das Treffen glücklich ausginge? Was wäre, wenn Dalila Bewunderung verspüren könnte für den starken Israeliten, der sein Volk verteidigen will und dafür auch das Verhältnis zu ihr beenden möchte? Was wäre, wenn sie ihren Patriotismus vergessen hätte und nicht den Feind, sondern den Mann Samson gesehen hätte? Was wäre, wenn sie diesen Mann tatsächlich geliebt hätte? Dann wäre diese Nacht nicht nur eine zwischenmenschliche Vereinigung gewesen, sondern hätte auch Ausgangspunkt einer Völkerverständigung werden können. Eine Liebe, die sich über Glaubensunterschiede hinwegsetzt hätte, die Engstirnigkeit in offene Herzen verwandelt hätte. Hätte! Doch Dalila führt ihren Plan bis zur letzten Konsequenz durch. „Philister über dir!“ ruft sie ihrem entmachteten Opfer hämisch zu.

Aber ist Dalila wirklich die durchtriebene femme fatale, die männerfressende Patriotin? Ich glaube, in ihrem letzten Blick auf den kahl geschorenen und blinden Samson einen Anflug von Mitleid gesehen zu haben. Ein Anflug von Reue und einem Bewusstsein über das Ausmaß der Konsequenzen, die aus ihrem Verrat folgen werden? Vielleicht war es auch nur mein eigenes Wunschdenken, das diese Selbstzweifel in Dalilas Augen gelegt hat.


Kritik in der Rhein-Zeitung vom 15. September 2014


Samson et Dalila. Oper in drei Akten von Camille Saint-Saëns (UA 1877 Weimar)

Theater Koblenz
Musikalische Leitung: Joseph Bousso
Regie: Waltraud Lehner
Bühnenbild: Ulrich Frommhold
Kostüme: Katherina Kopp
Video: Georg Lendorff
Choreographie: Christina Liakopoyloy
Dramaturgie: Christiane Schiemann

Besuchte Vorstellung: 13. September 2014 (Premiere)

Weitere Vorstellungen: 26. September 2014 / 12. Oktober 2014 / 6., 15., 18., 21., 25., 28. Juni 2015 / 1. Juli 2015[/tp]

[tp lang=“en“ only=“y“ not_in=“de“]Who doesn’t know them, the unforgettable love stories. Only mentioning couples like Romeo and Juliet, Tristan and Isolde or Harry and Sally can trigger a longing sigh. No wonder as these twosomes share a love that can not only overcome family feuds or death itself, but even latent fear of commitment. When someone who didn’t pay attention during bible class then hears about the story of Samson and Dalila, one could expect those two to join the above mentioned with their very own cute french romance. Sigh! Unfortunately the connecting conjunction „and“ is in this case misleading, because the opera by Camille Saint-Saëns is not quite the story of the transcending and conjunctive power of two lovers – it is a story about unsuperable walls of hatred and betrayal.

 

It’s an old story

The Hebrews, one of them is Samson, are being held captive by the Philistines. With Samson’s god-given power he is able to free his people who is now in a position to fight an open battle. Meanwhile Dalila, priest of Dagon and Philistine, has her very own strategy of warfare. She seduces Samson and demands to know the secret of his supernatural force as proof for his love and trust. Samson gives in to Dalila’s attraction and at night he gets robbed of his hair and with that his power by the Philistines. He is being dragged into the temple of Dagon for amusement, where he calls out to his god Jehova to give him back his strength to take revenge. Samson tears down the whole temple and buries not only all of the assembled Philistines but also Dalila and himself.

 

Revenge desires revenge desires…

It’s easy to see parallels between this conflict and the terrible war that is still going on in the Gaza strip. Director Waltraud Lehner avoids the mere display of war and death and does without weapons or artificial blood. The brutality of war and the lust for its sensation is not of interest to her. She rather tries to get to the bottom of the origin of the escalation. In the initial disputation between the two leading figures of the quarreling peoples the situation gets so tense that a misunderstandment intensifies the conflict. An innocent child – ignorant of the background of the dispute and without national pride or hatred – accidentally gets killed, which is the starting point of the following acts of revenge. Samson takes vengeance by killing the leader of the Philistines, Dalila takes vengeance by robbing Samson of his power, Samson takes vengeance by killing thousands of Philistines. Or does he really takes his last revenge in the reading of Lehner? In the end a video projection shows Samson standing upright, who becomes bigger and bigger, and then just turns around and walks off. Is he quite literally being the bigger man? Does he end the feud between the peoples by refusing any further conflict and leaving his sacrifice unatoned? It would be an optimistic view on human conflicts. But it’s not absolutely clear.

 

Samson vs. Dalila

But the opera is not called Philistines vs. Hebrews – its title includes the names of a man and a woman, Samson and Dalila. Obviously this specific meeting is the center of this piece. The encounter of these two human beings in the alleged night of love is the linchpin of the conflict. Saying that we don’t know the further process of the story at this point – what would happen, if the meeting ends happily? What if Dalila was impressed by the strong hebrew, who wants to defend his people and is willing to give up his own passions for them? What if she forgot her patriotism and didn’t see the enemy but the man? What if she loved him? Then this night would not only have been a union of a man and a woman but could have been the origin of a settlement between peoples. A love that would have overcome differences of belief, a love that would have transformed narrow-mindedness into open hearts. Would! But Dalila follows her plan to its last consequence. „The Philistines are upon you!“ she shouts to her now powerless victim.

But is Dalila really the cunning femme fatale, the man-eating patriot? I think, I saw a glimpse of pity in her gaze on the shaven and blind Samson. A trace of remorse and the beginning of an awareness about the dimension of the consequences resulting in her betrayal? Maybe it was my own wishful thinking that put a self-doubt in Dalila’s eyes.


Review in Rhein-Zeitung vom September 15th, 2014


Samson et Dalila. Opera in three acts by Camille Saint-Saëns (UA 1877 Weimar)

Theater Koblenz
Conductor: Joseph Bousso
Staging: Waltraud Lehner
Stage design: Ulrich Frommhold
Costume design: Katherina Kopp
Video: Georg Lendorff
Choreography: Christina Liakopoyloy
Dramatic advisor: Christiane Schiemann

Visited performance: September 13th, 2014 (Premiere)

Further performances: September 26th, 2014 / October 12th, 2014 / June 6th 15th 18th 21st 25th 28th, 2015 / July 1st, 2015[/tp]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: