"Julietta" von Bohuslav Martinu an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

JULIETTA von Bohuslav Martinu in Frankfurt – Alles nur geträumt

Stell dir vor, du wachst auf und merkst: Dein Leben war nur ein Traum. Was würdest du tun? So ungefähr lässt sich das Thema der Oper Julietta von Bohuslav Martinu umreißen, die am vergangenen Samstag an der Oper Frankfurt ihre Premiere in der Inszenierung von Florentine Klepper feierte. Ein Abend, der eine große Frage aufwirft: Warum wird dieses Stück nicht viel öfter gespielt?

Hier gibt es überhaupt keinen Bahnhof!

Michel lebt im toll turbulenten Paris. Aber trotz der zahllosen Möglichkeiten (und zahlreichen Frauen), die es in dieser Großstadt zu erleben gibt, zieht ihn seine Sehnsucht an einen anderen Ort: in eine kleine Hafenstadt, in der er sich drei Jahre zuvor in die Stimme eines Mädchens verliebt hat. Julietta. Michel kehrt also in dieses Städtchen zurück, um die Frau seiner Träume zu suchen und zu erobern, muss aber feststellen, dass sich die Bewohner dieses Orts sehr merkwürdig verhalten. Bald wird klar, dass keiner von ihnen Erinnerungen hat und deswegen auch niemand in der Lage ist, Auskunft über Julietta zu geben. Plötzlich erklingt das Lied, das Michel nie vergessen konnte. Julietta scheint sich auch an ihn zu erinnern und sogar die ganze Zeit auf ihn gewartet zu haben. Sie verabreden sich im nahen Wald, um ihr Gespräch ungestört fortsetzen zu können.

Michel ist vor seiner Traumfrau am vereinbarten Ort. Beim Warten begegnet ihm ein Erinnerungs-Verkäufer. Als Julietta dazukommt, ist sie gleich Feuer und Flamme für die Erinnerungen, die zum Verkauf stehen und sofort bereit, diese als die gemeinsamen Erlebnisse von sich und Michel anzunehmen. Aber der will diese fiktiven Erinnerungen nicht, er will Julietta viel lieber erzählen, woran er sich wirklich erinnert. Das ist ja wohl das Lächerlichste, was Julietta jemals gehört hat! Sie geraten in Streit, es löst sich ein Schuss aus Michels Pistole, jemand schreit. Hat er Julietta getötet? Bevor er sie im Dickicht des Waldes finden kann, ist schon das Tribunal der Stadt zur Stelle, das ihn sofort hinrichten will. Michel erzählt aber schnell irgendwelche erfundenen Erinnerungen, sodass alle Beteiligten vergessen, dass sie ihm eben noch den Kopf abschlagen wollten. Aber auch wenn jetzt alle wieder friedlich sind, ist Michel diese Stadt nicht geheuer. Er macht sich auf den Weg zum Hafen, wo ein Schiff auf ihn wartet.

Auf einmal ist Michel in einem Büro. Es ist die Zentrale, von wo aus ein Beamter alle Träume verwaltet und arrangiert. Dieser will Michel nun zurück in die Realität schicken – der aber will nicht akzeptieren, dass alles nur ein Traum gewesen sein soll. Während Michel sich im Büro rumdrückt, kommen weitere Kunden in das Traumbüro. Einer will in den wilden Westen, einer will ein Herrenhaus bewohnen, einer will den Sonnenuntergang sehen und alle wollen sie eine wunderbare Frau: Julietta. Als Michel diesen Namen aus dem Mund der anderen Männer hört, ist er schockiert. Das hält ihn aber nicht davon ab, ihrer Stimme zu gehorchen, die ihm befiehlt im Reich der Träume zu bleiben – auch wenn es bedeutet, dass er nie wieder in die Realität zurückkehren kann.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Ist das, was ich gerade hier und jetzt erlebe, tatsächlich die Wirklichkeit? Eine Frage, die jederzeit interessant ist – ob man nun sein Schulwissen um das bekannte Höhlengleichnis von Platon bemüht oder nach einem gemeinsamen DVD-Abend mit Matrix, Inception oder The Others in Diskussionen verfällt.
Die Oper Julietta von Bohuslav Martinu basiert auf einem Stück von George Neveux, einem Vertreter des literarischen Surrealismus. Diese geistige Bewegung beschäftigte sich gerne mit der Idee des Lebens als Traum und umgekehrt. Außerdem verdankt die Oper dem surrealen Urtext ihre abstrusen Nebenfiguren, die einen Großteil des Charmes dieses Werks ausmachen.
Martinu öffnet neben dem Traum aber noch einen weiteren Themenkomplex: die Erinnerung. Auch hier werden ewige und vielleicht gerade durch den aktuellen Diskurs über die Kommunikation mit Demenzkranken hochinteressante Fragen aufgeworfen: Was bedeutet die Abwesenheit von Erinnerung für mein Selbst? Kann ich mich durch fiktive Erinnerungen immer wieder neu erfinden, wenn nicht sogar optimieren? Oder bedeutet das Vergessen den Verlust der Identität?

Drinnen

Als sich in Frankfurt der Vorhang zum Beginn der Vorstellung hebt, wird klar, dass es sich bei dem Bühnenbild um einen Regieeinfall handelt, der leider weder dem Verständnis der selten gespielten und damit weithin unbekannten Oper zuträglich ist, noch dem Stück eine originelle Ebene hinzufügt. Die gesamte Inszenierung von Florentine Klepper spielt in einem Innenraum. Dieser Raum ist großflächig mit Holz verkleidet und stilistisch an den Bauhaus-Stil angelehnt.

Michel (Kurt Streit) kommt zur Tür rein und wird von den Geschehnissen überlaufen, "Julietta" von Bohuslav Martinu an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller
Michel (Kurt Streit) kommt zur Tür rein und wird von den Geschehnissen überlaufen, “Julietta” von Bohuslav Martinu an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

In der Mitte dieses sehr symmetrischen Bühnenbilds von Boris Kudlicka  befindet sich ein Rahmen, in dem haufenweise grüne Gummipflanzen an den Schaukasten in einem Naturkundemuseum erinnern. Der Verdacht, dass dieses Plastikgestrüpp den Wald darstellen soll, wird bestätigt.

Julietta (Juanita Lascarro) und Michel (Kurt Streit) im Plastikwald, "Julietta" von Bohuslav Martinu an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller
Julietta (Juanita Lascarro) und Michel (Kurt Streit) im Plastikwald, “Julietta” von Bohuslav Martinu an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

Die generelle Verortung der Inszenierung ist aus unterschiedlichen Gründen höchst problematisch und fragwürdig. Den ganzen Abend über bleibt die Frage, welche Assoziationen dieser Raum hervorrufen soll. Ist es das Wohnzimmer von Michel? Ist es vielleicht der Aufenthaltsraum eines Irrenhauses oder eines Altenheims? Aber wenn eine der  beiden letztgenannten Möglichkeiten zutreffen sollte, warum sollte dann ein Mann im besten Alter in dieses Heim reinplatzen, um eine schöne junge Frau zu suchen? Und wieso faselt er von irgendeiner Stadt am Hafen und einem Hotel? Die Regie nimmt sich doch selbst die Butter vom Brot, wenn sie den Zuschauer bereits zu Beginn der Oper annehmen lässt, dass Michel verrückt ist. Eine Identifikation mit ihm ist unerlässlich, um sich im dritten Akt von der absurden Situation im Traumbüro irritieren zu lassen.

Da capo, bitte

Am Ende lässt Regisseurin Florentine Klepper die Handlung wieder von vorne beginnen – der (Alp-)Traum nimmt kein Ende, da sich Michel für ein Dasein in dieser irrealen Sphäre entschieden hat. Eine schlüssige Idee, die allerdings ohnehin im Stück angelegt ist. Aber warum finden die Träume hinter einem Theatervorhang statt? Weil die Träume eine inszenierte Show vom Beamten sind? Soll hier das Theater mit einer parallelen Realitätsebene gleichgesetzt werden? Oder ist das Theater – wie der Traum – eine Möglichkeit aus der ungastlichen Realität zu entfliehen?

Das Regie-Konzept der Frankfurter Produktion von Julietta geht nicht ganz auf. Trotzdem sollte man sich diese wunderbare Oper von Bohuslav Martinu nicht entgehen und sich zu vielen anregenden Diskussionen über die Traumhaftigkeit des Lebens inspirieren lassen.


Kritik der Allemeinen Zeitung vom 23. Juni 2015

Kritik auf op-online.de vom 23. Juni 2015

Kritik der FAZ vom 23. Juni 2015

Kritik im Deutschlandfunk vom 23. Juni 2015

Kritik im Wiesbadener Kurier vom 23. Juni 2015

Kritik in der Frankfurter Rundschau vom 22. Juni 2015


Julietta. Lyrische Oper in drei Akten von Bohuslav Martinu (UA 1938 Prag)

Oper Frankfurt
Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Regie: Florentine Klepper
Bühne: Boris Kudlicka
Kostüme: Adriane Westerbarkey
Licht: Jan Hartmann
Video: Mario Spiegel
Dramaturgie: Norbert Abels

Besuchte Vorstellung: 21. Juni 2015 (Premiere)

"Médée" von Luigi Cherubini am Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

MÉDÉE von Luigi Cherubini in Mainz – Oper mit Nashorn

Medea. Hinter diesem Namen, der so lieblich klingt, verbirgt sich eine der entsetzlichsten Geschichten der Weltliteratur.  Ihren Ursprung hat sie in der griechischen Mythologie – seitdem wurde sie in Dramenform gepackt (unter anderem 431 v. Chr. von Euripides, 1635 von Pierre Corneille und 1982 von Heiner Müller) in Prosa verarbeitet (1996 von Christa Wolf) oder eben auch auf die Opernbühne gebracht (1797 von Luigi Cherubini oder 2010 von Aribert Reimann). Es scheint sich also um einen Stoff zu handeln, der an wesentlichen menschlichen Befindlichkeiten rührt. Das Staatstheater Mainz hat sich nun mit seiner Hausregisseurin Elisabeth Stöppler an die Oper Médée von Cherubini gewagt. Rührt uns das?

Von Liebe über Verrat bis Mord

Hochzeitstag! Dircé, die Tochter von Créon, dem König von Korinth, soll Jason heiraten. Jason ist der Ex von Médée. Erst vor Kurzem hat er sie für seine neue Verlobte sitzengelassen. Deswegen befürchtet Dircé, dass Jason auch sie ohne zu zögern für den nächsten kurzen Rock verlassen könnte. Und dann ist da auch noch die Sorge, dass die sogenannte Barbarin Médée diese Enttäuschung nicht unkommentiert lassen wird. Jason möchte guten Willen und seine neue Treue zu Dircé beweisen und hat als Hochzeitsgeschenk seinen wertvollsten Besitz mitgebracht: das Goldene Vlies. Wow! Wenn man da nicht von der ewigen Liebe und Treue des Mannes überzeugt ist! Vor allem, weil Jason damals dieses Goldene Vlies nur mit Hilfe von Médée bekommen hat und es seither ein Symbol von deren “unauflöslicher” Verbindung war. Wie in jedem Blockbuster platzt auch hier die eifersüchtige Exfrau in die Hochzeitsfeier. Médée wil, dass Jason zu ihr zurückkommt. Nein, Jason ist ganz zufrieden mit seiner Dircé (und mit der Tatsache, dass er auf diese Weise zum Thronfolger von Korinth wird). Und weil Médée das nicht einsehen will, wird sie von Créon in Gewahrsam genommen. Im Gefängnis verhandelt Médée mit dem König. In all seiner Großzügigkeit bietet er ihr an, das Land ohne weitere Konsequenzen zu verlassen. Médée willigt unter der Bedingung ein, dass sie noch einen einzigen weiteren Tag in Korinth bleiben kann. Die nächste Verhandlung im Kerker hat Médée dann mit ihrem treulosen Jason. Sie verlangt das alleinige Sorgerecht für die beiden Kinder, was der Vater strikt ablehnt. Die beiden können sich aber immerhin darauf einigen, dass Médée ihren letzten Tag in Korinth mit den Söhnen verbringen darf, um sich angemessen verabschieden zu können. Der neue Tag bricht an. Plötzlich stirbt Dircé – Jason ist erschüttert. Währenddessen ist Médée mit ihren Kindern zusammen und erkennt, dass es nur eine konsequente Möglichkeit gibt, Rache an Jason zu üben: Sie muss und wird die gemeinsamen Söhne ermorden, um die letzte Verbindung zwischen ihnen zu kappen.

Wozu Musik hören, wenn man auch Text lesen kann

Die Vorstellung am Staatstheater Mainz fängt vielversprechend an. Nach den ersten Takten der Ouvertüre freut sich der geneigte Zuschauer auf wunderbare Musik zwischen Reformoper und Romantik. Der Regisseurin Elisabeth Stöppler war die musikalische Ouvertüre von Cherubini als Einleitung und Einstimmung für die folgende Handlung allerdings nicht genug. Auf ein weißes Feld im oberen Drittel der hinteren weißen Wand des weiß, weiß, weißen – in seiner Puristik höchst ästhetischen – Bühnenbilds von Annika Haller wird die gesamte Vorgeschichte projiziert.

Im oberen Schaukasten gibt es bebildernde Pantomime oder kluge Texte zu sehen, "Médée" von Luigi Cherubini am Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter
Im oberen Schaukasten gibt es bebildernde Pantomime oder kluge Texte zu sehen, “Médée” von Luigi Cherubini am Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

Satz für Satz liest und liest und liest man: Das Goldene Vlies ist im Besitz von König Aites in Kolchis. Jason, ein Königssohn aus Iolkos wird von Pelias beauftragt, das Vlies zu rauben. Jason überquert das Meer mit dem Schiff Argo. Und so weiter. Und so fort. Das alles ist hochinteressant und trägt garantiert auch zum besseren Verständnis und zu einem umfassenderen Bild von Médées Charakter und ihrer Beziehung zu Jason bei.  Allerdings wird im Verlauf des Abends klar, dass die Oper von Cherubini alle Informationen, die für eine dichte Zeichnung von Charaktere und Handlung wichtig sind, nach und nach vermittelt. Zudem führt die Überlagerung der kompletten Ouvertüre mit Text leider dazu, dass ein Großteil der Aufmerksamkeit von der Musik abgezogen wird. Mehr Vertrauen in die Dramaturgie und den emotionalen Inhalt der Ouvertüre wären hier wünschenswert gewesen.

Da wurde schon viel zu gesagt

Das führt einen zwangsläufig zum zweiten konzeptionellen Knackpunkt der Inszenierung von Elisabeth Stöppler. Bei der Mainzer Médée wurde nämlich ein Großteil der gesprochenen Dialoge durch werkfremde Texte ersetzt, die mittels einer Tonbandeinspielung von einer weiblichen Stimme gesprochen werden. Da finden sich beispielsweise Auszüge aus Albert Camus’ Essay Hochzeit in Tipasa, Christa Wolfs Roman Medea. Stimmen, Euripides’ Medeia und viele Passagen aus Heiner Müllers Medeamaterial. Besonders die Texte von Müller sind unglaublich tief und vielschichtig und überwältigend. Man könnte auch sagen: zu tief, zu vielschichtig und zu überwältigend. Jedenfalls für diesen Abend. Der Wunsch, andere Medea-Verarbeitungen in eine heutige Interpretation dieses Stoffes miteinzubeziehen, ist höchst sympathisch und klug. Das Vorhaben ist aber in der hier entstandenen Form leider nicht gelungen, da einen das Gefühl beschleicht, dass der Stärke von Cherubinis Oper nicht vertraut wurde. Zudem sind die Tonbandtexte uneinheitlich gewählt und sie werden inkonsequent benutzt. Manchmal ist es eine Erzählerstimme, welche die Atmosphäre beschreibt. Manchmal werden die Gedanken einer bestimmten Figur aus der Egoperspektive verdeutlicht. Manchmal übernimmt sie sogar eine Stimme im Dialog, zu der sich die Figuren auf der Bühne unmittelbar verhalten. Überraschend und inkonsequent ist auch, dass manche Dialoge dann doch von den Sängern direkt (auf Französisch) gesprochen werden. Pourquoi?

Das Goldene Horn

Spoiler Alert: In der Médée in Mainz gibt es ein (künstliches) Nashorn in Lebensgröße. Das tote Tier wird während der Hochzeitsfeier von Dircé und Jason aus dem Bühnenhimmel hinabgesenkt und nachher von seinem wertvollsten Körperteil getrennt: seinem Horn. Die Parallelsetzung vom Horn des Rhinozeros mit dem Goldenen Vlies (das in der griechischen Mythologie das Fell eines goldenen Widders ist, der ehemals fliegen und sprechen konnte) ist nicht abwegig, wenn man bedenkt, dass es vor allem in Asien eine große Nachfrage nach Horn gibt, dem man heilende und/oder potenzsteigernde Wirkung zuschreibt.

Dircé (Dorin Rahardja) soll das Brautgeschenk von Jason (Philippe Do) ganz toll finden, sagt der König (Peter Felix Bauer), "Médée" von Luigi Cherubini am Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter
Dircé (Dorin Rahardja) soll das Brautgeschenk von Jason (Philippe Do) ganz toll finden, sagt der König (Peter Felix Bauer), “Médée” von Luigi Cherubini am Staatstheater Mainz, Foto: Andreas Etter

Regisseurin Elisabeth Stöppler erklärt im Programmheft außerdem, dass das Verhältnis zwischen Korinth und Kolchis (der Heimat von Médée) dem heutigen Verhältnis zwischen Europa und Afrika entspricht. Aha, deswegen also ein afrikanisches Tier, afrikanische Flüchtlinge und afrikanische Rituale. So ganz geht diese Übertragung nicht auf und letzten Endes irritiert sie auch nur, da sie viel Energie und Aufmerksamkeit vom Zentrum dieses Abends abzieht: Médée und ihre Verletztheit, Médée und ihre Rachsucht, Médée und ihr Mord an den eigenen Kindern. Brauchen wir wirklich Turbane, Nashörner und schlaue Texte, um von dieser Geschichte erschüttert zu werden?


Kritik des SWR2 vom 15. Juni 2015

Kritik in der Allgemeinen Zeitung vom 15. Juni 2015

Kritik in der Frankfurter Rundschau vom 15. Juni 2015


Médée. Oper in drei Akten von Luigi Cherubini (UA 1797 Paris)

Staatstheater Mainz
Musikalische Leitung: Andreas Spering
Regie: Elisabeth Stöppler
Bühne: Annika Haller
Kostüm: Ingo Krügler
Licht: Alexander Dölling
Dramaturgie: Ina Karr

Besuchte Vorstellung: 13. Juni 2015 (Premiere)

"Abends am Fluss" von Lior Navok an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

AN UNSEREM FLUSS von Lior Navok in Frankfurt – Von allem zu wenig

Wenn mehrere Gruppen von Menschen auf engem Raum zusammenleben, stellt sich unweigerlich ein Abgrenzungsverhalten ein. Besonders stark ist dieses Verhalten bei Gruppierungen mit unterschiedlichen religiösen Vorstellungen. Der Nahost-Konflikt ist da nur ein extremes Beispiel von vielen. Die Oper Frankfurt hat nun ein Werk in Auftrag gegeben, das eine relevante, künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema sein will. Am 31. Mai erlebte die Oper An unserem Fluss des israelischen Komponisten Lior Navok ihre Uraufführung im Bockenheimer Depot. Ist das politisches Musiktheater?

Big Uncle is buying you

Ort der Handlung ist ein unbestimmter Ort, der für zwei unterschiedliche Glaubensgemeinschaften Zuflucht und eine bessere Zukunft verspricht. Auf der Suche nach Wasser begegnen sich Lucia und Sipho. Die beiden Jugendlichen entdecken nicht nur eine sprudelnde Quelle, sondern leider auch, dass sie den verfeindeten Sippen angehören. Wem gehört nun die lebenswichtige Ressource, die sie gemeinsam entdeckt haben? Die beiden trennen sich im Streit. Lucia murmelt im Weggehen aber noch „Wiedersehen?“, was den Beginn einer Liebesgeschichte bedeutet. Währenddessen verteidigen die beiden Völker ihre Grenzen mit Waffengewalt. Die Situation eskaliert, auf beiden Seiten sterben Menschen. Dann tritt auch noch der sogenannte Big Uncle auf, der Repräsentant einer unbekannten Macht, die beide Seiten mit Hilfszuwendungen versorgt. Sipho und Lucia beobachten diesen doppelten Betrug und beschließen, für eine friedvolle Zukunft zu kämpfen.

Nicht nur in Nahost

So. Und jetzt? Die Oper An unserem Fluss von Lior Navok bietet weder neue Informationen, noch eine originelle Perspektive auf Situation und Hintergründe von zwischenmenschlichen Konflikten. Und leider kann auch von einer gelungenen künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema oder einer bereichernden Verschränkung einer aktuellen politischen Frage mit dem klassischen Romeo und Julia-Stoff keine Rede sein. Das Libretto strotzt von Allgemeinplätzen (“Wir kaufen die öffentliche Meinung, wie immer”, „Neugierige Katzen verbrennen sich die Tatzen“) und bis ins Letzte ausformulierten Haltungsdarstellungen (“Wir kämpfen für Gerechtigkeit! Wir bekennen uns zum Frieden!” von beiden Anführern gleichzeitig gerufen, “Wir helfen doch! Wir beliefern beide Seiten gleich” ). Keine schlechte Idee ist, die Namen der Figuren so zu wählen, dass kein eindeutiger Kulturraum zuzuordnen ist. Der Komponist wünscht sich nämlich laut Libretto auch, dass in keinen Fall ein nahöstlicher Hintergrund im Bühnen- oder Kostümbild offensichtlich wird. So wirkt Lucia italienisch, Allendorf deutsch, Bucksmann englisch und Rutget klingonisch. Unbeholfen wirkt dieses Prinzip aber bei Namen wie Chicken-Heart, Right-Hand und dem größten Holzhammer des Abends: Big Uncle. Die Anspielung auf die allgegenwärtige und rettungslos manipulative Macht aus dem Roman 1984 von George Orwell tut nicht nur weh, sie ist auch nur bedingt sinnig, da es in Navoks Stück nicht um eine kontrollierende Instanz geht, sondern in erster Linie um eine korrupte, reiche, geldgierige dritte Partei. Zum Glück erspart uns die Regie von Corinna Tetzel die von Lior Navok vorgeschlagene äußerliche Darstellung der zwei Big Uncles mit Schweinemasken oder bösartigem Smiley-Grinsen in Mafioso-Nadelstreifenanzügen… (!!!)

Baum, Wand, Fluss

Das Bühnenbild von Stephanie Rauch für die Uraufführungsinszenierung im Bockenheimer Depot ist eine krude Mischung aus Naturalismus und Minimalismus. Zu Beginn des Abends treten, schlagen und stoßen alle Beteiligten des Abends gegen einen großen grauen Felsen im Hintergrund, der den gesamten restlichen Abend unbespielt und bedeutungslos bleibt. Von diesem Felsen führt ein zunächst trockenes mit Geröll und Schotter versehenes Flussbett in Richtung Orchester. Auf den beiden schlichten Flächen, die dieser Graben trennt, stehen Wände mit Tür- und Fensteröffnungen in schwarz, grau und weiß, die keine Räume schließen oder öffnen.

Chicken-Heart (Alexander Mayr) fällt einen Baum, während seine Frau Sinya (Stine Marie Fischer) bereit ist, abzudrücken, "An unserem Fluss" von Lior Navok an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus
Chicken-Heart (Alexander Mayr) fällt einen Baum, während seine Frau Sinya (Stine Marie Fischer) bereit ist, abzudrücken, “An unserem Fluss” von Lior Navok an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Eigentlich gar kein schlechtes Symbol für die Schutzlosigkeit und das Ausgeliefertsein – wäre da nicht auch noch eine Bodenklappe, durch die man in einen sicheren Bunker gelangt.

Der Fund des Wassers wurde von Regisseurin Corinna Tetzel ganz wörtlich genommen. Sipho und Lucia bewegen gleichzeitig zwei gegenüberliegende Hebel im Boden woraufhin ein Rinnsal des kühlen Nasses sich auf das Orchester zubewegt. Eine Handlung, die genau so als Regieanweisung des Komponisten im Libretto notiert ist. Es bleibt das Gefühl, dass eine Ausdeutung des Wassers in irgendeiner Form dem Abend mehr Haltung hätte geben können.

Lucia (Kateryna Kasper) und Sipho (Michael Porter) treffen sich an ihrem Fluss, "An unserem Fluss" von Lior Navok an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus
Lucia (Kateryna Kasper) und Sipho (Michael Porter) treffen sich an ihrem Fluss, “An unserem Fluss” von Lior Navok an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Weg hier!

Das größte Fragezeichen an diesem Abend ist der Schluss. Die Synopsis im Programmheft verspricht, dass mindestens Lucia für eine bessere und friedliche Zukunft kämpfen will. Die Realität der Inszenierung von Corinna Tetzel sieht anders aus. Nicht nur Lucia und Sipho fliehen in ein nicht definiertes Irgendwo, auch alle anderen Figuren – außer den beiden Anführern, die an ihrer eigenen Engstirnigkeit und Intoleranz zugrunde gehen – treten einfach ab, am Zuschauerpodest vorbei, vielleicht durch den Haupteingang des Frankfurter Depots, raus an die frische Luft, ab in die Welt, wo sie dann… was genau tun? Welche Schlüsse kann der Zuschauer aus diesem Verhalten ziehen? Dass die einzig mögliche Lösung des Konflikts darin besteht, sich ihm zu entziehen?


Kritik auf Deutschlandfunk vom 1. Juni 2015

Kritik der Frankfurter Rundschau vom 1. Juni 2015

Kritik des Wiesbadener Kurier vom 2. Juni 2015


 

An unserem Fluss. Oper von Lior Navok (UA 2015 Frankfurt)

Oper Frankfurt (Bockenheimer Depot)
Musikalische Leitung: Sebastian Zierer
Regie: Corinna Tetzel
Bühne: Stephanie Rauch
Kostüme: Judith Adam
Dramaturgie: Deborah Einspieler

Besuchte Vorstellung: 1. Juni 2015

Oper irgendwie anders - Juni 2015

Oper irgendwie anders – Juni 2015

Huch! Ist tatsächlich schon Sommer?! Das kann nur eines heißen: Bald ist die Spielzeit rum! Also noch schnell rein in die klimatisierten Theater und Opernhäuser, bevor es in die Freilicht- und Festivalsaison geht.

CARDILLAC von PAUL HINDEMITH am Theater Flensburg (Premiere am 6. Juni 2015)

Nein, falsch gelesen, in dieser Oper, die 1926 in Dresden uraufgeführt wurde, geht es nicht um schicke Autos. Viel aufregender: Es geht um einen egomanen Goldschmied und zahlreiche rätselhafte Morde. Cardillac von Hindemith ist quasi ein Opernkrimi, der nach seiner Uraufführung von der Presse verrissen wurde und unter anderem als Kakophonie bezeichnet wurde. Komisch, dass die Oper dann trotzdem oft gespielt wurde und wird. Vielleicht ist ja doch etwas dran? Überzeugt euch selbst ganz bald am Theater Flensburg.

Die Premiere der Oper Cardillac von Paul Hindemith findet am Theater Flensburg am 6. Juni um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 12., 18., 28. Juni, 3. und 7. Juli 2015.
http://www.sh-landestheater.de/de/spielzeit/14-15/cardillac/index.php

Musikalische Leitung: Peter Sommerer
Regie: Markus Hertel
Bühne und Kostüme: Martin Fischer

LOLA RENNT von LUDGER VOLLMER am Nationaltheater Weimar (Premiere am 13. Juni 2015)

Jeden Tag, jede Sekunde triffst du eine Entscheidung, die dein Leben verändern kann. Und manchmal weiß du nicht sofort, welche tatsächlich die richtige ist. Die Oper Lola rennt von Ludger Vollmer basiert auf dem gleichnamigen Film von Tom Tykwer, den ihr entweder schon lange kennt oder ganz bald kennenlernen solltet. Innerhalb von zwanzig Minuten muss Lola hunderttausend Euro beschaffen, sonst ist ihr Freund, Manni, der genau diese Summe blöderweise in einer Jutetasche in der U-Bahn vergessen hat, tot. Die Oper – wie der Film auch – zeigt uns drei Möglichkeiten, wie diese heiklen zwanzig Minuten aussehen könnten. Kann Lola ihren Manni retten?

Die Premiere der Oper Lola rennt von Ludger Vollmer findet am 13. Juni am Nationaltheater Weimar statt. Weitere Vorstellungen sind am 19., 27. Juni, 2. Juli, 24. September, 9. Oktober, 1. und 14. November 2015.
http://www.nationaltheater-weimar.de/de/index/spielplan/stuecke_musiktheater/stuecke_details.php?SID=1454

Musikalische Leitung: Martin Hoff
Regie, Bühne und Kostüme: Michael Dissmeier / Christian Wiehle
Video: Bahadir Hamdemir
Martina Stütz: Dramaturgie

DER FEURIGE ENGEL von SERGEJ PROKOFJEW an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf (Premiere am 13. Juni 2015)

Der feurige Engel ist das Objekt von Renatas Begierde. Und den will sie um jeden Preis finden, besteigen, besitzen. Ihre Suche nach ihm wird immer mehr zur teuflischen Besessenheit, die auf sehr skurrile Weise im Kloster und dann vor der Inquisition endet. Renata ist mir ihrer Gier nach Sexualität und gleichzeitig ihrer großen Einsamkeit und Sehnsucht eine einmalige Figur der Opernliteratur. Es wird Zeit diese merkwürdige Frau kennenzulernen.

Die Premiere der Oper Der feurige Engel von Sergej Prokofjew find tam 13. Juni 2015 im Opernhaus Düsseldorf statt. Weitere Vorstellungen sind am 20., 24., 26. und 28. Juni 2015.
http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010877/opera

Musikalische Leitung: Wen-Pin Chien
Regie: Immo Karaman
Bühne: Aida Guardia / Immo Karaman
Kostüme und Choreographie: Fabian Posca
Dramaturgie: Hella Bartnig

THE TEMPEST von THOMAS ADÈS an der Wiener Staatsoper (Premiere am 14. Juni 2015)

William Shakespeares Drama Der Sturm ist ein literarischer Klassiker von zeitloser Schönheit und Relevanz. Das dachte sich auch der Komponist Thomas Adès, der mit seiner Librettistin Meredith Oakes eine Oper mit dem gleichen Titel schuf, die erst vor gut zehn Jahren ihre Uraufführung in London erlebte. Nun gibt es in Österreich zum ersten Mal die Oper The Tempest zu sehen. Da lässt sich auch Thomas nicht lumpen und stellt sich höchstselbst hinter das Wiener Dirigentenpult. Sollte man sich nicht entgehen lassen! Und das gilt für alle – auch außerhalb Wiens. Denn für schlappe 14€ könnt ihr das Spektakel im Live-Stream erleben.

Die Premiere der Oper The Tempest von Thomas Adès findet an der Wiener Staatsoper am 14. Juni 2015 statt. Weitere Vorstellungen sind am 18., 21., 24., 27. Juni, 12., 16. und 18. Oktober 2015.
http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/spielplan/Spielplandetail.php?eventid=1401071

Musikalische Leitung: Thomas Adès
Regie: Robert Lepage
Bühne: Jasmine Catudal
Kostüme: Kym Barrett
Video: David Leclerc

GERMANICUS von GEORG PHILIPP TELEMANN am Theater Osnabrück (Premiere am 20. Juni 2015)

Das Theater Osnabrück hat tief in der Kiste der barockmusikalischen Schätze gewühlt und ist tatsächlich fündig geworden. Bisher galten die Werke mit dem Titel etliche und zwanzig Opern von Telemann als verschollen. Nun gelang es aber dem ausgefuchsten Musikwissenschaftler Michael Maul die Arien, die zur Oper Germanicus gehören, in den Tiefen der Frankfurter Universitätsbibliothek ausfindig zu machen. Und jetzt wird dieses Stück voller politischer Intrigen und Liebeswirren die erste szenische Aufführung seit über 300 Jahren erleben. Wenn das mal nicht sensationell ist!

Die Premiere der Oper Germanicus von Georg Philipp Telemann findet am 20. Juni 2015 am Theater Osnabrück statt. Weitere Vorstellungen sind am 24., 28. Juni, 1., 3., 7. und 9. Juli 2015.
http://www.theater-osnabrueck.de/spielplan/spielplandetail.html?=&stid=934

Musikalische Leitung: Daniel Inbal
Regie: Alexander May
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Katharina Weissenborn
Dramaturgie: Ralf Waldschmidt / Alexander Wunderlich

ALESSANDRO NELL’INDIE von BALDASSARE GALUPPI am Theater Würzburg (Premiere am 20. Juni 2015)

In Franken wird es episch. Mit Alessandro meint Baldassare Galuppi niemand geringeres als Alexander den Großen, der auf seinem Eroberungsfeldzug nach Indien nicht nur auf dem Schlachtfeld Kämpfe austragen muss, sondern auch emotionale Auseinandersetzungen erleiden muss. Wer trägt hier wie dort wohl am Ende den Sieg davon?

Die Premiere der Oper Alessandro nell’Indie von Baldassare Galuppi feiert seine Premiere am 20. Juni 2015 am Mainfranken Theater Würzburg. Weitere Vorstellungen sind am 26. Juni, 1. und 14. Juli 2015.
http://www.theaterwuerzburg.de/index.php?option=com_mftplayground&view=play&play_id=984&Itemid=116

Musikalische Leitung: Enrico Calesso
Regie: Francois De Carpentries
Bühne und Kostüme: Karine van Hercke
Dramaturgie: Christoph Blitt

"Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

UN RE IN ASCOLTO von Luciano Berio in Kassel – Schön bekloppt

Wenn zu Beginn einer Vorstellung jemand vor den Vorhang tritt, verheißt das meist nichts Gutes. Entweder ist einer oder gleich mehrere Darsteller krank, die dann von Gästen ersetzt werden oder um Verständnis für die beeinträchtigte Stimme bitten. Wer sich am Staatstheater Kassel in die relativ junge Oper Un re in ascolto von Luciano Berio traut, sollte sich jedoch freuen, wenn der „Regisseur“ des Abends am Anfang seine Worte an das Publikum richtet. Denn dieser Auftritt ist der passend absurd-komische Beginn eines herrlich verrückten Opernabends.

Ein König horcht

Nein, einen stringent verlaufenden Erzählfaden gibt es in dieser Oper von Luciano Berio mit Texten von Italo Calvino nicht und jeder Versuch einer Kurzzusammenfassung muss an der Komplexität der angesprochenen Themen und Anspielungen scheitern. Un re in ascolto ist eine heitere Darstellung des Theaterbetriebs mit all seinen exzentrischen Persönlichkeiten. Un re in ascolto ist ein Essay über den Unterschied zwischen Hören und Zuhören. Un re in ascolto ist eine Adaption von Shakespeares Drama Der Sturm. Un re in ascolto ist ein Künstlerdrama. Un re in ascolto ist die Suche nach dem idealen Theater. Un re in ascolto ist das alles und anderes mehr. Das darf euch aber auf keinen Fall einschüchtern oder gar abschrecken. Man muss nicht alles an dieser verrückten Oper verstehen, um Spaß daran zu haben. Und den hat man insbesondere dank der humorvollen Inszenierung von Paul Esterhazy.

The Dude, His Dudeness or El Duderino

Die Bühne von Mathis Neidhardt zeigt ein Theater. Genauer gesagt, zeigt sie den Vorraum zu einem Zugang zum Zuschauerraum. Noch genauer gesagt, sehen wir einen Zugang zum Rang des Staatstheater Kassel.

So sieht's also am Staatsheater Kassel aus, wenn keine Vorstellung ist! Von links: singender Pianist (Walewein Witten), Freitag (Gunnar Seidel), Regisseur (Markus Francke), Ein Mime (Christina Schönfeld), Prospero (Marc-Olivier Oetterli), "Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
So sieht’s also am Staatsheater Kassel aus, wenn keine Vorstellung ist! Von links: singender Pianist (Walewein Witten), Freitag (Gunnar Seidel), Regisseur (Markus Francke), Ein Mime (Christina Schönfeld), Prospero (Marc-Olivier Oetterli), “Un re in ascolto” von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Na klar, das haben wir auch schon in anderen Inszenierungen gesehen. Eine neue Idee ist dieses Konzept nicht, aber zu diesem Stück von Berio, das mitunter Theaterproben zum Thema hat, passt sie wie die Faust aufs Auge. In diesem Vorraum hat sich nun Prospero, der Theaterdirektor, breitgemacht. Er wohnt quasi im Foyer des Theaters, wo er im Bademantel auf der Couch rumhängt – rauchend und trinkend.

Ob Prospero (Marc-Olivier Oetterli) überhaupt alle Sinne beisammen hat? "Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Ob Prospero (Marc-Olivier Oetterli) überhaupt alle Sinne beisammen hat? “Un re in ascolto” von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Dass diese Figur an einen gewissen “Dude” aus dem Kultfilm The Big Lebowski von Ethan und Joel Coen erinnert, ist garantiert kein Zufall. Ob es tatsächlich charakteristische Parallelen zwischen dem Althippie und dem Theaterdirektor gibt, wäre allerdings zu diskutieren.

Vielleicht war es auch einfach die generelle Exzentrizität und Schlagfertigkeit des Dude, die Paul Esterhazy dem Theaterdirektor zusprechen wollte. Aber nicht nur dieser “König” ist exzentrisch, sondern auch der Regisseur. Nein, nicht Paul Esterhazy (jedenfalls meines Wissens nicht), sondern die Figur des Regisseurs auf der Bühne. Der sucht nämlich, bevor die Vorstellung richtig losgeht, einen Freiwilligen aus dem Publikum, der eine klitzekleine Rolle im Stück übernehmen möchte. “Keine Angst, es tut nicht weh, ist nur ganz kurz und ganz einfach!” Iss klar. Jedenfalls meldet sich ein schlaksiger junger Mann, der dann auf die Bühne stakst und vom Regisseur hinter die Kulissen gezogen wird. Das alles passiert auf so charmant unbeholfene Weise, dass man tatsächlich glauben möchte, es handelte sich hier tatsächlich um einen Laien.

Thank God it’s Friday

Wenn man im Libretto als Beschreibung dieser Figur “exotisch und abstoßend” liest, ist der augenzwinkernde Seitenhieb auf das Theaterpublikum offensichtlich. Schon bald stellt sich nämlich heraus, dass die zu bewältigende Rolle alles andere als kurz, einfach und schmerzlos ist und zum Glück von einem hervorragenden Schauspieler verkörpert wird. Der wird vom Regisseur gedrillt und verwandelt sich im Laufe des Abends schön politisch unkorrekt mit dunkelbrauner Körperfarbe und vorgeschnallter Banane in einen affenartigen Wilden, der neugierig beobachtet, laut und irr seine Texte brüllt, eine Frau zersägt und sich am Ende wieder als ganz normaler Zuschauer im Anzug ins Publikum einfügt.

Ein ganz normaler Theatergänger (Gunnar Seidel) wird zum Affen (gemacht), "Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Ein ganz normaler Theatergänger (Gunnar Seidel) wird zum Affen (gemacht), “Un re in ascolto” von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Ein Auftritt, der bei den Kameraden im Saal allerdings nicht nur Begeisterung hervorrief, sondern auch zu beträchtlichen Abwanderungen während der Vorstellung führte.

Eine weitere Frechheit, die Paul Esterhazys Inszenierung am Staatstheater Kassel so sympathisch macht, ist die plumpe Interpretation des sogenannten Mimen mit Klementine. Ja, genau, die Klementine aus der Fernsehreklame:

Nur eine Frage: Was hat die komische dickliche Frau in der weißen Latzhose bitte auf der Opernbühne verloren? Das mag man sich einen Großteil des Abends tatsächlich fragen – bis zu dem Moment, in dem Prospero den Shakespeareschen Luftgeist anruft. Wie hieß der noch gleich…. potzblitz! Ariel!

Nicht nur sauber, sondern rein! Will uns der Mime (Christina Schönfeld) die ganze Zeit sagen? "Un re in ascolto" von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger
Nicht nur sauber, sondern rein! Will uns der Mime (Christina Schönfeld) die ganze Zeit sagen? “Un re in ascolto” von Luciano Berio am Staatstheater Kassel, Foto: N. Klinger

Ok, man kann bei dieser kalauernden Regie-Idee mit den Augen rollen. Man kann aber auch schmunzeln und sich von der eigenartigen bedeutungsschwangeren Zeichensprache dieser Pantomimin den wirklichen Gehalt der gesprochenen und gesungenen Texte erklären lassen – und noch verwirrter sein als vorher.

Wie klingt das?

„Ein König horcht“. So lautet der Titel der Oper von Luciano Berio in der deutschen Übersetzung. Und genauso offen wie diese Überschrift anmutet, sollte auch der Zuschauer diesem Werk und auch dieser Inszenierung begegnen. Vielleicht ist man davon befremdet. Vielleicht ist man davon verstört. Und vielleicht lassen sich die gezeigten Ideen nicht konsequent bis zum Ende verfolgen. Vielleicht ist das aber auch nicht das Ziel dieses Abends, der eine bunte und dichte Ansammlung von Ideen und Assoziationen ist. Vielleicht sollte man hier einfach zuhören, zuschauen und mit heiterem Gemüt genießen.


Kritik auf Deutschlandradio Kultur vom 23. Mai 2015


Un re in ascolto. Musikalische Handlung in zwei Teilen von Luciano Berio mit Texten von Italo Calvino (UA 1984 Salzburg)

Staatstheater Kassel
Musikalische Leitung: Alexander Hannemann
Regie: Paul Esterhazy
Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt
Dramaturgie: Jürgen Otten

Besuchte Vorstellung: 23. Mai 2015 (Premiere)

"la bianca notte / die helle nacht" von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg

LA BIANCA NOTTE von Beat Furrer in Hamburg – Wozu?

Ich höre mir gerne Einführungsvorträge vor einer Opernvorstellung an. Besonders gerne vor Premieren von Ausgrabungen oder Uraufführungen. Es ist einfach schön komfortabel. Man steht sich bei einem Glas 6-Euro-Sekt die Beine in den Bauch und lässt sich die wichtigsten Infos zum Stück, zur Entstehungsgeschichte, über die Regie und den Probenprozess vorkauen. Wenn ich hier aber Sätze höre, wie zum Beispiel “Nach langer und intensiver Probenarbeit konnten die diffizilen Chorsätze dann doch erfolgreich einstudiert werden”, oder “Ich wünsche Ihnen einen sinnlich anregenden und ebenso intellektuell herausfordernden Opernabend”, bekomme ich Angst. Und meine Nervosität wurde am Abend der Premiere der Uraufführung von la bianca notte / die helle nacht von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg bestätigt.

Synopsis ohne Handlung

First things first. Worum geht es? Die neue Oper la bianca notte / die helle nacht handelt vom italienischen Schriftsteller Dino Campana, der Anfang des 20. Jahrhunderts  lebte und wirkte. Sein Ruhm beschränkt sich in erster Linie auf das in Deutschland nahezu unbekannte Buch mit dem Titel Canti Orfici und sein Schicksal als Künstler, der vergeblich nach einem Verlag suchte, der seine Werke drucken will und der in der Irrenanstalt endete. Hm. Ist das ein fruchtbarer Stoff für eine Oper? Der Komponist Beat Furrer findet: jep. Also präsentiert er dem Zuschauer 17 Szenen, die durch unterschiedliche Ortszuweisungen in drei Bilder aufgeteilt sind: Hafen in Genua, Florenz und im Nachtasyl. Da könnte man im ersten Moment auf die Idee kommen, man hätte werde Dino Campanas Reiseabenteuer verfolgen, quasi einen Roadmovie auf der Opernbühne. Weit gefehlt, denn von einer Handlung lässt sich bei la bianca notte / die helle nacht von Beat Furrer kaum sprechen. Es gibt zwar klar definierte Figuren, die miteinander kommunizieren und auch in eine – allerdings sehr kryptische – Beziehung treten, aber die Szenen an sich verweigern eine ungebrochen erzählte Handlung. Das entspricht dem bilderreichen, assoziativen und fragmentarischen Werk Canti Orfici des Schriftstellers, der Protagonist dieser Oper ist. Aber diese Tatsache bietet mir als Zuschauer weder einen Mehrwert, noch macht sie mich neugierig auf Dino Campana.

Pur, klar, überraschend

Das Spannendste an diesem Abend in der Hamburgischen Staatsoper ist ohne Zweifel die Bühne. Der Regisseur Ramin Gray entwickelt zusammen mit dem Bühnenbildner Jeremy Herbert und dem Lichtdesigner Charles Balfour ästhetische, puristische und konstrastreiche Bilder. Der Abend beginnt damit, dass der geraffte weiße Vorhang durch das Herunterfallen von zwei Sandsack-Gewichten in die Höhe schnellt. Schon sehr schön. Es geht weiter mit handlichen Metallgerüsten, die quaderförmig geschnitten sind und von Statisten unaufhörlich gedreht werden. Durch die geschickte Lichtregie wirken diese Bewegungen erst wie zweidimensionale Animationen, die dann überraschenderweise zu Räumen werden.

Bewegte geometrische Formen und Dino Campana (Tómas Tómasson), "la bianca notte / die helle nacht" von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg
Bewegte geometrische Formen und Dino Campana (Tómas Tómasson), “la bianca notte / die helle nacht” von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg

In der “Liebesszene” zwischen Sibilla und Dino rollen große weiße Kugeln unsichtbar bewegt über die Bühne, während sich von den Seiten hinter dem Portal spitze, wackelnde Spieße ins Bild schieben, die zerbrechlich und bedrohlich zugleich wirken.

Sibilla (Golda Schultz), "la bianca notte / die helle nacht" von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg
Sibilla (Golda Schultz), “la bianca notte / die helle nacht” von Beat Furrer an der Staatsoper Hamburg, Foto: Jörg Landsberg

Der Höhepunkt dieser Szene ist allerdings ein anderer. Sibilla und Dino positionieren sich in einem bestimmten Moment an einer der weißen Kugeln. Beide umfassen und umarmen diesen Gegenstand, ihre Hände berühren sich bei dieser Geste aber nicht. Unvermittelt strahlt ein helles Licht für wenige Sekunden auf die beiden Figuren, die sich daraufhin von der Kugel entfernen und den Blick freigeben auf ihre Silhouetten, die sich auf der fluoreszierenden weißen Fläche der Kugel abzeichnen. Ein überraschender, wunderbar verspielter Effekt.

Ein einziges großes Fragezeichen

Kurz nachdem die knapp 90 Minuten dieses Opernabends durchgestanden waren, fragte eine Zuschauerin in Hörweite ihre Begleitung: “Sag mal, hast du irgendetwas verstanden?” Eine Frage, die ich mir auch stellte und die ich in ihrer Naivität höchst sympathisch fand. Was gibt es an dieser Oper la bianca notte / die helle nacht von Beat Furrer zu verstehen? Braucht es vielleicht eine musikwissenschaftliche Ausbildung? Braucht es eine bessere konkrete Vorbereitung? Vielleicht ist es so. Vielleicht wird einer der erfolgreichsten Komponisten der zeitgenössischen E-Musik nur von einem kleinen Kreis von Fachkennern und Enthusiasten verstanden. Und vielleicht kann der ganze Rest der Normalsterblichen nur mit intensiver Vorbereitung einen Mehrwert aus einem solchen Musiktheaterabend gewinnen. Mit Sicherheit darf man der Kunst nicht das Experiment und die Entwicklung versagen. Aber dann darf man auch fragen dürfen: “Was soll das Ganze?”


Kritik auf ndr.de vom 11. Mai 2015

Kritik im Hamburger Abendblatt vom 11. Mai 2015

Kritik auf die-deutsche-buehne.de

Kritik der Neue Zürcher Zeitung vom 13. Mai 2015

Review in Financial Times

Kritik auf wozu-die-oper.de vom 11. Mai 2015


la bianca notte / die helle nacht. Oper nach Texten von Dino Campana von Beat Furrer (UA 2015 Hamburg)

Staatsoper Hamburg
Musikalische Leitung: Simone Young
Regie: Ramin Gray
Bühne: Jeremy Herbert
Kostüme: Janina Brinkmann
Licht: Charles Balfour
Choreographie: Sasha Milavic Davies
Dramaturgie: Francis Hüsers, Kerstin Schüssler-Bach

Besuchte Vorstellung: 10. Mai 2015 (Premiere der Uraufführung)

Oper irgendwie anders Mai 2015

Oper irgendwie anders – Mai 2015

Ist das der Wonnemonat Mai oder was?! Vierzehn spannende neue Opernproduktionen warten in diesem Monat darauf, entdeckt zu werden. Also, wo sehen wir uns? Hamburg, Braunschweig, Gelsenkirchen…?

EIN GRAB IN DEN LÜFTEN am Staatstheater Braunschweig (Premiere am 2. Mai 2015)

“Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng”

So beginnt die Todesfuge, das wohl bekannteste Gedicht von Paul Celan, das auf bildreiche Weise an die Opfer des Holocaust erinnert. Mit dem Abend unter dem Titel Ein Grab in den Lüften will nun auch das Staatstheater Braunschweig daran erinnern, dass man auch jetzt noch und niemals vergessen darf, was in Auschwitz, Buchenwald und anderen Orten im Dritten Reich geschehen ist. Die Vorstellung beginnt mit der Kammeroper For a Look or a Touch von Jake Heggie, welche Verfolgung, Folter und Mord an Homosexuellen durch das Naziregime zum Thema hat. Der mittlere Teil, Ilse, ein neues Schauspiel von Julian van Daal und Sarah Grahneis, legt den Fokus auf die Täterseite und beleuchtet die Geschichte von Ilse Koch, der Frau eines Lagerkommandanten, die auch als Hexe von Buchenwald bezeichnet wurde. Der Abend endet mit einer weiteren Kammeroper von Jake Heggie, Another Sunrise. Hier erfahren wir mehr über eine Frau, die im Konzentrationslager war, fliehen konnte und sich im Laufe ihres Lebens immer wieder literarisch mit dieser traumatischen Episode auseinandergesetzt hat.
Das Thema Holocaust kommt euch aber schon zu den Ohren raus? Das sollte es nicht! Mit der schlichtweg großartigen Musik von Jake Heggie und dem kontrastreichen Text von Julian van Daal wird Ein Grab in den Lüften garantiert kein Abend von distanzierter Betroffenheit werden.
Die beiden Werke von Jake Heggie sind nach Die Reise des Edgar Allan Poe und Sturmhöhe der dritte Beitrag der Reihe “The American Way of Opera” am Staatstheater Braunschweig.

Die dreiteilige Vorstellung Ein Grab in den Lüften hat am 2. Mai 2015 um 19:30 seine Premiere im Kleinen Haus des Staatstheater Braunschweig. Weitere Vorstellungen sind am 7., 16., 23. Mai, 14., 24., 28. Juni 2015.
http://staatstheater-braunschweig.de/musiktheater/produktion/details/ein-grab-in-den-lueftendrei-musiktheaterwerke-ueber-den-holocaust/

Musikalische Leitung: Johanna Motter
Regie For a Look or a Touch: Natalie Schramm
Regie Ilse: Julian van Daal
Regie Another Sunrise: Christina Sievert
Bühne und Kostüme: Christiane Kleiber
Choreographie: Markus Schneider
Dramaturgie: Sarah Grahneis

MATSUKAZE von TOSHIO HOSOKAWA am Theater Kiel (Premiere am 2. Mai 2015)

Die Schwestern Matsukaze und Murasame liebten einst denselben Mann. Als dieser überraschend verstarb, blieben ihre Seelen unerlöst. Eines nachts begegnet ein Mönch auf einer Pilgerreise den beiden Geistern.
Die Geschichte von Matsukaze und ihrer Schwester ist ein Klassiker des Nô, einer traditionellen japanischen Theaterform. Die Hauptfiguren im Nô sind häufig Geister von Toten, die auf die Welt zurückkehren, um traurige Erfahrungen zu verarbeiten. Der japanische Komponist Toshio Hosokawa bewegt sich mit seiner Musik stilistisch zwischen westlicher Avantgarde und traditioneller japanischer Kultur. Der Klappentext der Homepage des Theater Kiel beschreibt seine Oper als Natur-Poem. Wer sich darunter genauso wenig vorstellen kann wie ich und jetzt fuchsteufelsneugierig geworden ist, kann sich bald ein eigenes Bild schaffen über diese  neue Oper, die 2011 in Brüssel ihre Uraufführung hatte.

Die Premiere der Oper Matsukaze von Toshio Hosokawa findet am 2. Mai um 19:30 im Theater Kiel statt. Weitere Vorstellungen sind am 13., 16., 23., Mai, 7., 12., 18. Juni 2015.
http://www.theater-kiel.de/oper-kiel/repertoire/produktion/titel/matsukaze/

Musikalische Leitung: Leo Siberski
Regie: Matthias von Stegmann
Bühne und Kostüme: Walter Schütze

WRITTEN ON SKIN von GEORGE BENJAMIN am Theater St. Gallen (Premiere am 2. Mai 2015)

Ein mächtiger Adeliger, der Protector, engagiert einen Illustrator, den Boy, um sich in einem Buch zu verewigen und im Paradies darstellen zu lassen. Der Boy vertieft sich aber nicht nur in seine Arbeit und in die Kreation seiner Bilderwelt, sondern vertieft auch seine Beziehungn zu Agnès, der Frau des Protector. Als dieser davon erfährt, ermordet er den Boy und setzt seiner Frau Agnès dessen Herz zum Essen vor. Sie aber verzweifelt nicht, sondern nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand und springt aus dem Fenster.
George Benjamin, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten, hat für diese groteske und düstere Geschichte eine musikalische Sprache entwickelt, die von subtil ausgearbeiteten orchestralen Klangfarben geprägt ist. Und nun ist sein Werk Written on Skin mit dem Hauch von Hannibal Lecter zum ersten Mal auf einer Schweizer Opernbühne zu erleben.

Die Premiere von Written on Skin von George Benjamin am Theater St. Gallen findet am 2. Mai 2015 um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 6., 9., 17. Mai und 5. Juni 2015.
http://www.theatersg.ch/spielplan/written-skin

Musikalische Leitung: Otto Tausk
Regie: Nicola Raab
Bühne und Kostüme: Mirella Weingarten
Licht: Andreas Volk
Dramaturgie: Alexandra Jud

THEBANS von JULIAN ANDERSON am Theater Bonn (Premiere am 3. Mai 2015)

Theben. Das war doch diese antike Stadt, wo Ödipus König war und Antigone ihren Bruder begraben hat, oder? Ganz genau. Die Tragödien von Sophokles sind so zeitlos, dass es darüber nun eine neue Oper von Julian Anderson gibt, die als Auftragswerk der English National Opera in London im letzten Jahr ebendort ihre Uraufführung erlebte. Die Geschichte von Mord und Inzest, politische Überambitioniertheit, Liebe und Loyalität, Hass und Rache kommt in der Uraufführungsinszenierung von Pierre Audi nach Deutschland. Julian Andersons Musik wird als lebendig, rhythmisch und mit unverbrauchtem melodischen Einfallsreichtum bezeichnet. Das liest sich nicht schlecht. Ob sich Thebans auch so anhört, könnt ihr bald am Theater Bonn erleben.

Die neue Oper Thebans von Julian Anderson hat am 3. Mai 2015 um 18:00 seine Premiere am Theater Bonn. Weitere Vorstellungen sind am 10., 16., 22., 31. Mai und 4. Juni 2015.
http://www.theater-bonn.de/spielplan/gesamt/event/thebans/vc/Veranstaltung/va/show/

Musikalische Leitung: Johannes Pell
Regie: Pierre Audi
Licht: Jean Kalman
Video: Lysander Ashton
Kostüme: Christof Hetzer
Bühne: Tom Pye

LA BIANCA NOTTE (UA) von BEAT FURRER an der Staatsoper Hamburg (Premiere am 10. Mai 2015)

La bianca notte oder Die helle Nacht ist ein Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper und beschäftigt sich mit dem italienischen Dichter Dino Campana. Seine Dichtungen proklamieren zu Anfang des 20. Jahrhunderts die geistige Freiheit eines Künstlers, der sich in einem unruhigen Leben an die Welt verschwendete und für verrückt erklärt wurde. Laut dem Komponisten Beat Furrer soll es allerdings kein Künstlerdrama sein, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Verlust von Heimat und dem Verlust der kreativen Kraft des Ichs. Klingt kryptisch? Erhellung verschafft euch nur die Reise nach Hamburg (oder zu gegebener Zeit ein Klick auf meinen Artikel dazu).

Die Uraufführung von La bianca notte von Beat Furrer findet am 10 Mai 2015 um 18:00 in der Hamburgischen Staatsoper statt. Weitere Vorstellungen sind am 13., 16., 19., 27., 31. Mai 2015.
http://www.hamburgische-staatsoper.de/de/2_spielplan/index.php?tmpl=performance&event=123312&t=

Musikalische Leitung: Simone Young
Regie: Ramin Gray
Bühne: Jeremy Herbert
Kostüme: Janina Brinkmann
Licht: Charles Balfour
Choreographie: Sasha Milavic Davies
Dramaturgie: Francis Hüsers / Kerstin Schüssler-Bach

LA DAME BLANCHE von FRANCOIS ADRIEN BOIELDIEU am Staatstheater Oldenburg (Premiere am 16. Mai 2015)

Keine Lust auf Holocaust, Mord und Totschlag, Inzest und Künstlerschicksale? Dann seid ihr am Staatstheater Oldenburg genau richtig. Hier gibt es im Mai das heitere Stück La dame blanche oder Die weiße Dame von Boieldieu zu sehen – eine gelungene Mischung aus schottischer Schauerromantik, französischem Esprit und einer ganzen Reihe von Ohrwürmern. Dazu gibt es noch ein mysteriöses Schloss, einen versteckten Schatz und einen guten Geist. Das alles mit Happy-Ending-Garantie. Viel Vergnügen dabei!

La dame blanche von François Adrien Boieldieu feiert seine Premiere am Oldenburgischen Staatstheater am 16. Mai um 19:30. Weitere Vorstellungen sind am 20., 28. Mai, 4., 13., 20., 30. Juni, 5., 10., 16. Juli 2015.
http://staatstheater.de/programm/spielplan-1415/premieren-1415/oper/la-dame-blanche.html

Musikalische Leitung: Vito Cristofaro
Regie: Nadja Loschky
Bühne: Daniela Kerck
Kostüme: Gabriele Jaenecke
Licht: Ernst Engel

KEHRAUS UM SANKT STEPHAN (DE) von ERNST KRENEK am Stadttheater Gießen (Premiere am 16. Mai 2015)

Lasst euch von Krenéks Namen nicht in die Irre führen! Denn dieser Ernst hat in seiner Oper Kehraus um Sankt Stephan mit rabenschwarzem Humor ein Stimmungsbild der Zwischenkriegszeit geschaffen. In dieser Satire mit Musik geht es nicht um die durch den Krieg zerstörten Städte, sondern um zertrümmerte menschliche Existenzen. Jeder muss sich seinen Platz in der Gesellschaft neu suchen, ob es um Geschäftsmänner, Adel, Militärs, Journalisten, Winzer oder Prostituierte geht. Musikalisch bewegt sich Krenék zwischen Tango, Walzer, Schlager, Operette und Zwölftonmusik. Es ist also für jeden etwas dabei.

Die deutsche Erstaufführung der komischen Oper Kehraus um Sankt Stephan von Ernst Krenék findet am 16. Mai um 19:30 im Theater Gießen statt. Weitere Vorstellungen sind am 25. Mai, 7., 18., 28. Juni und 11. Juli 2015.
http://www.stadttheater-giessen.de/spielzeit/stueckansicht/category/kehraus-um-sankt-stephan-de.html

Musikalische Leitung: Florian Ziemen
Regie: Hans Hollmann
Bühne und Kostüme: Lukas Noll

TAHRIR (UA) von HOSSAM MAHMOUD am Salzburger Landestheater (Premiere am 17. Mai 2015)

Der Tahrirplatz in Kairo ist Zentrum und Symbol der ägyptischen Revolution schlechthin. Diesen Ort hat der ägyptische Komponist Hossam Mahmoud zum Titel seiner neuen Oper gemacht, die sich poetisch wie politisch mit der “Kunst der Veränderung” in seiner Heimat auseinandersetzt. Mittelpunkt der Handlung sind ein Politiker, seine junge Frau, eine selbstbestimmte Revolutionärin und ihr Sohn. Außerdem betrachtet Mahmoud auch die öffentliche, politische und mediale Wahrnehmung des Geschehens in Ägypten und Europa. Endlich Musiktheater, das sich ernsthaft mit aktuellem politischen Geschehen auseinandersetzt. Da kann man sich nur wünschen, dass dieser Abend viel Anlass für Diskussion, Information und Austausch geben wird.

Die Premiere der Uraufführung der Oper Tahrir von Hossam Mahmoud findet am Salzburger Landestheater am 17. Mai 2015 um 19:00 statt. Weitere Vorstellungen sind am 22., 27. Mai und 4. Juni.
http://www.salzburger-landestheater.at/de/produktionen/tahrir-ua.html

Musikalische Leitung: Mirga Grazinyte-Tyla
Regie: Yekta Kara
Bühne und Kostüme: Christian Floeren
Dramaturgie: Friederike Bernau

PEER GYNT von WERNER EGK am Staatstheater Braunschweig (Premiere am 22. Mai 2015)

Peer Gynt will Kaiser der Welt werden. Kein bescheidenes Ziel für den Sohn eines einfachen Bauern. Mit seinen Träumen und viel Phantasie begibt er sich auf eine Reise um die Welt, auf der er Frauen, Trolle und andere eigenartige Gestalten trifft. Was wird Peer Gynt am Ende dieser Abenteuer finden?
Der Komponist Werner Egk wurde von den nationalsozialistischen Machthabern gefeiert, seine Werke werden heute selten gespielt. Aber ist Peer Gynt tatsächlich ein Werk, das aus einer Anpassung an und Wohlwollen für das Naziregime geschrieben wurde? Das Staatstheater Braunschweig setzt sich mit dieser und anderen Fragen, die dieses selten gespielte Musiktheaterwerk stellt, auseinander.

Die Premiere der Oper Peer Gynt von Werner Egk findet am Staatstheater Braunschweig am 22. Mai 2015 um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 24., 30. Mai, 7., 9., 13. Juni 2015.
http://staatstheater-braunschweig.de/nc/musiktheater/produktion/details/peer-gynt/

Musikalische Leitung: Christopher Hein
Regie: Dietrich W. Hilsdorf
Bühne: Dieter Richter
Kostüme: Renate Schmitzer
Dramaturgie: Sarah Grahneis / Christian Steinbock

HALKA von STANISLAW MONIUSZKO am Pfalztheater Kaiserslautern (Premiere am 23. Mai 2015)

Halka ist eine junge Magd auf dem Gut von Janusch – und außerdem seine heimliche Geliebte. Dieses Abenteuer blieb nicht ohne Konsequenzen. Halka ist schwanger von Janusch, der aber wird eine andere heiraten und vertröstet die traurige Halka. Als diese dann in die Hochzeitsfeierlichkeiten von Janusch platzt, kommt es zum Eklat.
Der Komponist Stanislaw Moniuszko gilt als Begründer der polnischen Nationaloper. Seine Musik ist von mitreißenden, folkloristischen Tänzen und Chören geprägt, die er neben leidenschaftliche Arien und Duette setzt. Halka gehört in Polen zum festen Opernrepertoire, während diese Oper in Deutschland nur selten gespielt wird. Ein Grund mehr, um sich dieses Stück am Pfalztheater Kaiserslautern nicht entgehen zu lassen.

Die Premiere der Oper Halka von Stanislaw Moniuszko findet am Pfalztheater Kaiserslautern am 23. Mai 2015 um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 27. Mai, 12., 23., 28. Juni, 10., 18. Juli 2015.
http://www.pfalztheater.de/cms/?p=293&s=pt_schedule&id=526&

Musikalische Leitung: Rodrigo Tomillo
Regie: Michael Sturm
Bühne und Kostüme: Stefan Rieckhoff
Dramaturgie: Andreas Bronkalla

UN RE IN ASCOLTO von LUCIANO BERIO am Staatstheater Kassel (Premiere am 23. Mai 2015)

Ein König horcht. Und was gibt es zu hören? In der Oper sollte es klar sein: natürlich Sänger! Denn der horchende König ist ein Theatermensch, der seine Zeit damit verbringt, große Stimmen und eine einzigartige Hauptdarstellerin für ein bestimmes Stück zu finden. Die zahlreichen Kandidaten reichen sich die Klinke in die Hand und verursachen währenddessen mitsamt ihrer Entourage für ein typisch theatermäßiges Durcheinander. Letztendlich wird auf der Bühne nicht nur ein Stück dargestellt, sondern die ganze Welt und die Menschen darauf und darin müssen sich dort selbst erkennen.
Die “azione musicale” Un re in ascolto von Luciano Berio basiert auf einem Text des Schriftstellers Italo Calvino und wurde 1984 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Nun ist dieses “Theater im Theater” am Staatstheater Kassel zu erleben.

Die Premiere von Un re in ascolto von Luciano Berio findet am 23. Mai 2015 um 19:30 im Staatstheater Kassel statt. Weitere Vorstellungen sind am 30. Mai, 5., 19. Juni, 8., 22., 25. Juli 2015.
http://www.staatstheater-kassel.de/un-re-in-ascolto-ein-koenig-horcht,s1676.html

Musikalische Leitung: Alexander Hannemann
Regie: Paul Esterhazy
Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt
Dramaturgie: Jürgen Otten

LA VERITÀ IN CIMENTO von ANTONIO VIVALDI am Opernhaus Zürich (Premiere am 25. Mai 2015)

Spätestens seit der Neuinszenierung von Berenike an der Oper Stuttgart wissen wir, dass noch einige Perlen der barocken Opernmusik zu entdecken sind. So auch die selten szenisch gespielte Oper La verità in cimento von Antonio Vivaldi. Darin geht es um eine Familie, in der geliebt, gehofft und intrigiert wird. Eine skandalöse Nachricht wirft dann alle in schwere Identitätskrisen, Hysterie und Verzweiflung.
Also, wer hat Lust auf hinreißende Barockmusik, Ironie und unterschwellige Gesellschaftskritik?

Die Premiere von La verità in cimento von Antonio Vivaldi findet am Opernhaus Zürich am 25. Mai 2015 um 19:00 statt. Weitere Vorstellungen sind am 27., 29., 31. Mai, 3., 7., 10., 13., 16. Juni 2015.
http://www.opernhaus.ch/vorstellung/detail/la-verita-in-cimento-25-05-2015-4281/

Musikalische Leitung: Ottavio Dantone
Regie: Jan Philipp Gloger
Bühne: Ben Baur
Kostüme: Karin Jud
Licht: Franck Evin
Dramaturgie: Claus Spahn

NAHOD SIMON (UA) von ISIDORA ZEBELJAN am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (Premiere am 29. Mai 2015)

Simon ist ein Findelkind. Als Jugendlicher begibt er sich auf die Suche nach seinen Eltern. Auf dieser Reise begegnet er einer Frau, Ana. Trotz des großen Altersunterschieds verlieben sich die beiden. Als Ana aber erfährt, in welchem Verhältnis sie tatsächlich zu Simon steht, bricht für beide die Welt zusammen.

Die Komponistin Isidora Zebeljan ist bekannt für ihre Experimentierfreude und ihre schräg-temporeichen Stücke. Sie will mehr als nur schicksalhafte Geschichten erzählen und entwirft einen farbenreichen, surrealen Kosmos zwischen Märchen und Altag, Roadmovie, Abgrund und augenzwinkerndem Humor. Für ihre neue Oper Nahod Simon setzt sie neben das Orchester im Graben auch eine Balkan-Banda auf die Bühne.

Die Premiere der Uraufführung von Nahod Simon von Isidora Zebeljan findet am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen am 29. Mai um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 31. Mai, 12., 20. und 25. Juni 2015.
http://www.musiktheater-im-revier.de/Spielplan/Oper/SimonDasFindelkind/

Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi
Regie und Bühne: Michiel Dijkema
Kostüme: Jula Reindell
Dramaturgie: Juliane Schunke

HÖLDERLIN. EINE EXPEDITION von PETER RUZICKA am Theater Basel (Premiere am 30. Mai 2015)

Der Dichter Hölderlin ist das unsichtbare Zentrum des gleichnamigen zeitgenössischen Musiktheaterwerks von Peter Ruzicka. Er stellt Fragen wie: Was ist der Mensch? Wo hat er Heimat? Ist dies seine Welt? Um diesen existenziellen Themen näher zu kommen, entwirft Ruzicka eine sonderbare Reise durch die Menschheitsgeschichte, die Geschichte des Abendlandes und unsere Moderne. Werden wir am Ende dieser Exkursion mehr über uns wissen?

Die Premiere der Oper Hölderlin. Eine Expedition von Peter Ruzicka findet am Theater Basel am 30. Mai 2015 um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 1., 3., 5., 7., 12., 16., 27. Juni 2015.
http://www.theater-basel.ch/index.cfm/BDC132FC-D4EF-F303-E58D283CFE009FBF/?method=play.detail&ID=FA4F6519-F28C-D57E-612AF8CE81867D35

Musikalische Leitung: Peter Ruzicka / Giuliano Betta
Regie: Vera Nemirova
Bühne und Kostüme: Heike Scheele
Dramaturgie: Simon Berger

"Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

WUTHERING HEIGHTS von Bernard Herrmann in Braunschweig – Eine perverse Liebesgeschichte

Der amerikanische Komponist Bernard Herrmann nahm kein Blatt vor den Mund. Wenn er einen Film miserabel fand, weigerte er sich schlichtweg dafür Musik zu schreiben. Umso bezeichnender ist es, dass ein so düsterer und eigenartiger Stoff wie Wuthering Heights von Emily Brontë seine Aufmerksamkeit und Faszination so sehr weckte, dass er ihn zum Thema seiner einzigen Oper machte. Mehr als sechzig Jahre nach Vollendung der Partitur dieses lyrischen Dramas fand nun am Staatstheater Braunschweig die europäische Erstaufführung in einer Inszenierung von Operndirektor Philipp Kochheim statt. Kann er damit an den Erfolg des ersten Beitrags der neuen Reihe “The American Way of Opera” (The Voyage of Edgar Allan Poe von Dominick Argento) anschließen?

Stürmisch in jeder Hinsicht

Catherine und Heathcliff gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung nach. Sie necken sich, sie jagen sich, sie flüstern sich süße Nichtigkeiten ins Ohr und zwischendurch fallen sie wild übereinander her. Aber Hindley, Cathys Bruder, gefällt diese Verbindung nicht. Seit sein Vater den Waisenjungen Heathcliff auf das Gut Wuthering Heights gebracht hat und ihn wie seinen eigenen Sohn betrachtet hat, verachtet er ihn. Aber, der Vater ist jetzt tot und Hindley ist der Herr im Haus. Und damit hat er die Macht seinem Stiefbruder eine neue Rolle im Haushalt zuzuteilen: gemeiner Stallbursche.

Ein paar Wochen vergehen. Cathy hat diese Zeit in aller Bequemlichkeit bei den Geschwistern Edgar und Isabella Linton verbracht, die auf dem nahegelegenen Anwesen Thrushcross Grange wohnen. Zu Weihnachten kommt sie aber zurück nach Hause und freut sich, Heathcliff wiederzusehen. Der aber ist zu verletzt, dass sie ihn in den letzten Wochen vernachlässigt hat und kann ihre Zuneigung nicht erwidern. Stattdessen wird er aggressiv und stürzt sich in wilder Eifersucht auf Edgar. Hindley geht dazwischen, es kommt zu einem erschütternden Handgemenge. Und das an Heilig Abend!

Wieder ist Zeit vergangen. Cathy sitzt gelangweilt auf der Couch in Wuthering Heights herum und erwartet Besuch von Edgar. Gerade in diesem Moment will Heathcliff endlich mal wieder mit ihr zusammen sein. Ist doch klar, dass er fuchsteufelswild wird, als er erfährt, dass Cathy einen anderen Mann erwartet. Und das wiederum macht Cathy rasend. Sie ist immer noch ganz aufgewühlt, als Edgar eintrifft und im Affekt entlädt sich ihre Wut in einer Ohrfeige bei ihm. Der ist daraufhin ziemlich perplex und sauer. Aber die schöne Cathy kann ihn besänftigen – wie genau bleibt ihr süßes Geheimnis.

Cathy bittet die treue Haushälterin Nelly um Rat. Edgar hat um ihre Hand angehalten und sie hat Ja gesagt. War das die richtige Entscheidung? Sie spricht alle ihre Gedanken aus – einer davon ist, dass sie Heathcliff nicht heiraten kann, weil es sie gesellschaftlich herabsetzen würde. Trotzdem ist er der einzige Mensch, den sie jemals geliebt hat und lieben wird. Sie sind seelenverwandt. Heathcliff hat gelauscht und dabei allerdings nur die erste Hälfte ihrer Überlegungen mitbekommen. Er ist mal wieder verletzt und wütend, diesmal so sehr, dass er das Haus verlässt und drei Jahre lang verschwunden bleibt.

In dieser Zeit hat Cathy Edgar geheiratet. Sie wohnt nun bei ihm und ihrer Schwägerin Isabella in Thrushcross Grange. Besuch wird gemeldet. Es ist der lange vermisste Heathcliff, der offenbar zu Wohlstand gekommen ist. Cathy ist überglücklich, ihn wiederzusehen. Heathcliff bleibt ihr gegenüber jedoch kalt. Stattdessen widmet er sich mit erhöhter Aufmerksamkeit Isabella. Cathy rast. Und als er ihre Schwägerin auch noch mitnimmt, um sie zu verführen, beschließt Cathy ihn zu bestrafen. Sie will sein Herz brechen, indem sie ihr eigenes bricht.

Wochen später sitzt Isabella auf Wuthering Heights über einem Brief an Nelly. Sie vermisst ihr zu Hause und klagt über Heathcliffs brutalen und lieblosen Charakter. Als sie erneut versucht, ihn dazu zu bewegen, sie mindestens wie seine Ehefrau zu behandeln, schleudert er ihr entgegen, dass er sie niemals geliebt hat und niemals lieben wird. Er hat sie nur geheiratet, um Cathy zu bestrafen. Isabella begeht daraufhin Selbstmord.

Cathy ist krank. Heathcliff weicht ihr in diesem Zustand nicht von der Seite, aber sie beide wissen, dass sie dem Tod nah ist. Sie werfen sich gegenseitig vor, den anderen absichtlich verletzt zu haben, sie bitten um Vergebung, sie vergeben einander, sie versichern sich ihrer Liebe. Als sie stirbt, verflucht Heathcliff sie und wünscht sich nichts sehnlicher, als ewig von ihrem Geist verfolgt zu werden.

Das war’s schon…?

“Moooment!” werden jetzt alle Emily Brontë-Fans rufen. So geht die Geschichte aber noch lange nicht aus! Richtig, die Oper Wuthering Heights von Bernard Herrmann beschränkt sich auf den ersten Teil der Handlung des Romans mit der Änderung, dass sich Isabella umbringt. (Bei Brontë kommt sie von Heathcliff los und bringt einen Sohn zur Welt, was einen ganz neuen Handlungsstrang eröffnet.) Für alle, die den Roman nicht in- und auswendig können, sei versichert: Es geht genauso düster und bitter weiter wie im ersten Teil. Damit wäre dann auch das Hauptcharakteristikum und, wenn man so will, das Hauptproblem des Stoffes benannt. Ein früher Kritiker fand es beispielsweise rätselhaft, dass jemand ein solches Buch schreiben könne, ohne nach elf Kapiteln Selbstmord zu begehen. Das mag pointiert ausgedrückt sein, aber ganz falsch lag er mit seinem Eindruck sicherlich nicht.

Ich will dich… zerstören!

Die Liebes- und Leidensgeschichte um Catherine und Heathcliff ist eine der verfahrensten und perversesten der Opernliteratur. Die Mischung aus Leidenschaft, Hass, Narzissmus, Manipulation, Erniedrigung, Verletzung und Selbstverletzung verursacht zweifellos ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Das wiederum macht es unmöglich, sich mit einer der Figuren zu identifizieren. Die Inszenierung von Operndirektor Philipp Kochheim verstärkt diese Distanz noch. Heathcliff ist ein aufbrausender, cholerischer Narzisst, der sich durch den Selbstmord seiner Ehefrau Isabella nicht vom Zeitunglesen abhalten lässt und Cathy ein schnell gelangweiltes, verwöhntes Gör mit Borderline-Syndrom, das vergnügt auf der Couch hüpft, wenn sich Bruder und Stiefbruder gegenseitig an die Gurgel gehen.

Endlich passiert mal was! Cathy freut sich darüber, wenn Heathcliff (Orhan Yildiz) den armen Edgar (Matthias Stier) plattdrückt, Isabella (Milda Tubelytè) und Nelly (Anne Schuldt) verzweifelt dazwischen gehen wollen, "Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Endlich passiert mal was! Cathy freut sich darüber, wenn Heathcliff (Orhan Yildiz) den armen Edgar (Matthias Stier) plattdrückt, Isabella (Milda Tubelytè) und Nelly (Anne Schuldt) verzweifelt dazwischen gehen wollen, “Wuthering Heights” von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Besonders verstörend ist dazu noch die überzeugende Darstellung der sexuellen Anziehung zwischen den beiden. Ich habe selten so viele echte Küsse auf einer Opernbühne gesehen wie in dieser Vorstellung. Weiter so! Und vielleicht gerade, weil man so viel Chemie nicht oft in dieser leidenschaftlichen Form auf der sieht, fragt man sich zwangsläufig: Ist die gegenseitige emotionale Zerstörung vielleicht der Preis für eine so wilde und ungezügelte Liebe?

Noch liegen sie sich in den Armen, Catherine (Solen Mainguené) und Heathcliff (Orhan Yildiz), "Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Noch liegen sie sich in den Armen, Catherine (Solen Mainguené) und Heathcliff (Orhan Yildiz), “Wuthering Heights” von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Thriller!

Nein, es ist kein einfaches Stück und sicherlich keins, das zu Tränenbächen animiert, selbst wenn die Protagonistin zum Schluss in den Armen ihres Geliebten stirbt. Nachdem sich die beiden aus Eitelkeit und kindlichem Trotz bewusst gegenseitig das Herz gebrochen haben, bleibt wenig Raum für Mitgefühl. Es steckt viel Bitterkeit in jedem Moment dieser Verhältnisses. Das ist auch dem Komponisten Bernard Herrmann nicht entgangen. Allein das Vorspiel, das Kochheim mit geschlossenem Eisernen Vorhang spielen lässt, erzählt mehr von einem Psychothriller als von einer hübschen Romanze. Und nach einigen sich steigernden Paukenschlägen zu Beginn ist es nur schlüssig, dass die erste sichtbare Handlung das verzweifelt wütende Schlagen von Heathcliff gegen die mächtige Eisenwand ist, an welcher er sich im Eifer prompt die Hand verletzt.  Ohne Zweifel erkennt man in der Oper Wuthering Heights auch den Filmkomponisten Herrmann, der es weiß, gekonnt und schnell Atmosphäre herzustellen.

Beton im Hochmoor

Ständig wird davon geredet, wird darüber gesungen, sich daran erinnert: die Natur. Ob nun dramatisch die Sonne untergeht, die wilden Vögel sich zur Nacht ins Nest zurückziehen, die Wolken vom Westwind über den Himmel getrieben werden, die Bienen verträumt über den Blumen summen – nichts davon ist auf der Bühne zu sehen. Stattdessen ist Wuthering Heights eine kalte moderne asymmetrische Betonarchitektur. Von wilder Natur ist hier keine Spur. Immerhin haben sich die Earnshaws weiße Lilien hingestellt. Als Symbol von Reinheit sind sie hier allerdings eher ironisch zu verstehen.

Catherine (Solen Mainguené) und Heathcliff (Orhan Yildiz) hängen in ihrer Betonlandschaft rum, "Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Catherine (Solen Mainguené) und Heathcliff (Orhan Yildiz) hängen in ihrer Betonlandschaft rum, “Wuthering Heights” von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Dieses nüchterne Bild mag den ein oder anderen zunächst befremden – es macht aber deutlich, was die Natur und vor allem das viel besungene Hochmoor für Catherine und Heathcliff bedeuten. Es ist ein Symbol für ihre einzigartige Liebe, in all ihrer Wildheit und Unberechenbarkeit, die auch zu einer Naturgewalt werden kann, die alles mit sich reißt. Das Moor ist es, wo sich ihre Seelen vereinen. Überdies ist es auch ein Ort, auf den Vorstellungen projiziert werden – so sehnt sich auch Isabella nach der stürmischen Anhöhe, weil sie diese so romantisch findet. Die Distanz zur Natürlichkeit wird aber gerade bei Isabella und Edgar Linton auf dem Gut Thrushcross Grange deutlich. Philipp Kochheim macht aus Edgar einen versierten Tierpräparator, der gemütlich einem Raben die Gedärme aus dem Bauch zieht, während er seiner Ehefrau Catherine ein Liebeslied singt. An den violetten Samtwänden hat er außerdem bereits einige ausgestopfte Vögel stehen – hübsch kultiviert als tote Kunstwerke. Wenn man sexuell frustriert ist, braucht man eben ein Hobby.

Lila gilt bekanntlich als Farbe der sexuell Frustrierten. Ein Zufall? Catherine (Solen Mainguené) und Edgar (Matthias Stier) kommen sich hier nicht nah, "Wuthering Heights" von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn
Lila gilt bekanntlich als Farbe der sexuell Frustrierten. Ein Zufall? Catherine (Solen Mainguené) und Edgar (Matthias Stier) kommen sich hier nicht nah, “Wuthering Heights” von Bernard Herrmann am Staatstheater Braunschweig, Foto: Volker Beinhorn

Wuthering Heights von Bernard Herrmann ist kein leichtes Werk. Und dass an dem Premierenabend in Braunschweig nicht alle Fragen, die das Stück aufwirft, beantwortet wurden, zeigt nur, dass es sich lohnt, sich daran noch auf vielen weiteren (europäischen) Bühnen abzuarbeiten.


Kritik auf www.operalounge.de


Wuthering Heights (Sturmhöhe). Oper in vier Akten und einem Vorspiel von Bernard Herrmann (UA 2011 Minneapolis)

Staatstheater Braunschweig
Musikalische Leitung: Enrico Delamboye
Regie: Philipp Kochheim
Bühne: Thomas Gruber
Kostüme: Gabriele Jaenecke
Dramaturgie: Christian Steinbock

Besuchte Vorstellung: 11. April 2015 (Premiere)

Oper irgendwie anders - April 2015

Oper irgendwie anders – April 2015

Der April macht, was er will. Und wir machen, was wir wollen:
In die Oper gehen.

DER PROZESS von PHILIP GLASS am Theater Magdeburg (Premiere am 2. April 2015)

Feierst Du bald Deinen 30. Geburtstag? Was wäre, wenn an dem Tag jemand vor der Tür steht, nicht um Dir zu gratulieren, sondern um Dich zu verhaften? Du hast doch gar nichts verbrochen, meinst Du? Das spielt keine Rolle. Das einzige, was zählt, ist das Befolgen von bürokratischen Verfahren. So ungefähr ergeht es Josef K., dem Protagonisten des Romanfragments Der Prozess von Franz Kafka. Nun hat das Theater Magdeburg gemeinsam mit dem Music Theatre Wales und dem Royal Opera House Covent Garden London den Komponisten Philip Glass 2013 mit der Vertonung dieser Erzählung beauftragt. Die Uraufführung der Kammeroper fand im Oktober letzten Jahres im Linbury Studio Theatre statt. Und jetzt kommt dieses groteske und tief ernsthafte Werk nach Deutschland.

Die deutsche Erstaufführung der Kammeroper Der Prozess von Philip Glass findet im Schauspielhaus des Theater Magdeburg am 2. April 2015 um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 5., 11., 26., April und 8. Mai.
http://www.theater-magdeburg.de/front_content.php?idart=10057

Musikalische Leitung: Hermann Dukek
Regie: Michael McCarthy
Bühne und Kostüme: Simon Banham

STURMHÖHE (WUTHERING HEIGHTS) von BERNARD HERRMANN am Staatstheater Braunschweig (Premiere am 11. April 2015)

Ihr habt noch nie etwas von Bernard Herrmann gehört?

Richtig, die berühmten Violinen aus dem Film Psycho von Alfred Hitchcock – wie auch der restliche Soundtrack des Films – stammen von genau diesem Bernard Herrmann, den kein Mensch kennt. Und nicht nur das. Er hat außerdem die Filmmusiken zu Hitchcocks Vertigo, Der Mann der zuviel wusste, Der unsichtbare Dritte oder Marnie komponiert. Drei seiner Soundtracks wurden für den Oscar nominiert – seine Komposition zu Der Teufel und Daniel Webster gewann ihm den Oscar. Herrmanns Oper Wuthering Heights, das auf dem gleichnamigen Roman von Emily Brontë basiert, wurde erst 1982 uraufgeführt. Zu dem Zeitpunkt lag es schon über 30 Jahre in der Schublade. Die Premiere in Portland / USA war ein überwältigender Erfolg. Und ich bin mir sicher, dass wir auch am Staatstheater Braunschweig eine Sternstunde der Oper erwarten dürfen.

Die Premiere der Oper Sturmhöhe (Wuthering Heights) von Bernard Herrmann findet am 11. April 2015 am Staatstheater Braunschweig um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 19., 23. April, 15., 26. Mai, 5., 20., Juni.
http://staatstheater-braunschweig.de/musiktheater/produktion/details/sturmhoehe-wuthering-heights/

Die Premiere wird von Deutschlandradio Kultur komplett live übertragen! Einfach am 11. April ab 19:05 in den Livestream schalten: http://www.deutschlandradiokultur.de/

Musikalische Leitung: Enrico Delamboye
Regie: Philipp Kochheim
Bühne: Thomas Gruber
Kostüme: Gabriele Jaenecke
Dramaturgie: Christian Steinbock

DIE KÖNIGIN VON SABA von KARL GOLDMARK am Theater Freiburg (Premiere am 18. April 2015)

Die Königin von Saba hat es faustdick hinter den Ohren. Sie wird von König Salomon nach Jerusalem eingeladen, um sich von seiner Weisheit zu überzeugen. Ihr Besuch schafft aber nicht nur Erhellung, sondern auch Verzweiflung. Vor allem beim jungen Assad, der sich unsterblich in diese Femme Fatale verliebt hat. Sie verführt ihn – in der Öffentlichkeit zeigt sie ihm aber die kalte Schulter. Eine emotionale Achterbahn!
Die Oper Die Königin von Saba von Karl Goldmark wurde 1875 uraufgeführt und avancierte zu den meist gespielten Opern der Jahrhundertwende. Und nun sind wir gespannt, ob wir am Theater Freiburg ebenfalls verführt werden.

Die Premiere von Karl Goldmarks Oper Die Königin von Saba am Theater Freiburg findet am 18. April 2015 um 19:30 statt. Weitere Vorstellungen sind am 23., 25. April, 3., 10., 14., 16. Mai, 7., 17., 19. Juni.
http://www.theater.freiburg.de/index/TheaterFreiburg/Premieren.html?SpId=67400

Musikalische Leitung: Fabrice Bollon
Regie: Kirsten Harms
Bühne und Kostüme: Bernd Damovsky
Licht: Dorothee Hoff
Dramaturgie: Wolfgang Berthold

SAUL von GEORG FRIEDRICH HÄNDEL am Theater Dortmund (Premiere am 25. April 2015)

Saul ist eigentlich ein Oratorium. Und ein Oratorium wird eigentlich nur konzertant aufgeführt. Eigentlich. Denn das Theater Dortmund bringt nun  mit Saul schon zum dritten Mal ein großes chorsinfonisches Werk szenisch auf die Bühne. So können wir die Launen, die Minderwertigkeitskomplexe und den Verfolgungswahn von König Saul nicht nur musikalisch verfolgen. Das Projekt ist insofern eine Herausforderung, als es ein großes Chorwerk ist und also Menschenmassen bewegt, inszeniert und mitgerissen werden müssen. Ein Spektakel barocker Musik wird es aber in jedem Fall.

Die Premiere von Händels Saul ist am 25. April um 19:30 am Theater Dortmund. Weitere Vorstellungen sind am 8., 17., 24. Mai, 18., 20., 26. Juni.
http://www.theaterdo.de/detail/event/saul/

Musikalische Leitung: Motonori Kobayashi
Regie: Katharina Thoma
Bühne: Sibylle Pfeiffer
Kostüme: Irina Bartels
Dramaturgie: Georg Holzer

"Der Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign

DER UNTERGANG DES HAUSES USHER von Philip Glass in Hof – Schön und schön verstörend

Knock knock.
Who’s there?
Knock knock.
Who’s there?
Knock knock.
Who’s there?

Philip Glass.

Derzeit klopft es am Theater Hof mit einer Oper, die auf einer der bekanntesten amerikanischen Kurzgeschichten der Schwarzen Romantik basiert: The Fall of the House of Usher von Edgar Allan Poe. Der Schriftsteller war einer der ersten Spezialisten des Psychothrillers und ein Experte in Paranoia und Wahnsinn. Wer seine Werke liest, wird von Anfang bis Ende von einem Gefühl der Unsicherheit begleitet: Was ist real und was existiert nur im Bewusstsein der Figuren?
Kein Wunder, dass sich der amerikanische Komponist Philip Glass für diesen Stoff begeistert hat. Er erschafft mit seiner sogenannten Minimal Music Klangwelten, die im ersten Moment endlos, undramatisch und gleichförmig scheinen, aber tatsächlich mit kleinen subtilen Veränderungen, Auslassungen und unerwarteten rhythmischen Variationen ein Gefühl von unbestimmter Unruhe hervorruft.
Bleibt nur noch die Frage, ob Regisseur Kay Neumann mit seiner Inszenierung von Philip Glass’ Der Untergang des Hauses Usher ebenfalls an unseren Nerven kitzeln kann.

Ort: Das Anwesen Usher

Roderick Usher ist krank. Er ist darüber so verzweifelt, dass er seinem alten Jugendfreund William schreibt, er möge bitte so schnell wie möglich zu ihm kommen. William reitet also durch Nacht und Wind und findet seinen Freund Roderick in erschreckend schlechter Verfassung. Er ist angespannt, überreizt und hypersensibel. Und die Tatsache, dass er der letzte Spross des Adelsgeschlechts Usher ist, macht ihn auch nicht gerade vergnügt. Im alten halb verfallenen Anwesen lebt auch noch Madeline, die Zwillingsschwester von Roderick. Sie scheint ebenfalls nicht ganz auf der Höhe zu sein. Sie stirbt unerwartet und wird in der Familiengruft begraben. Einige Tage später stürmt es furchterregend – nicht nur draußen um das Anwesen, sondern auch in Roderick. William muss mitansehen, wie er immer nervöser und reizbarer wird. Er scheint Geräusche im Haus zu hören, die William nicht wahrnimmt. Rodericks Wahn wird für ihn so unerträglich, dass er gesteht, seine Schwester lebendig begraben zu haben. Plötzlich steht Madeline in der Tür. Blutüberströmt stürzt sie sich auf ihren Bruder, der an diesem Schock sofort stirbt.

Widerstand ist zwecklos

Der Plot von Edgar Allan Poes Shortstory ist zweifelsohne in seiner Kürze, Pointiertheit und Rätselhaftigkeit ein geniales Stück Literatur. Die Besonderheit seiner Werke liegt darin, dass sich der Horror in der Psyche der Figuren entwickelt. Aus deren Perspektive verwandelt sich die Umwelt in einen Schauplatz voller ominöser Vorzeichen und Symbole. Und immer bleibt ein Restzweifel darüber, was wirklich ist. Regisseur Kay Neumann hat in seiner Inszenierung am Theater Hof diese inneren Bilder auf die Bühne geholt. Er hat sich gemeinsam mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Günter Hellweg dafür entschieden, kein naturalistisches Anwesen zu zeigen. Stattdessen verschieben sich Backsteinmauern, um manchmal den Weg zu versperren, manchmal einen neuen Raum mit neuer Szene freizugeben. Dieses Haus von Usher ist mit dieser magischen Eigenheit ein wenig wie Harry Potters Hogwarts – nur viel düsterer. Denn das Bühnenbild vermittelt zu keiner Zeit die Gemütlichkeit eines alten Gemäuers. Die Schlafkammern, in denen William und Madeline Ruhe suchen und nicht finden, sind unbequeme kleine Würfel. Wie sollte man sich in diesen kokonartigen türlosen Zellen überhaupt hinsetzen oder hinlegen?

Zuhause oder Gefängnis? Madeline (Ina Lisa Lehr), Roderick (Mathias Frey) und William (Birger Radde) sitzen fest, "Der Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign
Zuhause oder Gefängnis? Madeline (Ina Lisa Lehr), Roderick (Mathias Frey) und William (Birger Radde) sitzen fest, “Der Untergang des Hauses Usher” von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign

Die Deutung des rätselhaften Anwesens als kreatürlichen und gleichzeitig futuristischen Raum ist nicht nur schlüssig, sondern auch stilvoll umgesetzt. Aus dem Bühnenhimmel senkt sich mehrmals ein wild verwachsener Kubus herab. Was verbirgt sich in diesem Gegenstand, der nicht nur an eine sanfte Naturgewalt denken lässt, sondern auch an die Architektur der Borg, die organisches und mechanisches Material zu einem bedrohlichen abartien Spinnennetz verbinden?

Der Kokon des Hauses Usher senkt sich auf William (Birger Radde) herab, "Der Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign
Der Kokon des Hauses Usher senkt sich auf William (Birger Radde) herab, “Der Untergang des Hauses Usher” von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign

Mehr Inhalt

Aber: Ein ästhetisches, intelligentes Raumkonzept macht nicht die ganze Inszenierung aus. Was passiert denn nun bei Kay Neumann in diesem merkwürdigen Hause Usher? Die Komposition und das Libretto von Philip Glass üben sich in Reduktion. Wo die Musik allein extrem wenig erzählt, fügt auch der Text nicht viel mehr hinzu. Es ist folglich nahezu unmöglich, sich bei der Personenführung auf das dramatische Potential der Komposition zu verlassen. In einem solchen Fall ist es unabdingbar für einen Regisseur, eigene Ideen zu entwickeln, eigene Bilder hinzuzufügen, eigene Handlungen zu erfinden. Das gelingt dem Regieteam um Kay Neumann nur teilweise. Der unnatürliche Sprachduktus von Glass’ Gesangslinien wird nicht stringent in eine Personenregie eingebunden. Psychologisch motivierte Handlungen werden immer wieder von verstörenden Pausen unterbrochen. In solchen Momenten wäre eine ausführlichere und dichtere innere Handlung wünschenswert gewesen. Neumanns choreographierte Bewegungen hingegen erzeugen wirksam eine unheimliche Atmosphäre. Bewegungen in Zeitlupe, Gänge im rechten Winkel oder überraschende Auftritte hinter sich wie von Geisterhand verschiebenden Wänden sind genau die richtigen Mittel, um den Zuschauer in Zweifel zu setzen, auf welcher Ebene der Realität er sich befindet.

Lady Madeline

Eine der großen Fragen – wenn nicht gar die größte – welche die Oper The Fall of the House of Usher stellt, ist die nach der Darstellung der Zwillingsschwester von Roderick. Die Gesangspartie von Madeline besteht bei Glass ausschließlich aus Vokalisen, also nur gesungenen Vokalen ohne Worte. Mit dieser speziellen Ausdrucksform steht sie neben ihren Kollegen allein da – eine Tatsache, die ganz unterschiedliche Möglichkeiten eröffnet. Und diese reichen von einer Geisteskrankheit der Schwester bis hin zur Infragestellung ihrer Existenz. Kay Neumann hat sich für eine ambivalente Darstellung von Madeline entschieden – eine Deutung, die ganz der beklemmenden Atmosphäre des Stücks entspricht. Sie ist zuerst Schlafwandlerin, dann scheint sie ein Teil des Anwesens selbst zu sein.

Madeline (Inga Lisa Lehr) ist unter anderem der Geist des Hauses Usher, "Der Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign
Madeline (Inga Lisa Lehr) ist unter anderem der Geist des Hauses Usher, “Der Untergang des Hauses Usher” von Philip Glass am Theater Hof, Foto: Harald Dietz, SFF Fotodesign

Später ist sie außerdem eine ganz reale verletzliche Frau, die von ihrem Bruder auf inzestuöse Weise geliebt wird. Und auch das schlechte Gewissen von Roderick, der sie umbringen wollte. Geschah dieser Mord in einer einvernehmlichen Liebesnacht oder im Kampf um seine Erfüllung? Auch das lässt Kay Neumann offen. Besonders schön, weil so herrlich überraschend ist der Schluss. In der literarischen Vorlage von Edgar Allan Poe sterben die beiden Geschwister gleichzeitig, weil Madeline bereits vom lebendig begraben sein und ihrer Wut auf den Bruder zu versehrt ist und der labile Roderick den Schock über ihr unerwartetes Erscheinen nicht aushält. Am Theater Hof erscheint Madeline in einem Lichtkegel aus der Hinterbühne – oder ist es der Lichtkegel aus einer anderen Sphäre? Sie umschlingt den Bruder – jedoch nicht, um sich an ihm zu rächen, sondern um zum (vielleicht ersten und) letzten Mal der tatsächlich leidenschaftlichen Liebe zum Bruder nachzugeben. Die beiden scheinen erleichtert, als sie gemeinsam in den tödlichen Abgrund des Orchestergrabens hüpfen.

Wer ist William und wenn ja, wann?

Aber mit diesem dramatischen Ende der Geschwister ist der letzte Ton der Oper noch nicht gespielt und der letzte Clou der Hofer Inszenierung von Kay Neumann noch nicht gezeigt. Denn am Ende sehen wir in einer Projektion auf den vorderen Schleier wie der übermenschlich große William am Schreibtisch sitzt und das Gesehene und Erlebte niederschreibt. Dieses Schlussbild ist einerseits die perfekte (und konsequente) Abrundung des Abends – zu Beginn der Oper sehen wir nämlich William ebenfalls am Schreibtisch sitzen, wie er den Brief von Roderick liest; andererseits ist der letzte Moment aber auch ein herrlich uneindeutiger Bruch der Erzählebenen. Der letzte Blick des leicht verstört dreinschauenden Sänger des William gilt nämlich seinem übergroßen Alter Ego auf der Leinwand. Das leichte “hä”, das mich bei dieser Idee überkam, hätte bestimmt nicht nur Kay Neumann, sondern auch Philip Glass und Edgar Allan Poe gefreut.


 

The Fall of the House of Usher. Oper von Philip Glass nach der Novelle von Edgar Allan Poe (UA 1988)

Theater Hof
Musikalische Leitung: Arn Goerke
Regie: Kay Neumann
Bühne und Kostüme: Günter Hellweg
Video: Kristoffer Keudel
Dramaturgie: Guido Hackhausen, Thomas Schindler

Besuchte Vorstellung: 13. März 2015 (Premiere)

Über Musiktheater. Über Reisen.

%d Bloggern gefällt das:
Blogverzeichnis - Bloggerei.de Paperblog