Oper | Rezension

BASTIEN UND BASTIENNE von Mozart / FLORENTINISCHE TRAGÖDIE von Zemlinsky in Halle – Lebendiges, heutiges Musiktheater

von am 26. November 2018

Am vergangenen Wochenende feierte ein sehr spezieller Doppelabend Premiere an der Oper Halle. Mit Mozarts Bastien und Bastienne und Eine florentinische Tragödie von Alexander Zemlinsky stellte der erst kürzlich mit dem Faust ausgezeichnete Regisseur Tobias Kratzer seine jüngste Arbeit vor. Und die hat es in sich. Ja, es gibt einen erigierten Penis zu sehen. Der ist aber nicht das Größte, an das ich mich an diesem Abend erinnern werde. Größer als jedes überdimensional projizierte Geschlechtsteil sind Witz und Klugheit, mit welchen Kratzer diese beiden Einakter stimmig und kurzweilig auf die Bühne bringt.

Wolfgang Amadeus Mozart: Bastien und Bastienne

Bastien und Bastienne, ein Jugendwerk von Mozart, handelt von einem jungen Schäferpaar, das im Streit liegt und erst durch Eifersuchtsspiele, initiiert vom Dorfzauberer Colas, wieder zueinander findet. So oder so ähnlich ließe sich das Original kurz zusammen fassen. Kratzer übersetzt diese Konstellation sinnfällig ins Heute und setzt alle drei Protagonisten vor ein digitales Endgerät, statt einander gegenüber. Leinwände über ihnen zeigen uns, was sie gerade auf ihren Displays sehen.

Bastienne (Vanessa Waldhart), Colas (Michael Zehe) und Bastien (Robert Sellier) zeigen uns wie man im digitalen Zeitalter Beziehungsprobleme löst, „Bastien und Bastienne“ von Mozart an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Bastienne hat Liebeskummer? Google hilft! Ich kann nicht umhin, mich beim Anblick dieser jungen Frau, die mit naiver Verzweiflung im allwissenden Internet um Rat sucht, ein wenig ertappt zu fühlen. Aber was ploppt denn da auf? Ihre einschlägigen Suchanfragen haben offenbar eine zielgruppengerichtete Werbung ausgelöst. Ein Liebesdoktor namens Colas bietet online seine Dienste an. Der kommt ja wie gerufen! Während Bastienne diesem Scharlatan der Neuzeit ihr Herz ausschüttet, checkt Bastien seine Alternativen auf Tinder ab. Swipe links. Swipe rechts. Man kennt das. Aber das wirklich Wahre ist für ihn bei der Dating-App nicht dabei, daher sucht auch er Rat bei Dr. Colas, wie er seine Bastienne wieder gewinnen kann. Colas ist aber weder Doktor, noch Liebesexperte, sondern ein verlotterter perverser Stubenhocker, dessen einzige Befriedigung neben dem Konsum von Junkfood im Intrigieren und Voyeurismus liegt. Er empfiehlt beiden, sich durch Abweisung und das Entfachen von Eifersucht wieder interessant zu machen. Er startet einen Videochat, in welchem Bastienne sich als sexy Beachgirl am Südseestrand inszeniert und Bastien mit einer Tinder-Eroberung prahlt. Am Ende gelingt trotzdem eine Versöhnung, die zu einvernehmlicher per Video übertragener Masturbation führt. Das Happy Ending wird allerdings von Colas verhindert, der den ganzen kindischen Streit der beiden mit Genuss verfolgt hat und sich nun verärgert in seiner vollen fettigen Ekelhaftigkeit offenbart. Ich war ein wenig erleichtert.

Alexander Zemlinsky: Eine florentinische Tragödie

Der Vorhang hebt sich zum zweiten Teil, spätromantische orgiastische Musik ertönt und in einem Möbelausstellungsraum mit Schlafzimmeraufbau fallen ein Mann und eine Frau übereinander her. Es sind Bianca und ihr Liebhaber, der Prinz von Florenz.

Bianca (Anke Berndt) und Prinz Guido (Matthias Koziorowski) freuen sich über die sturmfreie Bude, „Eine florentinische Tragödie“ von Alexander Zemlinsky an der Oper Halle, Foto: Falk Wenzel

Schnell kommen die beiden zum Ziel ihrer körpertechnischen Bemühungen und genießen Arm in Arm die Zigarette danach. Doch was ist das für ein Geräusch? Kann es sein, dass Biancas Ehemann vorzeitig nach Hause kommt? Der Prinz grabscht nach seinen Klamotten und springt rechtzeitig in den Kleiderschrank. Bianca begrüßt ihren Simone, der von einer erfolglosen Geschäftsreise zurückkommt. Doch als sie merkt, dass dieser ihr nicht die angemessene Zärtlichkeit entgegenbringt, sorgt sie kurzerhand für seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie öffnet den Schrank und lässt ihren Mann auf ihren halbnackten Liebhaber treffen. Simone reagiert aber nicht wütend, sondern heißt den Überraschungsgast willkommen. Es entspinnt sich ein perverses psychologisches Machtspiel, in welchem sozialer Status, Attraktivität, Selbstbewusstsein, Skrupellosigkeit, Begehrlichkeit und letztlich körperliche Überlegenheit gegeneinander aufgewogen werden. Bianca, das Zentrum dieses Spiels, hat ein abartiges Vergnügen an der Konfrontation der beiden Männer. Die Ermordung des Liebhabers durch ihren Mann ist für sie der Wendepunkt ihrer Ehe. Noch nie schien ihr Simone so stark. Und noch nie schien Bianca für Simone so schön.

Zwei Opern – kein Opernklischee

Die zwei Teile dieses Doppelabends verfolgen ganz unterschiedliche ästhetische Konzepte. Bei Bastien und Bastienne betrachtet man drei voneinander isolierte Personen in abgetrennten Räumen und wird mithilfe der auf Leinwand projizierten Bildschirme selbst zum vergnügten Voyeur. Sowohl Bastienne, Bastien als auch Colas werden zu Identifikationsfiguren. Wer hat nicht selbst schon im Internet nach Beziehungstipps gesucht? Wer hat sich noch nicht in Online-Datingportalen einen Überblick über verfügbare Möglichkeiten verschafft? Wer hat sich noch nie vor dem Computer mit Körperpflege beschäftigt? Tobias Kratzer stellt diese digitalisierte Beziehungswelt ungeschönt dar und verzichtet erfreulicherweise auf jegliche Kommentierung.

Zemlinskys Florentinische Tragödie dagegen ist in Kratzers Inszenierung ein psychologisches Kammerspiel. Ich selbst war erinnert an Szenen von Quentin Tarantino, der auch oft eine spannungsgeladene Personenkonstellation in einen abgeschlossenen Raum bringt und zusieht, wie die zwangsläufigen Konflikte bis zum tödlichen Ende ausgetragen werden. Hervorzuheben ist hier die durchweg authentische Darstellungsweise der drei Sänger, die sich nicht mit einem Als-Ob zufrieden geben und auch vor intimen Handlungen wie dem Austausch von Wein von Mund zu Mund nicht zurück schrecken.

Schlicht grandios

Wer einen rundum grandiosen, klugen, kurzweiligen, spannenden Opernabend erleben will, sollte also zu diesem Leuchtturm der deutschen Theaterlandschaft namens Oper Halle fahren. Ich selbst werde bestimmt noch öfter zu diesem Hoffnungsort des lebendigen Musiktheaters reisen.


Bastien und Bastienne. Singspiel in einem Akt von Wolfgang Amadeus Mozart. (UA 1768 bei Wien)

Eine florentinische Tragödie. Oper in einem Aufzug von Alexander Zemlinsky. (UA 1917 Stuttgart)

Oper Halle
Musikalische Leitung: Christopher Sprenger
Regie: Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier
Video: Manuel Braun
Dramaturgie: Kornelius Paede

Besuchte Vorstellung: 24. November 2018 ( Premiere)

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Kolumne | Oper

Wie geht REGIEASSISTENZ? (Teil 1: Dokumentation)

von am 6. Oktober 2018

Die neue Spielzeit hat begonnen! Habt ihr gerade ein Engagement als Regieassistent angetreten und wisst noch nicht, welche Aufgaben auf euch zukommen? Oder spielt ihr mit dem Gedanken, Regieassistent zu werden, wisst aber nicht, ob der Job das Richtige für euch ist?

In diesem Beitrag findet ihr gute und gut gemeinte Ratschläge zum Thema Regieassistenz für Musiktheater. Ich war selbst die letzten drei Spielzeiten fest als Assistentin engagiert und habe davor zwei Spielzeiten als freie Regieassistentin Opernproduktionen an unterschiedlichen Häusern betreut. Nun führt mich mein beruflicher Weg in eine andere Richtung – aber bevor ich abbiege, möchte ich das Gelernte mit euch teilen. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen bei den ersten Schritten in diesem besonderen und verantwortungsvollen Beruf.

Wenn ihr selbst schon Erfahrungen in diesem Bereich gemacht habt und merkt, dass ich etwas vergessen habe oder ihr selbst Tipps habt, die ihr gerne an die (zukünftigen) Kollegen weitergeben möchtet, seid ihr herzlich willkommen, sie in die Kommentare zu schreiben oder mich direkt zu kontaktieren. Ich werde diesen Beitrag aktuell halten.

Am Ende findet ihr außerdem ein paar Beispieldokumente ohne Anspruch auf Genialität, die ihr aber gerne korrigieren, verwenden oder weitergeben dürft.

Vorbereitung ist (fast) alles

Kalender, Pläne und Listen sind für euch als Regieassistenz die besten Freunde und mächtigsten Waffen. Das klingt nach mühsamer Büroarbeit? Ist es auch. Aber ohne gute Vorarbeit und Organisation wird es nachher nur noch stressiger, also macht euch die Arbeit lieber vor dem ersten Probentag, wenn ihr noch genug Zeit, Muße und Nerven habt.

Die ersten Dinge, mit denen ich mich vor einer neuen Produktion befasse, sind der Klavierauszug, das Szenario und der Produktionsplan.

Den Klavierauszug bekommt ihr bei eurer Bibliothek. Klassischerweise wechseln sich im Auszug für die Assistenten immer eine Seite Noten mit einer leeren Seite ab. Ich lasse mir – wenn es von der Bibliothek angeboten wird – den Klavierauszug immer so umlegen, dass ich links die Noten habe und rechts Notizen machen kann. Für einen Linkshänder ist es umgekehrt sicherlich sinnvoller. Außerdem lasse ich mir auch eine Linie drucken, die einen schmalen Bereich links abtrennt, wo ich die wichtigsten Cues wie Lichtstimmungen, technische Verwandlungen oder Auf- und Abtritte notiere. So kann man sich auf jeder Seite schnell einen Überblick verschaffen. Andere Assistenten lassen sich auf jede Seite einen Grundriss der Bühne drucken, um Positionen möglichst genau notieren zu können. Es gibt hier ganz unterschiedliche Vorlieben und Möglichkeiten – am besten ihr probiert aus, was für euch persönlich funktioniert. Falls es an eurem Haus mehrere Assistenten gibt (was ich euch von Herzen wünsche!), solltet ihr nachfragen, ob es ein Notationssystem gibt, nach dem sich alle richten müssen.
Ihr könnt den Klavierauszug natürlich ganz trocken lesen – schöner wird das Ganze aber mit einer Audio-Aufnahme. Meistens stellt die Dramaturgie eine auf Nachfrage zur Verfügung.

Das Szenario erstelle ich anhand des Klavierauszugs. Dabei gibt das tabellarische Szenario nur an, welche Figuren, wann auftreten und wie lange die Szenen ungefähr dauern. Das ist hilfreich für die Erstellung der Probenpläne und später auch für die Erstellung der Masken- und Kostümpläne. Bei komplexeren Produktionen habe ich aber auch oft mit einem ausführlichen Szenario gearbeitet. Hier können Angaben zu verwendeten Requisiten, Kostümen, Bühnenbildern, Verwandlungen oder Umzügen gemacht werden. Diese Art von Szenario ist logischerweise umfangreicher – daher ist es weniger gut für einen schnellen Überblick geeignet als das tabellarische. Am besten probiert ihr beides aus und entscheidet selbst, was für euch zweckmäßiger ist. Sehr wichtig in jeder Art von Szenario sind die Zeiten. Ich nehme sie für den ersten Entwurf aus einer Aufnahme und überprüfe sie bei Gelegenheit während der Proben. Oft gibt es diese Gelegenheit allerdings nicht – ihr werdet heilfroh sein, mindestens Annäherungswerte zu haben, wenn während der kräftezehrenden Endprobenphase die Abteilungen nach dem Szenario fragen und ihr eine Nachtschicht weniger einlegen müsst.

Der Produktionsplan ist ein Kalender für den Zeitraum der szenischen Proben. An manchen Häusern erstellt das KBB einen Produktionsplan – an vielen müsst ihr es selbst machen. Falls ihr einen fertigen Produktionsplan bekommt, solltet ihr diesen sehr genau (!) Korrektur lesen! Zu euren wichtigsten Aufgaben gehört, Fehler zu entdecken und zu korrigieren und Entscheidungen der Disposition im Hinblick auf die konkrete Produktion in Frage zu stellen. Wenn ihr den Produktionsplan selbst erstellt, könnt ihr das mithilfe der Wochenpläne tun, die das KBB herausgibt. Einer der wichtigsten Punkte an diesem Produktionsplan sind die Abwesenheiten der Darsteller. Es gibt immer Darsteller, die Urlaub haben bzw. noch welchen beantragen oder die noch für andere Produktionen proben oder die aus vertraglichen Gründen nicht immer für die Proben zur Verfügung stehen. Das kommt zum Beispiel häufiger vor, wenn es Gastsolisten gibt, die im Ausland leben und extra für die Produktion anreisen. Ihr solltet jedenfalls ganz genau (und eventuell mehrmals) nachfragen, ob alle Abwesenheiten aufgezeichnet sind. Falls ihr euch trotzdem unsicher seid, fragt am besten nach dem Konzeptionsgespräch alle Darsteller ab, ob die notierten Abwesenheiten stimmen. Ich habe oft genug erlebt, dass hier Termine verwechselt oder vergessen worden sind. Das sorgt in den meisten Fällen für (zu Recht) genervte Regisseure.

Listen, Listen, Listen

Wenn es sich nicht um eine extrem komplizierte Inszenierung handelt, seid ihr nun gut auf die erste Probe vorbereitet. Am ersten Probentag könnt ihr euch aber auf weitere wichtige Dokumente gefasst machen: Besetzungszettel, Kontaktliste, Requisitenliste, Grundrisse des Bühnenbilds, Grundrisse des Probebühnenaufbaus und Figurinen.

Besetzungszettel und Kontaktliste bekommt ihr vom KBB. Die Kontaktliste könnt ihr ein paar Mal kopieren – erfahrungsgemäß nehmen aber trotzdem nicht alle eine mit. Es hilft aber, wenn man die Sänger bittet, zumindest die Nummer des Assistenten einzuspeichern, für den Fall der Fälle. Ich selbst habe immer alle Nummern der Beteiligten schon vorher eingespeichert. Wenn dann mal ein Sänger zu spät kommt, muss ich nicht erst geräuschvoll nach der Telefonliste kramen, sondern kann einfach die Probebühne verlassen und sofort anrufen. Eine Requisitenliste bekommt ihr vom Regisseur oder vom Bühnenbildner – oder es gibt noch keine und ihr müsst selbst eine anlegen. Grundrisse des Bühnenbilds bekommt ihr vom Bühnenbildner selbst oder vom Ausstattungsassistenten. Lasst euch die Grundrisse und auch die Verwandlungen gut erklären. Der Bühnenbildner wird nicht ständig bei den Proben dabei sein und eventuell gibt es auch gar keinen Bühnenbildassistenten, das heißt, ihr müsst aufkommende Fragen selbst beantworten. An manchen Häusern gibt es auch Grundrisse für den Aufbau auf der Probebühne. Lasst euch auch hier alles von der technischen Abteilung erklären. Wichtig zu wissen ist, ob die Verhältnisse stimmen. Vermutlich wird auf der Probebühne alles ein wenig kleiner sein. Hier ist eure wichtigste Aufgabe, den Regisseur immer wieder daran zu erinnern, wenn es bei den Proben relevant ist. Häufig bringt der Kostümbildner Figurinen mit, um zu zeigen, wie er sich die Kostüme vorstellt. Manche Kostümbildner arbeiten aber auch mit Collagen und Foto-Sammlungen um annähernd ihre Ideen zu beschreiben. Lasst euch auch hier alles erklären. Haben die Kostüme Taschen? Brauchen wir Taschen? Wie weit und lang sind die Röcke? Welche Schuhe tragen die Darsteller? Gibt es schnelle Umzüge? Auch hier müsst ihr vielleicht während der Proben Auskunft geben.

Arbeitsprobenphase

Das Konzeptionsgespräch ist vorbei und nun können die szenischen Proben endlich losgehen! Moment… was wird eigentlich geprobt? Die Erstellung und Angabe des Tagesplans gehört zu euren wichtigsten Aufgaben vor bzw. während der Vormittagsprobe. Den ersten Tagesplan solltet ihr übrigens früh genug abfragen. Vermutlich kennt ihr den Regisseur noch nicht und wisst auch noch nichts über die Inszenierung. Lasst euch vom KBB die Kontaktdaten geben und fragt schon ein paar Tage vorher nach, wie der erste Probentag aussehen soll. Falls er sich nicht festlegen kann oder will, ist es keine Schande für den ersten Tag „Probe nach Ansage für alle Beteiligten“ aufschreiben zu lassen. Was den Tagesplan betrifft, habe ich mit ganz unterschiedlichen Typen zusammen gearbeitet – manche sind sehr organisiert und wissen schon vor der Vormittagsprobe ganz genau, wie der folgende Tag aussehen wird, manche sind jeden Tag aufs Neue von der Frage nach dem Tagesplan überrascht. Es ist nicht unüblich, dass ihr die ganze Pause damit verbringt, gemeinsam mit dem Regisseur einen Probenplan auszuarbeiten. Falls dies in einer Produktion bei euch der Fall sein sollte, kann ich euch nur raten, den Tagesplan persönlich beim KBB anzusagen. So kommt ihr mal kurz weg von der Probebühne und habt zumindest eine Ahnung von Pause. Auf dem Rückweg ist auch ein Umweg über die Kantine ratsam.

An jedem Haus gibt es eigene Regeln, wie der Tagesplan angesagt werden sollte. Manche möchten es nur telefonisch, an manchen Häusern muss man den Plan in ein Buch schreiben. Außerdem gibt es immer eine Deadline gegen Mittag. Fragt am besten nach, ob es eine hausinterne Regelung für Änderungswünsche nach der Deadline gibt. Denn sie werden kommen.

Endprobenphase

Wenn ihr dann endlich von der Probebühne auf die Bühne umzieht, stehen auch bald Beleuchtungsproben an. Dafür ist es sinnvoll Vorlagen für eine Beleuchtungsliste mitzubringen. Damit habt ihr alle wichtigen Informationen für jeden nachvollziehbar und schnell zur Hand.

Der größte Termin in der Endprobenphase ist dann die Klavierhauptprobe. Da hier alle zum ersten Mal mit den Originalrequisiten, Originalkostümen und vielleicht auch zum ersten Mal mit dem Originalbühnenbild konfrontiert sind, müsst ihr vor dem Beginn des Durchlaufs alles sehr gut und mehrfach checken. Wichtig ist hier der Kostümablauf, der für meine Produktionen allerdings immer von der Kostümabteilung selbst erstellt wurde. Es kann aber nicht schaden, einen Blick darauf zu werfen und die Augen nach Fehlern offen zu halten. Zu diesem Zeitpunkt kennt niemand die Produktion so gut wie ihr! Selbst der Regisseur kann bei Details überfragt sein – wie gut, dass ihr alle wichtigen Informationen schwarz auf weiß habt. Auch den technischen Ablauf solltet ihr mit diesem Hintergedanken zumindest überfliegen.

Vielleicht habt ihr bei dieser Probe sogar die Gelegenheit auch die Applausordnung zu arrangieren. Sprecht euren Regisseur ein paar Tage vorher darauf an und bereitet eventuell eine Applausordnung vor, die er dann korrigieren und absegnen kann. Wenn ihr neu an einem Haus seid, fragt ruhig die Kollegen, was dort üblich ist. Ein klarer, zügiger Ablauf ist hier angebrachter als große Choreographie.

Noch Fragen?

In den nächsten Beiträgen möchte ich euch von weiteren Aspekten einer Regieassistenz berichten. Ich habe mich zum Beispiel intensiv mit Stressbewältigung und Rechtlichem beschäftigt.

Aber wenn ihr ganz andere Themen oder Fragen über Regieassistenz habt – immer her damit!


Tabellarisches Szenario

Ausführliches Szenario

Produktionsplan

Requisitenliste

Beleuchtungsliste

Applausordnung

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Oper | Rezension

DIALOGE DER KARMELITINNEN von Francis Poulenc in Hannover – Psychisch und szenisch gestört

von am 5. Juni 2018

An der Staatsoper Hannover feierte am vergangenen Samstag eine der wenigen erfolgreichen Opern Premiere, die ganz ohne Liebesgeschichte auskommt. In den Dialogen der Karmelitinnen von Francis Poulenc geht es stattdessen um Angststörungen, Sehnsucht nach Sicherheit und Martyrium. Kein einfaches Unterfangen diese abstrakten Gegenstände bühnenwirksam darzustellen. In Hannover hat sich niemand geringeres als Dietrich Hilsdorf dieser Aufgabe angenommen und bringt dafür bewährte Unterstützung in Form von Bühnenbildner Dieter Richter und Kostümbildnerin Renate Schmitzer mit. Bei dieser Kombination kann man sicher sein, dass drin ist, was vorne drauf steht, dass es ästhetisch ansprechend ist und viel Wert auf Details gelegt wird.

Himmel und Hölle liegen nah beieinander

Vor Beginn des Stücks sieht man auf eine weiße Häuserreihe, vor der ein Vorhang einen Bauzaun darstellt. Zwei Kinder treten auf, die auf dieser Straße Himmel und Hölle spielen. Erst viel später wird mir bewusst, dass diese Häuser nicht beliebig sind, sondern konkret das sogenannte Horrorhaus von Höxter vorstellt, einen realen Ort, an dem sich gutgläubige Frauen den Himmel wünschten und die Hölle erlebten. An diesem unscheinbaren Ort wohnte ein Paar, das sich per Kontaktanzeige Frauen ins Haus holte und dort erniedrigte, misshandelte und teilweise bis zum Tod folterte. Die beiden Täter, die 2016 durch Zufall überführt wurden, sollen eine gemeinsame psychische Störung haben. Was hat dieser furchtbare Fall nun mit der Oper Dialoge der Karmelitinnen zu tun? Regisseur Dietrich Hilsdorf scheint die Geschichte von Blanche hinter einer ähnlich unscheinbaren Fassade zu sehen. Er zeigt eine gestörte Familiensituation, in der sich die ängstliche Blanche wie ein Kind unter dem Tisch versteckt, vom Bruder mit Suppe gefüttert wird und von der Gouvernante bemuttert wird. Gibt es da nicht sogar eine inzestuöse Beziehung zwischen den Geschwistern? Wieso bohrt der Bruder ihr immer wieder den Finger in die Schulter?

Milde ausgedrückt: Blanches Vater (Stefan Adam) ist mit ihrer (Dorothea Maria Marx) Entscheidung, ins Kloster zu gehen, nicht ganz einverstanden, „Dialoge der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Es sind diese kleinen penetranten und übergriffigen Gesten mit denen Hilsdorf zeigt, dass Blanche in ihrer Familie traumatisiert wurde. Ist das der Grund für ihre Angststörung und ihre Flucht ins Kloster? Jedenfalls findet sie dort nicht die heile Welt, nach der sie sich sehnt, denn gerade hier scheinen sich alle möglichen neurotischen Persönlichkeiten versammelt zu haben. Da gibt es Nonnen mit autoaggressivem Verhalten, mit uneingestandenem Kinderwunsch oder mit Minderwertigkeitskomplex. Kein besonders positives oder gar seliges Bild zeichnet Hilsdorf hier von den Karmelitinnen, die am Ende alle Märtyrerinnen sein werden.

Kein Kloster, kein Habit

Mich hat verwundert, dass Kostümbildnerin Renate Schmitzer in dieser Inszenierung komplett auf Habite verzichtet hat. Möglich ist, dass der Wunsch bestand, die Individualität der einzelnen Nonnen besser herauszustellen – aber besteht nicht gerade der Sinn des Habits darin, das Individuum in der Gemeinschaft aufzulösen? Außerdem bietet das Ordensgewand eine Sicherheit durch seine optische Abgrenzung vom bürgerlichen Leben. Ist es nicht auch das, was Blanche sucht und ist es damit nicht inhaltlich relevant?

Auch der Raum von Dieter Richter wirft Fragen auf. Nachdem der Bauzaun-Vorhang weggezogen wurde, öffnet sich die Häuserreihe, um den Blick auf einen einzigen Raum freizugeben. Auf eine Art ist es immer der gleiche Ort, an dem sich Blanche befindet. Wenn einen diese fehlenden Ortswechsel nicht sehr irritieren, könnte man sagen, dass sie ihrem Trauma nicht entfliehen kann. Manchmal werden allerdings Gegenstände in diesen Raum gebracht, um doch irgendwie ein anderes Zimmer darzustellen. Und wieso werden im zweiten Teil des Abends die Innenwände mintgrün gestrichen?

Naturalismus, gestört

Ohne Zweifel zeugt der Raum von Dieter Richter von einem gewohnt professionell entworfenem und umgesetzten Naturalismus. Dieser wird jedoch durchbrochen von einer hohen Reihe von Leuchtstoffröhren, die mit ihrem kalten Licht ein komplettes Eintauchen in die Szenerie unmöglich machen.

Nonnen ohne Habit werden überstrahlt von nüchternen Leuchtstoffröhren, „Dialoge der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Übertroffen wird diese konstante Störung später von Flutlichtern, die den gesamten Saal in ein gleißendes Licht tauchen und in dem sich der Zuschauer als Teil der blutdurstigen Menge am Schafott der Nonnen sieht. Ein alter Theatertrick, der leider schon zu oft angewendet wurde, als dass ein erfahrener Operngänger davon noch betroffen sein könnte.

Durch Mark und Bein

Was diesen Abend jenseits aller offenen Fragen oder Zweifel aber zu einem Erlebnis macht, ist der Schluss. Die Karmelitinnen singen angesichts ihrer Hinrichtung den Psalm 117 „Lobet den Herrn, alle Völker!“. Währenddessen hat sich hinten eine Tür geöffnet. Dahinter zeigt sich ein weiß-glühender, endloser Raum. Eine nach der anderen nähert sich rückwärts gehend dieser Tür, durchschreitet sie und verschwindet hinter der im Rhythmus der Musik zuschlagenden Tür. Es ist ein markerschütternder Knall, der offenbar durch einen speziellen Türrahmen in Kombination mit einer Tonverstärkung erzeugt wird und der in seiner monotonen Wiederholung den Schrecken der Enthauptungen intensiver hervorruft als es jede konkrete Darstellung vermocht hätte.

Augenblicke vor ihrer Hinrichtung singen und beten sie, „Dialoge der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc an der Staatsoper Hannover, Foto: Thomas M. Jauk

Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Es steht Hilsdorf drauf und es ist Hilsdorf drin. Feine psychologische Personenregie, Verfremdungstechniken und mindestens eine geniale Idee, die auch dem letzten Regietheater-Muffel den Mund offen stehen lässt.


Dialoge der Karmelitinnen (Dialogues des Carmélites). Oper in drei Akten von Francis Poulenc (UA Mailand 1957)

Staatsoper Hannover
Musikalische Leitung: Rauhalammi
Regie: Dietrich W. Hilsdorf
Bühne: Dieter Richter
Kostüme: Renate Schmitzer
Licht: Susanne Reinhardt
Dramaturgie: Swantje Köhnecke

Besuchte Vorstellung: 2. Juni 2018 (Premiere)

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