Oper | Rezension

DIE FRAU OHNE SCHATTEN von Richard Strauss in Wiesbaden – Das Wunder des Lebens

15. September 2014
Die Frau ohne Schatten in Wiesbaden

[tp not_in=“en“ lang=“de“]“Es gibt ’ne ganze Oper über ’ne Frau ohne Schatten? Dabei ham‘ die meisten doch ’nen Schatten!“ Das kommt dabei raus, wenn ich an der Kneipentheke über meine Abendplanung spreche. Nachdem ich mich umgesetzt hatte, fielen mir selbst noch andere Assoziationen zu diesem rätselhaften Titel ein. Schon bei Platon spielt der Schatten als Symbol eine maßgebliche Rolle – in seinem Höhlengleichnis steht er für das kümmerliche Abbild der Wirklichkeit, das wir für die Realität halten. Und ein paar Jahrtausende später liefert sich ein Comic-Cowboy regelmäßig Duelle mit seinem eigenen Schatten – und gewinnt. Offensichtlich bietet dieses Naturphänomen ganz unterschiedliche Zuschreibungen an. Welche Fantasie erwartete mich wohl in der Oper von Richard Strauss?

 

Es war einmal…

Es war einmal der Geisterkönig Keikobad, der hatte eine Tochter. Diese konnte sich verwandeln und wird eines Tages als Gazelle von einem Kaiser erjagt und zur Frau genommen. Seitdem kann sich die Kaiserin (mithilfe ihres Gatten) nur noch in eins verwandeln: das Tier mit zwei Rücken. Das machen die beiden fast ein Jahr lang gerne und ausführlich, bis die Kaiserin von ihrer Amme auf ein verhängnisvolles Ultimatum von Keikobad aufmerksam gemacht wird. Wenn sie nicht innerhalb von drei Tagen schwanger wird, muss sie zurück zu Papa und der Kaiser wird zu Stein. Blöd nur, dass sie als Feenwesen dazu von sich aus nicht in der Lage ist. Aber die ausgefuchste Amme weiß Rat und bringt die verzweifelte Kaiserin in das Reich der Menschen, wo sie der Frau des Färbers Barak die Fruchtbarkeit abkaufen will. Dieses Menschenpaar hat wiederum ganz eigene Probleme. Während Barak sich nichts sehnlicher wünscht, als Vater zu werden, verschließt seine Frau sich vor ihm und seiner biederen Bodenständigkeit und träumt stattdessen von glitzerndem Geschmeide und Tenören in goldenen Stringtangas. Genau diese Sehnsüchte will die Amme mithilfe ihrer magischen Kräfte erfüllen – als Tausch für die Fähigkeit, Babies zu kriegen, versteht sich. Aber die Kaiserin hat Skrupel. Sie erkennt, dass sie durch diesen Handel das Leben der Färber zerstören würde und verzichtet sogar angesichts ihres bereits zu Stein erstarrten Geliebten auf das unheilvolle Geschäft. Durch ihr Mitleid mit dem menschlichen Paar und ihre Selbstlosigkeit erhält die Kaiserin endlich die Fähigkeit, Mutter zu werden und die steinfarbige Pappmaché-Statue gibt ihren Mann frei. Unterdessen hatten außerdem Barak und seine Frau durch Streit und Konflikt zueinander gefunden und ihre Sehnsucht füreinander entdeckt, sodass beide Paare unter dem Gesang ihrer noch ungeborenen Kinder Händchen haltend ins Publikum lächeln können. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

Moment mal! Und wo war jetzt der Schatten?!

 

Suche: Reichtum / Biete: Schatten

Meine irreführende Zusammenfassung verrät nicht, dass es der titelgebenden Frau der Oper von Strauss anfangs an einem Schatten mangelt – das ist es, wonach sie in der Menschenwelt sucht und das ist es, was sie der Färberin abkaufen will. Der Schatten hat als Symbol eine lange Tradition. In den Mythologien vieler Kulturen steht der Schatten für einen wesentlichen und lebenswichtigen Bestandteil des Menschen, als Teil seiner Seele, der verletzt, verloren und wiedergefunden werden kann. Der Psychologe C.G. Jung definierte mit dem Begriff des Schattens den negativen, sozial unerwünschten und unterdrückten Teil des Selbst, der also ins Unbewusste abgeschoben wird. In diesem Assoziationsfeld lassen sich auch die Schatten der romantischen Literatur lesen, wie zum Beispiel in Adelbert von Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte, in welcher der Protagonist seinen Schatten verkauft und so zum gesellschaftlichen Außenseiter wird. In Strauss‘ Oper bekommt der Schatten als Symbol eine andere Färbung. Er wird hier als ein spezifisch menschliches Attribut gedeutet – im Gegensatz zur Lichtdurchlässigkeit der Kaiserin, die aus einem traumhaften Geisterreich stammt. Diese Menschlichkeit ist es, die Erlösung bringt und letztlich die Liebe vollkommen macht. Die Frau ohne Schatten erzählt viel von Strauss‘ persönlicher Wertschätzung von Ehe und Familie, die er (im Zusammenhang mit seiner Symphonia domestica, einem Werk über die Freude des bürgerlichen Familienlebens) so ausdrückte: „Die Heirat ist das ernsteste Ereignis im Leben, und die heilige Freude einer solchen Vereinigung wird durch die Ankunft eines Kindes erhöht.“1 In der Oper sind Kinder nicht nur Ziel aller Bemühungen, sie sind sogar noch ungeboren bereits stimmlich präsent und führen als Wegweiser die beiden Paare zum happy end.

 

Das Wunder des Alltags

Die Frau ohne Schatten ist mit ihrer Glorifizierung der Familie nicht nur eine außergewöhnliche Oper, sie ist auch ein außergewöhnliches Märchen. Die sogenannten Volksmärchen nehmen ihren Ausgangspunkt in einer realistischen, unglücklichen Situation, die durch das Einwirken eines wunderbaren Elements verbessert wird. Der Müllerssohn, der als jüngster Bruder nur den Kater erbt, wird durch dessen übernatürliche Verschlagenheit König. Die Halbwaise, die von ihrer Stiefmutter schikaniert wird, wünscht sich von einem magischen weißen Vogel ein prachtvolles Kleid und kann damit auf dem Ball des Königs das Herz des Prinzen für sich gewinnen.  Das Waisenkind, das seinen ganzen Besitz bis zum letzten Hemdlein den Armen schenkt, wird durch Sterne, die als Taler vom Himmel fallen, reich. In Strauss‘ Märchen hingegen ist es ein wundersames Wesen, das unglücklich ist und deswegen in der realen Welt nach Erfüllung sucht. Beim Regisseur (und frisch gebackenen Intendanten des Hessischen Staatstheters) Uwe Eric Laufenberg in Wiesbaden ist die Sphäre des Kaiserpaars eine komplett weiß lackierte, sterile, ungemütliche Welt, wohingegen die Werkstatt der Färber nicht nur von Berufs wegen bunter, sondern auch von fruchtbarer Auseinandersetzung erfüllt ist. Die Kaiserin erlebt diese häuslichen Konflikte hautnah mit und bezieht dazu Stellung. Sie gewinnt Profil durch die Betrachtung der Menschen, sie wird zu einem Widerstand sowohl für das Licht als auch für das diktatorische Ultimatum ihres Vaters und wird damit zu einem menschlichen Individuum.

 

Spieglein, Spieglein

Im letzten Bild der Oper senkt sich in Wiesbaden ein Spiegel aus dem Bühnenhimmel herab, sodass sich die Frau – nunmehr mit Schatten – zufrieden selbst zulächeln kann. Die Parallelsetzung des Spiegelbildes mit dem Schatten ist durchaus schlüssig und hat als Sinnbild für einen wesentlichen Aspekt des Selbst bereits in der Romantik Vorbilder, zum Beispiel in Die Geschichte vom verlornen Spiegelbild von E.T.A. Hoffmann. Laufenbergs Spiegel ist allerdings so groß, dass er nicht nur die glückliche Kaiserin abbildet, sondern auch das Publikum des Abends. Eine gemeinschaftsstiftende Andeutung, dass wir uns im gleichen Bild befinden wie die Kaiserin, die nicht nur sich selbst, sondern auch uns, ihre Mitmenschen, heiter anstrahlt und glücklich ist, Teil unserer Welt zu sein? Oder ist es eine zarte Aufforderung dazu, sich schnell zu vergewissern, ob man selbst (und seine Abendbegleitung) noch ein Spiegelbild hat? Ich saß ja im Rang und habe im Spiegel nur Bühnenboden gesehen.


Kritik in der Allgemeinen Zeitung vom 15. September 2014

Kritik im Deutschlandfunk vom 16. September 2014

Kritik in der Gießener Allgemeinen vom 15. September 2014

Kritik im Opernfreund vom 13. September 2014

Kritik im Opernnetz vom 13. September 2014


Die Frau ohne Schatten. Oper in drei Akten von Richard Strauss (UA 1919 Wien)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Musikalische Leitung: Zsolt Hamar
Regie: Uwe Eric Laufenberg
Bühne: Gisbert Jäkel
Kostüme: Antje Sternberg
Licht: Andreas Frank
Dramaturgie: Regine Palmai

Besuchte Vorstellung: 12. September 2014 (Premiere)

Weitere Vorstellungen: 18., 21., 25., 28. September 2014 / 3., 11. Oktober 2014 / 3. Mai 2015[/tp]

[tp lang=“en“ only=“y“ not_in=“de“]“There’s a whole opera about a woman without a shadow? Sounds lame.“ This is what happens when I try and talk about my evening plans at a bar. After I changed seats I thought about this title myself, which triggered different associations. Plato defined the shadow in his allegory of the cave as lesser images of reality, which by most of humanity is perceived as reality itself. Thousands of years later a comic cowboy engages in duels with his own shadow – and wins. Obviously it is possible to ascribe quite different meanings to this natural phenomenon. What might Richard Strauss’s fantasy about the shadow have been?

 

Once upon a time…

Once upon a time there was a king of spirits Keikobad, who had a daughter. This girl was able to transform herself and one day is caught as a gazelle by an emperor who made her his wife. Since that time the empress is only able to morph into one other creature (with her husband’s help): the beast with two backs. And that’s what they love to do for about a year until the empress’s nurse tells her about an ultimatum by Keikobad. If she isn’t able to get pregnant within three days, the empress would have to go back home to daddy and her beloved emperor would turn to stone. What a pity that as a creature of spirits she isn’t capable of that herself. But the nurse is in the know and leads the desperate empress to the mortal world, where she wants to buy the fertility from dyer Barak’s wife. This human couple got problems of their own. While Barak wishes to be father of a big family, his wife only dreams about glittering jewels and tenors in golden thongs. The nurse wants to fulfill exactly those dreams – in exchange for her ability to make babies, of course. But the empress scruples. She realizes, that she would destroy the lives of the dyers and refuses the malign trade even when she sees her petrified emperor. Because of her empathy with the mortal couple and her selflessness the empress gains her very own ability to become a mother and the stone-colored statue made out of papier maché crumbles. Meanwhile Barak and his wife made up and found a new longing for each other. In the end both couples are holding hands, grinning happily into the auditorium and listening to their unborn children’s voices. And they lived happily ever after.

Wait a second! What about the shadow?!

 

Wanted: Wealth / Offering: Shadow

My misleading summary doesn’t reveal that it’s a shadow that the woman from the title is missing in the beginning – that is what she is looking for in the mortal world and that is what she wants to buy from the dyer’s wife. The shadow as a symbol has a long tradition. In mythologies of many cultures the shadow stands for an essential and vital part of a human being, as part of their soul, which can be hurt, lost and regained. The psychologist C.G. Jung defines the negative, socially unwanted and thus suppressed part of the self as the shadow. These associations can also help understand the shadows in works of literature in romanticism for example in Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl’s miraculous story, in which the protagonist sells his shadow and becomes a social outsider. In the opera by Strauss the symbol of the shadow involves another aspect. Here it is defined as a particularly human attribute – in contrast to the permeable empress, who stems from world of spirits. This humanness is it, which brings salvation and in the end brings perfection to love. Die Frau ohne Schatten tells a lot about Strauss’s own appraisal for marriage and family. In the context of his Symphonia domestica, a piece about the joy of middle-class family life, he said: „Marriage is the most serious event in life, and the holy joy of this kind of union is exalted by the arrival of a child.“ (my translation) ((Franz Trenner: Richard Strauss. Dokumente seines Lebens und Schaffens, München 1954, S.96.)) In his opera children are not only the goal of all efforts but are throughout vocally present and guide the couples as markers to their happy endings.

 

 

The wonder of banality

Die Frau ohne Schatten is not only an extraordinary opera with its glorification of the family as institution, but also an extraordinary fairy tale. The so-called folktales have their starting point in a realistic, unfortunate situation, that is improved by the influence of a miraculous element. The son of a miller, who being the youngest brother inherits the family cat, becomes king because of the animal’s wiliness. The half-orphan is being mobbed by her stepmother, wishes for a beautiful gown and with that can go the king’s ball and win the prince’s heart. The orphan gives all of her possessions to even poorer people and finds herself in a rain of falling stars that turn out to be golden coins. However in Strauss’s fairy tale it’s a wondrous creature that is unhappy and looks for fulfillment in the real world. For director (and brand-new theater manager of the Hessisches Staatstheater) Uwe Eric Laufenberg the sphere of the emperor is a completely white, sterile and uncomfortable world, whereas the workshop of the dyers is not only more colorful because of their profession but also filled with fruitful quarrel. The empress experiences these domestic conflicts first hand and takes a stand. She gains contour while examining mortal life, she becomes resistant not only to light but also to the dictatorial ultimatum of her father and with that becomes a human individual.

 

Magic mirror…

In Wiesbaden in the last part of the opera there is a mirror lowered down from the ceiling of the stage, so that the women – now with shadow – is able to smile to herself. Putting the mirror image parallel with the shadow is quite conclusive, it has its examples as an essential aspect of the self in the era of romanticism like in The story of the lost mirror image by E.T.A Hoffmann. Laufenberg’s mirror however is big enough to not only reflect the happy empress but also the audience of the evening. A indication of communion with her, the audience as part of the same world as the empress, who doesn’t only smile to herself but also to us, her fellow mortal beings? Or is it maybe a soft request to quickly check if oneself (or one’s date) is still in possession of a mirror image? I myself was seated on the balcony and saw only the floor of the stage in the mirror.


Review in the Allgemeine Zeitung September 15, 2014

Review in Deutschlandfunk September 16, 2014

Review in the Gießener Allgemeinen  September 15, 2014

Review in Opernfreund September 13, 2014

Review in Opernnetz September 13, 2014


Die Frau ohne Schatten. Opera in three acts by Richard Strauss (UA 1919 Wien)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Conductor: Zsolt Hamar
Staging: Uwe Eric Laufenberg
Stage design: Gisbert Jäkel
Costume design: Antje Sternberg
Lighting: Andreas Frank
Dramatic advisor: Regine Palmai

Visited performance: September12,  2014 (Premiere)

Further performances: September 18th 21st 25th 28th, 2014 / October 3rd 11th, 2014 / May 3rd, 2015[/tp]

  1. Franz Trenner: Richard Strauss. Dokumente seines Lebens und Schaffens, München 1954, S.96. []

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